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Angst vor dem irakischen Sumpf

Oktober 25, 2007

Tuerkische soldatenDas ist der größte Erfolg für die PKK, der es schon längst nicht mehr um militärische Vorteile geht, sondern darum, den Graben zwischen den beiden Völkern zu vertiefen. Dabei hatte die Wahlschlappe der pro-kurdischen Demokratischen Gesellschaftspartei (DTP) im Juli dieses Jahres gezeigt, dass sich die türkischen Kurden zunehmend auf eine Zukunft in der Türkei einrichten. Die DTP verlor kräftig an die Regierungspartei AKP und wurde selbst in der türkischen Kurdenregion nur zweite Kraft.

Die USA wollen durch diplomatische Bemühungen eine Eskalation zwischen Türkei und der kurdischen PKK im Nordirak verhindern. Das wird nicht einfach.

Nur zwei Tage nach ihrem seit Jahren größten Schlag gegen die türkische Armee, hat die kurdische PKK Ankara überraschend einen Waffenstillstand angeboten. Samstagnacht hatten etwa 250 PKK-Kämpfer türkische Einheiten an der irakischen Grenze angegriffen, 17 junge Soldaten getötet und acht in Gefangenschaft geführt. Türkische Truppen verfolgten die Angreifer in den Nordirak und töteten 34 von ihnen. Es war die erste Militäraktion auf irakischem Boden, nachdem das türkische Parlament die Regierung am 17. Oktober ermächtigt hatte, Truppen in den Irak zu senden.

„Sobald die türkische Armee aufhört, unsere Stellungen unter Beschuss zu nehmen, auf den Einmarsch (in den Irak) verzichtet und Frieden anbietet, sind wir zu einem Waffenstillstand bereit“, hieß es am Montag auf der Website der PKK. Doch niemand glaubt, dass die Türkei sich darauf einlässt. Zu offensichtlich widerspricht diese Aktion der Politik der kurdischen Rebellen, die ganz darauf gerichtet ist, das Klima zwischen Türken und Kurden zu vergiften. Tatsächlich werden die Kurden in den Augen der Türken von Mitbürgern zu Feinden, je länger dieser Krieg andauert, desto mehr.

Das ist der größte Erfolg für die PKK, der es schon längst nicht mehr um militärische Vorteile geht, sondern darum, den Graben zwischen den beiden Völkern zu vertiefen. Dabei hatte die Wahlschlappe der pro-kurdischen Demokratischen Gesellschaftspartei (DTP) im Juli dieses Jahres gezeigt, dass sich die türkischen Kurden zunehmend auf eine Zukunft in der Türkei einrichten. Die DTP verlor kräftig an die Regierungspartei AKP und wurde selbst in der türkischen Kurdenregion nur zweite Kraft.

Die Anschläge der PKK sollen die kurdischen Reihen jetzt wieder schließen. Sie provozieren die Ausweitung des Krieges in den Nordirak und rechtfertigen verstärkte Unterdrückung in der Region. Schon fordert die nationalistische Opposition, dass der Ausnahmezustand wieder eingeführt wird. Die Anschläge sind auch ein Grund dafür, dass der Hass zwischen Türken und Kurden wieder wächst. Freilich trägt auch der türkische Nationalismus nach Kräften dazu bei.

„Wir stürmen das Parlament und hängen 20 Leute auf“, skandierten nach den Anschlägen Demonstranten vor dem Siegesdenkmal in Ankara. Objekt ihres Zorns waren die 20 Parlamentarier der pro-kurdischen DTP. Wut auf die Abgeordneten der DTP entlud sich auch in Istanbul, wo 3000 Leute auf die Straße gingen. Im westanatolischen Bursa sowie in den ostanatolischen Städten Erzurum und Elazig marschierten jeweils Tausende gegen die Niederlassungen der pro-kurdischen Partei. In Bursa wurde ihr Büro geplündert, in Elazig setzte die Polizei Tränengas ein. Von Mersin am Mittelmeer bis nach Karabük und Zonguldak am Schwarzen Meer strömten in vielen Städten junge Männer zu den Kasernen, forderten Waffen und wollten sich freiwillig melden.

„Schließt die Grenzen und hungert die kurdischen Peschmerga (im Nordirak) aus!“, wurde in Antalya gerufen und in Istanbul hieß es: „Soldaten in den Irak!“ Die Wut der Masse beschränkt sich nicht auf die Kurden, sie richtet sich auch gegen die Armenier. „Armenier, kommt aus euren Löchern!“, schrien Nationalisten in Istanbul. In Trabzon, der Heimatstadt jenes verstörten Jugendlichen, der Anfang dieses Jahres den armenischen Journalisten Hrant Dink erschoss, riefen Gleichaltrige: „Wir sind keine Armenier, sondern Türken!“ Und in Malatya, wo im April drei protestantische Missionare ermordet worden waren, wollte die Menge gar neun Leute lynchen, die sie für PKK-Sympathisanten hielt.

Die kurdische Führung im Nordirak, in dessen Bergen die PKK ihre Unterschlüpfe hat, tut bisher nichts dafür, dass sich am kurdischen Feindbild der Türken etwas ändert. Der schiitische Premier des Irak Nur al-Maliki hat die PKK aufgefordert, den Irak zu verlassen. Anders der kurdische Staatspräsident des Irak, Dschalal Talabani, der sich im Nordirak, in der Stadt Arbil, mit Masud Barsani, dem Chef des föderalen irakischen Kurdenstaats traf: „Wir liefern keinen Kurden aus, nicht einmal eine Katze“, wiesen die beiden die Forderung des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan nach Auslieferung der PKK-Führung an die Türkei zurück und drohten mit dem Einsatz ihrer Kämpfer (Peschmerga), falls türkische Truppen sich ihren Städten nähern.

Im Grunde müsste den Kurden im Irak, die sich seit mehr als zehn Jahren selbst verwalten und damit eine gewisse Autonomie genießen, an Frieden mit der Türkei gelegen sein. Der Ton von Barsani und Talabani lässt jedoch darauf schließen, dass sie eine nationale Begeisterung erfasst hat. Das ist verständlich und bei Entstehung einer nationalen Identität auch üblich. Dem Frieden in der Region dient es nicht.

Die kurdische Dickfelligkeit in Sachen Terrorismus trägt dazu bei, dass westliche Einwände gegen einen türkischen Militärschlag zunehmend schwächer ausfallen. Die Regierung Bush ist von ihrem strikten Nein zu türkischen Expeditionen abgerückt und bittet nur noch um wenige Tage Frist für letzte diplomatische Aktionen. George Johnroe, Sprecher des Sicherheitsrats im Weißen Haus, verlangt von den irakischen Kurden, dass sie der PKK weitere Angriffe untersagen, während Condoleezza Rice eine diplomatische Großoffensive ankündigte. In London ruft Außenminister David Milbrand zur internationalen Verurteilungen der PKK-Aktionen auf, welche nur darauf gerichtet wären, die kurdische Region in der Türkei zu destabilisieren. Selbst Deutschland und Frankreich kommen nicht über Aufrufe „zur Mäßigung“ hinaus. Womit die Türkei leben kann, denn den totalen Krieg gegen die Kurden des Iraks plant wohl nicht einmal das türkische Militär.

Auch die Generäle wissen, dass bereits 24 frühere Operationen (darunter Großaufgebote mit 35.000 Soldaten) das Problem PKK nicht lösten. Sie wissen auch, dass der letzte Angriff der PKK fast direkt auf die Ermächtigung der türkischen Regierung folgte, die Truppen zu entsenden. Selbst ehemalige Generäle warnen die türkische Armee davor, sich im verminten „irakischen Sumpf“ zu verlieren und raten, sich auf das direkte Grenzgebiet und Luftschläge zu konzentrieren.

Im Grunde geht der Streit in der Türkei viel tiefer als um das Ja oder Nein zur Intervention im Irak. Jahrzehntelang hat Ankara die Existenz der Kurden abgestritten und die Idee von der rein türkischen Nation gewaltsam durchgesetzt. Das ging, solange die Nachbarstaaten, der Irak, der Iran und Syrien mehr oder weniger die gleiche Politik verfolgten. Die kurdische Autonomie im Nordirak setzt dieser Politik ein Ende. Die Türken können sie nicht ungeschehen machen, und haben gleichzeitig auch keinen Plan, wie sie damit leben sollen.

quelle :http://www.zeit.de/online/2007/43/pkk-tuerkei

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