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Fatwa gegen Ehrenmorde

September 21, 2007

FadlallahDer libanesische Sheikh und geistliche Führer Fadlallah hat Ehrenmorde als Verbrechen bezeichnet. Kein Einzelner dürfe eine andere Person töten. Dafür drohe ihm im Jenseits das Höllenfeuer.
Sheikh Hussein Fadlallah hat im Internet eine Fatwa, ein religiöses Gutachten, gegen die «Ehrenmorde» veröffentlicht. Der 73-Jährige ist der wichtigste Ayatollah, also schiitische Geistliche, in Libanon und gilt als geistiger Führer des Hizbullah. Bedenkt man, dass der Hizbullah zu den radikalsten und konservativsten islamischen Einrichtungen gezählt wird, verblüffen Fadlallahs Worte umso mehr: «Die sogenannten Ehrenmorde sind ein mit keinem Argument entschuldbares Verbrechen.»

Es ist gut, hat ein wichtiger muslimischer Sheikh Klartext gesprochen zum schlimmen Phänomen «Ehrenmorde». Viel zu oft schweigen die Ulemas zu den grossen Verbrechen im Nahen Osten, denen fast immer das Deckmäntelchen des Islams umgehängt wird. Wie Fadlallah richtig bemerkt, sind die «Ehrenmorde» längst kein Kuriosum mehr, sondern befinden sich auf dem Vormarsch. Insbesondere in Jordanien und Libanon, aber auch in Palästina töten immer häufiger Männer ihre Töchter, Schwestern oder Ehefrauen, weil sie sich angeblich unmoralisch benehmen, also ausserehelichen Sex haben. In Palästina werden «Ehebrecherinnen» oder Frauen, die auf andere Art «Unzucht treiben», häufig aufgefordert, ihre Ehre mit einem Selbstmordattentat reinzuwaschen. Fadlallah spielt offenbar auch auf diese Erscheinung an. «Ehrenmorde» werden grundsätzlich von Männern an Frauen verübt. Das genügt Fadlallah schon als Argument gegen die Rachetötungen. Er schreibt: «Die Männer, die Ehrenmorde verüben, empören sich nicht darüber, wenn ihre männlichen Verwandten die Ehe brechen. Doch das Gebot der Keuschheit gilt im Islam für beide Geschlechter.» Weiter schreibt Fadlallah, dass nicht das Gefühl von Ehre und Würde diesen Morden zugrunde liege, sondern eine überholte patriarchalische Stammesmentalität. Der Islam verdamme die Ehrenmorde auch deshalb, weil ihnen meistens Verdächtigungen und Gerede zugrunde lägen.

Fadlallah hat recht. Der Islam sieht zwar für Ehebruch und vorehelichen Sex eine schwere Sühnung vor, relativiert aber die Bestrafung geschickt dadurch, dass Beweise erbracht werden müssen, die eigentlich kein Mensch liefern kann. So müssen vier Augenzeugen unter Eid schwören, den Ehebruch, und zwar die eigentliche Penetration (Knutschen genügt nicht für eine Verurteilung), gesehen zu haben! Für kritische Muslime ist das eine klare Absage an die Gerüchteküche um sämtliche Begegnungen zwischen Männern und Frauen.

Schliesslich bringt Fadlallah noch ein schlagendes Argument gegen die Ehrenmorde: Ein Verbrechen darf niemals von einem Individuum geahndet werden, sondern nur von einem Gericht. Wer auf eigene Faust einen Verdächtigen töte, mache sich selbst eines viel grösseren Verbrechens schuldig, schreibt der Ayatollah. Er müsse im Diesseits eingesperrt werden; im Jenseits erwarte ihn für die grosse Sünde das Höllenfeuer.

NZZ online

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