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US-Militär schickt psychisch kranke Soldaten in den Krieg, „Ich hatte Mordgedanken“

Februar 16, 2008

Am Sonntag veröffentlichte die Denver Post einen Artikel, in dem über den Fall eines weiteren, bereits im vergangenen Jahr trotz Erkrankung in den Irak verlegten Soldaten berichtet wurde.

Wie bereits berichtet, waren im Dezember des vergangenen Jahres 79 verwundete und anderweitig erkrankte Soldaten in den Irak entsandt worden. Einer von ihnen war ein 28 Jahre alter Stabsgefreiter, der gegenüber der Denver Post nun seinen Fall schilderte, allerdings aufgrund seiner Erkrankung nicht namentlich genannt werden wollte. Der Denver Post vorliegende E-Mails belegen, daß der Soldat am 31. Dezember aus Kuwait wieder nach Fort Carson verlegt worden war, weil er Symptome einer manisch-depressiven Erkrankung und „einige Tendenzen zu Paranoia und möglicherweise Tendenzen zu Mord“ hatte.

Am 9. oder 10. November 2007 hatte sich der Soldat der 3. Brigade selbst in die psychiatrische Klinik Cedar Springs eingewiesen, nachdem er zuvor unter Alkoholeinfluß versucht hatte, sich selbst zu töten. Cedar Springs hat einen Vertrag für die psychiatrische Betreuung von Soldaten mit dem US-Militär. Seine Behandlung sollte bis zum 10. Dezember dauern, am 29. November erschienen allerdings seine kommandierenden Offiziere in der Klinik und befahlen ihm, sie zu verlassen. „Ich wurde herausgezogen, um eingesetzt zu werden“, sagte der Soldat, der bereits seit drei Jahren Mitglied der US-Streitkräfte ist und eine Dienstzeit im Irak absolviert hat.

Neben seinem Gruppenführer und seinem Zugführer bedrängten den Soldaten seiner Aussage zufolge am 29. November ein Suchtberater des US-Militärs und zwei Berater der Klinik. Der Suchtberater des US-Militärs habe ihm gesagt, Alkoholismus und Angstzustände seien kein Grund für ihn, nicht eingesetzt zu werden. Vor Ort im Kriegsgebiet würde ihm außerdem ein psychologischer Berater zur Verfügung stehen. „Sie sagten: ‚Weißt Du was? Steh es durch. Wir alle trinken gerne.‘ Sie munterten mich auf: ‚All die Jungs werden da sein. Du wirst unter Freunden sein. Du wirst dort Betreuung haben'“, erinnerte er sich.

Der Soldat versuchte erfolglos, seine Vorgesetzten davon zu überzeugen, daß er nicht eingesetzt werden könne. Dann versuchte er „eine Szene zu machen“, woraufhin sie allerdings seine Ehefrau anriefen, die „mich dazu überredete, mich zu fügen.“ Seinen Vorgesetzten war offenbar nur zu bewußt, daß er sich nach wie vor nicht für einsatzfähig hielt. Bis zum Zeitpunkt seiner tatsächlichen Entsendung wurde er daher unter Aufsicht gestellt, da sie bei ihm die Gefahr einer Desertion sahen. Dann wurde er zu einem Evans-Krankenhaus des US-Heeres gebracht, wo er eine Drei-Monats-Ration an Medikamenten erhielt – Lamictal zur Behandlung seiner manisch-depressiven Erkrankung, Seroquel, ein Neuroleptikum und Klonopin gegen Angstzustände und affektive Störungen. Ein Arzt dort sagte ihm sogar, daß er Medikamente erhalte, die seine Entsendung unmöglich machten. Dies zeigt überdeutlich, daß dem US-Militär die psychische Erkrankung des Soldaten sehr wohl bekannt war – was seitens des US-Militärs bestritten wird.

In Kuwait – der Zwischenstation auf dem Weg in den Irak für die Soldaten – zeigte sich dann, wie dringend er einer weiteren Behandlung bedurfte und wie wenig er eine solche dort erhielt.

„Ich … verbrannte meine Fingerspitzen mit Zigaretten, tat einfach alles, um meinen Geist von Dingen abzulenken“, sagte der Soldat. „Ich hatte Mordgedanken. Ich weiß nicht, ob ich zu dem Zeitpunkt wirklich vorhatte, etwas zu tun. Aber zu dem Zeitpunkt war es da und ich hatte Mord- und Selbstmordgedanken.“

Er traf sich fast täglich mit einem psychologischen Betreuer und wurde schließlich zur psychologischen Abteilung der Marine geschickt, wo er mit einem Psychiater und einem Psychologen sprach. Diese kamen unabhängig voneinander beide zu dem Schluß, daß er an einer manisch-depressiven Erkrankung litt und setzten sich massiv für seine Rückkehr in die USA ein. „Ihnen wurde klar, daß ich nicht dort sein sollte und sie kämpften dafür, daß ich nach Fort Carson zurückkehren konnte. Es hat lange gedauert. Meine Vorgesetzten wollten, daß ich im Irak eingesetzt werde. Sie sagten ‚Wir werden uns darum kümmern, wenn er in den Irak kommt‘, aber ich wußte, daß ich keinerlei Hilfe bekommen würde, wenn ich einmal im Irak wäre“, sagte er.

Auf den Fall des Soldaten angesprochen, reagierte Paul Sullivan, Direktor der Organisation „Veterans for Common Sense“ („Veteranen für gesunden Menschenverstand“) denn auch äußerst wütend. „Wenn er Patient eines Krankenhauses war, hätten sie ihn niemals herausholen sollen. Die Vorgesetzten müssen hierfür zur Verantwortung gezogen werden. Washington muß sich im Pentagon einmischen, um sicherzustellen, daß so etwas nicht wieder geschieht. Erst hatten wir das Flugzeug voller Verwundeter, Verletzter und Kranker, die wieder in das Kriegsgebiet gezwungen wurden. Und jetzt haben wir Soldaten, die zwangsweise aus psychiatrischen Kliniken entfernt werden. Der Grad der Empörung ist jenseits der Richter-Skala“, so Sullivan.

Am Mittwoch kritisierte auch der Demokratische US-Senator und Vorsitzende des Streitkräfte-Komitees des US-Senats, Carl Levin, die Entsendung des Soldaten. Dabei zitierte er auch aus einer E-Mail, die er von einem Hauptmann des US-Heeres erhalten hat, der zufolge es „Probleme gab, die für den Einsatz erforderliche Mannschaftsstärke zu erreichen“.

Die Tatsache, daß nicht nur verwundete, also nicht oder nicht vollständig einsatzfähige Soldaten, sondern sogar ein Soldat, der aufgrund seiner Erkrankung Mordgedanken hat – und dementsprechend nicht nur eine Gefahr für sich, sondern auch für andere Soldaten darstellt – bewußt in den Irak entsandt worden ist, läßt zumindest erahnen, wie groß diese „Probleme“ in Wahrheit mittlerweile sind – und wie viele vergleichbare Fälle es noch gibt.

http://www.freace.de

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