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Mit Muslimen etwas bewegen

August 29, 2007

Nina-muehevon Nina Mühe
Stil und Aussage dieses Mottos, das seit Kurzem Stofftaschen und Kugelschreiber des muslimischen Vereins Inssan in Berlin ziert, sind symptomatisch für ein neues Bestreben muslimischer Gemeinden und Organisationen, sich als Teil der Gesellschaft einzubringen und auch als solcher gesehen und akzeptiert zu werden. Dieses Motto will ich im Folgenden zum Anlass nehmen, zu beschreiben, wie verschiedene dieser Vereine aktiv werden und welche Ergebnisse diese Aktivitäten bringen.

Ein neuer Stil

Der aus der Werbesprache entlehnte Stil zeugt von einem neuen Bewusstsein, sich nicht nur in der internen und externen Gemeindearbeit professionalisieren zu müssen, sondern auch die Sichtbarmachung und Vermittlung dieser Arbeit nach außen in die nichtmuslimische Gesellschaft hinein so zu präsentieren, dass sie anspricht, überrascht und positiv wahrgenommen wird. Es genügt nicht mehr, nur gute soziale Arbeit zu leisten. Sie muss auch sichtbar werden, damit das Bild der Moscheen und Vereine in der Öffentlichkeit an Vielfalt gewinnt.

Obwohl sich die muslimischen Vereine in der Regel ausschließlich durch Spenden der Gläubigen finanzieren und die Notwendigkeit der Einstellung professioneller PR-Berater den MoscheebesucherInnen oft nicht leicht zu vermitteln ist, gibt es immer mehr Gemeinden und Organisationen, welche die Wichtigkeit einer gut geschulten Öffentlichkeitsarbeit erkennen und diese umzusetzen versuchen. Besonders den neuen Generationen von Muslimen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, da neben der deutschen Sprache auch ein vertrautes Verhältnis mit den hiesigen Denkweisen, Erfahrungen und Gewohnheiten sowie auch Funktionsweisen von Politik und Medien von Bedeutung sind. Es werden daher nicht nur vermehrt ÖffentlichkeitsberaterInnen ehren- und hauptamtlich beschäftigt.

Durch Vorträge, Seminare und Workshops können sich besonders junge Leute Einblick in diese Tätigkeitsfelder verschaffen. Außerdem werden darin den Aktiven in den Gemeinden praktische Ratschläge gegeben, wie sie ihre Arbeit eigenständig medial vermitteln und so präsentieren können, dass sie auch von Medienvertretern wahrgenommen wird. Eigene muslimische Medien gibt es bisher noch wenige, wie u.a. die Islamische Zeitung aus Potsdam, das Internetforum www.muslimische-stimmen.de oder die neue mediale Internetplattform des Zentralrats der Muslime www.waymo.de.

Ein neuer Blickwinkel

Neben dem Stil steht auch der Inhalt des Mottos „mit Muslimen etwas bewegen“ aus zwei Gründen beispielhaft für neue, auf Öffnung in die Gesellschaft gerichtete, Aktivitäten der muslimischen Gemeinden:

1.: „Etwas bewegen“ steht für ein aktives Interesse der deutschen Muslime an ihrer hiesigen Gesellschaft, ein Bekenntnis gegen Parallelgesellschaft und für eine eigenständige Teilhabe am Leben in der deutschen Heimat. „Etwas bewegen“ wollen besonders viele Vereine junger Muslime, wie die Muslimische Jugend, die Lifemakers oder lokale Jugendvereine wie beispielsweise der Verein „Assalam“ in Berlin.

2.: „Mit Muslimen“ beinhaltet dabei einen impliziten Aufruf an alle Mitglieder der Gesellschaft – Muslime wie Nicht-Muslime – die Muslime als selbstverständlichen Teil der Bevölkerung und nicht als Ausländer und innerlich wie äußerlich Fremde zu betrachten. Der unsichtbare Sprecher dieser Aufforderung steht mitten in der Gesellschaft und hat keine spezifische Kultur oder Religion. Er sieht Muslime nicht als Gefahr oder als Fremde, sondern als potentielle Akteure für soziale Projekte und für die Lösung gesellschaftlicher Probleme.

Der Anspruch, etwas zu bewegen, geht dabei sowohl in die muslimische Gemeinschaft als auch in die ganze Gesellschaft. Ein gutes Beispiel dieser Aktivität ist die Sorge um den Zustand der Natur und Umwelt, wie sie viele, oft besonders junge Menschen haben. So ergänzen Initiativen junger Muslime seit Kurzem die schon bestehenden Umweltinitiativen mit einem islamisch-religiös geprägten Ansatz, um u.a. die muslimische Bevölkerung auf besondere Weise für dieses Thema zu gewinnen.

Die Lifemakers in Hamburg – eine junge Vereinigung, die sich in verschiedenen Städten auf der Welt gründete, um die islamischen Werte aktiv in der Gesellschaft zu leben und besonders mit mildtätigen Werken den Mitmenschen von Nutzen zu sein – räumte eine städtische Grünfläche auf und fabrizierte dazu sogar ein kleines Video, das dann ins Internet gestellt wurde. In Berlin-Neukölln startete der muslimische Jugendverein „Assalam“ eine ähnliche Initiative und wurde dabei vom Bezirksamt unterstützt. Das Fördergeld verwendeten die Jugendlichen nicht nur zur Organisation einer großen Aufräumaktion der Straße, bei der Imam und Gemeindemitglieder der ansässigen Moschee tatkräftig mithalfen, sondern auch zur Veröffentlichung eines deutsch-arabischen Umweltmagazins, das zunächst zweimal erscheinen soll und auf Themen wie Mülltrennung, Graffiti und die Rolle des Umweltschutzes im Islam in deutscher wie arabischer Sprache eingeht. Das Magazin wurde von vielen öffentlichen Stellen in Neukölln wie der Diakonie oder dem Bezirksamt in vielfacher Ausgabe bestellt und bekam auch einen eigenen Internetauftritt.

Die Initiatoren, die von Inhalt bis Design alles selbst erstellt hatten, nahmen häufig mit gemischten Gefühlen bewundernd-erstaunte Reaktionen wahr, dass es auch unter den Muslimen „solche Leute“ gebe, die derartige Magazine erstellen könnten und sich für Umweltschutz interessierten. Aber auch die Reaktionen einiger Muslime im Umkreis der Gemeinde zeigten, dass diese Art von Aktivitäten und ihre InitiatorInnen von allen Seiten als eine Art Sonderlinge wahrgenommen werden, denen im besten Fall die Rolle zukommt, zwischen all diesen Seiten zu vermitteln. So spiegelten Reaktionen wie z.B. „Warum räumt ihr denn für die auf?“ eine von vielen Menschen, ob Muslimen oder Nicht-Muslimen, verinnerlichte Wir-Die-Dichotomie wider und machten die Wichtigkeit dieser öffentlichen Aktionen besonders deutlich.

Gerade diese kontraproduktive Wir-gegen-Die-Einstellung soll das Motto „mit Muslimen etwas bewegen“ auflösen, das hier beispielhaft für Aktionen und Bemühungen von verschiedenen muslimischen Vereinen und Einzelpersonen steht. Es beinhaltet neben dem Aufruf zur Unterstützung geplanter Aktionen die Bitte, Muslime als inhärenten Teil der Gesellschaft, und die Probleme vieler Muslime (Schwierigkeiten mit perspektivlosen Jugendlichen, Sprachprobleme oder Hindernisse auf dem Arbeitsmarkt) als „unsere“ und nicht „deren“ Probleme zu sehen, muslimische Projekte wie alle anderen sozialen Projekte zu unterstützen und als Teil der Lösungsmöglichkeiten für gesellschaftliche Schwierigkeiten zu sehen.

In diesem Geiste stehen auch viele Aktionen und Bestrebungen junger Muslime: Die Lifemakers bringen Obdachlosen regelmäßig Essen, Mitglieder von Inssan e.V. führen Blutspenden und Anti-Leukämie-Aktionen in Moscheen durch und gehen damit kein „muslimisches“ sondern ein „gesellschaftliches“ Problem an. Sie versuchen, auf Grundlage ihrer religiös-moralischen Werte, soziale Missstände wahrzunehmen und zu mildern sowie andere Muslime mit eben diesen Werten für Belange der Gesellschaft zu sensibilisieren, denen sie bis dahin kaum Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Auch Probleme, die von Politik und Medien v.a. als innermuslimische Probleme gesehen und präsentiert werden, sollen mit Bezug auf urislamische Werte angesprochen und nach Möglichkeit gelöst werden.

In diesem Sinne ist beispielsweise die Postkartenaktion von Inssan e.V. zu verstehen, die einer religiös-islamischen Legitimierung von Zwangsehen den Boden zu entziehen versucht. Auf der Karte sind neben einem großen roten Herz Koranzitate zu lesen, die dieses Unrecht verurteilen. Der Abgeordnete des Europäischen Parlaments Cem Özdemir präsentierte sie sogar im ZDF zum Thema Zwangsehen.

Madonna Mädchenpower, ein Verein junger Mädchen in Berlin, der den von Zwangsheirat betroffenen Mädchen hilft, brachte auch eine Postkarte heraus, auf der vier Mädchen und Jungen neben dem Aufdruck „Ehre ist, für die Freiheit meiner Schwester zu kämpfen“ zu sehen sind. Beide Karten fanden breiten Zuspruch und Verteilung unter Muslimen und Nicht-Muslimen.

Das arabischsprachige Islamische Kultur- und Erziehungszentrum (IKEZ) in Berlin-Neukölln ist eine der Moscheegemeinden, die sich mit Umweltschutzaktionen, Vorträgen und Lesungen um eine Öffnung zur deutschen Gesellschaft bemühen und in letzter Zeit auch vermehrt Kontakte zu Politikern, Medienvertretern und auch Sicherheitskräften im Bezirk aufgebaut haben. Bemerkenswert ist u.a. sein Kontakt zu Vertretern der Polizei, der in den letzten Jahren beiden Seiten Nutzen brachte. So öffnet es ihnen seine Gemeinderäume und ermöglicht ihnen, für Ausbildungsplätze unter arabischen Jugendlichen zu werben. Gleichzeitig nutzt das Zentrum die Gelegenheit, den jungen Menschen – von denen nicht wenige einen Flüchtlingshintergrund und/oder schlechte Erfahrung mit Uniformträgern in ihren Ländern haben – die Angst vor der Polizei zu nehmen, indem die Polizisten gebeten werden, in Uniform zu kommen und sich von den jungen Leuten „berühren“ zu lassen. Die Kinder dürfen die Polizeimützen aufprobieren und merken, dass hinter der Uniform kein „Feind“ steckt. Auch schwierige Fälle mit jungen muslimischen Straftätern werden vermehrt gemeinsam angegangen. Dieses Verhältnis mit der Polizei bietet der Gemeinde weitere Kontaktmöglichkeiten zu Politikern und anderen nicht-muslimischen Mitbürgern und hilft allgemein, Vertrauen auf- und Misstrauen abzubauen.

Doch das IKEZ berichtet neben Erfolgen und stärkerer Wahrnehmung seiner Bemühungen in der Mehrheitsgesellschaft, auch von großen Hindernissen und Rückschlägen. Sein neueste ehrgeizige Projekt beispielsweise sammelte Geld unter den Mitgliedern der Moscheegemeinde, um Bücher über verschiedene Themen zu kaufen, die in der deutschen Öffentlichkeit und den Medien aktuell im Bezug zum Islam und den Muslimen thematisiert werden (wie Kunst, Sport, Geschlechterverhältnisse usw.). Ursache für diese Bemühungen und Sammelaktionen war die Beobachtung, dass auch unter SchullehrerInnen im Bezug auf diese Themen oft nur ein sehr eingeschränktes Wissen vorhanden ist. Als die Moschee das Projekt an die Schule herantrug, kam ihr jedoch hauptsächlich Misstrauen entgegen, auch als die Gemeindevertreter versicherten, dass Bücher nur vorgeschlagen würden, sich die Schule die Titel schließlich aber selbst aussuchen könnten. Um dieses, in dem für die Rütli-Schule und ähnliche Schulprobleme gescholtenen Neukölln, sehr wichtige Projekt schließlich doch noch durchzuführen und damit zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen und Religionen positiv beizutragen, wurden die Kontakte der Moscheegemeinde zu Polizei und Politik aktiviert und versucht, mit entsprechenden Empfehlungsschreiben an die Schulen vielleicht doch noch das nötige Vertrauen in das Projekt und seine InitiatorInnen zu gewinnen.

An diesem Fall wird beispielhaft deutlich, dass muslimische Organisationen und Vereine im Bezug auf Extremismus, Gewalt und mangelnde Identifikation mit der Gesellschaft häufig nicht als Teil der Lösung, sondern als integraler Bestandteil des Problems wahrgenommen werden. Obwohl die Schule ein wichtiger Akteur der pluralen Gesellschaft sein könnte, treffen muslimische Organisationen besonders dort auf große Widerstände.

Einige Gemeinden reagieren auf die Gefahr negativer Berichterstattung durch die Medien mit völligem Rückzug und prinzipiellem Misstrauen gegenüber jeglichem journalistischen Ansinnen. Andere wiederum sehen gerade in intensiviertem Kontakt zu einzelnen JournalistInnen die Möglichkeit, Vorurteile abzubauen und neben all den problematischen Themen, die Muslime und den Islam in der Öffentlichkeit abhandeln, auch ab und an positive Stellungnahmen in der Medienberichterstattung wiederzufinden.

Ebenso wie bei MedienvertreterInnen spielt auch bei Andersgläubigen der persönliche Kontakt eine entscheidende Rolle. So haben sehr viele muslimische Gemeinden und Vereine gut funktionierende Dialogkreise, in denen ein freundschaftlicher Austausch und gemeinsame Projekte stattfinden und die VertreterInnen der unterschiedlichen Glaubensrichtungen oft sehr viel weniger Schwierigkeiten miteinander haben, als das im Zuge der nationalen und globalen Diskussionen den Anschein haben kann. Ein besonders prägnantes Beispiel für die Früchte dieser Zusammenarbeit ist das interreligiöse Friedensgebet, das 2005 kurz nach den Anschlägen in London auf Initiative des Vereins Inssan von christlichen, muslimischen und jüdischen Gläubigen in der Britischen Botschaft gemeinsam durchgeführt wurde. Angeregt durch die positive Zusammenarbeit und das gegenseitige Kennenlernen bei diesem Friedensgebet, fand einige Monate später ein von diversen, muslimischen wie nicht-muslimischen Medien positiv wahrgenommenes Fußballspiel zwischen Pfarrern und Imamen statt. Die muslimische Seite unterlag 12:1 – Ein Ergebnis, das ein Spieler mit „Unsere Tore waren so offen wie unsere Herzen!“ kommentierte.

Die hier beschriebenen Aktionen und Bemühungen der muslimischen Akteure könnten noch viel mehr Positives bewirken, wenn das Motto „mit Muslimen etwas bewegen“ nicht mehr nur eine positive Affirmation wäre, sondern ein echtes gemeinsames Bewusstsein der Gesellschaft widerspiegeln würde, in der nicht mehr zwischen Aus- und Inländern bzw. „wir“ und „sie“ unterschieden würde. Damit würde den Argumenten einiger Muslime der Boden entzogen werden, die sich in einer gewissen Skepsis gegenüber der nicht-muslimischen Gesellschaft und einer Tendenz zur Abschottung bestätigt sehen, wenn sie die Schwierigkeiten derer wahrnehmen, die sich u.a. mit den oben beschriebenen Aktionen positiv der Gesellschaft zuwenden möchten. Indem vielmehr diese „von innerhalb“ der muslimischen Gemeinden kommenden, auf Teilhabe und Engagement in der gemeinsamen Gesellschaft ausgerichteten Bemühungen als solche anerkannt und angenommen werden und den muslimischen Akteuren Vertrauen entgegengebracht wird, kann schließlich dem Extremismus und der Bildung von Parallelgesellschaften auf Dauer etwas entgegengesetzt werden.

Nina Mühe ist Ethnologin und ehemalige Mitarbeiterin von Inssan e.V. 2006 erstellte sie einen Hintergrundbericht zu Muslimen in Deutschland für die Stiftung „Open Society Institute“ im Rahmen des Forschungsprojektes „Muslims in the EU – City Reports“.

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