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Allah im Netz – Live-Fatwas, Videopredigten, Koranverse als Klingeltöne

Dezember 18, 2007

al-islamVon Stefan Apfl

Live-Fatwas, Videopredigten, Koranverse als Klingeltöne: Der Islam erobert das Internet. Und verändert sich dabei ein wenig auch selbst.

Luqman aus Indien sucht Rat. „Muss ich Allahs Strafe fürchten, wenn ich ein Internetcafé ühre?“, fragt er beim Fatwa-Dienst, einer virtuellen Plattform für islamische Rechtsgutachten, auf http://www.islamonline.net nach. Die Antwort kommt von weit oben, von Scheich Faysal Mawlawi, und fällt positiv aus: „Tatsächlich wird es Muslimen empfohlen, das Internet zu nutzen, um den Islam und seine Lehren zu verbreiten“, schreibt der Vizechef des Europäischen Fatwa-Rates. Das Internetcafé geht also in Ordnung. Nachsatz Mawlawis: „Allah, der Allmächtige, weiß es am besten.“

Islam und Internet. Wer an diese Kombination denkt, dem schießen zunächst dschihadistische Webseiten in den Kopf, aufgeregte Amateurvideos, in denen vermummte Männer mit Kalaschnikows in der Hand gegen den Westen wettern. 5000 bis 7000 solcher Seiten lassen sich im World Wide Web finden – die Zahlen variieren je nach Experten. Wenig ist das nicht, aber letztlich doch ein Minderheitenprogramm, dem westliche Medien gerne ihre Hauptaufmerksamkeit schenken. Nicht nur, weil sich teils manifeste Drohungen gegen den Westen finden, sondern weil sie Auflage und Quote erhöht.

Jenseits grimmiger Propagandaportale existiert im Netz aber eine unüberschaubare Zahl von Seiten, die muslimischen Internetusern ein buntes Glaubensangebot bereitstellen. Fatwa- und Suchdienste, Onlinebibliotheken, Diskussionsforen oder Webshops für schariakonforme Waren – kaum etwas, das es online noch nicht gibt. Und: Das virtuelle Treiben hat Rückwirkungen auf die facettenreiche Weltreligion selbst.

„Das Internet ist heute längst in den islamischen Diskurs integriert“, sagt Gary Bunt, Islamwissenschaftler an der Duke-Universität in Wales. „Die Orte, wo, und die Arten, wie Entscheidungen getroffen werden, haben sich durch das Internet ebenso verändert wie die Autoritäten“, sagt der Autor des Standardwerks Virtually Islam und Betreiber des gleichnamigen Blogs. Er gehört zu einer Handvoll Experten, die sich weltweit mit dem Thema „Islam und Internet“ auseinandersetzen. Grundsätzlich gilt: Nach aussagekräftigen Daten zu Nutzern und Nutzung kann man lange suchen. Die wenigen verfügbaren Expertisen beschränken sich auf die Beschreibung von Phänomenen.

Online-Fatwas zählen zu den – auch inhaltlich – bedeutenderen Phänomenen. www.al-islam.com, die erste Seite ihrer Art, ging am 9.11.1995 online. Wie viele Gutachten heute im Netz zirkulieren? Selbst Experte Bunt weiß es nicht. Aber: Es werden jeden Tag mehr.

Mittlerweile sprechen Gelehrte ihre Fatwas sogar im Livechat. Das neue Medium bringt auch neue Fragen hervor. Seit unter Muslimen der Markt für Heiratsvermittlungsagenturen, wie es sie unter www.muslima.com gibt, boomen, beschäftigen sich mehrere Fatwa-Dienste mit der Frage, ob ein Chat zwischen Männern und Frauen verwerflich sei. Webseiten wie www.mobislam.com, die unter dem Motto „Islamise your cell phone“ Suren als Klingeltöne anbieten, werfen wiederum die Frage auf, ob Allah solche Gadgets billige.

Rüdiger Lohlker, Orientalistik-Wissenschaftler an der Universität Wien, erforscht die Entwicklung islamischer Webseiten seit den Anfängen. „Eine Frau“, erzählt er, „wollte von einem Fatwa-Dienst wissen, ob sie eine andere Frau lieben dürfte.“ Die Antwort auf die Frage der Frau fiel negativ aus; sie dürfe die Geliebte niemals wiedersehen. Die Form mag sich schnell ändern, für den Inhalt gilt das nicht. „In der Moschee“, so Lohlker, „werden solche Reizthemen aber gar nicht erst angesprochen.“

Diese Entwicklung steht ebenso erst am Anfang wie das Internet selbst. Es waren muslimische Akademiker in der Migration, die in den frühen Neunzigerjahren die ersten Seiten mit islamischem Inhalt ins Netz stellten. Erst als sich gegen Ende des Jahrtausends die Ansicht durchsetzte, dass Islam und Internet durchaus vereinbar seien, gingen allmählich auch offizielle Organisationen und Parteien, Universitäten und Religionsministerien online. „Das Internet bietet einfach eine billige und effiziente Möglichkeit, seine Meinung zu propagieren“, sagt Lohlker.

Nach 9/11 blühte nicht nur das dschihadistische Onlineangebot auf, sondern auch die Nachfrage nach religiösen Inhalten und Erklärungen. Noch heute steigen mit jedem islamistischen Attentat globaler Dimension auch auf gemäßigten Seiten die Zugriffszahlen.

Doch vor der Kommerzialisierung des World Wide Web ist auch der Islam nicht gefeit. Seiten wie www.capsters.com bieten Kopftücher für jede Freizeitaktivität an – modische wie sportliche, mondäne wie jugendliche. Die Seite www.simplyislam.com wiederum ist nur eine unter vielen, die mit dem Spruch „The world’s favourite Islamic Internet Store“ um Kunden wirbt: Da gibt es dann den Kompass für den Schlüsselanhänger, eine islamische Version des iPods sowie die Jihab-Kollektion der Saison.

Das Internet ist Marktplatz und Diskussionszentrum, Selbstdarstellungsbühne und Orientierungshilfe im religiösen Alltag. Gleichzeitig fällt die Orientierung wegen der Massen neuer Inhalte schwerer als früher. Schließlich gibt es zur selben Frage unterschiedliche Antworten, zum selben Koranvers unterschiedliche Übersetzungen, zum selben Reizthema unzählige Video- und
Audiopredigten.

Was sind die Folgen, wenn sich gläubige Muslime mit ihren Anliegen nicht mehr an den Dorfmufti wenden, weil die Meinungen der großen Islamgelehrten unserer Zeit nur mehr drei Mausklicks weit entfernt sind? Wenn man zu einer bestimmten Frage zwischen einem Dutzend unterschiedlicher Antworten wählen kann? Wenn plötzlich jeder User über umfangreiche Textsammlungen verfügt, wenn er Suren und Hadithe, Interpretationen und Meinungen in Googleeile findet?

Große Fragen. Für Antworten scheint es noch zu früh. „Eine Demokratisierung des Wissens bedeutet nicht automatisch Demokratisierung“, sagt Lohlker, „das Potenzial dafür wird aber sicherlich größer.“ Doch noch ist das Internet in der arabischen Welt ein Elitenphänomen, das in Internetcafés stattfindet – von staatlicher Zensur ganz zu schweigen. Und obwohl muslimische
Frauengruppen längst im Netz präsent sind, ist die Internetnutzung unter Muslimen männlich geprägt. Oft verdeckt die neue Form eben bloß den Blick auf alte Phänomene.

„Die spannendste Entwicklung ist der virtuelle Individualisierungsprozess“, sagt der Islamwissenschaftler Gary Bunt. Nicht nur islamische Gegenstücke zu populären Portalen wie www.islamtube.com oder www.faithtube.com (Motto: „find yourself“) gehen online. „Immer mehr muslimische User stellen Blogs, Kommentare und Videos ins Web“, sagt Bunt. „Organisationen und Parteien sind immer noch da. Aber das Individuum wird wichtiger.“

Facebook, MySpace oder YouTube – die Entwicklung der Internetnutzung kennt keine religiösen Grenzen. Auf dem Freundschaftsportal Facebook beispielsweise tobt seit einigen Monaten eine Diskussion über den Nicknamen „Fuck Islam“. Das Netzwerk „if f**k Islam‘ is not shut down..we r quitting facebook“ hat bereits 78.475 Mitglieder. Konfrontationen dieser Art mehren sich im Netz. Es ist nicht mehr „der Islam“, der hier auftritt, es sind 78.475 Individuen, die ihrer Religion Gesichter, Meinungen und Stimme leihen. Luqman aus Indien ist nur einer unter vielen.

http://www.zeit.de/

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