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Der Fall Marco W.: Deutsche Selbstverständlichkeiten

Juni 27, 2007

Seit Wochen schreiben und titeln deutsche Blätter über den unglücklichen Fall des deutschen Schülers in Antalya. Der 17-Jährige sitzt wohl seit über zehn Wochen in Untersuchungshaft wegen eines Urlaubsflirts mit einer 13-Jährigen Engländerin.

Solche Meldungen und Geschichten ignoriere ich in der Regel so gut ich kann. Doch zeigt dieser Fall gleich mehrere deutsche Selbstverständlichkeiten:

1. Selbstverständlichkeiten unserer Politiker
Deutschland regt sich – weshalb auch immer – seit ein Paar Tagen über diesen Fall auf. Der Tatverdächtige sitzt allerdings, wie eingangs erwähnt, seit über zehn Wochen in Antalya. Wie so oft handeln deutsche Politiker erst wenn die Öffentlichkeit ausreichend sensibiliesiert ist…

2. Selbstverständlichkeiten unserer Medien

…und deutsche Medien dann, wenn der Sommerloch ansteht oder sonst nichts dramatisches passiert. Ich meine, dass dieser Fall vor zehn Wochen zwischen den Meldungen aus dem Innenministerium untergegangen wäre.

3. Selbstverständlich Ausländer

Viele Blätter schreiben, dass “Der Junge … mit … ausländischen Mitgefangenen eine Zelle teilen …” müsse. Was damit wohl gemeint ist? Erwartet man, dass ein im Ausland inhaftierter Deutscher, keine Ausländer in der Zelle hat? Natürlich nicht! Ist aber auch nicht so wichtig. Fakt ist: Er sitzt mit “Ausländern” in einer Zelle! Dem liegt anscheinend der Gedanke zugrunde, dass ausländische Insassen schlimmer sind als deutsche. Wieso sonst findet diese Selbstverständlichkeit Erwähnung?

4. Selbstverständliche Haftbedingungen

Über die Haftbedingungen in der Türkei braucht man sich nicht lange unterhalten. Da muss Besserung her. Dumm nur, dass man den Eindruck bekommt, als wünschte man sich für den deutschen Schüler die Haftbedingungen, die in Deutschland – in Zusammenhang mit Steuergeldern – oft genug für zu “zu gut”, ” zu komfortabel” oder sogar als “zu luxuriös” beschrieben wurden.

5. Selbstverständliche Freilassungsforderungen

Die Bundesregierung hat die Türkei offiziell aufgefordert, den 17-Jährigen deutschen Schüler vorzeitig aus der Haft zu entlassen.

Möchte nicht wissen, wie groß der Aufschrei wäre, wenn die türkische Regierung die Freilassung eines türkischen Jugendlichen fordert, mit Hinweis auf “besondere Umstände” des Einzelfalls. Was die Eltern einer 13-Jährigen, die die Anzeige erstattet hätten, davon halten würden und was wohl Deutschlands größter Boulevardblatt titeln würde – “Kinderschänder frei – Eltern fassungslos” – lassen wir offen.

6. Selbstverständlich strafmildernd

Nicht unerwähnt wird selbst in Fünfzeilern gelassen, dass keine Gewalt im “Spiel” war, dass die 13-Jährige eingewilligt und sich für eine 15-Jährige ausgegeben hätte. Das sind in der Tat erwähnenswerte strafmildernde Gründe zu Gunsten des Tatverdächtigen, sofern sie vorliegen. Doch sind das keine Strafausschließungsgründe im Sinne des Straftatbestandes.

http://www.jurblog.de/2007/06/25/der-fall-marco-w-deutsche-selbstverstaendlichkeiten/

One Comment leave one →
  1. Privatmensch permalink
    August 31, 2007 4:42 pm

    Recht hin oder her, noch nie was von Gnade gehört? Ach ja, Gnade ist ja unmöglich, weil sonst das Gerüst des absoluten und abstrakten Rechts einstürzt!

    Oder soll Marco W. im Sarg heimkommen? Wer Augen hat, zu sehen, gucke ihm jetzt ins Gesicht!

    daß eine 13-jährige ein recht verlogener Misthaken sein kann gehört manchmal zur Pubertät. Schon die alten Griechen erregten sich vor reichlich 2000 Jahren über ihre Jugend. Daß ein 17-jähriger manchmal ein Spätentwickler ist, aber dafür zu früh kommt, ist auch eine alte Geschichte. Allerdings sollte eine Mutter sich über das Treiben einer 13-jährigen schon etwas mehr kümmern als um das eines 17-jährigen!
    Jedenfalls ist da was passiert, was täglich vorkommen kann. Und vorkommt.
    Man könnte es eigentlich so erledigen: das Mädchen Hausarrest und einige Zeit PC-, Handy- und Fernsehsperre. Der Knabe eine Tracht Prügel. (Damit meine ich keine körperliche Züchtigung mit abplatzenden Hautstreifen und Hämatomen, sondern einen Ordnungsgong. Bei mir hätte er zwei gekriegt, einen für das Theater und den zweiten für die Geschmacksverirrung, dann hätte ich ihn in den Arm genommen, die Sache erläutert, mich für meinen Ausrutscher entschuldigt und ihm klargemacht, dass er trotzdem für mich das beste auf der Welt sei!) Und basta!
    Aber hier wird einerseits ein englisches Mütchen an den blöden Krauts gekühlt. Und andererseits das Leben eines Schülers auf viele Jahre ruiniert, kein Schulabschluß, da ist lange Zeit jegliche Perspektive im Eimer! Manch einer bringt sich dann und deshalb um. Dann Theater groß!
    Mit 17 ist man(n) in einem schwierigen Alter, wo man einerseits mal den Hintern vollkriegen sollte, aber andererseits auch noch in den Arm genommen werden muß! Mit aufbauendem Trost!
    Ich frage mich, wo bleibt bei der heutigen Rechtsverfolgung der gesunde Menschenverstand? Wenn man braun genug ist und jemanden halb tot schlägt und einen festen Wohnsitz hat, wird man von der Vernehmung nachhause geschickt und vielleicht drei Jahre später mit Bewährung bedroht. Und hier wird ein Junge mit einem lebenslangen Schaden bestraft, weil sich eine kleine Göre wichtig gemacht hat! Im Iran hätte man ihn vielleicht schon mittels eines Baukranes mit einem Ruck am Hals final in die Luft gehängt. Und ich höre schon etliche raunen: Dann hätte er´s wenigstens hinter sich….
    Das die Justiz unabhängig ist, ist manchmal auch eine faule Ausrede!
    Was mich so auf die Palme bringt, sind furchtbare Juristen, die sich selbstsichernd hinter Vorschriften verstecken und den Menschen dahinter erst dann wieder entdecken, wenn sie selbst betroffen sind! Wenn der 17- jährige Kind von Senatorin von der Aue oder Ministerin Zypries wäre! Oder nur von einem Richter!
    Mich ärgert einfach, wenn die Relationen nicht stimmen. Und dadurch wie bei Marco ein lebenslanger Schaden angerichtet wird, der jetzt einfach nicht mehr repariert werden kann! Ich kenne genug kaputte Seelen aus den DDR-Wegsperreinrichtungen, aber das waren gegenüber dem, was hier passiert, Erholungs- und Bildungseinrichtungen. Und, selbst wenn man wirklich was auf dem Kerbholz hatte, gab es da die Chance auf Freikauf durch den goldenen Westen. Und trotzdem haben fast alle, die das durchgemacht haben, einen bleibenden Schaden. Und ich sehe halt einen Unterschied zwischen einem pubertierenden THW-Helfer und einem totschlagenden Fremdenfeind!

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