Skip to content

Mit Perücke auf den Campus

September 21, 2007

PerueckeDass Filiz als Kopftuchträgerin überhaupt an der Bosporus-Universität studieren kann, verdankt sie einer schwarzen Kunsthaar-Perücke. Die zieht sie vor dem Betreten des Campus über ihr Kopftuch.

Istanbul – „Cankaya – das möchte ich auch mal gern von innen sehen“, sagt Filiz. Cankaya, so nennt man im Volksmund den Amtssitz des türkischen Staatspräsidenten – nach dem Stadtteil von Ankara, in dem sich das weitläufige Areal des Präsidentenpalastes befindet. Filiz hat bisher keine Einladung nach Cankaya bekommen. Denn erstens ist sie keine Politikerin oder Prominente, sondern eine 22-jährige Studentin. Und zweitens trägt sie den „Türban“, das Kopftuch, mit dem strenggläubige Muslima ihr Haar verhüllen. Und das wird, bisher zumindest, in staatlichen Institutionen nicht geduldet. Ihren Nachnamen will die junge Türkin nicht in der Zeitung sehen, auch nicht ihr Foto. „Denn dann bekäme ich vielleicht Schwierigkeiten an der Uni – dort werden wir ja immer noch diskriminiert“, erklärt die Studentin. „Aber das wird sich hoffentlich bald ändern. Schließlich haben wir jetzt einen neuen Präsidenten.“

Seit drei Wochen ist Abdullah Gül Staatsoberhaupt der Türkei. Cankaya, bisher eine Bastion der säkularen Elite, werde unter dem neuen Hausherrn zu einem Brückenkopf der islamischen Unterwanderung der Türkei, fürchten Güls Gegner. Sie nehmen nicht nur Anstoß an der politischen Vergangenheit des neuen Präsidenten, der in den 90er Jahren der fundamentalistischen Wohlfahrtspartei angehörte. Auch das Kopftuch der Präsidentengattin Hayrünnisa Gül sorgt für heftige Kontroversen.

Zwar blieb die First Lady bisher in ihren Gemächern. Bei den Staatsempfängen des neuen Präsidenten wurden weder seine Gattin noch andere Kopftuchträgerinnen gesichtet. Doch das beruhigt Güls Gegner nicht. Denn nun rührt die islamisch-konservative Regierung an ein Tabu: Sie will das Kopftuchverbot an den türkischen Universitäten abschaffen. Man dürfe jungen Frauen nur wegen ihrer Kleidung nicht die Möglichkeit einer Universitätsausbildung verweigern, argumentiert Ministerpräsident Tayyip Erdogan. Einen entsprechenden Artikel will der Premierminister in die neue türkische Verfassung aufnehmen.
Filiz sieht im Koptuchbann eine Beleidigung

„Das wurde auch Zeit“, sagt Filiz. Sie sieht in dem Kopftuchbann eine Benachteiligung: „Das verstößt doch ganz klar gegen die Religionsfreiheit“, betont die 22-Jährige. „Erdogan hat uns schon vor fünf Jahren versprochen, das Verbot abzuschaffen, hoffentlich setzt er sich jetzt endlich durch.“

Filiz zieht den Ärmel ihrer Jacke, der etwas hochgerutscht war, rasch wieder über das Handgelenk. „Die Arme müssen ganz bedeckt sein“, erklärt die junge Frau. Ihr langes Gewand reicht fast bis auf den Boden und ist weit geschnitten. „Man darf die Linien des Körpers nicht erkennen.“ Ein fest anliegendes Stirnband verdeckt den Haaransatz, das Kopftuch verhüllt auch Nacken und Hals.

Filiz kommt aus einer strenggläubigen Familie. Sie zog vor 14 Jahren aus Nevsehir, einer Kleinstadt in Zentralanatolien, nach Istanbul. Das Kopftuch trägt Filiz seit ihrem zehnten Lebensjahr. „Das war damals meine Entscheidung“, erzählt sie, „niemand hat mich dazu gezwungen.“ Andererseits räumt sie ein: „Diskutiert wurde darüber in der Familie nicht.“ Sie sei „ganz stolz“ gewesen, als ihre Mutter ihr das Kopftuch zum ersten Mal umband. „Ich fand das sehr schick und fühlte mich fast erwachsen“, erinnert sich Filiz. Die Frage, ob sie ihre Kleidung für attraktiv hält, findet sie falsch gestellt: „Ich will doch gerade nicht attraktiv sein, ich will nicht die Blicke von Männern auf mich ziehen“, erklärt sie entrüstet.

Dass Filiz als Kopftuchträgerin überhaupt an der Bosporus-Universität studieren kann, verdankt sie einer schwarzen Kunsthaar-Perücke. Die zieht sie vor dem Betreten des Campus über ihr Kopftuch. Wie Filiz machen es viele Kopftuch tragende Studentinnen, so zum Beispiel auch die Tochter von Staatspräsident Gül. Andere, die es sich leisten können, studieren im Ausland. So schickte Ministerpräsident Erdogan seine beiden Töchter zum Studium in die USA. Dort konnten sie ihr Kopftuch tragen.

Für die Erdogans und die Güls ist die Kopftuchfrage auch ein persönliches Anliegen. Die Ehefrauen Emine und Hayrünnisa wurden wegen ihrer Kopftücher bisher nicht zu Staatsempfängen eingeladen. Dem früheren Präsidenten Ahmet Necdet Sezer kam keine Frau mit Kopftuch über die Schwelle von Cankaya.

Auch die türkischen Militärs meiden jeden Kontakt zu Kopftuchträgerinnen. Sie behandeln sie geradezu wie Aussätzige. Erdogan muss sich deshalb auf erbitterten Widerstand der Generäle und der weltlich orientierten Elite einstellen, wenn er nun das Kopftuchverbot aufheben oder wenigstens lockern will.
Unirektoren legten Einspruch ein

Auch die türkischen Universitätsrektoren haben bereits entschiedenen Einspruch angemeldet. Sie fürchten wachsenden sozialen Druck islamistischer Zirkel auf nichtreligiöse Studentinnen, ebenfalls das Kopftuch zu tragen. Der türkische Generalstaatsanwalt Abdurrahman Yalcinkaya warnt eindringlich vor einer Aufhebung des Banns. Sie würde „Chaos und Polarisierung“ und „eine Welle der Wut und des Hasses“ auslösen.

Die Verfechter des Kopftuchverbots wollen sich nicht geschlagen geben. Ob es für Erdogans geplanten Verfassungsartikel im Parlament eine Zweidrittelmehrheit geben wird, ist ungewiss. Selbst wenn: langwierige Verfahren vor dem Verfassungsgericht könnten folgen.

Für Filiz wäre die Aufhebung des Banns „ein erster Schritt auf einem langen Weg“. Damit allein, so sagt sie, „wird unsere Diskriminierung allerdings noch nicht beendet“. Einstweilen muss die angehende Betriebswirtin für ihr Kopftuch Opfer bringen: „Bei vielen Unternehmen brauche ich mich gar nicht erst um einen Job zu bewerben. Die meisten großen Konzerne und die Banken stellen prinzipiell keine Kopftuchträgerinnen ein.“ Außerdem hätten solche Unternehmen oft nicht einmal Gebetsräume für die Angestellten, bemängelt Filiz. Sie will sich nach dem Studium einen „frommen“ Arbeitgeber suchen.

von Gerd Höhler/ ksta

4 Kommentare leave one →
  1. Burak permalink
    Januar 18, 2008 3:00 am

    Die Türkei WIRD LAIZISTISCH bleiben! Daran werden die Islamisten Erdogan, Gül und Co nichts dran ändern können! Verfassungsschutz und Millitär, sie sind die einzige Hoffnung, dieses zum großen Teil islamisierte und ungebildete Volk wieder auf die Schienen ATATÜRK’s zu führen und die Islamisten hinter Gitter zu setzen. Bitte übernehmen sie!

  2. Januar 23, 2008 11:26 am

    das Volk wird entscheinden und nicht die Kemalistische Elite und die Militaer!

  3. antigona permalink
    Mai 6, 2008 7:36 pm

    Hoffentlich gibt es endlich die nötigen Reformen; damit die Türkei ein moderner und aufgeschlossener Staat wird, der Menschen nicht nach dem, was sie auf dem Kopf tragen, sondern nachdem, was sie im Kopf haben, beurteilt.
    Schluß mit dem Schubladendenken und Diskriminieren! Eine Gruppe von Menschen, die zudem zu der Mehreheit gehört, von der höheren Bildung auszuschließen ist einfach nur Diskriminierung. Wem gehört der Staat? Dem Volk sicher nicht.

  4. nadja permalink
    Januar 7, 2009 12:36 pm

    Der Begriff Religions FREIHEIT ist in diesem Zusammenhang wohl doch etwas falsch gewählt. Es geht einfach mal nicht um Freiheit und freie Entscheidung. Wer seine Religion ausüben möchte kann das „frei“ nach der Uni oder der Schule machen. Religiöse Attribute die man noch nicht mal „frei“ ablegen kann sondern sie tragen muss, so wie das Kopftuch haben deshalb meiner Meinung nach in öffentlichen Einrichtungen nichts zu suchen. Es sollte selbstverständlich jedem und jeder freigestellt sein, seine Religion innerhalb seiner kirchlichen Institution frei auszuleben.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: