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Muslime sollen sich aktiver präsentieren

November 14, 2007

Interview: Dr. Marina Liakova vom Zentrum für Türkeistudien (ZfT) über das Islambild in den Medien
(iz) Dr. Marina Liakova ist beim Zentrum für Türkeistudien (ZfT) in Essen als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Südosteuropa-Forschung tätig. Zusammen mit Dr. Dirk Halm hat sie an einer Studie zum Islambild deutscher Medien mitgearbeitet (die IZ berichtete). Wir sprachen nun rückblickend mit ihr über die Ergebnisse, mögliche Ursachen und die mögliche weitere Entwicklung dieser Problematik.

İslamische Zeitung: Frau Dr. Liakova, Sie haben an einer Studie des ZfT über Islam und Muslime in den deutschen Medien mitgewirkt, die Ende 2006 erschien. Was waren aus Ihrer Sicht die wesentlichen Erkenntnisse der Studie?

Dr. Marina Liakova:
Die wichtigste Erkenntnis meiner Meinung nach war, dass der Islamdiskurs in den deutschen Medien sehr variabel ist. Die Variationen, die Unterschiede im Islam-Bild beziehen sich einerseits auf die einzelnen Medien und andererseits auf den Zeitpunkt der Berichterstattung. In der Zeit vor dem Jahr 2001 war der Islamdiskurs gemäßigter. Mit Blick auf die Berichterstattung in Printmedien bestätigt sich, dass ein negatives Islambild sich insbesondere aus dem Zusammenhang von Islam und (terroristischen) Bedrohungsszenarien speist. Nach dem 11. September bestimmt dieses Bild den Diskurs über den Islam noch deutlich stärker als zuvor.

Islamische Zeitung:
Da die Studie nun bereits fast ein Jahr alt ist – sehen Sie seither eine Veränderung der medialen Berichterstattung, oder gelten die beschriebenen Ergebnisse auch heute noch?

Dr. Marina Liakova: In einem Jahr kann sich viel und wenig ändern. Ich verfüge momentan über keine neueren Ergebnisse, die eine konkrete Entwicklung belegen können.

Islamische Zeitung: Sie haben exemplarisch die Berichterstattung im „Spiegel“ und in der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ untersucht. Wo gab es Gemeinsamkeiten und wo Unterschiede in den beiden Printmedien?

Dr. Marina Liakova: Die Unterschiede bei der Berichterstattung der beiden Medien sind deutlicher. Da „Der Spiegel“ ein Wochenmagazin ist, ist die Tendenz zur Generalisierung größer. Dies bezieht sich aber nicht nur auf die Islamproblematik. Bei der WAZ dominiert das Regionale und das Alltägliche als Kontextfeld, in dem der Islam dargestellt wird. In beiden Medien nimmt die Verbindung zwischen Islam und Gefahr im Zeitraum 2003-2004 im Vergleich zum Zeitraum 2000-2001 zu. Ich glaube aber nicht, dass die Medien diese semantische Verbindung generiert haben. Vielmehr geben sie ein gesellschaftliches Klima wieder.

Islamische Zeitung:
In der Studie wurde eine „generell wachsende Skepsis hinsichtlich der ‚Integration der Muslime’“ festgestellt, gleichzeitig aber auch eine Rückgang „generalisierender Urteile über den Islam und die Muslime“. Wie erklären Sie sich diesen scheinbaren Widerspruch?

Dr. Marina Liakova: Die „generell wachsende Skepsis hinsichtlich der ‚Integration der Muslime’“ bezieht sich auf die Intensität, mit der man die Argumentationslinie stützt, dass die Muslime nicht in der Lage seien, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Diese Problematik, das belegen auch andere Studien unserer Stiftung, steht zunehmend im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Das Interessante dabei ist: Integrationsdefizite dieser oder jener Migrantengruppe haben immer existiert. Doch nach dem Jahr 2001 ist die Wahrnehmung der Integrationsdefizite der Muslime viel intensiver geworden. Wahrscheinlich nicht, weil die Muslime weniger integriert geworden sind als vor dem Jahr 2001, sondern weil man die Muslime stärker unter die Lupe nimmt. Dabei zeigen unsere Studien, dass das integrative Potenzial der Migranten und auch der Muslime generell zunimmt. Bei den jungen, ausgebildeten Menschen mit Migrationshintergrund sind Integrationserfolge zu sehen. Dessen sind sich auch die Medien bewusst. Möglicherweise haben deswegen die „generalisierenden Urteile über den Islam und die Muslime“ abgenommen. Diese positive Tendenz darf uns aber die Augen nicht verschließen: Die Integration ist noch nicht komplett. Sowohl die Migranten als auch die Aufnahmegesellschaft haben noch einen Weg vor sich.

Islamische Zeitung: Das ZfT, das früher vor allem auf Forschung über türkeistämmige Migranten konzentriert war, hat sich in den letzten Jahren mehrfach mit Fragen über Islam und Muslime befasst und dazu geäußert. Hat sich die Debatte über Migration und Integration in den letzten Jahren auf eine Debatte über den Islam in Deutschland fokussiert und auch verkürzt? Wenn ja, wie kann dem entgegengewirkt werden?

Dr. Marina Liakova: Ich bin der Meinung, dass man den öffentlichen Debatten nicht entgegenwirken kann oder darf. Die Gesellschaft, die Öffentlichkeit generiert selbst die Themen, die sie für diskussionswürdig und bedeutend hält. An sich ist das öffentliche Interesse am Islam nicht schlecht. Dieses Interesse darf aber nicht reduktionistisch sein und sich nur mit dem Islam als Bedrohung befassen. Der Islam ist eine sehr komplexe Religion, und es ist die Aufgabe der muslimischen Gemeinschaft, diese Komplexität, all die religiösen Zusammenhänge und theologischen Diskussionen, zum Beispiel über die Wertschätzung des Menschen oder über die Rolle der Frauen, in den Vordergrund zu stellen.

Islamische Zeitung: Steht hinter der Art und Weise der Berichterstattung aus Ihrer Sicht eine bestimmte Ideologie oder eine gezielte Absicht, oder ist es die Technik der Medien (kommerzielle Ausrichtung) und die Arbeitsbedingungen der Journalisten (wie etwa weniger Zeit für Recherchen), die dazu führen?

Dr. Marina Liakova: Ich glaube nicht, dass eine bestimmte Ideologie dahinter steht. Die großen Narrativen, die großen Ideologien, zum Beispiel der Nationalismus oder der Kommunismus, gehören der Vergangenheit an. Ich vermute, wenn es zu ungenauen Nennungen oder Interpretationen kommt, liegt dies an den Arbeitsbedingungen der Journalisten. In den zahlreichen Gesprächen, die ich mit Medienvertretern zu diesem Problem geführt habe, habe ich nie den Eindruck gehabt, dass eine gezielte Absicht dahinter steht, die Migranten oder die Muslime in den Medien schlecht darzustellen. Eine Verbesserung der Berichterstattung liegt aber auch an den Muslimen selbst: Wenn mehr Muslime in die journalistische Branche einsteigen, werden sie bestimmt mit dem Thema „Islam“ sensibler umgehen. Ein muslimischer Journalist oder eine muslimische Journalistin sind möglicherweise in der Lage, der breiten Öffentlichkeit Facetten des Islam zu präsentieren, die für einen „Außenstehenden“ verdeckt bleiben würden.

Islamische Zeitung: Im Fazit der Studie wird auch gesagt, dass die Selbstkritik der deutschen Gesellschaft abgenommen habe, gerade auch in der Frage der Integration, wo die Bringschuld zunehmend einseitig auf Seiten der (muslimischen) Migranten gesehen wird. Wie bewerten Sie diesen Trend?

Dr. Marina Liakova: Ich glaube nicht, dass es sich um einen Trend handelt, sondern eher um eine Momentaufnahme. Die Integration ist ein zweiseitiger Prozess und sie kann nur gelingen, wenn beide Seiten, die Aufnahmegesellschaft und die Migranten, sie wollen und praktizieren. Man darf die Schuld nicht auf die „Anderen“ schieben, sondern versuchen, gemeinsam konkrete Lösungen für konkrete Probleme zu finden.

Islamische Zeitung: Die Studie stellt nicht nur ein bestimmtes dominierendes Islam-Bild in den Medien fest, sondern auch eine gestiegene Ablehnung in der Bevölkerung – entgegen der Hoffnung vieler, das Bild von Islam und Muslimen in der Bevölkerung sei letztlich doch weniger negativ als das der Medien. Welche Auswirkungen könnte dieser Trend haben?

Dr. Marina Liakova: Unsere Studie belegt, dass das Verständnis für religiöse Praktiken und Vorschriften bei Deutschen aus Sicht der Migranten hoch ist. Doch gibt es Lebensbereiche, in denen sich die befragten Muslime stärker mit Unverständnis kon¬frontiert sehen als in anderen. Es besteht offenbar ein Zusammenhang, der so auch in anderen empirischen Erhebungen immer wieder gemessen wird, nämlich dass die Erfahrung von Benachteiligung umso wahrscheinlicher wird, je stärker ein Kontaktfeld durch Wettbewerb und Konkurrenz geprägt ist. Am Arbeitsplatz erfahren oder vermuten die Befragten folglich am häufigsten Unverständnis von deutschen Kollegen.

Islamische Zeitung: Wenn Sie einen Ausblick wagen würden, wie schätzen Sie die weitere Entwicklung dieser Thematik ein?

Dr. Marina Liakova:
Die Islam-Problematik wird weiterhin an Bedeutung gewinnen. Es liegt nicht nur an den deutschen Medien, sondern auch an den Muslimen, wie der Islam in der deutschen Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die Muslime sollten viel aktiver ihre Weltanschauung präsentieren und nicht zulassen, dass die politische Konjunktur die mediale Tagesordnung dominiert.

Islamische Zeitung: Sehr geehrte Frau Dr. Liakova, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Die Studie steht unter http://www.zft-online.de/UserFiles/File/Endbericht.pdf zum Download zur Verfügung.
http://www.islamische-zeitung.de

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