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Warum tötest du, Zaid?

März 11, 2008

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Jürgen Todenhöfer

Warum tötest du, Zaid? Leseprobe

Jürgen Todenhöfer

Warum tötest du, Zaid?

C. Bertelsmann

Verlagsgruppe Random House FSC-DEU-0100 Das für dieses Buch verwendete FSC-zertifizierte Papier EOS liefert Salzer, St. Pölten.

1. Auflage © 2008 by C. Bertelsmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: R·M·E Roland Eschlbeck und Rosemarie Kreuzer Bildredaktion: Dietlinde Orendi Satz: Uhl + Massopust,Aalen Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany ISBN 978-3-570-01022-8

http://www.cbertelsmann.de

Inhaltsverzeichnis Auf der Suche nach der Wahrheit: Ein etwas anderes Vorwort
9 Warum tötest du, Zaid?

33 10:1 – Unser Horizont ist nicht das Ende der Welt: Ein sehr persönliches Nachwort
157 Was aus Abdul und Tanaya sowie aus Andys und Marwas Familien wurde: Ein etwas anderer Anhang
205 Bibel und Koran – Eine Zitatensammlung
217 Quellennachweis
279 Vorbemerkung
279 Anmerkungen
281 Literaturverzeichnis
318 Bildnachweis
320 Personen- und Sachregister

Gewidmet den Menschen des Irak

Auf der Suche nach der Wahrheit

Ein etwas anderes Vorwort

Altes Testament, Sirach 4,27 f.

»Unterwirf dich nicht dem Toren, nimm keine Rücksicht auf den Herrscher! Bis zum Tod setz dich ein für das Recht! Dann wird der Herr für dich kämpfen.«

7. Cheshwan 5768 (jüdischer Kalender) 29.Oktober 2007 (christlicher Kalender)

17. Schawal 1428 (islamischer Kalender)

»Ismahuli« – »Zugehört«, ruft der kleine, alte Märchener zäh ler in der Teestube Al-Nofara in Damaskus und schlägt mit seinem breiten Schwert auf einen hochbeinigen schwarzen Metallschemel. Einige Gäste zucken zusammen, die meisten rücken lachend ihre Stühle zurecht. Es dämmert in Damaskus, überall gehen die Lichter an. Auch im Al-Nofara.

Die Teestube liegt in der Nähe der Grabstätte Saladins, eines der größten muslimischen Helden, im Schatten der 1300 Jahre alten Omaijaden-Moschee. Sie ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Syrer jeden Alters, aber auch einige Touristen aus Frankreich und England, trinken aus kleinen Gläsern schwarzen Tee mit frischen Pfefferminzblättern.

An der Holzwand gegenüber dem Eingang sitzt in einem grün-rot-gold bemalten Holzsessel, leicht erhöht durch ein Podest, Abu Shadi, der Märchenerzähler von Damaskus. Er ist angeblich der letzte echte »Hakkawati« der arabischen Welt. Wie in alten Zeiten in Syrien üblich, trägt er eine hellgraue Saderiah, eine Art Gehrock, mit gleichfarbigem Hemd und Pluderhosen. Ein etwa fünfzehn Zentimeter breiter, rot-silbern gemusterter »Kummerbund« umspannt sein Bäuchlein. Auf dem Kopf trägt er einen roten Fez, in Syrien »Tarbouch« genannt, der seinem zerknitterten Gesicht manchmal etwas Erhabenes gibt.

»Ismahuli«, ruft er ein zweites Mal und beginnt mit lauter, melodischer Stimme aus einem großen schwarzen Buch die uralte Legende von Antar bin Shaddat, dem Sklaven, zu erzählen. Gespannt folgt das Publikum seiner gestenreich vorgetragenen Geschichte, antwortet lachend auf seine Fragen und freut sich, wenn er die Erzählung von Zeit zu Zeit schelmisch blickend mit einem kleinen Scherz oder einer Anekdote unterbricht.

Oft muss Abu Shadi über seine Zuhörer und über sich selbst lachen. Dann rutscht ihm seine große Metallbrille fast über die Nasenspitze. Die Idee mit den Anekdoten hat er, wie er mir später erzählt, dem früheren Generalsekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, abgeschaut. Der habe seine endlosen Reden auch immer mit Scherzen aufgelockert.

Wenn Abu Shadi findet, dass seine Gäste nicht aufmerksam genug zuhören, schlägt er mit seinem stumpfen Schwert krachend auf den Metallschemel, und schon sind alle Augen und Ohren wieder bei ihm. Mit leuchtendem Blick folgen ihm die Zuhörer auf seine Reise in die Vergangenheit. Es ist, als ob er sie auf einem fliegenden Teppich in ein fernes Wunderland entführte – weit weg vom grauen Alltag der syrischen Hauptstadt Damaskus.

Doch plötzlich ertönt aus Abu Shadis Brusttasche ein recht unromantisches Handyklingeln, und schon landen alle ganz unvermittelt wieder im Hier und Jetzt. Schmunzelnd bittet Abu Shadi den ungebetenen Anrufer aus der Gegenwart, zu einem späteren Zeitpunkt anzurufen – er befinde sich gerade weit weg auf einer wichtigen Reise. Das Publikum prustet vor Lachen.

Mit einem Schwertschlag stellt Abu Shadi die Ruhe wieder her und nimmt seine Zuhörer erneut mit auf seinen Märchenflug in die ruhmreiche Vergangenheit Arabiens. Er fährt fort, die Geschichte des Sklaven Antar zu

erzählen, der durch heldenhaften Kampf die heiß ersehnte Freiheit erlangt. Erzählt Abu Shadi die Geschichte der arabischen Völker?

Vor mir liegt das Manuskript meines Buches, das ich vor wenigen Tagen beendet habe. Es ist die Geschichte des jungen Irakers Zaid, der ebenfalls für seine Freiheit, für die Freiheit seines Volkes kämpft. Ob Zaids Geschichte genauso gut ausgehen wird wie die Legende von Antar dem Sklaven, weiß ich nicht.

Ich weiß auch nicht genau, warum ich nochmals zu Abu Shadi, dem Hakkawati von Damaskus, wollte, bevor ich mein Manuskript abgebe. Irgendwas zog mich fast magisch in die schummrige Teestube zurück, in der ich schon vor zwei Jahren seinen Märchen gelauscht hatte. Ich wollte noch einmal die strahlenden Augen seiner Zuschauer sehen, wenn er von den Heldentaten längst vergangener Zeiten berichtet.

Ich mag diesen alten Mann, den sein Vater als Kind immer in die Cafés der Märchenerzähler mitschleppte und dessen großer Traum es war, selbst einmal Hakkawati zu werden. Jetzt ist er es, und nun verzaubert er alle Menschen mit seiner schelmisch-melodischen Stimme – auch mich, obwohl ich kein Wort Arabisch verstehe. So sitze ich in einer Ecke des Teehauses Al-Nofara und ziehe an meiner Wasserpfeife. Meine Gedanken aber sind weit weg. Sie sind bei Zaid und seinen Freunden.

Die Geschichte der arabischen Völker ist eine Geschichte großer Siege und großer Niederlagen. In den letzten zweihundert Jahren allerdings gab es nicht mehr viel zu feiern. Der einsetzende Kolonialismus hat die arabische, ja die gesamte muslimische Zivilisation weit zurückgeworfen.

Einige Episoden der arabischen Tragödie habe ich selbst mit erlebt. Als zwanzigjähriger Student bereiste ich 1960 während des Algerienkrieges das von Frankreich besetzte maghrebinische Land. In Algier wohnte ich bei einer arabischen Familie und bekam jeden Abend ab Eintritt der Dunkelheit die Angst der Menschen vor dem Krieg und vor den Anschlägen der französischen Untergrundbewegung OAS mit, die mit terroristischen Methoden für den Verbleib Algeriens bei Frankreich kämpfte.

Nach zehn Tagen Algier fuhr ich in einem Überlandzug in den Osten Algeriens, nach Constantine. Auf der Fahrt habe ich mich stundenlang mit fröhlich bechernden deutschen und englischen Fremdenlegionären über ihre »Helden taten« unterhalten. Eine Szene werde ich nie vergessen:

Als sich der Zug in Algier ruckelnd in Bewegung setzte, ließ sich einer der Fremdenlegionäre – es war ein Deutscher – von einem neben dem Zug herlaufenden arabischen Jungen einen Kasten Limonade geben. Der kleine Algerier, er war vielleicht sieben Jahre alt, strahlte über das ganze Gesicht. Der Legionär stellte den Kasten mit der einen Hand auf die Fensterkante, mit der anderen kramte er in seiner Hosentasche nach Geld. Er nahm sich viel Zeit. Der Zug nahm Fahrt auf.

Der kleine Junge trabte neben dem Waggon her und begann um sein Geld zu betteln. Der Legionär aber schaute ihn nur spöttisch an. Als der Zug schneller wurde und der Junge flehentlich zu weinen anfing, nahm der Soldat den Kasten, hielt ihn lachend hoch und rief: »Voilà ton argent!« – »Da hast du dein Geld!«, und ließ den Kasten krachend auf den Bahnsteig fallen.

Die Limonadenflaschen zersprangen in tausend Stücke. Das fassungslose Schluchzen des kleinen Algeriers ging unter im brüllenden Hohngelächter des betrunkenen Fremdenlegionärs.

Ein Jahr später, Ende Juli 1961, war ich während der »Krise von Bizerta«1 in der gleichnamigen tunesischen Stadt. Sie war damals ein französischer Militärstützpunkt, der im Algerienkrieg eine bedeutsame Rolle spielte und dessen Freigabe Tunesien seit seiner Unabhängigkeit 1956 vergeblich gefordert hatte.

Als 1961 tunesische Truppen den Stützpunkt blockierten, bombardierte die französische Luftwaffe die Stadt. Nach heftigen Kämpfen, bei denen das französische Militär auf unbewaffnete tunesische Demonstranten schoss, wurde die gesamte Zivilbevölkerung aus der Stadt evakuiert. Rund 670 Tunesier waren getötet, 1500 verletzt worden.

Um Bizerta besuchen zu können, benötigte man eine Sondererlaubnis der französischen Militärbehörden. Die hatte ich nicht.Tunesische Freunde hatten mich daher auf Schleichwegen in die Stadt gelotst. Dort wollte ich Fotos von der schwer beschädigten Geisterstadt machen. Lei-der wurde ich sehr schnell von französischen Militärpolizisten festgenommen und ziemlich ruppig mit einem Jeep zum Hauptquartier der Besatzungstruppen transportiert. Die Maschinenpistole, deren Lauf sich in meinen Rücken bohrte, machte mich sehr nervös.

Erst nach einem mehrstündigen schroffen Verhör durfte ich die Stadt wieder verlassen. Ich hatte Riesenglück gehabt. Durch mein Studium in Paris kannte ich Verwandte des französischen Stadtkommandanten. Das gab dem feindseligen Verhör eine völlig unerwartete Wendung. Ich wäre sonst mit Sicherheit nicht so leicht davongekommen. In französischen Gefängnissen konnte man bei Verstößen gegen das Kriegsrecht lange schmoren. Und als komfortabel galten Kolonialgefängnisse auch nicht. Die Fotos aber konnte ich erfolgreich aus Bizerta herausschmuggeln.

Viele Jahre später, 1980, marschierte ich als Abgeordneter des Deutschen Bundestages zusammen mit afghanischen Freiheitskämpfern zu Fuß von Pakistan über die Berge des Hindukusch nach Afghanistan. Das Land war ein halbes Jahr zuvor von sowjetischen Truppen überfallen worden. Ich wollte mir ein Bild von der Lage der Menschen und dem Widerstand der afghanischen Freiheitskämpfer machen.

Ausgerechnet in Moskau auf einem diplomatischen Empfang zur Feier des zehnten Jahrestages des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrages wurde meine Reise bekannt. Leonid Samjatin, Sprecher des damaligen sowjetischen Generalsekretärs Leonid Breschnew, bekam im Beisein deutscher Diplomaten einen Tobsuchtsanfall. Mit hochrotem Kopf brüllte er, wenn man mich zu fassen bekomme, werde man mich auspeitschen und erschießen lassen.

Trotzdem war ich noch zweimal, 1984 und 1989, in dem geschundenen Land.2 Durch meine Berichte über das Elend der Afghanen konnte ich zusammen mit dem Verein für Afghanistan-Förderung umgerechnet 10 Millio nen Euro für afghanische Flüchtlinge, vor allem für Flüchtlingskinder, sammeln. Die Reisen hatten sich gelohnt.

1989 gelang es mir, eine Sitzung der afghanischen Exilregierung in Urgun, einem kleinen Dorf hoch in den Bergen auf der afghanischen Seite des Hindukusch, zu initiieren. Mit Jeeps, auf Eseln und zu Fuß mussten wir uns durch zerklüftete Schluchten und reißende Gebirgsbäche zu dem winzigen Dorf durchschlagen.

Der heutige afghanische Präsident Hamid Karzai erzählte mir Weihnachten 2003 bei einem Privatbesuch in Kabul schmunzelnd, er erinnere sich gut an diese erste Kabinettssitzung der Exilregierung auf afghanischem Bo-den. Er sei damals schließlich Assistent des Präsidenten dieser Regierung, Sibghatullah Mogaddedi, gewesen.

Den Irak habe ich vor meiner jüngsten Reise dreimal besucht. Zweimal vor dem Krieg mit meinen Kindern Frédéric und Nathalie und ein Jahr nach dem Krieg mit meinem Freund Belal El-Mogaddedi, einem Neffen des ersten postkommunistischen Präsidenten Afghanistans. Ich habe diese Reisen in meinen Büchern »Wer weint schon um Abdul und Tanaya?« und »Andy und Marwa« beschrieben. Ich fühlte mich einfach verpflichtet, diese Bücher zu schreiben. Man darf nicht gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan protestieren und zur amerikanischen Invasion in Afghanistan und im Irak schweigen.

Zweimal war ich in den vergangenen beiden Jahren auch im heftig umstrittenen Iran. Ich hoffe, dass ich nie ein Buch über dieses wunderbare Land schreiben muss und dass sich weder die Zündler in Teheran noch die Falken in Washington durchsetzen werden. Aber gerade deshalb möchte ich an dieser Stelle über einige persönliche Eindrücke aus diesem Land berichten.

Meine erste Iranreise habe ich 2005 mit meiner ältesten, damals dreiundzwanzigjährigen Tochter Valérie unternommen. Mehrfach wurden wir von jungen Iranern angesprochen und lachend gefragt, wie vielen Terroristen wir denn heute schon begegnet seien. Der pauschale Terrorismusvorwurf der US-Administration, die Einteilung der Welt in Gut und Böse, ist auch bei der äußerst regierungskritischen und prowestlichen iranischen Jugend ein humoristischer Dauerbrenner.

Am besten gefiel mir das romantische Isfahan, einst Sitz der großen persischen Herrscherdynastien, eine Stadt prachtvoller Moscheen und Paläste, herrlicher Plätze und Basare. Besonders angetan hatten es mir die Si-o-se-Pol-Brücke, die »33-Bogen-Brücke« über den Fluss Zayanderud, und die großzügigen Grünanlagen am Ufer des Flusses.

An sonnigen Nachmittagen und an Feiertagen geht es am Ufer des Zayanderud zu wie im Central Park in New York. Tausende von Menschen sitzen in Gruppen fröhlich zusammen, um zu plaudern oder eine Kleinigkeit zu essen. Gelegentlich sieht man sogar junge Pärchen, wenn auch nicht ganz so oft und nicht ganz so freizügig wie im Herzen Manhattans. Mancher kommt auch nur, um ein Nickerchen zu halten. Nicht weit entfernt vom Ufer des Flusses – am malerischen Naksch-e-Jahan-Platz – sind fast die gleichen Pferdekutschen unterwegs wie im Central Park.

Immer wieder wollten junge und ältere Iraner von uns wissen, woher wir kämen. Wir mussten uns zu ihnen setzen und wurden spätestens nach zehn Minuten für den nächsten Tag zum Abendessen eingeladen. Schade, dass so wenige Amerikaner an die Ufer des Zayanderud reisen und so wenige Iraner in den Central Park! Das gilt vor allem für die Führungseliten beider Länder, die meist schrecklichen Unsinn übereinander reden.

Unter der »33-Bogen-Brücke« treffen sich nachmittags musikbegeisterte Iraner. Sie nutzen die großartige Akustik der vierhundert Jahre alten steinernen Brückenbogen, um alte iranische Lieder vorzutragen.

Fasziniert lauschten Valérie und ich an einem herrlichen Frühlingstag den Balladen zweier junger Iraner. Am liebsten hätte ich mitgesungen.Aber meine Tochter raunte mir zu, wenn ich das täte, könne ich in Zukunft ohne sie verreisen. Außerdem werde man mich sowieso in den Fluss werfen. Schweren Herzens verzichtete ich auf meine Gesangseinlage.

Vielleicht war das der Grund, warum ich ein Jahr später – während der ersten Woche der Fußballweltmeisterschaft 2006 – nochmals nach Isfahan fuhr. Und als eines späten Nachmittags wieder einige Iraner auf der »33-Bogen-Brücke« ihre Balladen zum Besten gaben, nahm ich mir ein Herz und sang auf Deutsch das Wolgalied aus der Operette »Zarewitsch«. Am Ende des Liedes summten die meisten iranischen Zuhörer mit. Ich bekam tosenden Beifall.

Es war musikalisch vielleicht nicht mein bester Auftritt. Trotzdem werde ich diesen Nachmittag in Isfahan nie vergessen. Als amerikanischer Ehrenoberst im »Reich des Bösen« eine deutsche Arie zu singen – wer darf so et-was schon erleben?

Auch bei diesem zweiten Besuch im Iran war die Gastfreundschaft der Menschen überwältigend. Die Weltmeisterschaft in Deutschland war Gesprächsthema Nummer eins. Unsere Stadtführerin in Teheran und unser Taxifahrer stritten sich stundenlang, wer uns zum Spiel Iran – Mexiko zu sich nach Hause einladen durfte. Die Stadtführerin entschied schließlich die Auseinandersetzung zwei Stunden vor Spielbeginn autoritär für sich.

Auf meine Frage, ob sie sich zu Hause gegenüber ihrem Mann genauso durchsetze, antwortete sie lachend, das sei im Iran nicht viel anders als in anderen Ländern. Das Kommando habe immer der wirklich Stärkere. In manchen Ehen sei das der Mann, in manchen die Frau. Was die Mullahs dazu meinten, interessiere sie nicht. Die hätten zu Hause oft auch nicht viel zu sagen.

Als ich sie zweifelnd anblickte, nickte sie nachdenklich. Vor allem in ländlichen Gegenden sei die Lage vieler Frauen noch schlecht. Aber das sei kein Problem des Islam, sondern eine Folge uralter patriarchalischer Sitten, die lange vor dem Islam existierten. Die Furcht vieler Poli tiker, dieses Problem energisch anzugehen, sei deprimierend.

Eine Stunde später in ihrem kleinen Haus legte sie als Erstes ihren »Rooposh«, den im Iran vorgeschriebenen Kittel, und ihr Kopftuch ab. Dann bereitete sie uns in Jeans und T-Shirt eine Kleinigkeit zu essen. Ihr Mann durfte nach dem (verlorenen) Spiel abräumen. Nicht einen Augenblick konnte ein Zweifel aufkommen, wer in dieser Ehe das Sagen hatte.

Meist waren wir im Iran ohne Reiseleiter unterwegs. Wenn wir iranische Autofahrer nach einer bestimmten Sehenswürdigkeit fragten, nahmen sie uns fast immer in ihrem eigenen Wagen mit. Häufig bezahlten sie uns trotz heftigen Protests auch noch den manchmal nicht ganz billigen Eintritt.

Richtigen Ärger bekam ich bei meinen beiden Iranbesuchen nur einmal. Als ich trotz eines Schildes »Fotografieren verboten« ein Foto des iranischen Parlamentsgebäudes machte, wurde ich von Polizisten auf die Wache beordert und aufgefordert, das Bild in meiner Kamera zu löschen. Alle Versuche, die Polizeibeamten von der unendlichen Torheit dieser Forderung zu überzeugen, scheiterten.

Als ich ihnen jedoch zeigte, dass sich auf meiner Digitalkamera auch Fotos des Eröffnungsspiels der Fußballweltmeisterschaft, Deutschland – Costa Rica, befanden – das ich eine Woche zuvor besucht hatte –, entspannten sich die Mienen der Ordnungshüter. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion darüber, wer die größten Chancen hätte, Fußballweltmeister zu werden. Meine Fotos vom iranischen Parlament durfte ich schließlich behalten.

Kurz vor unserem Rückflug nach Deutschland sahen wir im Gewühl der Abflughalle des Teheraner Flughafens eine Frau mit einem Kind auf dem Arm, das als Kopfbedeckung eine kleine amerikanische Flagge trug. Ich rieb mir die Augen: Mitten im »Reich des Bösen«, dem der amerikanische Präsident – ohne Rücksicht auf die jeweiligen Analysen der amerikanischen Geheimdienste – in regelmäßigen Abständen mit der Option eines präventiven Militärschlags droht, schmückte eine junge Iranerin den Kopf ihres etwa zweijährigen Kindes mit den »Stars and Stripes« der amerikanischen Flagge?

Verblüfft fragte ich die Frau, ob sie keine Angst vor den iranischen Sicherheitsdiensten oder den Revolutionsgarden habe. Lächelnd schüttelte sie den Kopf: Kopftücher seien doch nur in Europa verboten. Ich fasste nach und wollte wissen, was sie von der amerikanischen Politik gegenüber dem Iran halte. Wieder lachte die junge Frau fröhlich. Amerika sei ein tolles Land. Der Konflikt zwischen dem Iran und den USA sei ein Streit der Politiker, und Politik interessiere sie nicht.

Sie ließ mich ein paar Fotos machen und ent schwand freundlich grüßend mit ihrem Stars-and-Stripes-Baby in der Menge. Außer uns interessierte sich niemand für die Kopfbedeckung ihres Kindes.

Dreimal habe ich Israel besucht, eines der schönsten und spannendsten Länder, die ich kenne. Ich war in Tel Aviv und Jerusalem und verbrachte erschüttert mehrere Stunden in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Im Garten Gethsemane, den der spanische Franziskanermönch Rafael nachmittags immer für mich aufschloss, las ich im Schatten uralter Olivenbäume das Alte Testament zu Ende und schrieb Teile dieses Buches.

Auf dem Ölberg befindet sich auch der jüdische Friedhof. Direkt daneben steht in einem herrlichen Olivenhain die kleine Kirche »Dominus flevit«. Hier soll Jesus über den nahenden Untergang Jerusalems geweint haben. Auch in diesem Olivengarten habe ich manche Stunde verbracht. Wenn ich zu den am Fuße des Ölbergs liegenden uralten Gräbern hinunterschaute, musste ich immer an die melancholischen Worte Salomos im Alten Testament denken:

»Windhauch,Windhauch, das ist alles Windhauch.Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich so anstrengt unter der Sonne?« (Buch Kohelet, 1,2–3). Wieder und wieder habe ich unter meinem Olivenbaum diese Sätze gelesen und daran gedacht, wie wenig ich mich in meinem Leben daran gehalten habe.

An Jerusalem habe ich mein Herz verloren – an diese traumhafte Metropole des Judentums, des Christentums und des Islam. Ich werde immer wieder in diese magische Stadt zurückkehren. Sie überragt alle Städte, die ich in meinem Leben gesehen habe.

Ich war auch in den Palästinensergebieten – in Bethlehem, Nablus sowie zweimal in Hebron am Grab Abrahams. Nur nach Gaza habe ich es nicht geschafft. Sehr freundliche, aber gleichwohl resolute junge israelische Soldaten hielten mir ihre Maschinenpistole vors Gesicht und erklärten, in Gaza hätte ich nichts zu suchen. Und ich hatte gedacht, Gaza gehöre den Palästinensern!

Auch in Israel und in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten habe ich großartige Menschen kennengelernt – liebenswerte, geistreiche Israelis und liebenswürdige, hilfsbereite Palästinenser. Mit beiden habe ich wunderbare Abende verbracht. Das Israel-Palästina-Problem ist weniger ein Problem der Bevölkerung beider Seiten als vielmehr ein Problem ihrer Politiker und Funktionäre. Immer wenn eine Lösung in greifbare Nähe rückt, torpedieren Extremisten beider Seiten sie wieder. Auf diesen dumpfen Mechanismus kann man sich fast blind verlassen.

In meinem früheren Beruf als Entwicklungspolitiker und Rüstungskontrollexperte musste ich viel reisen. Auch nach meiner Zeit als Politiker habe ich fast jeden Urlaub und fast jedes lange Wochenende für Fernreisen genutzt. Ich fand es immer interessanter, fremde Länder zu erkunden, als mich an irgendeinem übervölkerten Strand in der Sonne braten zu lassen. Auf diesen Reisen habe ich viel gelernt. Immer wieder musste ich meine Vorurteile korrigieren, obwohl ich mir eingebildet hatte,Vorurteile hätten nur andere.

Genauso faszinierend wie all diese Reisen war allerdings meine »Reise« durch die über 1800 klein gedruckten Seiten der Bibel und die 520 Seiten des Koran. Das mag überraschend klingen. Aber ich habe nie ein spannenderes, sprachgewaltigeres Buch gelesen als das Alte Testament, nie ein stärker von Liebe durchdrungenes Buch als das Neue Testament und nie ein mehr vom Geist der Gerechtigkeit geprägtes Buch als den Koran, dessen vielgerühmte poetische Brillanz selbst durch holprige Übersetzungen des arabischen Urtextes noch durchschimmert.

Ich kann die Lektüre dieser drei Meisterwerke der Weltliteratur nur jedem ans Herz legen – vor allem jenen Politikern, die ständig über sie reden, obwohl sie sie wahrscheinlich nie gelesen haben.Wer diese packenden, sprachmächtigen Bücher liest, wird verstehen, warum sie die Welt so stark beeinflusst haben und dies immer noch tun.

Ich liebe die arabische Welt, aber ich reise auch gern in andere Länder. Mehrfach war ich in Lateinamerika, in Kuba und Chile. Ich hielt mich während der Freiheitskriege in Mosambik und Angola auf und habe mehrere Male Asien bereist, zuletzt Laos, Kambodscha und Vietnam.

In Saigon, das heute Ho-Chi-Minh-Stadt heißt, habe ich im Oktober 2005 zusammen mit jungen Vietnamesen ihr 1 :0 im Fußballländerspiel gegen Japan gefeiert. Zu Tau senden fuhren die Fans nach dem Schlusspfiff mit ihren Mopeds auf den Duong-Ton-Duc-Thang-Boulevard. Jubelnd schwenkten sie kleine rote Fahnen.

Auch ich bekam ein Fähnchen und musste mitfahren. Zu viert auf einem Moped knatterten wir los und sangen »We are the champions«. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich eines Tages mit einer roten Fahne durch Ho-ChiMinh-Stadt fahren würde.

Mehrmals war ich auch in der Sowjetunion und später in Russland, manchmal sogar als offizieller Gast. Auch dort, selbst unter hochrangigen Kommunisten und hochdekorierten Generälen und Marschällen, habe ich die Bekanntschaft von Menschen gemacht, die mich beeindruckt haben, obwohl ich ein konsequenter Gegner des sowjetischen Kommunismus war und bin. Die Welt ist eben nicht so leicht in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse einzuteilen, wie viele glauben und wie auch ich früher geglaubt habe.

Am häufigsten besuchte ich die USA. Dort habe ich besonders viele Freunde. Ich war mehrfach im Pentagon, im Capitol und auch im Weißen Haus. Viele führende, teilweise heute noch aktive Politiker der USA habe ich persönlich kennengelernt. Zwei meiner Kinder haben in den Vereinigten Staaten studiert. Ich bedaure, dass ich nie die Möglichkeit hatte, selbst dort zu studieren. Die USA waren und sind ein großartiges Land.

Einige meiner Reisen waren sehr beschwerlich. Bei meinem ersten Fußmarsch über den Hindukusch und durch die karstigen Wüsten Afghanistans habe ich sieben Kilo abgenommen. Der Marsch hatte überhaupt nichts Heldenhaftes. Ich war am ganzen Körper von Flöhen und Moskitos zerstochen und sah schrecklich aus. »Heldenhaft« werden derartige Reisen immer erst hinterher, wenn man am Kamin über sie berichtet.

Häufig bin ich gefragt worden, warum ich immer wieder derart mühsame Reisen unternehme. Ich weiß das selbst nicht so genau. Einer der Gründe liegt vielleicht darin, dass ich schon immer einen fast detektivischen Drang hatte, die Wahrheit zu erfahren – die Wahrheit hinter all den wohlklingenden Verlautbarungen und Kommuniqués der Mächtigen und ihrer PR-Maschinen. Die Wahrheit aber kann man nur vor Ort erfahren und nicht im Fernsehsessel.

In den Bombennächten des Jahres 1945, die ich als vierjähriger Bub in der Burgallee am Stadtrand von Hanau erlebte, bin ich zur Verzweiflung meiner Mutter immer wieder ausgebüxt. Ich wollte die Lage vor Ort erkunden und Granat- und Bombensplitter sammeln. Sie mussten möglichst noch warm sein. Obwohl ich nach meinen nächtlichen Recherchen immer den Hintern versohlt bekam, war ich sehr stolz auf meinen Karton selbst gesammelter Granat- und Bombensplitter.

Seit meiner Kindheit hatte ich außerdem nicht sehr viel Respekt vor der Macht und den Mächtigen. Mein Vater erzählte mir vor einigen Jahren, 1946 hätten aufgeregte Nachbarn die Familie aus unserem Haus in Hanau geklingelt. Auf der Burgallee geschehe etwas Schreckliches. Angstvoll rannten meine Eltern durch unseren kleinen Garten auf die Straße.

Dort sahen sie eine lange Kolonne ratternder, dröhnender Panzer stadtauswärts fahren. Direkt vor unserem Haus bogen die Panzer Staub aufwirbelnd scharf nach rechts auf den unbefestigten Gehweg ab. Erst nach etwa zehn Metern fuhren sie wieder auf die Straße. Irgendein unüberwindbares Hindernis musste auf der Straße liegen, das sie zu diesem ungewöhnlichen Ausweichmanöver zwang.

Plötzlich sahen meine Eltern, dass ich das unüberwindbare Hindernis war. Da die Panzerkolonne meine Freunde und mich am Spielen gehindert hatte, war ich auf die Idee gekommen, mich einfach quer auf die Straße zu legen. Auf dem Rücken liegend, sah ich zufrieden zu, wie die mächtigen Kriegsmaschinen quietschend auf den Gehweg ausweichen mussten.

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