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Konvertiten und die Faszination des Islam

September 12, 2007

Zwei der drei jetzt verhafteten islamistischen Terroristen sind deutsche Konvertiten. Der Schriftsteller Christoph Peters hat einen Roman über einen Konvertiten geschrieben und sich im Vorfeld intensiv mit dem Islam beschäftigt. In WELT ONLINE beschreibt er, warum der Islam so attraktiv erscheinen kann. Christoph peters

Foto: picture-alliance / ©Gattoni/Leem

Schrieb einen Roman über einen gewaltbereiten Konvertiten: Schriftsteller Christoph Peters Christoph Peters, einer der wichtigsten jüngeren deutschen Schriftsteller, erzählt in seinem Roman „Ein Zimmer im Haus des Krieges“ von einem Konvertiten. Sawatzky heißt er und unternimmt 1993 mit einem islamistischen Terrorkommando einen Anschlag auf den Tempel von Luxor.

WELT ONLINE: Was macht den Islam für westlich geprägte Menschen so interessant?

Christoph Peters: Verglichen mit dem Interesse am Buddhismus und dessen popkultureller Vereinnahmung scheint mir das ernsthafte religiöse Interesse am Islam in Deutschland doch eher gering. Aber für Leute die sich im Rahmen einer monotheistischen Grundhaltung nach einer Alternative zum Christentum umschauen, kann der Islam mit seiner großen Klarheit, die ohne theologisch komplizierte Spekulationen wie die Trinitätslehre oder die Gottmenschlichkeit Jesu auskommt, durchaus attraktiv sein. Zumal er – anders als der Katholizismus – dem einzelnen Gläubigen ein hohes Maß an intellektueller und ritueller Selbstständigkeit lässt, auch wenn diese Unabhängigkeit des einzelnen Gläubigen von menschlichen Hierarchien im Islam nicht gerade im Mittelpunkt der gegenwärtigen Diskussionen steht. Darüber hinaus ist die Praxis des muslimischen Lebens mit den fünf täglichen Gebeten, die den Alltag strukturieren und verhindern, dass man in der allgemeinen Geschäftigkeit untergeht, für Leute, die mehr als nur eine Feiertags-Religion praktizieren wollen, sicher sehr anziehend. Und natürlich beeindruckt auch die große Vitalität, die Kraft, die der Islam gegenwärtig ausstrahlt – bei aller Ambivalenz, die darin steckt –, den einen oder anderen, der im Leben andere Dimensionen sucht, als die Arbeits- und Konsumwelt sie bieten.

WELT ONLINE: Ist bei Konvertiten die Gefahr, dass sie sich radikalen Strömungen des Islam anschließen, größer?

Peters: Konvertiten haben ja in der Regel nicht die Religion gewechselt, um dann wieder nur so halbherzig irgendetwas zur Nervenberuhigung zu praktizieren, sondern weil ihnen die Suche nach dem Absoluten, nach Gott ein zentrales Lebensanliegen ist. Allerdings erscheint diese Grundoption vielen „aufgeklärten“ Menschen heutzutage ja an sich schon grotesk. Die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung, die einer Konversion normalerweise vorausgeht, setzt sich dann in einer besonderen Sorgfalt den Praktiken der neuen Religion gegenüber fort – das ist bei Leuten, die vom Katholizismus zum Protestantismus oder umgekehrt konvertieren, ja auch nicht anders. Aber von dort aus ist es doch ein sehr weiter Weg zum Bombenbau: So wie der normale neuevangelikale Christ ja auch nicht gleich auf den nächsten Abtreibungsarzt schießen wird.

WELT ONLINE: Man könnte ja den Eindruck gewinnen, da wo sich Islamzentren bilden, wächst auch automatisch die Radikalität. Ist der Islamismus von gemäßigten Moslems nicht beherrschbar?

Peters: Natürlich gibt es hier und da ein Islamzentrum, in dem sich politisch radikalisierte Muslime treffen und darüber nachdenken, welche Aktionen sie hier bei uns durchführen können. So wie es auch nach wie vor autonome rechte und linke Gruppierungen gibt, die über Terror nachdenken, ohne dass deshalb gleich schon die Gesamtbevölkerung der neuen Bundesländer oder die linke Sozialwissenschaft zur Gefahrenquelle ausgerufen werden sollte. Gerade weil die überwiegende Mehrheit auch der strenggläubigen Muslime den Terror entschieden ablehnt, werden sich die, die Gewalt wollen, auch von ihr zurückziehen und ihre eigenen Zirkel bilden, für die dann eben auch nicht der Zentralrat der Muslime, sondern die Bundesanwaltschaft zuständig ist.

WELT ONLINE: Ist Fundamentalismus im Islam schon angelegt und nicht steuer-, regierbar?

Peters: Der Fehler, den wir in der Diskussion inzwischen durchweg machen, ist, dass wir die politischen und wirtschaftlichen Ursachen, die in einer Reihe von Ländern islamischer Prägung zu Gewalt führen, mit den religiösen Grundstrukturen des Islam verwechseln. Der Islam erlaubt den Verteidigungskrieg, den erlaubt auch der Vatikan, – dem radikalen Gewaltverzicht Jesu zum Trotz –, und die meisten demokratischen Staatsverfassungen verpflichten ihre Bürger ebenfalls dazu. Gleichzeitig tun wir so, als wären wir selbst als westlicher Machtblock da quasi neutral und unschuldig hineingeraten und verdrängen völlig, dass wir um unsere wirtschaftlichen Interessen, insbesondere einen geordneten Ölfluss zu sichern, in dieser Region seit Jahrzehnten alle Sorten von Despoten, korrupten Militärdiktatoren und menschenverachtenden Herrscherhäuser unterstützen, und dadurch nicht nur oftmals Partei auf der ganz falschen Seite sind, sondern unsere viel beschworenen Werte wie Menschenrechte und Demokratie selbst in Misskredit bringen. Und dann wundern wir uns, wenn die Leute sich abwenden und nach Alternativen suchen.

WELT ONLINE: Was unterscheidet islamischen Fundamentalismus von anderen religiösen Fundamentalismen?

Peters: Alle religiösen Fundamentalismen setzen das göttliche Recht über die von Menschen gemachten Ordnungen. Zugleich gehen alle Religionen traditionell davon aus, dass es für das Heil des Menschen das Beste ist, wenn er sich in all seinen Lebensvollzügen im Rahmen der göttlichen Gebote, noch besser im Bewusstsein der Allgegenwart Gottes bewegt. Ich glaube, wenn man einen strenggläubigen Baptisten aus dem Bibelgürtel der USA und einen strenggläubigen Muslim miteinander an einen Tisch setzen würde, würden sie in nahezu allen ethischen und gesellschaftlichen Fragen einer Meinung sein.

WELT ONLINE: Ist das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Moslems größer und deswegen so interessant für durchsäkularisierte Westler, die aufgehen wollen in einer Menge?

Peters: Meine Erfahrung in Kairo war immer: Wenn vier Muslime an einem Tisch sitzen, haben sie vier grundverschiedene Meinungen und fangen sofort an, sich zu streiten und zwar lauthals. Massen entwickeln immer eine Eigendynamik, die dem Einzelnen ein Gefühl der Geborgenheit in der Auflösung gibt, da unterscheidet sich die Fankurve nur wenig von der Demonstration. Dieses Erlebnis hält aber erfahrungsgemäß nicht besonders lange, darauf lässt sich kaum eine religiöse Bekehrungswelle aufbauen. WELT ONLINE: Ist Konvertitentum eine neue Form von Widerstand, sozusagen als RAF des 21. Jahrhunderts?

Peters: Auf der Basis dieser paar Einzelnen eine politisch religiöse Bewegung des 21. Jahrhunderts zu konstruieren, halte ich für an den Haaren herbeigezogen. Allein der bedrohliche Beiklang, den das Wort „Konvertiten“ in jüngster Zeit angenommen hat, ist völlig absurd und gefährlich: Wenn die Konversion zum Islam einen automatisch unter Terrorverdacht stellt, fängt das Grundrecht auf freie Religionsausübung bedenklich an zu bröseln.

WELT ONLINE: Kann, soll die Gesellschaft, die Politik, die Kirche reagieren? Peters: Erfahrungsgemäß ist ja nur ein sehr geringer Prozentsatz der Bevölkerung willens auszusteigen, und das Bild, das die Medien vom Islam zeichnen, hat längst dazu geführt, dass die überwiegende Mehrheit bei uns diese Religion für schlimmer hält als weiland den Kommunismus. Anstatt an neuen Schreckensmythologien zu basteln, die dann vielleicht Gesellschaft wirklich geistig verwirrte junge Leute dazu bringen zu glauben, im Islam könnten sie ihre Gewaltphantasien guten Gewissens ausleben, wäre es weitaus dienlicher wirkliche Informationen über den Islam anstelle halbinformierter Kampfschriften gegen den Islam unter die Leute zu bringen. Dass die katholische Kirche da als direktes „Konkurrenzunternehmen“ einschließlich des Herrn Ratzinger keine besonders gute Figur macht, wundert mich allerdings nicht.

http://www.welt.de/politik/article1165396/Konvertiten_und_die_Faszination_des_Islam.html

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