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Spagat zwischen Islam und Christentum

November 28, 2007

cordobaEin Arzt wirbt für gemeinsame Nutzung der Kathedrale von Cordoba.
Von KNA-Redakteur Harald Oppitz
(KNA). „I’m coming back! I’m coming back!“, ruft der freundlich dreinblickende Herr vor dem Straßencafe in Cordobas Innenstadt noch kurz, bevor er in hektischen kleinen Schritten um die Ecke in einer engen Gasse verschwindet. So mancher Spanier wäre sich in diesem Moment wohl nicht sicher, ob er die Worte von Mansur Escudero als Drohung oder Einladung sehen sollte – denn der Präsident der Islamischen Gemeinde Spaniens polarisiert.

Mit publikumswirksamen Aktionen hat der gelernte Arzt in den vergangenen Jahren immer wieder auf seine muslimischen Interessen aufmerksam gemacht. Nachdem Papst Benedikt XVI. im vergangenen Herbst die Blaue Moschee in Istanbul besucht hatte, rollte Escudero vor der Moschee-Kathedrale von Cordoba seinen Gebetsteppich aus, um gen Mekka zu beten, bis den herbeigeeilten Kameraleuten die Arme schwer wurden. Seine Bitte war eindeutig: Die einstige Moschee von Cordoba wurde nach der Vertreibung der Mauren 1236 zur christlichen Kathedrale umfunktioniert und ist in dieser baulichen Art als Kulturdenkmal weltweit einzigartig. Hunderttausende Touristen besuchen das Bauwerk jedes Jahr, doch Muslimen ist dort nicht gestattet zu beten.

In der Regel nicht: Unter Begleitung von Kirche und Staat gab es durchaus Ausnahmen. So durfte 1974 ein Staatsgast vor dem kostbaren Mihrab in Cordoba beten: Saddam Hussein, der zuvor mit Diktator Francisco Franco gespeist und von diesem für seine Visite einen großzügigen Dispens erhalten hatte. Auch in den folgenden Jahren des demokratischen Spanien, als sich eine neue Variante der Reconquista durch arabische Ölscheichs auf das Urlauberparadies Marbella konzentrierte, wurden in der Moschee-Kathedrale saudische Prinzen gesichtet, wie sie vor der Gebetsnische knieten.

„Wir fordern die Moschee nicht zurück“, betont der zum Islam konvertierte Escudero beim Kaffeeklatsch mit deutschen Journalisten. „Aber wir können die friedliche Koexistenz zurückgewinnen.“ Der Spanier mit der traditionellen Kopfbedeckung zeigt sich als Idealist, nicht als Fundamentalist. Mit den Füßen steht er fest auf den Lehren des Koran und reicht doch den Christen die Hände.

Cordoba ist eines der bekanntesten Beispiele des Wechsels von christlicher und islamischer Kultur – und Escudero, der Konvertit, auf seine Art auch. Ruhig und bereitwillig gibt er den Journalisten, die sich mit dem Reiseveranstalter „Biblische Reisen“ in Andalusien „Auf den Spuren der Toleranz“ bewegen, Auskunft auch auf kritische Fragen.

Verständnis zeigt er für die Ablehnung seiner Aktionen in weiten Kreisen der katholischen Kirche. Denn auch im Islam gebe es viele Stimmen gegen sein Vorhaben: „Wir haben viele radikale Strömungen, für die eine gemeinsame Nutzung nicht in Frage kommt“, gibt Escudero zu, der nach eigenen Angaben auf der Schwarzen Liste Osama bin Ladens steht. Diese Fundamentalisten wollten das Gebäude ganz für sich beanspruchen und griffen ihn offen für seinen Schmusekurs mit der katholischen Kirche an.

„Die Mezquita-Kathedrale hier in Cordoba ist Weltkulturerbe – und doch ist es schade, dass nur eine Kultur sie nutzen darf“, gibt Escudero zu bedenken. Ruhig weist er darauf hin, dass die Muslime einst den Grund und Boden, den die beiden Religionen mit der Vincent-Kathedrale gemeinsam genutzt hatten, gekauft hätten, um die Moschee zu bauen. Nach und nach entstand so unter mehreren Kalifen der prachtvolle Bau, der sich zur größten Moschee Europas und der drittgrößten der Welt entwickelte.

Seinen eigenen Weg zum Islam beschreibt Escudero so: Von seinen Eltern zu Zeiten Francos christlich getauft, besuchte er eine Jesuitenschule; in der Jugend wurde er Kommunist und liebäugelte während des Studiums mit dem Buddhismus. Bei einem Auslandssemester in London kam er aber mit dem Islam in Berührung und entdeckte beim Lesen des Koran „seine wirkliche Heimat wieder“. Er sei kein Konvertit, sondern „zum wahren Glauben zurückgekehrt.“ Denn alle Menschen seien von Geburt her Muslime – in dem Sinne, dass Muslim „zu Gott hingewendet“ bedeute.

Eine wechselhafte Lebensgeschichte – und für viele wirkt sein Handeln bis heute verwirrend. So brachte er etwa den Bischof von Bilbao, Ricardo Blazquez, mit seiner Aktion in Verlegenheit: Die Aussage, in einigen Gebeten von Muslimen in der Moschee-Kathedrale „kein Problem“ zu sehen, musste der Vorsitzende der Spanischen Bischofskonferenz einen Tag später zurücknehmen. Selbst an den Papst hat Escudero einen Brief mit seinem Anliegen geschrieben – aber keine Antwort erhalten.

Jetzt will das Sprachrohr vieler gemäßigter Muslime sich nach eigener Aussage zunächst etwas in Zurückhaltung üben. Das bedeute aber nicht, dass er seinen Wunsch aufgibt, in der Moschee-Kathedrale beten zu wollen.
Von KNA-Redakteur Harald Oppitz

http://islamische-zeitung.de

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