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Ein junger Imam aus Berlin

Dezember 7, 2007

Ein junger Imam aus Berlin über seine Arbeit mit Jugendlichen und seinen eigenen Weg zum Islam
Die Gemeinschaft fördern
Ferid Heider aus Berlin, der dort in zwei Moscheen als Imam und Lehrer tätig ist, ist wohl einer der Jüngsten in dieser Position in Deutschland, und er ist hierzulande geboren und aufgewachsen. Jüngst sendete das ARD-Fernsehen ein Porträt über ihn. Die IZ sprach mit ihm über seinen eigenen Weg zurück zum Islam und über seiner Erfahrungen in der Arbeit mit Jugendlichen.

Islamische Zeitung: Ferid, wie ist es dazu gekommen, dass aus einem Jugendlichen aus Berlin ein deutschsprachiger Imam geworden ist?

Ferid Heider: Ich bin 28 Jahre alt und in Berlin geboren und zur Schule gegangen. Mein Vater stammt aus dem Irak, meine Mutter aus Polen. Ich habe die zehnte Klasse abgeschlossen und bin dann aufgrund von Problemen, die ich hier hatte, nach Ägypten gegangen. Dies war auch der Wunsch meiner Eltern – ich sollte ein Jahr lang Abstand halten von dem Umfeld, das ich damals hier hatte, und auch etwas Arabisch lernen, da ich damals kein Arabisch konnte. Bis dahin habe ich auch nicht den Islam praktiziert. In Ägypten habe ich dann den Islam kennen gelernt, habe begonnen, Arabisch zu lernen, und mich dann in Abstimmung mit meinen Eltern dazu entschlossen, dort weiter zu lernen. Ich habe dann sechs Jahre in Ägypten gelebt und an der Al-Azhar mein Abitur gemacht. Ich kam dann zurück nach Deutschland, wollte aber wieder zurück nach Ägypten, um dort zu studieren, was aber aus familiären Gründen dann doch nicht geklappt hat. Daraufhin habe ich ein Fernstudium an der Islamischen Universität Château-Chinon in Frankreich begonnen und nebenbei noch das deutsche Abitur gemacht, da mein ägyptisches Abitur hier nicht anerkannt wurde. Derzeit studiere ich an der Freien Universität Berlin Arabistik. Ich bin verheiratet und habe eine Tochter.

Islamische Zeitung: Kannst Du deinen Weg zum Islam, nachdem du zuvor nicht praktiziert hattest, etwas genauer beschreiben?

Ferid Heider: Ich wusste damals so gut wie gar nichts über den Islam und habe mich glaube ich nicht einmal mehr als Muslim bezeichnet. Ich war mir nicht mehr sicher, was ich eigentlich bin. In Ägypten habe ich in einem Dorf bei einer Gastfamilie gelebt und dort den Alltag gesehen, wie Muslime ihn leben. Ich habe dort bestimmte Werte mitbekommen, wie den Wert der Familie, aber auch Lehrer gehabt, die mir bestimmte Dinge erklärt haben, die ich nicht verstanden hatte. Es gab bei mir kein Schlüsselereignis, sondern es hat sich einfach so entwickelt, sodass ich nach etwa einem halben Jahr absolut überzeugt war und begonnen habe, richtig zu praktizieren. Es hat sich langsam entwickelt; ich hatte begonnen, zu lesen und mich über den Islam zu erkundigen und habe gemerkt, dass es wirklich das richtige für mich ist. Der Islam hat mir Halt gegeben und eine Perspektive für mein Leben, er hat mir gezeigt, was der Sinn des Lebens ist und warum ich überhaupt auf dieser Welt bin.

Islamische Zeitung: Kürzlich war ja im ARD-Fernsehen ein Porträt über dich zu sehen. Warst du im Nachhinein mit dem Resultat zufrieden?

Ferid Heider: Bei dem Porträt ging es um meine heutige Arbeit, im Vordergrund stand aber auch die Frage, was mir der Islam gegeben hat. Dabei wurde auch auf meine Vorgeschichte und meinen Lebensweg eingegangen und auf die Zeit, als ich nicht praktiziert habe, und wo ich teilweise auch Drogen genommen habe. Im Großen und Ganzen war ich mit der fertigen Sendung auch zufrieden – heutzutage kann man ja in Bezug auf Islam nicht so viele Ansprüche stellen, was die Medien betrifft. Es gibt ein oder zwei Punkte, wo ich das Gefühl habe, dass die Autorin da selbst etwas hineininterpretiert hat, was ich so nicht gesagt hatte, als es um das Thema Schlagen von Frauen ging. Das ist aus meiner Sicht in dem Film etwas unglücklich geworden.

Islamische Zeitung: Du bist ja in Berlin in zwei Moscheen als Imam und Lehrer tätig und hast dabei sicherlich viel mit jungen Muslimen und neuen Muslimen zu tun. Was ist deiner Erfahrung nach die aktuelle Stimmung unter jungen Muslimen, was sind ihre Probleme und Bedürfnisse?

Ferid Heider: Insgesamt kann man wirklich sagen, dass es eine Art Rückbesinnung auf den Islam gibt, insbesondere unter den Jugendlichen. Das ist sehr, sehr stark zu beobachten, nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Moscheen. Es gibt immer mehr Jugendliche, die sich für den Islam interessieren. Ich habe das Gefühl, dass dies auch daran liegt, dass es früher viel weniger Angebote in deutscher Sprache in den Moscheen gab, was auch dazu führte, dass viele Jugendliche nichts mit den Moscheen zu tun haben wollten, weil sie die arabische oder die türkische Sprache nicht so beherrschten wie die erste Generation, und auch weil die Imame die Probleme und die Denkweise der jungen Generation nicht richtig verstanden haben, weshalb sie sie nur schwer ansprechen konnten. Ich denke, dass dadurch, dass wir jetzt immer mehr deutschsprachige Angebote haben, sich dies ändert und immer mehr Jugendliche zum Islam zurückfinden. Wir wissen ja, dass es in der muslimischen Community allgemein, und insbesondere was die Jugendlichen betrifft, viele Probleme gibt, sei es mangelnde Bildung, Kriminalität oder anderes. Ich glaube, dass wir durch die Arbeit, die wir jetzt tun – denn ich bin ja nicht der einzige – daran auch wirklich viel ändern können. Viele Jugendliche merken, wenn sie in die Moschee kommen, dass ihr bisheriges Leben, so wie sie es vorher geführt haben, ihnen nicht viel gebracht hat. Das ist natürlich eine sehr positive Sache, wenn viele, die vorher in der Schule nicht klarkamen, die ihre Ausbildung abgebrochen haben, nachdem sie den Islam praktizieren und auch mehr verstanden haben und auch einen besseren Freundeskreis kennen lernen, dann beginnen, auch ihre Ausbildung ernst zu nehmen und ihr Leben in den Griff bekommen. Viele kommen von der Kriminalität weg, es gibt viele positive Effekte. Der Islam gibt ihnen Halt, Hoffnung und eine Perspektive.

Islamische Zeitung: Welche Art von Arbeit machst du in den beiden Berliner Moscheen?

Ferid Heider: Ich unterrichte und habe jeweils einen wöchentlichen Unterricht für Schwestern und für Brüder, den ich in deutscher Sprache halte, und aufbauend darauf versuchen wir dann natürlich auch, eine Gemeinde unter den Jugendlichen zu schaffen. Natürlich ist diese Arbeit noch relativ neu; wir haben jedoch außerhalb des Unterrichts bereits einige Dinge gemacht, damit es nicht nur beim Unterricht bleibt, sondern wir auch etwas zusammen unternehmen, um diese Gemeinschaft zu fördern. Der Unterricht verläuft in der Regel so, dass wir nach einer Qur’an-Rezitation und meinem Vortrag anschließend über das Thema sprechen, wobei die Jugendlichen Fragen stellen oder Anmerkungen machen können. Es gibt immer sehr rege Diskussionen, und das ist auch gut so; man merkt, wie wissensdurstig die Jugendlichen sind.

Islamische Zeitung: Gibt es noch andere Ebenen, auf denen du tätig bist?

Ferid Heider: Ja, ich halte auch Freitagsansprachen in mehreren Moscheen, je nachdem in welcher Moschee es ist halte ich sie entweder zunächst auf Arabisch und dann im zweiten Teil auf Deutsch oder aber nur auf Deutsch. Ich konzentriere mich auf den deutschsprachigen Bereich, ich finde das wichtig, weil viele eben die arabische Sprache einfach nicht verstehen. Daneben bin ich auch seit Jahren in der Muslimischen Jugend (MJD) tätig, und auch im interreligiösen Dialog und bei entsprechenden Veranstaltungen in unseren Moscheen.

Islamische Zeitung: Du hast die Bedeutung der deutschen Sprache für die jungen Leute erwähnt. Mittlerweile gibt es ja recht viel Deutschsprachiges über den Islam, gerade auch im Internet. Für Jugendliche ist es oft schwierig, dabei zwischen seriösen, vertrauenswürdigen Quellen und anderen, von denen man lieber die Finger lassen sollte, zu unterscheiden.

Ferid Heider: Es gibt in der Tat eine Fülle von Informationen, wo man wirklich aufpassen muss. Was ich immer wieder empfehle, ist dass man eine Bezugsperson haben sollte oder auch mehrere, an die man sich wenden und der man Fragen stellen kann. Das ist ganz wichtig. Man sollte wirklich immer fragen, bevor man irgendetwas liest; das haben die Gelehrten früher auch so gemacht. Sie haben nicht einfach ein Buch in die Hand genommen und es gelesen, sondern sind zu jemandem gegangen, zu einem anderen Gelehrten, und haben bei ihm dieses Buch studiert. So sollten wir heute auch vorgehen. Wenn man sich Information aneignen möchte, auch wenn man nicht gleich bei einem Gelehrten studiert, sollte man zumindest nachfragen, welchen Internet-Seiten man vertrauen kann und wo man sich beruhigt authentische Informationen über den Islam aneignen kann. Das ist eine sehr wichtige Frage, die man nicht so allgemein beantworten kann. Es gibt wirklich etliche Seiten über den Islam, es werden auch immer mehr, und ich kenne natürlich auch nicht alle.

Islamische Zeitung: Es gibt ja auch viele Internet-Foren, in denen sich junge Muslime über islamische Themen unterhalten. Leider sieht man dabei sehr oft, dass Leute, die selber wenig wissen, in Diskussionen mit anderen geraten, die auch nicht unbedingt mehr wissen, und man hat das Gefühl, dass all dies nicht sinnvoll ist und nichts Gutes bringt.

Ferid Heider: Das sehe ich genau so. Ich habe den Eindruck, dass es auch eine Tendenz zum Extremen gibt, zum absolut Strengen. Das ist leider sehr verbreitet und ich kann nur sagen, dass man da wirklich aufpassen muss. Man merkt immer wieder, dass die Brüder und Schwestern, die dort diskutieren, wirklich sehr, sehr wenig Wissen vom Islam haben. Die hören irgendetwas von einem Schaikh oder aus einem Vortrag, verstehen das teilweise nicht richtig und schreiben dann ihre Meinung ins Forum, was sich dann oft als absolut falsch herausstellt. Viele glauben, dass weil sie ein, zwei Hadithe oder Qur’an-Verse auswendig können, sie schon befugt sind, Fatwas abzugeben. Das ist eine ganz gefährliche Sache. Ich merke das immer wieder und habe das auch bei PalTalk-Unterrichten erlebt – da habe ich ganz erschreckende Sachen gehört. Das ist natürlich fatal, denn diese Vorträge sind ja offen und jeder kann zuhören, und wenn Muslime oder Nichtmuslime, die nicht so viel mit Islam zu tun haben, hören, solche Möchtegern-Fatwas hören, dann hat das teilweise wirklich verheerende Folgen und wirkt abschreckend. Das liegt natürlich an der Unwissenheit, aber leider gibt es eben auch genug Leute, die nicht genügend Gottesfurcht haben, um sich zu sagen: Ich bin nicht so weit, ich habe nicht die Kompetenz, und deswegen sage ich dazu einfach nichts. Selbst Imam Malik hat einmal zu 32 von 48 Fragen geantwortet: „Ich weiß es nicht“. Ich finde dieses Phänomen sehr schade, aber man muss versuchen, dagegen zu arbeiten und den Leuten zu zeigen, dass es so nicht geht, und das wird ja glücklicherweise auch getan.

Islamische Zeitung:
Auf welchen Wegen kann man deiner Erfahrung nach nicht praktizierende Muslime, aber auch Nichtmuslime erreichen?

Ferid Heider: Eine Grundvoraussetzung ist Güte, Sanftmütigkeit und Weisheit, so wie Allah im Qur’an sagt: „Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und guter Ermahnung auf.“ Und Allah beschreibt unseren Propheten im Qur’an als sanftmütig gegenüber ihnen, und dass wenn er hart zu ihnen wäre, sie sich von ihm entfernen würden. Leider bemerkt man immer wieder, dass vielen jungen Muslimen diese Weisheit und Sanftmütigkeit einfach fehlt und sie dadurch teilweise genau das Gegenteil bewirken, nämlich abschrecken statt einzuladen. Das ist natürlich eine traurige Sache. Man kann zum Beispiel Leute durch Events und Veranstaltungen erreichen, die nicht nur Vorträge beinhalten sondern auch andere Programmpunkte, die auch für nicht praktizierende Muslime interessant sein können, wie etwa künstlerische Programme, die anziehend wirken können. Man kann auf privater Ebene Menschen erreichen – es gibt sehr viele Möglichkeiten, und man kann dabei sehr kreativ sein. Natürlich kann man immer auch durch gutes Verhalten Menschen anziehen. Wichtig sind die genannten Grundvoraussetzungen und der gute Charakter – wenn wir diese haben, können wir alle Vorurteile beseitigen und sehr positive Auswirkungen können sich einstellen.

Islamische Zeitung: Lieber Ferid, wir danken dir für das Gespräch.

http://www.islamische-zeitung.de

„Die Religion war meine letzte Rettung“

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