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Der Gazastreifen ist nicht nur ein Gefängnis – er ist auch ein Laboratorium

Juni 27, 2007

Gaza ist in den Händen der Hamas, maskierte Militante sitzen auf dem Stuhl des Präsidenten. Die Westbank ist am Rande der Verzweifelung. Israelische Armeecamps versammeln sich hastig auf den Golanhöhen. Ein Satellitenspion schwebt über dem Iran und über Syrien. Ein Krieg mit der Hisbollah ist nur eine Haaresbreite entfernt. Eine skandalgeplagte politische Klasse hat das Vertrauen der Öffentlichkeit verloren.

Kurz gesagt: um Israel steht es nicht gut. Aber hier stehen wir vor einem Rätsel: warum boomt in solch einem Chaos und Gemetzel die israelische Wirtschaft wie 1999 mit einem phantastischen Börsenkurs und Wachstumsraten – ähnlich denen in China.?

In der New York Times legte Thomas Friedman kürzlich seine Theorie dar. „Israel nährt und belohnt individuelle Phantasie“, und deshalb bringen seine Leute massenweise geniale Hochtechnik-Erfindungen hervor – egal, welches Chaos seine Politiker verursachen . Nachdem Friedmann Studienprojekte der Studenten der Ingenieur- und Computerwissenschaften an der Ben Gurion Universität durchgesehen hat, machte er eine seiner berühmten Äußerungen, die eigentlich etwas völlig anderes meinen: „Israel hat Öl gefunden“ Dieses Öl liegt anscheinend in den Köpfen von Israels „jungen Erfindern und Abenteuerkapitalisten“, die zu eifrig sind, indem sie Megadeals mit Google machen, um durch Politik aufgehalten zu werden.

Es gibt noch eine andere Theorie: Israels Wirtschaft boomt nicht trotz des politischen Chaos, das die Schlagzeilen ausmacht, sondern genau deswegen. Diese Entwicklungsphase begann in der Mitte der Neunzigerjahre, als Israel sich in der Vorhut der Informationsrevolution befand – die von der Technik abhängigste Wirtschaft der Welt. Nach dem „dot-com bubble burst“ (?) im Jahr 2000 wurde Israels Wirtschaft vernichtet – es war das schlimmste Jahr seit 1953. Dann kam der 11.9. und plötzlich taten sich neue Gewinnmöglichkeiten für all jene Unternehmen auf, die behaupteten, sie könnten Terroristen in Menschenmengen herausfinden, Grenzen vor Angriffen schützen und Bekenntnisse aus Gefangenen mit eisern verschlossenem Mund herausholen.

Innerhalb von drei Jahren wurden große Teile von Israels technischer Wirtschaft radikal neu ausgerichtet. In Friedmannscher Ausdrucksweise: Israel ging von der Erfindung des Internets der „flachen Welt“ weiter zum Verkauf von Zäunen an den Apartheidplaneten. Viele der erfolgreichsten Unternehmer des Landes nützen den Status Israels als Festungsstaat aus, der von zornigen Feinden umgeben ist, als lebendiges Beispiel – in der Art einer 24-Stunden-Lifeshow – wie man sich relativer Sicherheit mitten in einem Krieg erfreuen kann. Der Grund, dass Israel sich über so ein großes wirtschaftliches Wachstum freuen kann, liegt bei jenen Firmen, die genau dieses Model in die Welt exportieren. Gewöhnlich konzentrieren sich Diskussionen über israelischen Rüstungshandel auf Waffen, auf Caterpillarbulldozer aus den USA, die Häuser in der Westbank zerstören, und auf Teile für die F-16-Bomber von britischen Firmen. Dabei wird Israels großes und expandierendes Exportgeschäft übersehen.

Israel exportiert nun für $1,2 Milliarden „Verteidigungs“-Produkte in die USA, die sich dramatisch um $270 Millionen im Jahr 1999 erhöht haben. 2006 exportierte Israel für $3,4 Milliarden Verteidigungsprodukte – gut über eine Milliarde mehr als es durch US-Hilfe erhalten hat. Das macht Israel zum viertgrößten Waffenhändler in der Welt und hat so Großbritannien überholt. Einen großen Teil dieses Wachstums hat es dem sog. „Heimat-Sicherheits“-Sektor zuzuschreiben. Vor dem 11.9. existierte solch eine Industrie so gut wie gar nicht. Am Ende dieses Jahres wird der israelische Sektor auf diesem Sektor $1,2 Milliarden erreichen – ein Wachstum um 20%. Die wichtigsten Produkte sind die High-tech-Sicherheitszäune, unbemannte Flugkörper, biometrische Identitätskarten, Video- und Audio-Überwachungsapparate, Systeme um Flugpassagiere und Gefangenenverhöre zu kontrollieren – genau all die Apparate und Technologien, die Israel anwendet, um die besetzten Gebiete abzusperren.

Genau das ist es, warum das Chaos des Gazastreifens und in der übrigen Region nicht den Boden Tel Avivs erreicht, ja, tatsächlich dieses Chaos noch fördert. Israel hat gelernt, einen unendlichen Krieg in einen Aktivposten mit Markenzeichen zu verwandeln, in dem es das Entwurzeln, die Besatzung und das In-Schach-halten des palästinensischren Volkes vorantreibt wie einen guten Start in den „globalen Krieg gegen den Terror“.

Es ist kein Zufall, dass die Projekte am Ben Gurion-Flughafen, die Friedman so beeindruckten, Namen haben wie „Innovative Covariance Matrix für punktgenaue Aufdeckung in hyperspektrale Bilder“ und „Algorithmen für Hindernisaufdeckung und Vermeidung“. Dreißig Sicherheitsfirmen sind allein in den letzten sechs Monaten in Israel entstanden – dank großzügiger Regierungsunterstützung, die die israelische Armee und die Universitäten des Landes in Inkubatoren für Sicherheits- und Rüstungsunternehmen verwandelt hat. (Das sollte man bei den Debatten um den akademischen Boykott im Gedächtnis behalten).

In der nächsten Woche wird eine dieser größten Firmen nach Europa reisen, um an der Pariser Flugmesse teil zu nehmen – es ist eine der Modeschau entsprechende Messe der Rüstungsindustrie. Eine der israelischen Firmen stellt sein Suspect Detection System (SDS) vor, einen Science-Fiction- Sicherheitskiosk, der Fluggäste auffordert, eine Reihe vom Computer erzeugte Fragen zu beantworten, die ihrem Ursprungsland angepasst wurden. Währenddessen muss der antwortende Fluggast seine Hand auf einen Sensor legen. Der Apparat nimmt die Reaktionen des Körpers auf die Fragen auf. Bestimmte Antworten werden den Fluggast als „Verdächtigen“ einordnen.

Wie Hunderte andere israelische neugegründete Sicherheitsunternehmen rühmt sich SDS, dass es von Veteranen der israelischen Geheimpolizei gegründet wurde und dass seine Produkte an Palästinensern getestet wurden. Das Unternehmen hat nicht nur die Biofeedback-Terminals an den Westbankkontrollpunkten getestet, es behauptet auch, dass das Konzept auch durch die Erfahrung von Analysen Tausender von Fallstudien bestätigt wurde, die im Zusammenhang mit Selbstmordattentätern in Israel stehen.

Ein anderer Star der Pariser Flugmesse wird der israelische Verteidigungsriese Elbit sein, der seine unbemannten Hermes 450 und 900-Flugmaschienen zu zeigen, plant. Nach Presseberichten im vergangenen Mai verwendete Israel die Drohnen, um im Gazastreifen Bombenanschläge mit gezieltem Töten auszuführen. Wenn sie erst einmal im Gazastreifen getestet wurden, können sie exportiert werden: Die Hermes wurde schon an der Arizona-Mexiko-Grenze verwendet: Cogito 1002-Terminals werden bei einem ungenannten US-Flughafen vorgeführt und Elbit, eines der Unternehmen, das hinter Israels „Sicherheitsbarriere“ steckt, hat sich mit Boeing zusammengetan , um den „virtuellen“ Grenzzaun für $ 2,5 Milliarden rund um die USA zu bauen.

Seitdem Israel mit seiner Politik der Absperrung der besetzten Gebiete mit Kontrollpunkten und Mauern begann , haben Menschenrechtsaktivisten den Gazastreifen und die Westbank mit Freilicht-Gefängnissen verglichen. Bei den Nachforschungen über den explosionsartigen israelischen Sicherheitssektor, einem Thema, das ich ausführlich in meinem nächstens erscheinenden Buch * behandle, entdeckte ich, dass diese Gebiete noch etwas anderes sind: Laboratorien, in denen die schrecklichen Geräte unseres Sicherheitsstaates getestet werden. Die Palästinenser – ob sie nun auf der Westbank leben oder in Hamastan ( wie es israelische Politiker jetzt nennen) sind nicht mehr nur Ziele. Sie sind die Versuchskaninchen.

Friedman hat also recht: Israel hat Öl gefunden. Aber das Öl stammt nicht aus der Phantasie seiner technischen Unternehmer. Das Öl kommt vom Krieg gegen den Terror, einem Zustand ständiger Furcht, die unerschöpfliche globale Apparate fordert, die „Verdächtige“ beobachten, belauschen, kontrollieren und zum Ziel haben. Und Furcht – so stellt sich heraus – ist die beste, erneuerbare Ressource.

Quelle: http://www.arendt-art.de/

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