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Leben als Soldat im Irak-Krieg und meine Flucht aus der Armee – Ich bin ein Deserteur

August 15, 2007

Ich bin ein Deserteur Mein Leben als Soldat im Irak-Krieg und meine Flucht aus der Armee

von Joshua Key (Autor), Lawrence Hill (Autor), Anne Emmert (Übersetzer), Hans Freundl (Übersetzer)

Dies ist die Geschichte eines Obergefreiten, der 2003 sieben Monate lang das alltägliche Grauen des Irak-Kriegs erlebt, die brutalen Aktionen seiner Kameraden gegen die Zivilbevölkerung, und der schließlich, zutiefst verstört, seinen Heimaturlaub nutzt, um mit seiner Familie unterzutauchen und nach monatelanger Odyssee durch die USA nach Kanada zu flüchten. Ein in atemberaubendem Tempo geschriebenes Buch.

Die Zeit über den in ferner Zukunft zu drehenden Film zum Buch: »Was Key und seine Familie erlebt haben, ist der Stoff, aus dem sie in Hollywood in zehn Jahren Filme machen werden. Wenn der Irak-Krieg als großes Scheitern in die Geschichte eingegangen sein wird. In dem Film geht es um einen einfachen, bibeltreuen Mann, der zum Vaterlandsverräter wird. Aber der Verräter besitzt jene Portion Kühnheit und Trotz, die Menschen zu Helden macht. Und vor allem erzählt er von der Größe einer Liebe, die alles niederringt, den Druck der Armee, die Not.«

 
ISBN : 978-3-455-50033-2
Originalsprache : Amerikanisch
Originaltitel : The Deserter’s Tale
Seiten : 256, mit Fotos
Downloads:

Leseprobe: Ich bin ein Deserteur [62 KB]

Joshua Key

mit Lawrence Hill

ICH BIN EIN

DESERTEUR

Mein Leben als Soldat im Irakkrieg

und meine Flucht aus der Armee

1. Auflage

ISBN 978-3-455-50033-2

256 Seiten

20

Joshua Key

mit Lawrence Hill

ICH BIN EIN

DESERTEUR

Mein Leben als Soldat im Irakkrieg

und meine Flucht aus der Armee

Aus dem Amerikanischen

von Anne Emmert

21

1

KINDHEIT

Ich hätte den Rat eines Vaters gebraucht, ehe ich mich

entschloss, zur Armee zu gehen. Ein Vater hätte mir in

meinen schlimmsten Stunden im Irak moralisch beigestanden.

Und auch als ich aus der amerikanischen Armee

flüchtete, sehnte ich mich nach einem vertrauensvollen

Zwiegespräch mit einem älteren, erfahreneren Menschen.

Ich wünschte mir einen Vater mit zwei grundlegenden

Eigenschaften: jemanden, der den Krieg kennt

und seinen Sohn liebt. Doch in meinem Leben gab es

keinen solchen Mann. Es gab überhaupt niemanden, der

diese Rolle hätte übernehmen können. Einmal rief ich

anonym einen Militäranwalt an, der die Aufgabe hatte,

Soldaten in Notlagen zu beraten, aber alles, was er mir zu

sagen hatte, war: »Soldat, Sie haben die Wahl: Entweder

Sie gehen in den Irak zurück, oder Sie wandern in den

Knast.«

Nachdem ich aufgelegt hatte, suchte ich Trost in den

Armen meiner Frau. Ohne Brandi hätte ich die Hölle

eines Lebens auf der Flucht nicht ausgehalten. Ich war

ein Wrack. Ich konnte nicht schlafen. Ich konnte kein

Gedränge ertragen. Ich schaffte es nicht einmal, mich

im Supermarkt in der Schlange an der Kasse anzustellen.

22

Überall sah ich vor meinem geistigen Auge Granaten einschlagen,

Kugeln von Betonwänden abprallen und die

Schädel geköpfter Iraker, die mir Kriegsverbrechen vorwarfen.

Unwillkürlich tastete ich ständig nach meiner

Waffe, einem leichten Maschinengewehr vom Typ M249,

und kam mir ohne sie nackt vor.

Im Irak wurde mir klar, dass jeder Soldat seine eigene

Geschichte hat. Einer, der bei einer Explosion in seinem

Transportpanzer in Stücke gerissen worden war, sagte

mir, als ich sein Bein neben ihn auf die Trage legte: »Jetzt

kann ich endlich meine Tochter sehen.« Andere, denen

ihre Frauen den Laufpass gegeben hatten, brachen zusammen

und sahen überhaupt keinen Grund mehr, nach

Hause zurückzukehren.

Meine Geschichte ist, dass ich noch nicht einmal dreißig

bin, aber das Gefühl habe, als hätte ich schon vier

verschiedene Leben gelebt. In meinem ersten Leben

wohnte ich zu Hause in Guthrie, Oklahoma, und gründete

schließlich mit Brandi eine eigene Familie. Mein

zweites Leben umfasst die achtzehn Monate im Ausbildungslager

und im Irak. In meinem dritten Leben desertierte

ich aus der U.S.Army, versteckte mich vierzehn

Monate lang in Philadelphia und schlich im Schutz der

Dunkelheit von einer billigen Absteige zur nächsten. In

meinem jetzigen Leben wohne ich mit meiner Frau und

meinen Kindern in einem neuen Land und warte ab, ob

die kanadischen Gerichte uns Asyl gewähren werden.

23

Ich wurde 1978 geboren und wuchs auf einer Farm außerhalb

von Guthrie auf, einer Kleinstadt rund dreißig

Kilometer nördlich von Oklahoma City. Das Land gehörte

meinem Großvater Elmer Porter, der es nach seinem

Einsatz im Koreakrieg gekauft hatte. Elmer hatte

als Flugzeugmechaniker auf der Tinker Air Force Base gearbeitet,

war aber zum Zeitpunkt meiner Geburt bereits

Rentner. Er lebte zusammen mit meiner Großmutter Doris

Porter auf der Farm. Einige meiner Tanten, Onkel und

Cousins hatten ebenfalls auf dem Grundstück gebaut,

und meine Mutter, mein Bruder Tyler und ich lebten in

einem Wohnwagen mit zwei Zimmern, der knapp zweihundert

Meter vom Haus meiner Großeltern entfernt

stand. Auf dem Weg zur Schule machte ich oft im Bungalow

meiner Großeltern halt, um dort zu frühstücken.

Doris briet mir die Spiegeleier von beiden Seiten, und

Elmer brutzelte in der Gusspfanne Speck. Die Erinnerung

an diese gemeinsamen Mahlzeiten gehört zu den schönsten

meiner Kindheit. Meine Großeltern waren für mich

der Fels in der Brandung, und ich fand bei ihnen Zuflucht,

wenn es im Wohnwagen zu heiß wurde – oder zu

gefährlich.

Doris und Elmer gehörten einer Pfingstgemeinde an.

Elmer sagte, es stehe einem Mann nicht zu, seine Frau zu

schlagen. Ich habe nie erlebt, dass er die Hand gegen einen

anderen Menschen erhob. Er brachte mir das Schnitzen

bei und zeigte mir, wie man Motoren, Pumpen und

Zäune repariert. Er besaß zehn alte Traktoren, von denen

er sich nicht trennen konnte. Im Frühjahr brachte er sie

wieder auf Vordermann, wobei ich ihm das Werkzeug

24

reichte, und tuckerte mit jedem einzelnen über sein

Land.

Als ich etwa dreizehn war, wollte mein Großvater sieben

Welpen, für die er keinen Platz mehr hatte, rasch

und schmerzlos töten. Ich wusste, er wollte nicht grausam

sein, und er meinte wohl, mit einem heftigen Schlag

auf den Kopf würden sie ein schnelles Ende finden. Doch

ich hatte diese Methode schon einmal miterlebt, deshalb

hielt ich das nicht noch einmal aus, konnte nicht wieder

danebenstehen und ihm dabei zusehen, wie er die Welpen

mit einem Hammer erschlug. Also hob ich im Wald

hinter dem Wohnwagen eine große Grube aus, setzte die

Welpen hinein und jagte mit meinem Kleinkalibergewehr

einem nach dem anderen aus kürzester Entfernung

eine Kugel in den Leib. Ich wollte ihnen den Hammer

meines Großvaters ersparen. Dann schaufelte ich Erde

über die reglosen Körper, und als ich mit der Schaufel in

der Hand einen Schritt zurücktrat, hörte ich ein Wimmern.

Panikartig buddelte ich die Tiere wieder aus. Zwei

der Welpen wimmerten leise, obwohl sie sich kaum rührten.

Ich wusste, sie hatten Schmerzen, und wollte sie

nicht leiden lassen. Mich überkam die Erkenntnis, dass

ich ihnen soeben mehr Schmerzen bereitet hatte, als

es mein Großvater mit seiner Technik getan hätte. Ich

rannte zum Wohnwagen, öffnete den unverschlossenen

Waffenschrank und suchte nach einer größeren Waffe.

Ich nahm eine silberne Ruger-Pistole Kaliber neun Millimeter,

hastete zurück zum Loch und feuerte das gesamte

Magazin – ich glaube, es waren dreizehn Patronen – in

die Körper unter mir. Schwer atmend und von Schluch25

zern geschüttelt schoss ich, bis ich mir sicher war, dass

alleWelpen tot waren. Ich erzählte niemandem, was ich

getan hatte, und wochenlang verfolgte mich die Erinnerung

daran, wie ich die wimmernden Welpen umgebracht

hatte.

Meine Großmutter Doris rauchte Zigaretten der Marke

Virginia Slims und war ständig mit Häkeln, Nähen und

Stricken beschäftigt. Sie sah sich jeden Tag die SerieWalker,

Texas Ranger im Fernsehen an. Ihren selbstgebackenen

Pekannusskuchen durfte ich frisch aus dem Ofen

essen. Wenn es im Wohnwagen brenzlig wurde, schlief

ich nachts im Schlafzimmer meiner Großmutter. Doris

war gläubig, konnte aber wie ein Kesselflicker fluchen.

Sie war verlässlich und umgänglich, und ich liebte sie

mehr als irgendjemanden sonst auf der Welt.

Einen Tag bevor ich von Fort Carson aus nach Kuwait

flog, rief ich Doris an. Ich sagte ihr, ich würde jeden Tag

an sie denken, während ich weg sei, und fragte sie, was

sie heute denn so vorhätte.

»Ich bringe Plastikfolie an den Fenstern an«, sagte sie.

Ich musste kichern und fragte: »Grandma, was soll

denn der Unsinn?«

»Das ist für den Fall eines chemischen Angriffs«, sagte

sie. »Halb Guthrie macht das. Die Leute sagen, wir könnten

mit chemischen Waffen angegriffen werden, deshalb

bringen sie die Plastikfolie an.«

Jetzt musste ich laut lachen. Ich wäre gern bei ihr gewesen,

hätte sie in den Arm genommen und ihr ein Glas

Eistee eingeschenkt.

»Grandma, setz dich hin und entspann dich. Vergiss

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