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Er hat nur einen Aufschub

September 6, 2007

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Der Medien-Tycoon Boris Beresowskij hält den russischen Präsidenten Wladimir Putin für erpressbar durch den Geheimdienst

FOCUS: Sie werfen dem Geheimdienst FSB vor, hinter den Bombenanschlägen auf russische Wohnhäuser zu stecken, bei denen 1999 mehr als 250 Menschen ums Leben gekommen sind. Welche Beweise haben Sie?

Beresowskij: Kurz nach den Anschlägen in Moskau wurde in einem Haus inRjasan eine Bombe gefunden. Zunächst war von einem versuchten Anschlag dieRede. Einen Tag später gab der FSB zu, die Bombe selbst gelegt zu haben – es sei eine Übung gewesen. Experten haben aber bestätigt, dass Sprengstoff und Zünder echt waren.

FOCUS: Das belegt aber nicht, dass der FSB auch in Moskau die Bomben legte.

Beresowskij: Bevor der FSB seine Beteiligung zugeben musste, hatte er selbst erklärt, in Rjasan seien die gleichenTäter am Werk gewesen mit der gleichen Technik wie in Moskau.

FOCUS: Welches Motiv soll der FSB gehabt haben?

Beresowskij: Er glaubte, die Anschläge würden den Hass gegen die Tschetschenen schüren, einen Krieg und so auch Putin populär machen.

FOCUS: Wusste Putin Ihrer Ansicht nach Bescheid?

Beresowskij: Ja. Putin selbst sprach doch damals von einem vereitelten Terrorakt! Soll FSB-Chef Patruschew ihn etwa desinformiert haben?

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FOCUS: Warum nicht?

Beresowskij: Dann hätte Putin ihn gleich entlassen müssen. Dass dies nicht geschah, zeigt, dass er Bescheid wusste.

FOCUS: Das sind alle Ihre Beweise?

Beresowskij: Nach dem gescheiterten Terroranschlag gab es keine weiteren Anschläge dieser Art. Der Geheimdienst war enttarnt, konnte nicht weitermachen. Zudem sitzt bis heute niemand hinter Gittern. Warum kümmert sich Putin nicht um Aufklärung?

FOCUS: Sie waren 1999 selbst ein wichtiger Helfer Putins. Wie konnten Sie nichts mitbekommen von alldem?

Beresowskij: Ich kenne Putin seit 1991. Ich hatte eine sehr hohe Meinung von ihm. Ich hoffte, er könne auf demokratischem Weg Präsident werden. Wie Jelzin 1996. Da haben wir keine Panzer und Kalaschnikows benutzt, sondern Propaganda. Meine Medien habe ich gezieltfür Jelzin genutzt. Andere Kräfte-wie derFSB- wollten Jelzin überreden, die Wahlen abzusagen und das Parlament aufzulösen. Ziel dieser Leute war es, Jelzin in die Illegalität zu treiben und ihn so unterihre Kontrolle zu bringen. Jetzt haben dieGeheimdienste ihr Ziel erreicht: Sie haben einen erpressbaren Präsidenten.

MACHTVERLUST

FOCUS: Warum war Putin Ihr Wunsch-Nachfolger für Jelzin?

Beresowskij: Er ist aufrichtig. Bis heute. Als er Vize-Bürgermeister von Petersburg war, versuchte er nie, Bestechungsgelder zu nehmen. Ich hielt Putin für einen Demokraten. Und für ausgesprochen willensstark. Mit Letzterem hatte ich Recht, mit Ersterem nicht. Er tut, wovon er überzeugt ist. Aber er ist nicht von der Demokratie überzeugt. Erglaubt, dass Russland nur als autoritärerStaat erfolgreich sein kann.

FOCUS: Die russischen Behörden wollen Sie festnehmen, werfen Ihnen Wirtschaftsstraftaten und Terror-Unterstützung vor. Böse Zungen behaupten, Siebetrieben Ihre Enthüllungen, damit Sieder Westen als Regirnekritiker anerkenntund nicht ausliefert.

Beresowskij: Jedes Mal, wenn ich etwas enthülle, veröffentlichen die Geheimdienste neue Vorwürfe gegen mich. Daskann ich nicht ernst nehmen! Die wollen nur von eigenen Taten ablenken!

FOCUS: Sie haben letztes Jahr vorausgesagt, Putin werde bis zum Jahresendenicht mehr im Kreml sitzen …

Beresowskij: Ich sagte, er werde sichnicht länger als ein Jahr halten, und dieses Jahr ist noch nicht rum. Aber die Lagehat sich geändert. Vor den Terroranschlägen in New York breitete sich in Russ-land Anti-Amerikanismus und Hurra-Patriotismus aus. Nach dem 11. Septembermachte Putin eine Kehrtwende. Ein rich-tiger Schritt, der seine Position in Russ-land stärkte. Doch er macht weiter Fehler, und er hat nur einen Aufschub erreicht.

FOCUS: Sie sagen, Putin habe Russ-land gleichgeschaltet, und prophezeien seinen Abgang. Ist das kein Widerspruch?

Beresowskij: Nein. Er schätzt die Lagefalsch ein. Eine Diktatur, wie er sie möchte, wird keinen Erfolg haben! Putin istsehr beliebt in Russland, hat aber keine Autorität. Die russische Wählerschaft ist wie eine leichtsinnige Frau: Heute liebtsie den einen, morgen den anderen.

FOCUS: Wie kam es zum Bruch zwischen Ihnen und Putin?

Beresowskij: Als ich den Tschetschenien-Krieg kritisierte, kam es zu Meinungsverschiedenheiten. Unser letztes Gespräch hatten wir nach den kritischen Femsehberichten über den Untergang der „Kursk“. Da sagte mir Putin,die Fernsehberichte über ihn missfielen ihm sehr, und er wolle meinen Sender ORT künftig selbst kontrollieren.

FOCUS: Sie und die anderen Oligarchensind in Russland sehr unbeliebt. Warum sollen die Wähler gerade Ihrer neuenPartei Liberales Russland trauen?

Beresowskij: Es gibt heute keine Parteiin Russland, die den Mut hat, der Macht entgegenzutreten. Dieses politische Feldist leer.

FOCUS: Ihr Reichtum wirft viele Fragen auf. Wie kam es, dass Sie staatlicheFirmen zu einem Bruchteil des Wertes, den Sie später an der Börse erzielten,privatisieren konnten?

Beresowskij: Ich habe meine ersten Millionen mit eigenen Computerprogrammen gemacht. Für die Staatsfirmenhaben wir den Preis gezahlt, den sie wert waren. Vergessen Sie nicht das Risiko: Alle glaubten, dass die Kommunisten an die Macht kommen und die Betriebe wieder verstaatlichen wurden. Außer uns hatte niemand den Mut, auch nur einen Dollar zu investieren.

INTERVIEW: BORIS REITSCHUSTER

314 Polos- C. Trott, l. Cavrilow/beide Focus-Magazin, AFP FOCUS 11 /2002

als pdf downloaden teil 1 – russische geheimdienst

als pdf downloaden teil 2 – Er hat nur einen Aufschub

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