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Allahs langer Schatten

September 20, 2007

(hpd) Die öffentliche Diskussion um den Islam und die Muslime schwankt je nach Akteur und Situation zwischen Dramatisierung und Verharmlosung, Hysterie und Ignoranz hin und her. Differenzierte Sichtweisen habe es da schwer! Eine Einseitigkeit der Kontroverse, die in der Beschwörung von Angst vor dem Islam besteht, will der Islamwissenschaftler und Politologe Michael Lüders mit seinem Buch „Allahs langer Schatten“ etwas entgegen setzen. In dem journalistischen Werk soll entsprechend des Untertitels erklärt werden, „warum wir keine Angst vor dem Islam haben müssen“. Insofern bildet auch folgende Aussage die Kernthese des Buches: „Doch im Westen verstärken sich noch die Feindbilder. Wir scheinen Gefangene unserer emotionalen Ablehnung des Islam zu sein, die gleichzeitig Ausdruck ist von Angst“ (S. 139).

 


Lüders Buch gliedert sich in zwei Teile: Zunächst unternimmt er einen Streifzug durch die Geschichte von Mohammed und dem Koran über den Aufstieg und Niedergang der islamischen Hochkultur bis zum Aufkommen des islamischen Fundamentalismus. Danach geht der Autor auf die aktuelle Situation ein, wobei die westliche Politik in Afghanistan und im Nahen Osten angesichts der Fehler im „Kampf gegen den Terror“ kritisiert wird. Integriert in die jeweiligen Ausführungen finden sich Kapitel mit Information zu den wichtigsten Begriffen und Glaubensinhalten des Islam und den unterschiedlichen Akteuren im Konflikt in Afghanistan, Iran und Nahost. Leider verzichtet Lüders auf Belege und Literaturhinweise, was die Nutzung seines Buchs als Gesamtdarstellung und Nachschlagewerk minimiert.

Inhaltlich möchte der Autor zwei Hauptthesen, welche sich durch das ganze Buch ziehen, vermitteln: „Zum einen würden wir über die jüngste der monotheistischen Religionen anders denken, wenn wir mehr über ihren Werdegang, die theologischen Inhalte und kulturellen Leistungen wüssten“. Und: „Zum anderen schaffen wir uns unsere Feinde in der islamischen Welt seit kolonialen Zeiten zu einem erheblichen Teil selbst“ (S. 13). Für beide Aussagen vermag Lüders überzeugende Argumente und Fakten vorzutragen.

Gleichwohl nimmt er, um die eine Einseitigkeit zu kritisieren, selbst eine Position der anderen Einseitigkeit ein. So angemessen es ist, bestimmte Ereignisse aus der Geschichte des Islam in ihrem historisch-politischen Kontext zu sehen, so gestattet dies doch nicht, die damit verbundenen Vorkommnisse unkritisch zu bewerten. Dies gilt etwa für die Ausführungen zur Eroberungspolitik im Namen des Islam. Auch der inhaltlich zutreffende Verweis darauf, im Namen des Christentums sei weitaus schlimmer gewütet worden, trägt hier nicht. In der christlich geprägten Welt besteht heute ein kritisches Bewusstsein über diese Untaten, von einer solchen Einstellung kann für die gegenwärtige islamisch geprägte Welt wohl kaum gesprochen werden.

Gleichwohl verdienen Lüders diesbezügliche Ausführungen Interesse, vermitteln sie doch so Eindrücke von der arabischen Perspektive der Geschichte. Auch für die Bewertung der gegenwärtigen Situation finden sich bei ihm beachtenswerte Aussagen wie etwa „Die Paradoxie westlicher Politik liegt doch gerade darin, dass sie ihre Feinde in der arabisch-islamischen Welt zu einem großen Teil selbst erschafft, deren Entstehen und Wachsen aber dem Islam zuschreibt …“ (S. 172f.).


Solchen Interpretationen stehen dann aber wieder problematische Aussagen gegenüber, etwa wenn die Angst vor dem Islam der Gegenwart mit dem Antisemitismus der Vergangenheit gleichgesetzt wird. Hier handelt es sich gleich mehrfach um eine schiefe Perspektive. Darüber hinaus: Jüdische Randgruppen führten zu keiner Zeit Terroranschläge in der westlichen Welt durch und erhielten dafür auch nicht von bedeutenden Teilen ihrer Bevölkerungsgruppe Beifall.


 


Armin Pfahl-Traughber


Michael Lüders, Allahs langer Schatten. Warum wir keine Angst vor dem Islam haben müssen, Freiburg 2007 (Herder-Verlag), 223 S., 19,90 €

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