Skip to content

So einfach ist es nicht – Welcher Voraussetzungen bedarf es, um den Qur’an erklären zu können? Von Yasin Alder, Bonn

November 15, 2007

(iz). In aktuellen Debatten werden von Kritikern häufig Zitate aus dem Qur’an erwähnt und zur Argumentation verwendet, dabei aber in aller Regel ohne Berücksichtigung des Kontextes und der unter Muslimen gängigen Erklärung der Bedeutungen, wie sie in den anerkannten Werken zum Tafsir [Kommentar, Interpretation] des Qur’an zu finden sind, und die beispielsweise den Anlass der Offenbarung und andere Quellen einbeziehen, um das richtige Verständnis der jeweiligen Verse zu verdeutlichen. Hinzu kommt, dass bei – ohnehin nicht als Qur’an akzeptierten – „Übersetzungen“ des Qur’an Fehler und Verzerrungen schon in der Übersetzung enthalten sein können. Aber auch unter Muslimen ist heute zu beobachten, dass einzelne Personen ohne Berücksichtigung der klassischen Tafsire Qur’an-Verse nach ihrem eigenen Verständnis interpretieren – etwas, vor dem Gelehrte aufgrund der damit einhergehenden Gefahren stets ausdrücklich gewarnt haben – und danach handeln oder damit argumentieren. Gerade im Bereich sektiererischer, extremer oder gar terroristischer Gruppen kommt dieses Problem besonders schwerwiegend zum Tragen. Diese Problematik betrifft insbesondere den Bereich der Ahkam. Die im Qur’an enthaltenen Urteile (Ahkam) sind Befehle, Verbote und Fragen des Rechts. Nach Ansicht der Gelehrten gibt es etwa 500 entsprechende Verse, nach Meinung mancher auch mehr.

In der Einführung zu seinem Qur’an-Kommentar erwähnt Ibn Dschuzaij zwölf Wissenszweige, die für das Verständnis des Qur’an notwendig sind: Diese sind: Kommentar (Tafsir) selbst, die Rezitationsart (Qira’at), Urteile (Al-Ahkam), Aufhebung (An-Nasikh wa’l-Mansukh), das heißt von älteren Versen durch Verse, die später kamen, ein Beispiel dafür ist das graduelle Alkoholverbot, Hadith (sie geben vor allem Auskunft über die Anlässe und Kontexte der Offenbarungen, und es gibt auch Hadithe, die Erklärungen des Qur’an vom Propheten selbst enthalten), prophetische Geschichten, Tasawwuf, die Quellen des Dins (Usul Ad-Din), die Quellen des Rechts (Usul Al-Fiqh), Sprache (Lugha) sowie Grammatik und Rhetorik (Al-Bajan) für die Klarstellung von Redewendungen. Dabei sei der Tafsir das Hauptziel und die anderen Wissensbereiche die Instrumente, die diesem Zweck behilflich sind.

Aus Aussagen des Gesandten Allahs und seiner Gefährten lässt sich ein hoher Stellenwert des Tafsirs ableiten. Es gibt jedoch Überlieferungen, auch vom Propheten, die davor warnen, den Qur’an nach eigenem Gutdünken zu interpretieren. Al-Qurtubi führt diese in der Einleitung zu seinem berühmten Tafsir an und erklärt, wie sie zu verstehen seien. Demnach ist es zu verurteilen, wenn jemand ohne ausreichende Kenntnis der dafür nötigen Grundlagen oder indem er seinen eigenen Meinungen und Leidenschaften folgt Tafsir betreibt, oder wenn jemand wissentlich etwas falsch interpretiert. Eine zu starke Einschränkung des Tafsirs würde jedoch ebenfalls zu weit gehen. Die Gefährten des Propheten unterschieden sich in einigen Fällen in ihrer Interpretation des Qur’ans. Nicht alles, was sie sagten, hatten sie vom Propheten gehört. Der Prophet machte ein Bittgebet für Ibn ‘Abbas: „O Allah, gib ihm Verständnis im Din und lehre ihn Tafsir“. Al-Qurtubi folgert daraus, dass der Tafsir nicht auf die Offenbarung selbst und die prophetischen Überlieferungen beschränkt sein könne. Man könne daher auch nicht sagen, dass niemand irgendetwas über den Qur’an sagen dürfe, was er nicht schon von jemandem gehört habe. Die Gefährten und die nachfolgenden Generationen waren extrem vorsichtig in Bezug auf Tafsir des Qur’an. Nichtsdestotrotz gab es Gefährten, die zum Tafsir befähigt waren. Mit ihnen beginnend, wurde die Wissenschaft des Tafsir von qualifizierten Personen jeder Generation weitergegeben, so wie der Prophet es in einem Hadith gesagt hat: „Dieses Wissen wird von gerechten Männern in jeder Generation getragen werden, welche sie von der Abweichung der Übertreter, den Zuschreibungen der Verfälscher und der Interpretation der Ignoranten reinigen.“ Laut Al-Khatib Al-Baghdadi sind damit die Gelehrten gemeint, die man in Angelegenheiten des Din konsultieren und auf die man sich verlassen soll.
http://www.islamische-zeitung.de

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: