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Islam mit karibischem Flair

Juli 18, 2007

Die muslimische Gemeinde in Havanna wächst stetig; Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNKvon Florian Borchmeyer Havanna gilt als Mekka der Karibik. Denn muslimische Exilanten aus den palästinensischen Gebieten haben wegen der einstigen Freundschaft zwischen dem verstorbenen Palästinenserpräsidenten Arafat und Kubas Staatschef Castro hier ein neues Zuhause gefunden. „Allah ist groß“ – ein unerwarteter Ruf in den Straßen Havannas. Tausende Kubaner sind in den vergangenen Jahren zum Islam übergetreten. Kleider und Traditionen aus muslimischen Ländern gelten besonders bei Jugendlichen als total angesagt. Dabei scheint Kuba eigentlich wenig mit der Lehre Mohammeds zu tun zu haben: Ist es doch die Insel des Rums und der ungebrochenen Lebensfreude. Doch die enge politische Beziehung Fidel Castros zur islamischen Welt hat in der Bevölkerung überraschende Spuren hinterlassen.     

Die muslimische Gemeinde in Havanna wächst stetig O-Ton: Yahia Lazo, Imam von Havanna „Kuba ist kein reiches Land. Dennoch hat es viele Tausende Studenten aus Mali, Guinea, Algerien und vielen anderen muslimischen Ländern kostenlos an seine Unis kommen lassen. Als Student geriet ich in Kontakt mit diesen Menschen und begann als erster, ihren Glauben hier zu verbreiten. Und so erklärt es sich, dass es heute eine muslimische Gemeinde in Kuba gibt.“

Traditioneller Treffpunkt der Muslime in Havanna ist ein Altstadthaus im arabischen Baustil. Castros Regierung überließ es den ausländischen Studenten und Diplomaten für ihre Zusammenkünfte. Unter die Gläubigen mischen sich nun aber auch kubanische Muslime. Noch verfügt die stetig wachsende einheimische Gemeinde über keine eigenen Moscheen. Daher werden nun Privathäuser zu islamischen Zentren umfunktioniert.

Grund für diesen Islam-Boom ist häufig die Enttäuschung über das Scheitern der sozialistischen Utopien. Im Koran und in den Lehren des US-amerikanischen Muslimführers Malcom X suchen viele Kubaner neuen Halt. Von der Regierung werden sie zwar nicht offiziell anerkannt, aber uneingeschränkt geduldet. Denn Gefahr geht von ihnen nicht aus. Von Fanatismus und religiöser Gewalt findet sich bei Havannas Muslimen keine Spur.   O-Ton: Ismael Pérez, Kubanischer Muslim „Ich hatte sehr viele Vorurteile gegenüber dem Islam. Alle Leute, auch meine Eltern, haben mir nur Schlechtes über den Islam gesagt. Dann aber begann ich, selbst mit Moslems zu sprechen. Und ich bemerkte, dass der Islam etwas sehr Menschliches ist, eine Religion des Friedens und nicht des Kriegs. Terrorismus und Islam haben nichts miteinander zu tun.“

Auch in der weiblichen Bevölkerung findet der Islam immer mehr Anhänger. Zu ihnen gehört die Rechtsanwältin Ileana Ceballos. Sie ist Muslimin, seit sie einen palästinensischen Exilpolitiker heiratete. Allerdings entspricht sie als selbstbewusste Kubanerin kaum dem islamischen Frauenbild. Als ihr Mann in seine Heimat zurückkehrte, verließ sie ihn kurzerhand. Trotz allem: Den islamischen Glauben hat sie bewahrt. Bei ihren Mitbürgern stößt ihr Kopftuch auf keinerlei Ablehnung – ihre eigene Tochter trägt überhaupt keines. Auf beiden Seiten karibische Ungezwungenheit. Dennoch fällt das Leben nach zwei unterschiedlichen Gesetzen nicht immer leicht.   O-Ton: Ileana Ceballos, Rechtsanwältin und Muslimin „Es ist ein hundertprozentiger Widerspruch. Das liegt allein schon an unserer Gesellschaft und ihren Grundlagen. Etwa was Dinge wie die Scheidung betrifft. Hier ist die Scheidung etwas völlig Alltägliches. Und völlig anders ist auch die Einstellung der Jugendlichen zu Alkohol, Drogen, Sex und Prostitution. Oder zum Diebstahl. Der Koran lässt keinen Diebstahl zu. Wenn du stiehlst, schneidet man dir einfach die Hand ab.“

Von brutaler Repression bleibt eine kubanische Muslimin aber zu Glück verschont. Unter ihren männlichen Glaubensgenossen erfährt Ileana auch als moderne, alleinerziehende Berufstätige keinerlei Schwierigkeiten. In Yahias Lazos kleiner Privatmoschee beten Gläubige beiderlei Geschlechts einträchtig zusammen. Denn was die Rolle der Frau im Koran angeht, hat Havannas Imam seine eigenen, ganz unorthodoxen Ansichten.   Auch in der weiblichen Bevölkerung findet der Islam immer mehr Anhänger; Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK Bildansicht Auch in der weiblichen Bevölkerung findet der Islam immer mehr Anhänger O-Ton: Yahia Lazo, Imam von Havanna „Ich glaube nicht, dass der Islam eine Macho-Religion ist. Ich bin sogar sicher. Doch leider besteht ein Großteil der Männer aus Machos. Nicht nur hier in Kuba, sondern überall auf der Welt. Selbst in Spanien und Europa z.B., sind Männer Machos. Aber wenn man sich in die Tiefen des Heiligen Buches versenkt, bemerkt man, dass das gegen die Gebote Allahs verstößt.“

Inzwischen weiß der undogmatische Imam nicht mehr, wohin mit den neuen Gläubigen. So legt Yahia einfach selbst Hand an uns stockt sein eigenes Wohnhaus für die Gemeinde auf. Dass sein Sohn ein bekannter Salsa-Musiker ist und dort karibische Rhythmen trommelt, stört Yahia wenig.   O-Ton: Yahia Lazo, Imam von Havanna „Es stimmt schon: Es gibt viel Schweinefleisch bei uns in Kuba. Und viel Rum. Viel Gesaufe und viel Fiesta. Die Leute tanzen. Die Leute singen. Aber auf der ganzen Welt tanzen und singen die Leute. Und auch wir tanzen und singen.“

Ausgelassener Tanz für junge und alte Muslime, für Frauen und Männer: im Zeitalter des islamischen Fundamentalismus alles andere als ein selbstverständlicher Anblick. So weisen Kubas Muslime ihren arabischen Glaubensbrüdern vielleicht sogar den Weg in einen toleranteren Islam. http://www.mdr.de/windrose/4615807.html

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