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Wir sind noch am Leben

Januar 17, 2009

Wenn es dunkel wird, flüchtet Saeds Familie in den Keller – Überleben in Gaza. Mehr als 1100 Palästinenser wurden bisher getötet, über 5000 verletzt.

„Warum verdammt noch mal habe ich letztes Jahr nicht das Angebot angenommen, nach Deutschland zu gehen?“ Diese Frage stellt sich Saed Naim immer wieder. In den langen Nächten, wenn er mit seiner Frau, seinem zweijährigen Sohn Islam, seiner einjährigen Tochter Maha und der Familie seines Onkels im Keller des Hauses im Gazastreifen sitzt und wartet, wann und wo die nächste Bombe einschlägt. Auch die Eltern sind da– der Grund, warum Saed am Ende abgelehnt hatte, ins Ausland zu gehen. Er wollte sie in ihrem Haus im nördlichen Gazastreifen nicht alleine lassen.

Bereits vor mehr als einer Woche hatte „Die Presse“ mit Saed telefoniert und über sein Schicksal berichtet. („Hier in diesem Haus sterben oder überleben wir“, 5. Jänner 2009). Dann riss die Verbindung zu dem Mann im Gazastreifen ab. Jetzt erreichte ihn „Die Presse“ wieder.

Das Haus, das die Familie vor über einer Woche in Panik verließ, ist inzwischen abgebrannt, heißt es. Sicher weiß das allerdings niemand. Sicher ist nur: In einem anderen Haus in der Nähe hat sich eine israelische Spezialeinheit verschanzt. Die Gegend ist inzwischen vollkommen verlassen. Dort operiert die israelische Armee und schießt auf alles, was sich bewegt.

Tote liegen auf der Straße

Das musste auch Saeds Cousin Nahed Naim erfahren. Vor einigen Tagen war er losgezogen, um in dem Haus nach dem Rechten zu sehen und ein paar Dinge zu holen. Nun liegt er mit mehreren Einschüssen im Bein und einer Kopfverletzung im Spital und kann sich an nichts mehr erinnern. Die Sanitäter erzählen, dass Nahed der einzige Überlebende ist, sechs Freunde, die mit ihm unterwegs waren, sind tot. Nahed hatte es um eine Ecke geschafft und konnte dort von den Sanitätern abgeholt werden. Seine toten Freunde liegen immer noch auf der Straße, in der Schusslinie der Israelis. Keiner wagt, sie dort abzuholen, genauso wie es sich bisher noch niemand getraut hat, Nahed zu erzählen, dass seine Freunde tot sind.

Die Vorsicht hat einen guten Grund: Ein weiterer Cousin Saeds war ebenfalls Sanitäter. Am zweiten Tag der Bodenoffensive kam der 20-Jährige nicht mehr nach Hause. In der Nacht war sein Krankenwagen von einer israelischen Granate getroffen worden, Annas war sofort tot. Die Geschichte des getöteten Sanitäters schaffte es sogar in die internationalen Nachrichtenagenturen und den britischen „Guardian“. Annas wurde im deutschen Erlangen geboren. Seine Familie war erst vor ein paar Jahren in den Gazastreifen zurückgekehrt.

Zunächst wusste die Familie nicht einmal, wie sie Annas begraben sollte – unter permanentem Beschuss. Am Ende wurde der Muslim Annas auf einem christlich-orthodoxen Friedhof bestattet. Ihn zu einer weiter entfernten muslimischen Grabstätte zu bringen war zu gefährlich.

Saed, eigentlich Sachbearbeiter im Gesundheitsministerium, verbringt seine Tage immer noch im Haus seines Onkels am Beach-Camp, wohin er samt Familie nach dem ersten Tag der Bodenoffensive geflüchtet war. 14 Menschen teilen sich vier Zimmer.

Manchmal, wenn es ruhig ist, geht Saed für eine halbe Stunde vors Haus und wandert auf der Straße auf und ab. Drinnen fällt ihm inzwischen die Decke auch ohne israelische Bomben auf den Kopf. Das Schlimmste ist, wenn es dunkel wird und die ganze Familie in den Keller zieht. Mit ihren Nachtsichtgeräten bevorzugen die israelischen Soldaten die Dunkelheit für ihre Operationen. „Nachts hasst du jede Sekunde, wenn du im Keller sitzt, die Einschläge hörst und keine Ahnung hast, was oben los ist“, beschreibt Saed diese langen Stunden voller Angst.

„Wir sind noch am Leben“

Wenn er mit seinen Brüdern im Ausland telefoniert, Raed in Kairo und Ahed in Schweden, spekulieren sie, wie lange der Krieg noch dauert. Vier bis fünf Tage, so hoffen sie. Saed beruhigt das kaum. „Jede Nacht kann eine Bombe auf unser Haus fallen und meine gesamte Familie auslöschen.“

Mit seinen beiden Schwestern, die in Beit Hanoun leben, wo in den ersten Kriegstagen heftig gekämpft wurde, konnte Saed nur am ersten Tag der Bodenoffensive kurz telefonieren. Die letzte Nachricht kam per SMS vor einigen Tagen: „Alhamdulillah – Gott sei Dank“, lautete die kurze Botschaft, „wir sind alle noch am Leben.“

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