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Demokratie ist Demopädie

August 15, 2007

CemilmericIm griechischen und römischen Staat, der als antike Demokratie bezeichnet wird, gab es keine Demokratie, so wie wir sie heute verstehen. Denn das Staats Verständnis war ein anderes.

Cemil Meriç, Soziologie-Notizen, iletişim Verlag

Übersetzt von Uğur Yılmazel

Dieses Werk besteht aus Nachschriften der Vorlesungen, die Cemil Meriç zwischen 1965 und 1969 an der Philosophischen Fakultät im Bereich Soziologie an der Istanbul-Universität abgehalten hat, sowie aus Aufzeichnungen von manchen, nach 1974 gehaltenen Vorträgen.

Diese stammen von seiner (damals etwa 20-jährigen) Tochter Ümit Meriç. Aus diesem Grund herrscht im Text der Gesprächsstil vor. Die Aufzeichnungen der Schülerin beinhalten zudem nicht vollständig alles, was der ‚Lehrer‘ gesagt hat, sondern stellen nur soviel dar, als eine junge Frau aus einem rauschend fließenden Fluss in ihren Krug füllen konnte.

Demokratie, die Herrschaft des Volkes über das Volk.

Im griechischen und römischen Staat, der als antike Demokratie bezeichnet wird, gab es keine Demokratie, so wie wir sie heute verstehen. Denn das Staats Verständnis war ein anderes.

Es gab die Unfreien und die Freien.

Gefangenschaft ensteht bei einem bestimmten Grad an Produktionsmitteln. Die Kriegsgefangenen wurden früher getötet oder gegessen. Im Vergleich zu dieser Zeit ist es ein Fortschritt, wenn die Gefangenen später zur Arbeit gezwungen wurden und eine Produktionskraft darstellten.

Ein Beweis dafür, daß der Unterbau, das Produktionssystem die Ideologien wesent­lich bestimmt, ist, dass (ausser Kelbiyun) kein einziger Philosoph sich gegen die Einrichtung der Gefangenschaft gewandt hat.

Aristoteles, der als Meister der politi­schen Wissenschaften das Mittelalter beherrschte, stuft die Sklaven zwischen den alten Griechen und dem Tier ein; ihre Aufgabe ist es, den Griechen zu dienen, sagt er.

Im antiken Griechenland gab es die Demokratie für die Elite, die sich mit Dichtung und Liebe beschäftigte

Epiktet und Ezop waren in verschiede­nen Abschnitten ihres Lebens Gefangene. Das antike Griechen­land wurde zum Teil durch diese  Gefangenschaft  zu Grunde gerichtet. Denn die Arbeit der Sklaven wurde als minder  bedeutsam angesehen, weshalb keine Industrie geschaf­fen wurde. Dieses Herabblicken  auf die   menschliche Arbeit   hat   das antike   Griechen­land zerstört.

Rabelais

sagt: „Der Richter, der am ordentlichsten arbeitet, unter denen, die ich kenne, pflegte die Entscheidung über Todesstrafe oder Freispruch auszuwürfeln“.

Bei großen Ereignissen, in denen eine hohe Anzahl von Menschen eine Schuld begehen, ist die Dezimierung, also das Opfern von einem Zehntel, Brauch.

Es gibt keine Wunder in der Geschichte. Man kann nicht von einem griechischen Wunder sprechen. Die Griechen haben die Früchte dessen abgeworfen, dass sie sich das asiatische Erbe unberechtigt zu Eigen gemacht haben, nichts anderes ist das griechi­sche Wunder.

Die Griechen konnten sich deswegen als einziges höheres Volk in der Geschichte gerieren, weil sie Propaganda und Schaustellung überzogen betrieben haben.

Nach Nietzsche ist das „Christentum ein Piatonismus, der das Volk anspricht“.

Die antike Demokratie stützt sich auf die Gefangenschaft, die Menschen tragen keine Zukunftsangst. Die Sklaven machen die ganze Arbeit. Die einzige ehrenhafte Arbeit ist das Regieren und die Philosophie.

In späterer Zeit entfaltet sich die Demokratie durch die Teilnahme breiter Bevölkerungsschichten an der Regentschaft.

Im teokratischen Mittelalter gibt es keine  Demokratie.   Sie  tritt  erst  im   18. Jahrhundert auf.

Das Christentum ist eine Religion der Sklaven. Bei ihrer Geburt kommt sie als Religion der hungrigen und leidenden Massen, die von römischen Legionären niedergemetzelt werden, zum Vorschein. Thron und Altar vereinigen sich bei Konstantin.

Das Christentum segnet jeden Mord ab.

Die Kirche spielte eine große Rolle bei der Errichtung der Demokratie. Denn es gab nicht die Erbfolge, die Päpste kamen durch Wahl zu ihrer Stellung.

Die weltlichen Dinge und die Kirche trennten sich. Durch das ganze Mittelalter hindurch verteidigt die Kirche gegenüber den Regenten das natürliche Recht und die Menschenrechte.

Der Sozialist Leroy sagt, dass der Bischof Bossuet, indem er die Gleichheit der Menschen vor dem Tod immer wieder beton­te, die Prinzipien der französischen Revolution fundierte.

Das 18. Jahrhundert, eine Epoche, in der große Bevölkerungsgruppen zu lesen und zu denken angefangen haben.

Genauso wie Rabelais, Montaigne, Descartes, Moliere sind auch Helvetius und d’Holbach Kinder der Bourgeoisie.

„Tout pour le peuple, rien par le peuple“ (Alles für das Volk, nichts mit dem Volk) sagt Voltaire.

Alle Institutionen der Geschichte stellt das 18. Jahrhundert vor den Gerichtshof der Vernunft. Die Revolution von 1789 wird unter Anführung der Bürgerlichen durch das Pariser Volk, die Hungrigen und die kleinen Handwerker verwirklicht.

Als 1791 die konstituierende Ver­sammlung die Verfassung macht, lädt sie das Volk, welches die Revolution mit ihrem Blut und ihrem Skelett verwirklicht hat, nicht zum Festtisch.

Die Ansicht, die Rousseau im Contrat Social vorbringt ist folgende:

Gott hat das Herrschaftsrecht den Regenten übertragen.

Als es vom Volk missbilligt wurde, daß die Regenten sich als Gott sehen, haben diese angefangen zu behaupten, dass sie durch den Willen Gottes eingesetzt wurden.

Die Frage, woher die Regenten das Recht auf Herrschaft haben, beantwortet Rousseau.

Rousseau, mit seiner Krankheit und mit seinem Genie zum 19. Jahrhundert gehö­rend, romantisch, verleiht dem Volk als Ganzes die Souveränität.

Die Souveränität gehört dem Volk selber.

Die Individuen haben nur einen Bruchteil an Souveränität. Dieses Recht kann nicht weggenommen werden, es kann für eine bestimmte Zeit je nach dem Willen des Volks auf jemanden übertragen werden.

1791 wird diese Ansicht hinterlistig ausgenutzt.

Die Souveränität, von der Rousseau spricht, ist die der ganzen Gesellschaft, also die des Volks. Das Volk steht über den Individuen.

Die Verfassung von 1793 brachte einen generellen Verzicht auf Strafe.

Mit dem Termidor wird Robespierre an den Strang geschickt.

In der Zeit Napoleons hält das Bürgertum das Volk hin, von dem es nicht will, dass es die Macht erlangt.

Louis XVIII. stellt das Zensuswahlrecht in den Mittelpunkt.

Nach der Restauration, in der Juli-Monarchie, also in der Zeit Louis Philippes wird die Wahl durch die reichen Klassen bestimmt.

Nach 1848 bekommen alle Franzosen das Wahlrecht. In Frankreich wird den Frauen das Wahlrecht 1944 gegeben.

Da die Frauen konservativ sind, wählen sie die rechten Parteien, obwohl die rechten Parteien gegen das Frauenwahlrecht eintreten.

Die Frau muß außerhalb des Stadtgeschehens bleiben, die Kinder erziehen, darf nicht an diesen dreckigen Angelegen­heiten teilnehmen.

„On ne gouverne pas innocement“ (Politik und Ethik lassen sich nicht vereinba­ren), St. Just.

Das Erwachsenenalter und das Wahlalter müssen das gleiche sein.

Heute gibt es drei Arten von Demokratie:

1 -Die liberale (westliche) Demokratie

2-Die   marxistische   (Volks-)

Demokratie

3- Die nationale Demokratie (Dritte

Welt)

Der Grundbaustein der liberalen Demokratie ist die allgemeine Wahl. Die westliche Demokratie geht vom englischen Parlamentarismus aus.

Das im Jahre 1787 gegründete Amerika bringt das alte englische Parlament zur Anwendung.

Die Gewaltenteilung Montesquieus kommt von Locke; er wiederum beschreibt die englische Gesellschaft seiner Zeit.

Für das Frankreich des 18. Jahrhun­derts ist die englische Regierungsform ideal; das England, in dem ein König unter dem Beil gestorben ist. (Great Revolution)

In England sind Aristokratie und Bürgertum im Konsens. Es gibt eine intellek­tuelle Aristokratie, die Klassen sind beweg­lich.

Parlament, Mehrparteiensystem, allgemeine Wahl, die Anerkennung der Grundfreiheiten: dies fasst die liberale Demokratie zusammen.

In Ländern mit Zweiparteiensystem werden Personen gewählt, nicht Parteien; zum Beispiel gibt es in England zwei Parteien: die konservative Partei und die Arbeiterpartei.

Hingegen wird im Mehrparteien­system der Denkrichtung, der Ideologie die Stimme gegeben.

Wirtschaftsliberalismus und politi­scher Liberalismus sind nicht dasselbe.

Die Physiokraten und Adam Smith wollen den geringsten Eingriff des Staates in die Ökonomie, wollen, dass die Zollschranken und Begrenzungen aufgehoben werden.

Die Physiokraten tragen diesen Namen nicht, weil sie den Boden für wichtig halten, sondern weil sie an eine natürliche Ordnung in der Physis glauben.

Die westliche Demokratie ist nur in den industrialisierten Ländern möglich. Liberalismus ist die Freiheit, die breite Bevölkerungsschichten, welche zum Licht hervorstiegen, im Schweiße ihres Angesichts erlangt haben. Das Brot, welches mit Schweiß und Blut errungen wurde.

Die Industrie beginnt in Europa mit der Ausbeutung Asiens, Südamerikas und Afrikas. Die herrschende Klasse gibt es auf, die eigene Arbeiterklasse auszubeuten, nachdem sie Asien und Amerika ausgebeutet hat.

Der Liberalismus ist die politische Form des kapitalistischen Produktionssytems.

Das erste kapitalistische Land ist Holland.

Duverger sieht das Prinzip der Knappheit als tiefen Grund für den Klassen­kampf.

Der Kuchen ist klein, die Zahl der Hungrigen aber groß. Also werden wenige Menschen von diesem Kuchen essen, ein Teil wird davon ausgegrenzt.

Die revolutionärste Klasse der Geschichte, die Bourgeoisie, akzeptiert die allgemeine Wahl, stößt die Aristokratie um und läßt die durch die Industrie hervorge­brachte Klasse, das Proletariat entstehen.

Zwei Kontinente (Europa und Amerika), sind in Folge der Ausbeutung von zwei Kontinenten (Asien und Afrika) reich geworden. Die westliche Demokratie kann außer in Europa in keinem anderen Land errichtet werden.

Nach dem Krieg von 1914 gehen die Monarchien und die Königreiche zu Ende. Es treten die klassischen Demokratien und die autoritären Regime auf.

Die UdSSR als autoritäre Proletarier-Diktatur wird geboren; und ein neues Regime: der Faschismus tritt zunächst in Italien und dann in Deutschland auf.

Der Kapitalismus hört mit der Demokratie nicht auf, manchmal wird er zum Faschismus. Dies ist in wirtschaftlich fortge­schrittenen Ländern möglich.

Als der Kapitalismus mit der liberalen Demokratie nicht weitermachen konnte, er keinen Markt mehr hatte, er mit der allgemei­nen Wahl nicht mehr im Stande war, an der Macht zu bleiben, überließ er seinen Platz Hitler und Mussolini.

Der Faschismus ist die Selbstfortfüh­rung des Kapitalismus mit neuen Methoden. Er besetzt die Geschichte einmal und in manchen Ländern.

Das Bürgertum, welches die indu­strielle Revolution hervorgebracht hat, hat dafür seit dem 12. Jahrhundert gearbeitet.

Die liberale Demokratie ist das glückliche und vollkommene Gleichgewicht zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie.

Demokratie ist eine Demopädie (die Erziehung des Volkes).

Wie kann man denken, dass ein Volk, welches nicht Lesen und Schreiben kann, die Regierenden kontrollieren soll. Deswegen können die wirtschaftlich rückständigen Länder die westliche Demokratie lediglich versuchen   nachzuahmen.   Nur   die Intellektuellen sehnen sich nach der westli­chen Demokratie.

Bis 1917 gab es nur eine Welt. Nach 1917 zwei: die sozialistische und die liberale Welt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die Dritte Welt in Erscheinung: die ehemaligen Kolonien. Eine Reihe von Staaten mit gemein­samen Sorgen aber ohne gemeinsame Bedürfnisse.

Die Chinesen nennen diese Gebiete „zone de tempete“ (Zone des Sturms) und glauben, dass der westliche Imperialismus in j enen Ländern sein Ende finden wird.

Diese Länder haben sich in blutigen Auseinandersetzungen gegen den Westen gewandt, sie mögen den Westen nicht. Doch haben sie sich die wichtigen Seiten der Kolonialmacht zu Eigen gemacht.

Viele von diesen haben sich vom Kapitalismus getrennt und sich dem Sozialismus zugewandt. Doch haben sie Angst vor dem Kommunismus.

Der Kapitalismus muß ausbeuten, um zu überleben. Die europäische Zivilisation ist abhängig von der Ausbeutung Asiens.

Kein Volk oder keine Klasse gibt indess ihre eigenen Rechte, ihren eigenen Luxus und ihre eigenen Kaprizen im Namen der Menschlichkeit auf.

Die Delegierten von 81 Völkern, die sich 1960 in Moskau versammelten, haben für die zurückgebliebenen Länder eine neue Formel ins Feld geführt.

Die kapitalistische (liberale) Welt hat sich seit langer Zeit daran gewöhnt, die Dritte Welt auszubeuten. Ihr Überleben, das Weiterleben dieser schönen Zivilisation ist daran gebunden. Angesichts dessen, muss die Hilfe, die der Dritten Welt gegeben wird und die Freundschaft, die ihr angeboten wird, in diesem Rahmen gesehen werden.

Der östliche Block muss das Licht sehen, das von beiden Seiten kommt, muss die Erfahrungen beider Seiten nutzen und eine nationale Demokratie errichten.

Die zurückgebliebenen Länder können sich nur mit Großindustrie aufrichten; doch der Westen würde dies nicht erlauben.

Die nationale Demokratie stützt sich zunächst auf alle gesellschaftlichen Klassen. Sie muss in Wirtschaft und Kultur autokra­tisch und authark sein. Das Fürstentum muss enden. Dies ist nicht die Sache einer Gruppe, einer Klasse, dies ist die Sache des ganzen Volks. Es gibt keine organisierte Arbeiter­klasse oder Bourgeoisie. Es gibt das Militär.

Es wird gegen das Fürstentum und das ausländische Kapital (unter Durchführung einer Bodenreform und unter Vereinigung des Handels gegenüber dem Wucher) gekämpft und wenn das Volk als Ganzes an diesem Kampf teilnimmt, hält sich die nationale Demokratie und der unterentwickelte Staat wird aus dieser Situation gerettet.

Dies ist weder eine liberale Demo­kratie, noch ein autoritäres Regime.

Das Osmanische Reich verdankt die Verzögerung seines Niedergangs in der Endphase, der Konkurrenz der kapitalisti­schen Staaten. Abdülhamit hat das verfallende Land 33 Jahre lang mit Hilfe dieser Konkurrenz aufrechterhalten.

Cemil Meriç wurde 1916 in Hatay geboren. Seine Familie war während des Balkan Krieges aus Griechenland eingewan­dert. Er ging auf das Antakya Gymnasium, welches das französische Bildungssystem praktizierte, in der unter französischer Verwaltung stehenden Stadt Hatay. Er arbeitete in einem Übersetzungsbüro, war tätig als Grundschullehrer und Bezirks­vorsteher. 1940 immatrikulierte er sich an der Istanbul Universität, an der er französische Sprache und Literatur studierte. Meriç, der auf einem perfekten Niveau französisch lesen und schreiben konnte, verstand Englisch und er „biss sich“ -mit seinen eigenen Worten- im Arabischen durch. Als Französischlehrer war er in Elazığ (1942-45) und Istanbul (1952-54) tätig. Ab 1941 begann er in den Zeitschriften İnsan, Yücel, Gün, Ayın Bibliyografyası zu schreiben. An der Istanbul Universität war er als Lektor aktiv (1946-63), unterrichtete im Bereich Soziologie (1963-74). Als Folge der Verschlimmerung seiner Myopie wurde er 1955 blind, sein hohes Arbeits- und Produktionstempo jedoch fiel dadurch nicht. In verschiedenen Zeitschriften erschienen seine Artikel. In der Zeitschrift Hisar schrieb er ununterbrochen unter dem Titel „Fildişi Kuleden“ („Vom Elfenbeinturm“) seine Essais. 1974 ging er in Rente und fing an, seine über Jahre hinweg angeeignete Gelehrsamkeit in Werke umzusetzen. 1984 erlitt er zunächst eine Gehirnblutung, dann einen lähmenden Schlaganfall. Am 13 Juni 1987 schied er aus dem Leben aus.

 
quelle:http://www.weltbulletin.de/news_detail.php?id=1&uniq_id=1187469543

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