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Kopftuch für den Kopf, nicht fürs Gehirn

September 13, 2007

ChistinavonbraunChristina von Braun untersucht „Verschleierte Wirklichkeit“ / Lesung in der Landesbibliothek

BERLIN Nicht das Kopftuchverbot, die Geschlechterdebatte bestimmt den „Kampf der Kulturen“, wie die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun in ihrem Buch „Verschleierte Wirklichkeit“ belegt. Am 13. September stellt sie ihre Studie in Wiesbaden zur Diskussion.  
Frau von Braun, Hayrünnisa Gül, die Frau des neuen Staatspräsident der Türkei, zeigt sich in der Öffentlichkeit nie ohne Kopftuch. Als First Lady will sie auch bei offiziellen Empfängen verhüllt sein. Was halten Sie davon?

von Braun: Es ist ihr gutes Recht, das zu tun und sich zu ihrer Religion zu bekennen. Probleme wird es in der Türkei selbst geben, einem laizistischen Staat, in dem die Freiheit des öffentlichen Lebens von religiöser Bindung propagiert wird.

Hayrünnisa Gül hat den Modemacher Atil Kutoglu beauftragt, ihr Entwürfe für ein „modernisiertes“ Kopftuch zu senden. Worauf könnte das hinauslaufen?

von Braun: Couturiers in Paris und den USA haben längst das Kopftuch als Modeaccessoire entdeckt. In Ägypten sah ich Frauen mit sehr eleganten Haarbekleidungen. Der Turban ist wieder im Kommen. Hübsche Kopfbedeckungen für Frauen werden auch in Deutschland Mode.

Wird Hayrünnisa Gül verbal angegriffen, sagt sie jedes Mal: „Mein Kopftuch verhüllt meinen Kopf, nicht mein Gehirn.“ Ist das eine gute Antwort?

von Braun: Ja, sie stärkt damit die Frauen in ihrem Land, die sich durchaus als modern sehen. Es gibt einen Trend: Immer mehr junge Türkinnen studieren und gehen in die moderne Berufswelt – aber bewusst mit Kopftuch.

Was wollen sie damit ausdrücken?

von Braun: Zum einen ist das Kopftuch ein Schutzmechanismus, die Frau fühlt sich einfach weniger fremden Blicken ausgeliefert. Zum anderen ist es ein Bekenntnis zur eigenen Kultur. Die Frau vermittelt: Ich bin gebildet und berufstätig, aber nicht von westlicher Kultur `infiziert´. Das ist allerdings nur in der Türkei, Algerien, Marokko und Ägypten so. Nicht im Iran, dort werden Frauen gezwungen sich zu verschleiern.

Die Geschlechterordnung, schreiben Sie, sei „das Terrain, auf dem das Unbewusste jeder Kultur am deutlichsten agiert“. Warum ist das so?

von Braun: Sie ist der zentrale Konfliktstoff zwischen Orient und Okzident. Die islamischen Fundamentalisten, viele Mullahs, wettern gegen die Kommerzialisierung des weiblichen Körpers im Westen, in Werbung, Film und Pornografie. Der Westen wirft dem Islam vor, die Frauen zu unterdrücken und sieht das im Schleier symbolisiert. So geht das hin und her. Die Art, wie eine Gesellschaft mit Frauen umgeht, ist ein wichtiger Punkt. Dabei geht es um die Kontrolle der Geschlechterverhältnisse.

Warum beharren wir Westler darauf, dass Kopftuch oder Schleier schlecht sind?

von Braun: Die Schleierfrage gehört in die europäische Wissensgeschichte. Wir glauben, dass wir nur das wirklich wissen, was wir sehen können. Deshalb ist die Verschleierung für uns ein Symbol der Rückständigkeit: Es widerspricht unserer Vorstellung von Aufklärung als `Entdeckung´.

Die Feministin Alice Schwarzer spricht von der „Kopftuch-Lüge“ . . .

von Braun: Sie hinterfragt überhaupt nicht, warum die Aufklärung mit der Entkleidung des weiblichen Körpers einhergehen muss. Um die Frage des Kopftuchs bilden sich die seltsamsten Allianzen, darunter auch die von Feminismus und katholischer Kirche.

Hat das Kopftuch eine politische Bedeutung?

von Braun: Würde man sonst Lehrerinnen und Beamtinnen mit Kopftuch vom Dienst suspendieren? Die Botschaft solcher Politik lautet: Nur durch Entschleierung hat man Anteil an der Moderne. Aber das ist eine moderne Form der Kolonisation. Die Verschleierung wird genutzt, um Terrorängste zu schüren. Kein Bericht über Attentate, in dem nicht Bilder von verschleierten Frauen zu sehen sind. Hier würde ich mir sehr viel mehr Reflexion wünschen.

Sie schreiben: „Bevor der Westen der Frau erlaubte, sich zu entblößen, musste sie lernen, ihre Blöße wie ein Kleid zu tragen.“ Wird das von den Frauen, vor allem jüngeren, heute noch so wahrgenommen?

von Braun: Es gibt einen gesellschaftlichen Druck, viel nackte Haut zu zeigen, Fleisch zu entblößen – und viele Frauen geben diesem Druck nach als gehöre ihr Körper einem anderen. Die Haut ist eine Körpergrenze, die auch das psychische Ich schützt. Wir müssen unseren Freiheitsbegriff hinterfragen. Ich finde, eine gutgekleidete Frau kann auch sehr sexy sein – ein gut gekleideter Mann übrigens auch.

Das Gespräch führte Roland Mischke.
http://www.wiesbadener-kurier.de/feuilleton/objekt.php3?artikel_id=2966149

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