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Sind unsere Leben mehr wert?

Januar 4, 2009

Am Samstag, dem 3. Januar des Neuen Jahres, das so düster begann, erfahren wir um 18.30 von den internatinalen Menschenrechtsaktivsiten, die in Gaza geblieben sind, dass die meisten von ihnen sich nunmehr im Norden aufhalten in den Ortschaften bzw Flüchtlingslagern Beit Jalah, Djabalia, Beit Hanoun. Die AktivistInnen begleiten Krankenwagen und medizinische Helfer in Djabalia, Beit Lahia und Beit Hanoun.
“Splitter eines 10cm-Schrapnell fliegen gerade in die Station des Roten Halbmondes. Das Ambulanz-Team schafft es wegen des heftigen israelischen Beschusses der Gegend nicht, die Verletzten zu bergen,“ berichtet Alberto Acre (Spanien) vom International Solidarity Movement und Sharon Lock, (ISM Australien), teilt mit: “Die Ambulanzteams haben uns um internationale Unterstützung gebeten, und also arbeiten wir, schon seit drei Tagen, von der nördlichen Roten-Halbmond-Station aus mit diesen Teams zusammen; sie haben uns in die Erste Hilfe eingewiesen.“
Seit der Ermordung des Sanitäters Mohammed Abu Hassera und des Arztes Dr Ihab Al Mathoon am 31.12.08 durch israelische Raketen fahren die Internationalen in Krankenwagen mit. Die Armee weiß Bescheid und weiß, dass sie, falls sie wie so häufig einen Krankenwagen unter Beschuss nimmt, damit auch einen Träger eines ausländischen Passes trifft – einen Menschen von einem gewissen Wert.
Am Tag zuvor ist allen ausländischen Staatsbürgern, etwa mit Palästinensern verheirateten Europäerinnen und deren Kindern, von Israel die Möglichkeit eingeräumt worden, den Gaza-Streifen zu verlassen. Ohnehin hielten sich dort kaum noch Ausländer auf, nachdem Israel seit Wochen schon Journalisten den Zutritt zu seinem Labor einer ferngesteuerten Besatzung neuen Stils verwehrt, in dem Verpflichtungen einer Besatzungsmacht alten Stils à la Genfer Konventionen längst keine Gültigkeit mehr haben. Ein internationales Publikum weniger erfahrener Besatzer wohnt dem Experiment mit Interesse bei.

Nachdem nun die israelische Luftwaffe Gaza seit einer Woche in ein brennendes Inferno verwandelt hat, in dem es keinen sicheren Fleck und keine Zuflucht vor den Bomben mehr gab, reisten fast alle aus, die nicht qua Geburt auf ewig dorthin verbannt sind.

Nicht so Alberto Acre, der am 28. Dezember Lama (4) und Haya (12) Hamdan sterben sah, nachdem die Schwestern von einer israelischen Rakete getroffen worden waren. „Sind unsere Leben mehr wert als ihres?“ fragt er.

“Seit kurzem begleiten wir die Ambulanzen und dokumentieren die Angriffe auf medizinisches Personal, eine Verletzung der Genfer Konvention. Ich habe das Leid von Familien gesehen und mitgefühlt und kann sie nicht verlassen. Wir bleiben“, ist Jenny Linnel von ISM (Großbritannien) entschlossen.

Auch Ewa Jasiewicz (GB und Polen) vom Free Gaza Movement hat das großzügige Angebot, sich der Versuchsanordnung rechtzeitig zu entziehen, ausgeschlagen. Sie wird nicht gehen, sagt sie: „Es ist die israelische Besatzungsmacht, die sich an das Internationale Recht zu halten und Palästina zu verlassen hat.“

Natalie Abu Shakra (ISM Libanon) sieht die Parallelen und die Unterschiede zu dem, was sie erlebt hat, als der Libanon von Israel bombardiert wurde: „An manchen Orten war man sicher, an anderen nicht. In Gaza ist man nirgendwo sicher. Wie können wir diese Menschen zurücklassen, wir werden entweder mit ihnen leben oder mit ihnen sterben.“

Dr. Haidar Eid ist südafrikanischer Staatsbürger, der an der Uni in Gaza lehrt. Er hofft, dass das Massaker in Gaza, dessen Zeuge er ist, nicht ohne Konsequenz bleibt, dass die internationale Kampagne gegen das israelische Apartheidsystem „BDS: Boycott, Divestment and Sanctions“ so entschlossen vorangetrieben wird wie einst die Kampagne gegen das südafrikanische Apartheidsregime. „Diese Kampagne gegen die israelische Apartheid muss zur Entstehung eines gemeinsamen demokratischen Staates führen, in dem alle Menschen gleiche Rechte haben.“

Am Samstag abend telefonieren wir noch kurz mit Ewa. Panzer rücken nach Beit Hanoun vor. Die Telefonverbindung bricht ab.

Sonntag morgen haben wir wieder vereinzelt Telefonverbindungen. Eine Familie, die im Norden des Gaza-Streifens in einem relativ freistehenden Haus direkt am Meer wohnt, und die vergangene Woche weitgehend im Keller verbracht hat, entschließt sich heute früh, das Haus zu verlassen und ins dicht gedrängten Beach Camp zu gehen. „Das Haus hat die ganze Nacht gezittert, der Beschuss aus der Luft, vom Meer und vom Land war so massiv … Wir fühlen uns sicherer bei den Verwandten.“

Ewa ist die ganze Nacht mit Ambulanzen gefahren, berichtet von heftigen Kämpfen einerseits, fliehenden Menschen andererseits, die aus Häusern stürzen, mit Koffern und Tüten irgendwohin rennen. Es gibt keine Zuflucht. Und wieder bricht die Verbindung ab.

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