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Loyalitätsparanoia schadet Deutschland

Oktober 25, 2007

Moid nouripourSeine erste Erklärung klang schwer missverständlich. „Es gibt politische Gründe. Jeder weiß, dass ich Deutsch-Iraner bin.“ Sympathisiert hier jemand mit den Plänen des iranischen Staatspräsidenten Ahmadinedschad, Israel „auszuradieren“?

So einfach, so schlecht. Hinter dieser verunglückten Aussage scheint nämlich etwas anderes zu stehen: nicht antisemitisches Verhalten, sondern ein ganz banaler, lebenspraktischer Grund, der einen jungen, unpolitischen Menschen in eine Zwickmühle bringt. Denn für den Iran sind Doppelstaatler wie Dejagah nur Iraner. Das heißt gleichzeitig, dass er nach dem iranischen Gesetz nicht nach Israel einreisen darf. Ein Hinweis auf dieses Gesetz ist in jedem iranischen Pass eingestempelt, mit dem Hinweis auf drohende Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren.

Davor hat Dejagah Angst. Er hat Verwandte im Iran, die er jährlich besucht, sein Bruder spielt in der ersten iranischen Fußball-Liga. Der junge Mann fühlt sich für seine Verwandten verantwortlich. Das können wir ihm nicht verdenken. Zumal die politische Situation im Iran derzeit von einer Stimmung der Bedrohung und Angst geprägt ist. Allein im Jahr 2007 gab es bisher 150 Hinrichtungen. So erschreckend viele wie lange nicht mehr. Selbstverständlich muss sich Dejagah als Deutscher zu unseren Werten bekennen – auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte. Diese Pflicht ist umso größer, wenn er Deutschland als Nationalspieler repräsentiert. Aber wenn er in einer persönlichen Ausnahmesituation, die rechtlich nicht viele Menschen in Deutschland betrifft, seine Familie schützen will, muss man das akzeptieren. Für die antiisraelischen Gesetze im Iran ist er nicht verantwortlich.

Die Diskussion wird dennoch so heiß geführt, weil sie den Kern der deutschen Identitätsdebatte berührt: Kann jemand mit zwei kulturellen Identitäten, wenn nicht sogar mit zwei Pässen, loyal zu Deutschland sein? Da spielt es in der Diskussion keine Rolle mehr, dass Dejagah seinen iranischen Pass gar nicht abgeben kann, weil der Iran prinzipiell niemanden aus der Staatsbürgerschaft entlässt. Dejagah kann Iraner und Deutscher sein – als Nationalspieler ist er nur Deutscher. Das geht zusammen. Ich habe auch zwei Pässe, den deutschen und den iranischen. Als Bundestagsabgeordneter ist es für mich unzweifelhaft, dass ich Deutscher bin. Das Existenzrecht Israels als Primat der deutschen Außenpolitik ist dabei selbstverständlich. Grundsätzlich gilt: Viele Einwanderer sind integriert, ohne Rückkehrabsichten. Trotzdem sind sie emotional mit ihrer alten Heimat so verbunden, dass eine Rückgabe ihres alten Passes die Aufgabe eines Stücks Identität bedeutete. Deutsche sind sie trotzdem.

Dies zu verkennen verschließt uns Potenziale. Die Briten schicken seit über 150 Jahren indisch-stämmige Diplomaten nach Indien, weil sie Brücken bauen können. Wir schicken sie überall hin, nur nicht nach Indien – aus Angst vor Loyalitätskonflikten. Diese Loyalitätsparanoia erhitzt die Gemüter in der Mitte der Gesellschaft. Schaut man sich im Fall Dejagah Diskussionsforen im Internet an, geht es kaum um Israel, sondern um die Frage, wie ein Iraner deutsch sein kann. Er kann.

 

Welt

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