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Konvertiten fördern die Integration

September 14, 2007

KonvertmuslimSie geben Deutschunterricht, hinterfragen patriarchale Strukturen und passen den Islam an den deutschen Lebensstil an: Konvertiten sind zu Unrecht in Misskredit gebracht worden, meint die Anthropologin Esra Özyrek.
In der deutschen Presse war in den letzten Tagen viel über deutsche Muslime und eine (un-)heimliche Gefahr für die deutsche Gesellschaft zu lesen.

Als Anthropologin, die ein Jahr lang ethnographische Forschung unter deutschen Muslimen gemacht hat, bot sich mir ein vollkommen anderes Bild. Ebenso wie es falsch wäre, anzunehmen, dass alle Linken in Deutschland potenzielle Mitglieder oder sogar Unterstützer von gewaltbereiten Organisationen wie der RAF seien, wäre es ein Fehler, Zehntausende friedlicher, gesetzestreuer, zum Islam konvertierter Deutscher mit den beiden Konvertiten in einen Topf zu werfen, die letzte Woche während der Planung massiver Anschläge verhaftet wurden. Vielmehr sind ethnische Deutsche, die zum Islam konvertieren, für Deutschland ein Gewinn, da sie als Vermittler zwischen muslimischen Immigranten und dem nicht-muslimischen Deutschland fungieren und damit zur Schaffung einer gutintegrierten deutschen Gesellschaft beitragen.

Während meiner Forschung traf ich Dutzende von Deutschen, die den Islam angenommen hatten. Mit einigen führte ich formelle Interviews über die Art und Weise, wie der Islam Teil ihres Lebens geworden war und was sich dadurch für sie verändert hatte. Mit anderen hatte ich die Gelegenheit, engere Beziehungen zu entwickeln und sie im Laufe des Jahres als Menschen näher kennen zu lernen. Eines der bedeutsamsten Ergebnisse meiner Studie war die Beobachtung, dass ethnisch deutsche Muslime, die in einer der handvoll deutschsprachigen muslimischen Gemeinden aktiv sind, eine ungemein wichtige Brückenfunktion zwischen den praktizierenden Muslimen mit Migrationshintergrund und der (post-) christlichen deutschen Gesellschaft ausüben.

Beharrliche Nachfrage nach deutschsprachigen Angeboten

Historisch gesehen hatten viele der immigrierten Muslime keinen hohen Bildungsstand, weshalb die deutschen Konvertiten zum Islam eine wichtige Rolle dabei spielten, deren Interessen und Bedürfnisse gegenüber den deutschen Behörden und auch den Medien zu artikulieren. Heute tragen viele deutsche Konvertiten, die zu bescheiden sind, führende Positionen einzunehmen, durch weniger sichtbare Tätigkeiten zu einer Verbesserung der Situation von eingewanderten Muslimen bei. Sie geben ihnen in Moscheen Deutschunterricht, erleichtern ihnen den Zugang zu gesetzlichen Institutionen indem sie Polizeibeamte mitbringen, die Kurse vor der muslimischen Gemeinde geben, arbeiten als Lehrer in Vorschulklassen, die von Immigrantenkindern besucht werden und übernehmen oft die Aufgabe, Leserbriefe an Zeitungen zu schreiben, wenn sie eine ungerechte Behandlung der Muslime oder des Islams in Deutschland wahrnehmen.

Man sieht die islamischen Konvertiten meist in vorderster Reihe, wenn es darum geht, Dialoge zwischen Christen und Muslimen zu initiieren. Wenn Schulen oder andere Gruppen bei Moscheen wegen eines kurzen Vortrags über den Islam anfragen, treffen sie ebenfalls häufig auf deutsche Muslime, die ehrenamtlich diese oft sehr anspruchsvolle Aufgabe übernehmen. Die meisten Konvertiten, die ich traf, sind bereit, diese Arbeit zu leisten, weil ihnen eine gute Kommunikation zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen sowohl persönlich als auch politisch sehr wichtig ist.

Der wahrscheinlich wichtigste Beitrag deutscher Konvertiten zum muslimischen Leben in Deutschland ist ihre beharrliche Nachfrage nach deutschsprachigen Angeboten und deutschem religiösen Unterricht in den Moscheen. In nur sieben von über neunzig Moscheen und Gebetsräumen in Berlin ist Deutsch meines Wissens die allgemeine Verkehrssprache. In all diesen Moscheen sind deutsche Konvertiten sehr aktiv. Wenn islamische Gelehrte auf Deutsch Unterricht geben, stellen die Konvertiten pausenlos Fragen, um herauszufinden, was nur eine „Tradition“ und was „essentiell“ islamisch ist. Diese eifrigen Bemühungen ermöglichen ihnen dann, die islamische Praxis an ihren Lebensstil im heutigen Deutschland anzupassen.

Während die meisten gläubigen Muslime den Ausdruck „deutscher Islam“ nicht mögen, weil sie die Auffassung vertreten, dass es nur einen Islam gibt, sind Konvertiten zum Islam die Ersten, die diesen Ausdruck verwenden, wenn deutscher Islam bedeutet, diese Religion auf eine Art und Weise anzunehmen, die zu der Kultur und dem alltäglichen Leben in Deutschland passt. Zum Beispiel entwerfen deutsche muslimische Frauen einfache Kleidung, die nicht glänzt und glitzert und damit den Geschmack vieler deutscher Konvertiten eher trifft als der letzte modische Schrei aus der islamischen Welt.

Deutsche Konvertiten, die es von Kindheit an gewohnt sind, mit Hunden im Haus zu leben, halten sich außerdem gerne an die Aussage von Imam Malik, den Begründer der malikitischen Schule, dass der Körperkontakt mit Hunden die rituelle Reinheit für das Gebet nicht beeinträchtigt und die Gebetswaschung nicht annulliert. Sicherlich nur ein winziges Detail, aber eines, das zeigt, wie Konvertiten oft einen Weg finden, ihre islamische Praxis an das Leben in Deutschland und ihre gewohnte Kultur anzupassen.

Frauen spielen Badminton und Volleyball, Männer Schach

Ein weiterer bedeutender Beitrag deutschsprachiger Moscheen, der von deutschen Konvertiten unterstützt wird, ist die Tatsache, dass hier Muslime mit ganz verschiedenen kulturellen und nationalen Hintergründen zusammen kommen. In Berlin kann man nur im Deutschsprachigen Muslimkreis (DMK) im Wedding oder bei Jugendtreffen von Inssan oder der Muslimischen Jugend (MJD) in Kreuzberg Freundeskreise beobachten, die aus einem Türken, einem Deutschen, einem Libanesen, einem Äthiopier und einem Letten bestehen. Und nur in diesen Moscheen ist es vollkommen normal, gemischte türkisch-arabische oder deutsch-palästinensische Paare zu sehen, deren Kinder alle Farben des Regenbogens wiedergeben und beim Spielen miteinander deutsch sprechen.

Deutsche, die zum Islam konvertieren, bringen ihre kulturellen Eigenheiten in diesen Moscheen mit ein. Im DMK sind alle Mitglieder der Moscheeverwaltung demokratisch gewählt, und Frauen spielen dort eine sehr aktive Rolle: Sie treffen Entscheidungen, halten Vorträge und hinterfragen auch einige patriarchalische Traditionen, indem sie entsprechende Stellen im Koran und den Aussagen des Propheten als Gegenbeweise dazu heranziehen. In ihren monatlich stattfindenden Picknicks spielen die Frauen Badminton und Volleyball, und die Männer liefern sich Schachpartien.

Im Weimar Institut in Potsdam, das zum größten Teil aus Konvertiten besteht, werden die Vorschulkinder der Gemeinde in der Philosophie eines interessanten Ansatzes erzogen, der ihre Kreativität ebenso wie ihre Unabhängigkeit fördern soll. Und nach ihren sonntäglichen Versammlungen servieren sie den Gästen und Gemeindemitgliedern im Garten ihres schönen Gebetshauses biologisches Essen. Ähnlich wie vielen anderen links oder alternativ orientierten Berlinern, ist es den Mitgliedern der Gemeinschaft ein Anliegen, Ressourcen gerecht zu verteilen und dem Kapitalismus etwas entgegen zu setzen.

Bewunderung für enge Familienbande

Abgesehen von dem Beitrag, den die deutschen Konvertiten zum Leben der muslimischen Gemeinden in Deutschland leisten, sind sie der lebende Beweis dafür, dass Deutschland sich zu einer erfolgreich integrierten Gesellschaft entwickelt. Viele deutsche Politiker sprechen von „nicht-integrierten Immigranten“. Dabei sollte es überflüssig sein, zu erwähnen, dass Integration keine Einbahnstraße ist. Wenn zwei unterschiedliche Parteien wirklichen Kontakt miteinander haben, werden sich beide durch diesen Prozess verändern.

Während meines Aufenthaltes in Deutschland traf ich viele Türken, Kurden, Araber und Iraner, deren religiöse Einstellungen denen vieler nicht-immigrierter Berliner sehr ähnlich sind. Sie sind Atheisten oder Agnostiker, denken in ihrem Alltag selten über Gott nach, kaufen aber dennoch, besonders wenn sie Kinder haben, an Weihnachten einen Tannenbaum. Sie sprechen mit ihren Kindern deutsch und geben ihnen deutsch klingende Namen, damit sie in ihrem späteren Leben nicht benachteiligt oder diskriminiert werden.

Auch traf ich, wenn auch wenige, Ex-Muslime, die zum Christentum konvertiert waren. Und so ist es vollkommen normal, wenn sich auch einige Deutsche durch den Kontakt mit Muslimen dafür entscheiden, den Islam anzunehmen. Ich sehe im Konvertieren ein deutliches Zeichen der Integration in Deutschland, zumal sich alle deutschen Konvertiten, die ich getroffen habe, durch den direkten Kontakt mit Muslimen zu diesem Schritt entschlossen hatten. In manchen Fällen war es eine Liebesbeziehung, in anderen die Neugier angesichts der fremden Religion eines guten Schulfreundes, Bewunderung für die engen Bande einer Familie mit Migrationshintergrund oder Freundschaften, die während eines kurzen Aufenthaltes in einem Land mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit geschlossen worden waren, die oft den ersten Schritt auf dem Weg zur Konversion darstellten.

Wenn es der derzeitigen Regierung in Deutschland ernst damit ist, die Integration in der Gesellschaft voran zu treiben und den Muslimen das Gefühl zu geben, dass sie Muslime und Deutsche sind, wie Kanzlerin Angela Merkel während der Islamkonferenz sagte, sollte sie die wertvolle Rolle anerkennen, die deutsche Konvertiten zum Islam in dieser Gesellschaft spielen.

 

ZUR PERSON

Marc David Baer

Esra Özyrek ist außerordentliche Professorin für Anthropologie an der University of California in San Diego. Sie hat Bücher über staatlichen Säkularismus sowie öffentliches Gedenken in der Türkei veröffentlicht. Momentan schreibt Özyrek über Konvertiten zum Christentum in der Türkei und Konvertiten zum Islam in Deutschland.

spiegel

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