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Ernsthaft glauben und dabei locker bleiben

März 8, 2008

hijab_shirtDas neue Label Styleislam designt Shirts mit islamischen Botschaften

Michaela Schlagenwerth

Vor zweieinhalb Jahren, als weltweit der islamische Karikaturenstreit tobte, hat Melo Kesmen sein erstes Islam-Shirt angefertigt, nur für sich. „I Love My Prophet“ stand darauf. Wenn Melo, der damals mit seiner Frau Yeliz in London lebte, mit dem T-Shirt in Geschäfte ging, haben die Verkäuferinnen ihn angegrinst und in Cafés wurde er häufig angesprochen. Super sei das, haben die meisten gesagt, manche haben gefragt, ob er vielleicht noch so eins für sie übrig habe und einer wollte gleich das nehmen, das Melo am Leibe trug. Das war die eine überraschende Erfahrung für die beiden türkischstämmigen, deutschen Grafikdesigner aus Witten im Ruhrgebiet. Die andere war der entspannte, sehr lockere Umgang, den in London Muslime und Nicht-Muslime und überhaupt Menschen aller möglichen Konfessionen miteinander pflegen.

Melo und Yeliz leben schon seit eineinhalb Jahren wieder in ihrer Heimatstadt Witten, mitten in der Fußgängerzone, in einem typischen 70er-Jahre-Bau. Im zweiten Stock sind die Büroräume ihrer Agentur untergebracht, im vierten Stock ist die Wohnung. Eine Idee haben die Kesmens hierher mitgebracht aus ihrer Londoner Zeit: dass man etwas machen kann als Muslim. Dass man Einfluss nehmen und etwas gestalten kann, damit ein anderes, lockeres, cooleres Bild von Muslimen entsteht. Eines, das mit ihnen selbst, ihrer Art zu leben zu tun hat. Daraus hat Melo Kesmen das Konzept für Styleislam entwickelt, ein Label, das T-Shirts und Sweatshirts, Stickers, Tassen und Babylätzchen mit muslimischen Botschaften designt. Er wolle nicht „den Funky-Man raushängen“ und sich gegen andere traditionellere und konservativere Muslime abgrenzen, sagt Melo. „Aber wir wollen zeigen, dass man ernsthaft seinen Glauben praktizieren und trotzdem ein lockerer Mensch sein kann. Es gibt da keinen Widerspruch.“

Die Motive zu den T-Shirts (für 17,50 Euro online zu bestellen) hat Melo mit anderen diskutiert, entwickelt hat er sie bislang alle alleine. Natürlich gibt es ein „I Love My Prophet“-Shirt, es gibt „Muslim By Nature“, auch als Babylätzchen, und, angelehnt an gute alte Hippiezeiten, „Make Çay Not War“. Weil es eben besser ist, Tee zu trinken und zu chillen als Krieg zu machen. Aber es gibt auch provokantere Sprüche, „Jesus Was A Muslim“ etwa, oder „Hijab My Right My Choice My Life“. Aber das alles ist lustig und verspielt gemacht, und genau so ist es auch gemeint.

Melo Kesmen ist 32 Jahre alt, er sieht gemütlich und freundlich aus, mit seinem HipHop-Ziegenbärtchen und der großen schwarzen Brille. Er ist einer, der unaufhörlich neue Ideen zu haben scheint. Fünf bis sechs Leute ernährt seine Agentur, in der auch ganz klassisch Werbung gemacht, Corporate Design, Logos und Prospekte entwickelt werden. Als Idee seiner Frau ist das Label Malblock.com dazu gekommen, von Fotografien abgemalte Porträts mit unterschiedlichen poppigen Hintergründen.

Das Büro ist frisch renoviert; der weiße Fußboden, die weißen Wände und die weißen Möbel wirken ultracool zu den weißen Apple-Notebooks. Ein riesiger Flachbildschirm steht auf einem der Schreibtische, der ist natürlich vom Chef. Bislang hat Melo nicht das große Geld gemacht. Aber er hat sich und seine Partner – einen Pool aus Fotografen, Videofilmern, Tontechnikern und Textern – ganz gut über die Runden gebracht. Es hat Spaß gemacht, aber es war doch hauptsächlich eine Sache zum Geldverdienen.

Vor dreieinhalb Monaten ist Styleislam ins Netz gegangen, und was daraus wird, ist noch völlig offen. „Aber es passiert gerade echt eine Menge und wir können etwas tun in dem Bereich, in dem sich unser Denken und Wollen bewegt“, sagt Melo. Wobei man das alles nicht zu eng gefasst muslimisch begreifen darf. Es arbeiten auch Nicht-Muslime für Melos Agentur, Malblock.com hat mit dem Islam nichts zu tun, und logischerweise machen die Texter oder Fotografen dann auch bei Styleislam mit.

Als Melo Kesmen 16 Jahre alt war, hat er schon einmal mit selbst designten T-Shirts Geld verdient. Damals war er als Sprayer in der Szene unterwegs und besprühte gemeinsam mit seinen Freunden illegal die Wände der Stadt. Bis ihm sein älterer Bruder auf die Schliche kam und sagte: „Mach etwas Besseres draus.“ Er verhalf ihm zu einer Airbrush-Ausrüstung – einer Sprühpistole, mit der man Farbe zerstäuben und Bilder ganz anders gestalten kann als mit den herkömmlichen Sprayerdosen.

Auf Dauer soll aus Styleislam ein Label werden, das mehr umfasst als nur die Shirts. Gerade entwickeln Melo und seine Leute gemeinsam mit Ammar114, dem HipHop-Star der Muslim-Szene, einen Videoclip. Für die Organisation „Muslime helfen“, in der vorwiegend eine ebenfalls junge, hippe Muslim-Szene engagiert ist, ist schon eine ganze Serie an Clips entstanden. Ein Euro von jedem verkauften Shirt geht an „Muslime helfen“.

Anders würde es für ihn selbst nicht stimmen, sagt Melo Kesmen. Ja, selbstverständlich bete er fünf Mal am Tag. Das sei doch eine der fünf Säulen des Islams. Aber dass es eine Weile gedauert habe, bis er soweit gekommen sei, gibt er auch zu: „Das muss aus innerer Überzeugung kommen. Wenn die Gebete nicht aus Liebe zum Schöpfer kommen, dann funktioniert das nicht, und dann ist das auch total umsonst. Das ich fünf Mal am Tag beten kann, das heißt für mich, dass ich fünf Mal am Tag die Chance bekomme, mit meinem Schöpfer zu reden, bei ihm meine Lasten loswerden und meditieren zu können“, sagt Melo. Deswegen gibt es auch zwei Gebets-Motive: „Salah Always Get Connected“ und „Salah Keeps Together“ – Salah bedeutet Gebet. Und weil man die Liebe, die man durch den Glauben erfährt auch zeigen und an andere weiter geben soll ist gerade als neues Motiv „Keep Smiling It’s Sunna“ mit einem verwischtem Smiley entstanden. Die Sunna, das ist die Überlieferung über die Lebensweise und die Aussprüche des Propheten. Jedes Motiv, so Melo, habe für ihn eine eigene, lange Geschichte.

Nur ein Thema gibt es, bei dem er wirklich sauer wird – und das ist die Kopftuchdebatte in Deutschland. Aus seinem engsten Freundeskreis können drei Frauen, die auf Lehramt studiert hatten, nicht in ihrem Beruf arbeiten, weil man in Nordrhein-Westfalen die Gesetze diesbezüglich geändert hat. „Was das für einen persönlich bedeutet, wenn man soviel Zeit investiert, sich diesen Beruf so leidenschaftlich gewünscht hat“, sagt Melo, „das kann man sich wohl nur vorstellen, wenn man es selbst konkret mitbekommt“. In seinem Betrieb, der auch Mediengestalter ausbildet, werden nur Frauen mit Kopftuch angestellt. „Nicht, weil ich finde, dass Musliminnen unbedingt ihren Kopf bedecken müssten, meine Frau Yeliz hat sich dazu auch erst vor eineinhalb Jahren entschieden. Aber weil Frauen mit Hijab in Deutschland so diskriminiert werden, weil sie es unglaublich schwer haben Arbeit zu finden.“

Melo sagt Hijab, weil er Kopftuch für ein albernes und die Sache nicht treffendes Wort hält. Gleich drei Motive gibt es zum Thema, eines hat er so ähnlich mal bei einer Demonstration auf dem Schild einer Demonstrantin gesehen: „Hijab My Right My Choice My Life“. Es schmückt auch den Kopf der eigenen Internetseite www.styleislam.com Neulich war eine deutsche Professorin zu Besuch, eine Soziologin, die sich mit Islamthemen befasst. Die Hijab-Motive haben ihr am besten gefallen, erzählt Melo. Inwieweit es selbstverständlich werden kann, seine Shirts zu tragen, weiß er allerdings auch noch nicht genau. Als die Seite ans Netz ging, erhielten die Kesmens eine Flut begeisterter Mails: „Das hat mich überrascht, denn es ist ja nichts total Neues.“ In England und in Amerika gebe es so etwas längst. Aber England und Amerika, die sind, was solche Themen betrifft, eben verdammt weit weg.

Onlineshop: www.styleislam.com

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