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Halliburtons glänzende Geschäfte im Irak

Juli 16, 2007

Die Euphorie nach dem Irak-Krieg ist auch in Amerika graue Vergangenheit. Das „Mission Accomplished“ von Präsident Bush ist lange her und das tägliche Morden zwischen Euphrat und Tigris längst ein Stachel im Fleisch der republikanischen Regierung. Nur langsam beginnt die Aufarbeitung der Ereignisse während und nach dem Feldzug gegen Saddam Hussein.

Der Dokumentarfilm „Iraq for Sale“ zeigt die unglaublichen Machenschaften und Geschäfte einzelner Konzerne mit der US-Armee in dem zerstörten Land. Am 10. Mai dieses Jahres wollte Regisseur Robert Greenwald vier Minuten seines Dokumentarfilms „Iraq for Sale“ im Repräsentantenhaus zeigen. Doch aufgrund eines Vetos der Republikaner wurde die Vorführung untersagt. Was die Regierungspartei so gegen diesen Film aufbrachte, erschließt sich jedem, der sich den Trailer oder die verbannten vierminütigen Auszüge ansieht: Eine Aneinanderreihung von systematischer Misswirtschaft, Selbstbereicherung und Verschwendung von Steuergeldern. Im Zentrum dieser Skandale findet sich immer wieder ein Konzern: Halliburton.

Halliburton mit dem direkten Draht zur Macht

Viele der Architekten des Irak-Krieges mussten mittlerweile den Rückzug antreten und sind nicht mehr an der Macht. Donald Rumsfeld wurde als Verteidigungsminister abgelöst und Paul Wolfowitz, einer der Pioniere der so genannten „NeoCons“, einer Gruppe von konservativen Vordenkern mit vermeintlich innovativem Gedankengut, war zwischenzeitlich Weltbankpräsident. Dort wurde er wegen Vorteilsnahme und Korruption geschasst. Nur einer sitzt immer noch im Zentrum der Macht: Dick Cheney. Der starke Mann hinter Präsident Bush bildet nach wie vor das Rückgrat dieser Administration, und Bush ohne Cheney wäre kaum denkbar. Doch der Vize-Präsident hält sich im Hintergrund, ist selten in der ersten Reihe zu sehen.

Doch gerade an seiner Figur macht sich ein Menetekel des Irak-Krieges fest. Denn die Firmen, die im Rahmen des Feldzuges das ganz große Geld bei Aufträgen für die Logistik oder den Wiederaufbau des Landes bekommen haben, stehen in engstem Kontakt mit der Regierung. Dick Cheney als ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender und CEO von Halliburton spielt dabei eine schwer durchschaubare Rolle. Natürlich hat er keine aktive Verbindung zu seinem ehemaligen Arbeitgeber. Doch an zufällige Zusammenhänge zwischen der Praxis der Auftragsvergabe im Irak und der Tatsache, dass sich ehemalige Mitarbeiter des Konzerns mittlerweile an den Schalthebeln der Macht in Washington finden, glaubt auch in den USA kaum jemand mehr. Bereits vor der republikanischen Machtübernahme im Jahr 2000 mischte Halliburton bei der Auftragsvergabe des Militärs kräftig mit. In Cheneys Zeit als Chef des multifunktionellen Unternehmens fielen zahlreiche Aufträge während des Balkankrieges. Später wurde Halliburton auch bei den Aufräumarbeiten in der Folge des Hurrikans Katrina eingesetzt. Die Erfolge dieses Einsatzes sind bekanntermaßen in Teilen recht fragwürdig.

KBR zog mit den Truppen in das Land ein

Im Irak ist Halliburton bis heute ein Staat im Staate. Der Konzern erledigt für das US-Militär, Drittstaaten und Privatunternehmen nahezu jede denkbare Serviceleistung. Von einfachen Übersetzungsdiensten über Bewachungsaufgaben bis zu großen Bauvorhaben reicht das Angebot. Da das Unternehmen, vor allem die Bau-Tochter KBR, quasi mit den Truppen in das Land einzog, hatte Halliburton vom Start weg die besten Kontakte zu den Entscheidern in Politik und Militär. So gehen nahezu alle Aufträge zunächst an Halliburton und seine Tochterunternehmen, bevor sie an zahlreiche weitere Unternehmen aus dem Dunstkreis des Konzerns weiter vergeben werden.

Ausgelagert wurde an Tätigkeiten fast alles, was man sich vorstellen kann. Von einfachen Konstruktionsarbeiten über die Wartung von Maschinen und Fahrzeugen bis hin zu der Soldatenwäsche. Der Gipfel des „Outsourcings“ sind die Verhöre in Abu Ghraib, die ebenfalls zu einem nicht unwesentlichen Teil von so genannten „Contractors“, also freien Mitarbeitern erledigt wurden. Ein großer Vorteil des Ganzen ist mangelnde Haftungsfähigkeit der privaten Arbeitnehmer. Foltert ein Soldat oder vergeht er sich sonst an Gefangenen, dann handelt er immer noch für seinen Staat. Er kann angeklagt werden, riskiert seine militärische Laufbahn und das Militär Ruf und Reputation. Mit den „Contractors“ verhält es sich anders. Sie werden bei Vergehen einfach nach Hause geschickt, die Armee kann mit den Schultern zucken und der Mitarbeiter ist möglicherweise eine Woche später für ein anderes Unternehmen wieder im Land. Wesentlich unkomplizierter also.

Defekte LKWs gesprengt und als Verlust gemeldet

Robert Greenwalds Film „Iraq for sale“ versucht sich nicht nur an der Aufdeckung von Systemen der Misswirtschaft. Er zeigt die Menschen hinter diesen Machenschaften. Leute, die entweder Söhne und Verwandte bei diesem Multimilliarden-Dollar-Spiel verloren haben oder die, von Gewissensbissen getrieben, Details über ihre Arbeit im Irak offenbaren. So wird ein Spezialist für Wasseraufbereitung interviewt. Ben Carter sollte im Auftrag von KBR die Frischwasserversorgung der Truppen herstellen. Er berichtet, dass von 67 Wasseraufbereitungsanlagen 63 nicht richtig funktionierten und zum Teil ernsthafte Krankheiten, wie Malaria oder Typhus, verbreiteten. Grund war der enorme Kostendruck, unter denen die Aufträge abgewickelt wurden. Ein LKW-Fahrer erzählt von Lieferungen für die US-Armee. Hatte einer der Trucks einen platten Reifen, so wurde das Fahrzeug kurzerhand in die Luft gesprengt und als Verlust gemeldet. Gezahlt wurde das Ganze von der US-Armee.

Soldaten, die ihre Wäsche selbst waschen wollten, wurden von Offizieren zurechtgewiesen, weil Halliburton für diese Tätigkeiten beauftragt war. Kostenpunkt pro Wäschesack: 99 Dollar. Mit miserablem Ergebnis, wie der ehemalige Irak-Soldat Geoff Millard berichtet. So saßen tausende von US-Soldaten in ihren Lagern herum und waren zur Untätigkeit verdammt. Selbst Arbeiten wie die Wartung der eigenen Fahrzeuge durften sie nicht mehr selbst verrichten, weil die Aufträge an Privatunternehmen vergeben waren.

Prämien für Geldverschwendung

Das Ganze wurde noch durch ein perfides Prämiensystem auf die Spitze getrieben. Zwischen dem Pentagon und Halliburton gab es eine Vereinbarung namens „Cost-Plus“. Dieses Programm garantierte dem Unternehmen die Erstattung der Ausgaben für etwaige Aufträge plus einen garantierten Profit, wenn das ausgegebene Ziel erreicht wurde. Eine Lizenz zum Geld drucken, denn die „Erfolge“ wurden, wie bei den Wasseranlagen, kaum kontrolliert. Die Offiziere der US-Armee waren mit Prämien am Umsatz der Aufträge beteiligt. Je mehr Umsatz im Rahmen eines Auftrages produziert wurde, desto höher die Beteiligung. Systematische Anreize zur Verschwendung von Steuergeldern also. Erst im Jahr 2006 wurde diese Praxis, von der auch andere Firmen im Irak profitierten, größtenteils aufgegeben.

Die Kosten für den Irak-Krieg sind natürlich nicht nur durch diese Praktiken ins Unermessliche gestiegen. Auf der Website „Cost of War“ wird die Summe der Ausgaben für den Irak-Krieg mitgerechnet. Momentan steht der Zählerstand bei etwas mehr als 440 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Die gesamten Ausgaben des Bundes im aktuellen Haushaltsentwurf für 2007 belaufen sich auf 267 Milliarden Euro, rund 365 Milliarden US-Dollar.

Regisseur mit investigativer Ader

Als investigativer Filmemacher profilierte sich Robert Greenwald mit „Outfoxed: Rupert Murdoch’s War on Journalism“ im Jahr 2004, wo er die Rechtslastigkeit der Murdoch-Medien in den USA anprangerte. Es entbrannte eine heftige Diskussion über die Aussagen des Regisseurs und die Vorwürfe, die sich vor allem gegen den Fernsehsender „Fox“ richteten. Auch sein zweiter Film „Wal-Mart: The High Cost of Low Price“ deckte die Machenschaften eines US-Konzerns auf. Der US-Handelsriese wird für seine Praktiken gegenüber kleinen Einzelhändlern, seinen Umgang mit der eigenen Belegschaft und die zweifelhafte Umsetzung der Umweltschutzvorschriften angeprangert. Mit seinen Filmen hat Greenwald immerhin 25 Emmy- und zwei „Golden Globe“-Nominierungen geholt. Seine Filme kommen jedoch nicht ins Kino. Mit dem eigens gegründeten Vermarkter „New Brave Films“ wird der Film über seine Website oder über Internethändler wie Amazon vertrieben. Das Geld für die Produktionen kommt zum größeren Teil aus Spenden.

Mit „Iraq for Sale“ hat der nicht unumstrittene Dokumentarfilmer ein sehr kontroverses Werk geschaffen. Sollten die dort beschriebenen Praktiken wahrheitsgetreu wiedergegeben worden sein, hat der Film eigentlich ein riesiges Skandal-Potenzial. Doch die Machenschaften von Halliburton sind nicht erst seit Greenwalds Film Objekt der Beobachtung. Die Organisation „Halliburton Watch“ schaut seit Jahren dem umtriebigen Konzern auf die Finger. Auf der Website ist die ganze Vielfalt der Aktivitäten zu bewundern. Schließlich ist der Konzern nicht nur im Irak aktiv. Auch in Afghanistan betreibt das Unternehmen Flugplätze und Kasernen des US-Militärs. In Guantanamo wurden die Zellen von KBR gebaut.

Die Liste der Aktivitäten umfasst nahezu die halbe Welt und jeden Konfliktherd, in dem das US-Militär verwickelt war und ist. Wo der künftige Schwerpunkt der Tätigkeiten von Halliburton sein wird, zeigt auch eine andere Tatsache: Im März gab Halliburton bekannt, seinen Hauptsitz von Houston (Texas) in die Vereinigten Arabischen Emirate verlegen zu wollen. Zumindest diese Entscheidung sorgte für eine Welle der Aufregung in den USA.

Links:
„Iraq for Sale“ – Website zum Film – http://iraqforsale.org
Halliburton Watch – http://www.halliburtonwatch.org/
National Priorities Project – Cost of War – http://costofwar.com/

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/

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