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Ein Leben zwischen den Welten

September 21, 2007

DeutschkursesAm Ende des Deutschkurses sprechen muslimische Frauen über ihre Lebenslage zwischen den Kulturen.
VON KIRSTEN BOLDT

„Ich will wieder zurück nach Gaza.“ „Wieso das denn? Es ist hier viel besser! Hier ist doch kein Krieg. Hier hast du Chancen!“ „Nein. Ich habe studiert. In meiner Heimat war ich Lehrerin. Hier kann ich nur putzen. Ich will zurück. Auch wegen unserer Kinder. Hier gehen Mädchen und Jungen in eine Schule. Das ist nicht gut.“ „Aber wenn deine Kinder krank werden, dann findest du doch in Palästina keine Hilfe. Die medizinische Versorgung ist hier viel besser.“

Hin und her fliegen die Argumente im Seminarraum des Begegnungs- und Fortbildungszentrums muslimischer Frauen. In wenigen Tagen werden die 20 Frauen ihre Prüfung für das Zertifikat Deutsch ablegen. Fragen danach, wie es ihnen geht mit ihrem neu erworbenen Sprachschatz und mit ihrem Leben in Köln, lassen Dämme brechen. Westliche und islamische Werte, sie scheinen nahezu unvereinbar zu sein. Die Frauen ringen um eine Lebensweise zwischen den Welten.

Hilda Abuzraik ist die Lehrerin, die von einer Rückkehr in ihre Heimat träumt. Erst seit gut einem Jahr ist die 30-Jährige in Köln. Ihre Ehe mit einem palästinensischen Mann aus Deutschland wurde arrangiert. Die kluge junge Frau hat sich eingehüllt in die Tracht ihres Landes, ein Stück Heimat hautnah. Die Gegenargumente kommen von Manal Ahmed, einer 45 Jahre alten Ägypterin. Sie war ebenfalls Lehrerin, wie sie erzählt, trägt westliche Kleidung, kein Kopftuch und kann großes Verständnis für die Nöte der palästinensischen Frau zeigen: „Ich bin jetzt zehn Jahre hier. Ich bin auch zweimal mit den Kindern nach Ägypten, aus Heimweh. Aber jedes Mal ging es mir da noch schlechter, besonders als die Kinder krank wurden, und dann bin ich wieder zurückgekommen. Mein Mann kann hier auch nur Taxi fahren. Aber jetzt ist es für uns in Ordnung.“


Erfahrungen wie diese sind Erika Theißen seit langem bekannt. Die deutsche Muslimin hat das Begegnungs- und Fortbildungszentrum vor mehr als zehn Jahren gegründet. Mehrere Tausend Frauen haben inzwischen von ihrem Engagement und dem ihrer Mitstreiterinnen profitiert, der Deutschkursus ist nur ein Teil des Angebotes. „Junge Frauen wie Hilda Abuzraik geraten in eine Pendelbewegung zwischen ihrer Heimat und Deutschland. Nahezu alle Ehen sind arrangiert, und die Frauen wissen kaum, was auf sie zukommt. Da reisen sie dann hin und her und sind nirgends mehr richtig zu Hause.“ Diese Frauen müssen etwas schaffen, wofür selbst Soziologen und Religionsexperten derzeit keine Lösungen haben: praktikable, akzeptierte Umgangsweisen zu entwickeln angesichts von Wertesystemen, die einander fast ausschließen.

Das Erlernen der deutschen Sprache ist dafür ein erster, wichtiger Schritt. Auch für die anderen Teilnehmerinnen, die aus dem Kongo stammen, Tunesien, Irak, Kamerun, Nigeria, Marokko und Kurdistan. Jüngere und ältere, Heimweh-Kranke und Auswanderungsfreudige. 600 Stunden Deutsch büffeln haben sie nun in die Lage versetzt, miteinander reden zu können und Ansichten auszutauschen.

Einige Frauen schätzen den neuen Wortschatz noch aus anderen Gründen: „Ich kann jetzt lesen, was ich unterschreiben soll.“ Das sei besonders wichtig, meint Theißen. Immer wieder seien Frauen hoch verschuldet, weil ihre Männer ihnen verhängnisvolle Schreiben zur Unterschrift vorgelegt hätten, ohne sie über die wahren Inhalte aufzuklären. „In unserer Schuldnerberatung ist dieser Fall sehr häufig.“

Was vielen Frauen zu schaffen mache, sei die Einsamkeit. Sie vermissen ihre Familie, ihre Geschwister. Als eine der Kursteilnehmerinnen gesteht, oft sehr traurig zu sein und dann zu weinen, raunen andere leise „Ich auch.“ „Es ist so ruhig in Deutschland“, meint eine junge Frau. „Im Libanon ist immer Trubel.“ „Ich habe mich anfangs ebenfalls einsam gefühlt“, verrät Shady Mahmood, seit drei Jahren in Köln. „Aber jetzt geht unser Kind in einen deutschen Kindergarten. Seitdem geht es mir viel besser.“


Zur Traurigkeit kommen Wut und Empörung darüber, wie sie als ausländische Frauen hierzulande angesehen werden. „Wir sind keine Hartz-IV-Empfänger“, meint eine Frau. „Aber unsere Berufsabschlüsse und unsere akademischen Abschlüsse gelten hier nicht. Wir können nur putzen und babysitten, unsere Männer Taxi fahren.“ Wie die Zukunft für die Frauen aussehen wird, kann Erika Theißen schon erahnen: „Die, die eine Chance haben in ihren Heimatländern, die gehen wieder. Das sind die, die gut ausgebildet sind.“

Kölner Stadt-Anzeiger

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