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Auf dem Weg ins Mittelalter – Katastrophale Zustände im Irak

November 2, 2007

sauberes Trinkwasser (Foto: dpa/dpaweb)Miserable Straßen, eine Stromversorgung, die auf wenige Stunden am Tag beschränkt ist, schlecht ausgestattete Schulen und Krankenhäuser. Das sind nur einige Beispiele für eine mangelhafte Infrastruktur im Irak. Auch um sie dürfte es bei der Irakkonferenz heute in Istanbul gehen.

Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Amman

Für den italienischen Arzt Georgio Frangia, der seit fast 15 Jahren im Irak humanitäre Arbeit leistet und derzeit im nördlichen Erbil sein Büro hat, ist das größte Problem beim irakischen Wiederaufbau die Wasserversorgung: „Wasser ist das Problem Nummer 1 im Irak. In allen Bereichen: Trinkwasser, landwirtschaftliche Bewässerung, Versalzung, die Wassermenge nimmt ab. Wasser ist sogar wichtiger als Al Kaida und der Krieg.“ Das Wasserproblem werde sich auf die Zukunft des ganzen Landes auswirken, so Frangia.

Spektakulär sind die jüngsten Nachrichten von jenem Staudamm nördlich der Stadt Mossul, der zu bersten droht. Die enorme Flutwelle, die dabei frei würde, könnte das Zweistromland bis Bagdad überspülen und etwa eine halbe Million Menschen mit sich reißen – in den Tod.

Dieser Staudamm, der 1984 eingeweiht wurde, steht symbolisch für das gesamte irakische Wassersystem: Mit Beginn des Iran-Irak-Krieges 1980 wurde es zunehmend vernachlässigt und den neuen Projekten lagen halbgare Planungen zu Grunde.

Hohe Kindersterblichkeit

Weit weniger spektakulär als der Staudamm, aber nicht weniger tödlich ist das marode Wasserleitungsnetz. Vielerorts sind die Rohre so brüchig, dass Trinkwasser und Abwasser sich vermischen. Die Folge sind Durchfallerkrankungen, die häufig tödlich verlaufen. So stirbt – laut Uno – im Irak jedes achte Kind vor Vollendung seines fünften Lebensjahres. Und 70 Prozent dieser Todesfälle sind auf Durchfall zurückzuführen.

Ein weniger bekanntes Problem ist, dass in manchen Gebieten des Irak die Wasserleitungen gar nicht ausreichen, sodass sich die Menschen ihre eigenen Brunnen gebohrt haben. Das Wasser allerdings wird in den seltensten Fällen mit Chlor behandelt. Ein Paradies für Bakterien.

Cholera-Ausbruch im Norden des Irak

In Kirkuk und Sulemaniya – im Norden des Landes – hatte das seit August fürchterliche Konsequenzen, wie Frangia berichtet: „Dieses sogenannte Oberflächengrundwasser wurde im August kontaminiert – mit Cholera-Bakterien. Und mit dieser Kontaminierung breitete sich eine Epidemie aus, weil die Menschen das Wasser getrunken haben.“

Eine Epidemie, die im Irak mehrere Tausend Cholerafälle hervorrief – und mittlerweile auch auf Iran übergriff. Die Symptome bei einer Infektion: So starker Durchfall, dass ein Erkrankter pro Tag mehrere Liter Wasser verliert und daran sterben kann. Die Gegenmaßnahme sind sofortige Hydrierung und die Bekämpfung der Ursache, also der Cholera-Bakterien.

Frangia hat im Namen der Hilfsorganisation Qandil ein Programm erstellt. Das sieht zwei Maßnahmen vor: „Die Quellen werden mit Chlor versetzt, wo immer unsere 20 Teams sie finden. Außerdem sollen die Teams den Leuten beibringen, wie sie selbst Chlortabletten verwenden können.“

Keine Chlortabletten erhältlich

Langfristig muss aber weiterhin die Infrastruktur des Irak aufgebaut werden – mit einem Wasserleitungssystem, das den Namen auch verdient. Georgio Frangia und seinen Kollegen fehlt aber bisher selbst das Mindeste, um den Kampf gegen die Epidemie überhaupt beginnen zu können: „Wir haben genügend Geld, um etwa 20 Teams zu finanzieren. Und nun warten wir, dass endlich die Chlortabletten kommen. Es gibt zurzeit keine auf dem Markt – weder hier noch in Jordanien. Wir stecken fest. Und solange wir die Chlortabletten nicht haben, können wir nur hoffen, dass die Epidemie von selbst stoppt.“

http://www.tagesschau.de/ausland/irakkonferenz4.html

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