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Da habe ich verstanden, wie schwer es sein muss, hier als Muslim zu leben

November 5, 2007

Über eine jüdische Türkin die erzählt, wie der Sultan die Juden aufnahm und ein türkischer Muslim, der Führungen im jüdischen Museum macht

Ihre Mutter schwärmt von den alten Zeiten in Istanbul, als Armenier, Juden und Muslime noch Tür an Tür wohnten. Ihre Großmutter sprach dort sogar noch „Ladino“, auch Judenspanisch genannt. Shlomit Tulgan selbst erlebt oft, dass die Leute „schockiert“ sind, wenn sie sich als jüdische Türkin offenbart. Shlomits Vorfahren mussten vor rund 500 Jahren ihre Heimat in Andalusien verlassen, um vor der Schreckensherrschaft der Kirche zu fliehen. Der osmanische Sultan gewährte damals vielen Juden Zuflucht. Und so kommt es, dass bei der ersten Veranstaltung der Reihe „Begegnungen“ eine Jüdin aus der Türkei einem türkischen Muslim begegnen kann. Man könnte natürlich auch sagen: Hier treffen zwei Berliner aufeinander, die die gleiche Herkunft haben, aber einen unterschiedlichen Glauben.

Veranstaltet wird das Podiumsgespräch im Auditorium des Jüdischen Museums vom islamischen Verein „Inssan“. Der Berliner Verein setzt sich unter anderem zum Ziel, die ethnisch getrennten Gemeinden in einem „deutschsprachigen Islam“ zusammenzubringen. Der Vereinsvorsitzende Imran Sagir moderiert das Gespräch vor 100 Zuhörern und stellt persönliche Fragen. Wie die an den zweiten Gast Ufuk Topkara: Wie kommt es eigentlich, dass er als Muslim im Jüdischen Museum Führungen macht?

Die Antwort ist leicht: Der Geschichtsstudent hatte erfahren, dass die Einrichtung nach einem türkischsprachigen Führer sucht. Gefragt, beworben, Feuer gefangen: Vor kurzem hat Topkara seine Abschlussarbeit in Washington gemacht – über „Deutsche Juden zwischen 1933-35“. Und siehe da: Auch der jüdische Professor stammte aus Istanbul.

Die Kinderbuch-Illustratorin Shlomit Tulgan ist mit einem „amerikanischen Muslim“ verheiratet. „Wie sah eure Hochzeit aus?“, will der Moderator wissen. „Wir sind beide sehr gläubige Menschen“, erklärt die 37-Jährige. Deshalb wollten sie eine religiöse Trauung mit einem Imam und einem Rabbi. Das aber klappte nicht. „Im Islam ist es den Männern erlaubt, eine Frau anderen Glaubens zu heiraten.“ Der Imam war also leicht zu finden. „Eine Jüdin darf aber nur einen Juden heiraten.“ Einen liberalen Rabbiner zu finden, ist dem Paar einfach nicht gelungen. Und wie läuft es mit der islamisch-jüdischen Ehe? Tulgans Antwort fällt kulinarisch aus: „Ich bin froh, dass mein Mann kein Schweinefleisch isst.“ Und die Trennung zwischen „milchiger und fleischiger Küche“ sei kein Problem: „Wir sind beide Vegetarier.“

Es wird ein Abend voller Anekdoten aus dem Leben zwischen den Religionen, zwischen den Kulturen. Es scheint jedoch kein verlorenes „Dazwischen“ zu sein, vielmehr ein gewolltes „Zusammen“. Und daher wird es auch ein Abend der Perspektivenwechsel: Der Moslem Topkara erzählt, wie er durch seinen Job im Jüdischen Museum den alltäglichen Antisemitismus kennenlernt. Von Schülern, die den Eintritt nicht bezahlen wollen, „weil das Geld nach Israel geht“. Der junge Türke findet das „ziemlich frustrierend“.

Die Jüdin Tulgan dagegen hat vor kurzem versucht, auf der Frankfurter Buchmesse einen Verleger für ihr Kinderbuch über den Islam zu finden. Gefunden hat sie vor allem Ablehnung: „Wir sind ein deutscher Verlag“, sei die häufigste Antwort gewesen. „Da habe ich verstanden, wie schwer es sein muss, hier als Muslim zu leben“, sagt Tulgan.

Immer wieder gibt es zustimmendes Nicken aus dem Publikum. Vielleicht könne ja Berlin ein beispielhaftes Übungsterrain für den interreligiösen Dialog werden, heißt es. „Warum nicht“, meint Ufuk Topkara und erinnert an Preußen-König Friedrich II. Der hatte den Nutzen von Multikulti früh erkannt: „In meinem Staat soll jeder nach seiner Façon selig werden.“ (Erstveröffentlichung am 26.10.2007 in der TAZ, mit freundlicher Genehmigung der TAZ-Redaktion)

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