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Das Lügennetz über den Iran

Juni 27, 2007

Rund vierzig Kilometer von Maschad entfernt, nahe der Stadt Neyshapur unter Gemüsefeldern und in 150 Meter Tiefe sollen in einem gewaltigen, unterirdischen Technopalast 155 000 Turbinen sausen, um Uran für die Atombombe der Mullahs anzureichern. Die israelische Agentur DEBKA will es genau wissen: 2002 sei für das “Projekt 8&Prime Baubeginn gewesen.

Genau 23 Experten seien im Janaur aus der Ukraine eingetroffen und ihnen sind bald darauf 46 Fachkräfte aus Weißrussland gefolgt. Schon im Oktober 2007 soll die Anlage von “Shahid Moradian” in der Nähe der historischen Türkisstadt Nischapour fertig sein. Mit dem hergestellten Uran sei es möglich, pro Jahr neun bis 15 Atombomben zu bauen, spekuliert DEBKA weiter. Welche Berichte über den Iran und seinen Präsidenten sind nun als Spekulationen, Unterstellungen, Vermutungen oder gar Fälschungen zu interpretieren und welche dagegen als reale Geschehnisse zu betrachten?

Turbinenhalle unter Feldgemüse

Warum der Iran unter Feldgemüse in einem von Erdbeben gefährdeten Felstal nahe der Grenze zu Afghanistan seine Turbinenhalle baut, bleibt wohl ein Rätsel. Ebenso haben amerikanische Spionagesatelliten von den Erd- und Bauarbeiten nichts bemerkt, die für die Installation von 155 000 Turbinen wohl notwendig sein dürften. Schließlich ist der Internationalen Atomenergiekommission (IAEA), deren Fachleute den Iran mehrfach besucht haben, die riesige Turbinenhalle unbekannt geblieben. Ob und was in “Shahid Moradian” gebaut wird, muss bis zum Eintreffen genauerer Informationen also zwangsläufig ein Rätsel bleiben. Hätten die USA Photos über die Bauarbeiten, würden sie nicht zögern, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. So wird eine obskure, israelische Agentur eingeschaltet, um den Verdacht gegen den Iran ordentlich anzuheizen.

„Übersetzungsschwierigkeiten”

“Mahv shodan” und “mahv kardan” haben in der iranischen Sprache eine unterschiedliche Bedeutung. Die erste Wendung kann mit “verschwinden”, übersetzt werden, während die beiden anderen Wörter “ausrotten” oder “eliminieren” bedeuten. Der iranische Präsident Mahmut Ahmadinejad hatte am 26.10.2005 bei einer Konferenz im Innenministerium nach westlichen Medienberichten erklärt: “Israel muss von der Landkarte ausradiert werden.” Das Institut MEMRI (Middle East Media Research Institut) hat die Rede genau übersetzt. Dabei hörte sich das Zitat völlig anders an. Ahmadinejad hatte dabei lediglich einen Ausspruch des verstorbenen Religionsführers Ayatollah Khomeini zitiert: “Unser verehrter Imam hat gesagt, dass das Besatzungsregime einmal aus den Seiten der Geschichte verschwinden muss.” Es ist klar, dass – wenn auch nicht ausgesprochen – mit dem Besatzungsregime (”Ehtelal byad az bayn berad”) Israel gemeint ist. “Saneh roozgar” mit “Landkarte” zu übersetzen, ist schlicht falsch. Die beiden Worte bedeuten soviel wie Szene oder Zeit oder im metaphorischen Sinn: “Arena der Zeit” oder “Seiten der Geschichte.”

Das ist nicht die einzige Fälschung. Es gibt kaum eine Äußerung Ahmadinejads zu Israel, die nicht verzerrt oder verfälscht worden wäre. Am 14.12.2005 erklärte er laut dpa: “Der Westen widmet sich dem Märchen vom Massaker an den Juden….” Unabhängige Übersetzungen lauteten anders: “Einige haben im Namen des Holocausts einen Mythos geschaffen und schätzen diesen sogar höher ein als den Glauben.” Vom Mythos um den Holocaust ist die Rede und davon, was mit dem Holocaust gemacht worden ist. Selbst jüdische Autoren wie Norman Finkelstein und Peter Novick haben die Tatsache kritisiert, dass aus dem Holocaust zumindest in einigen Fällen ein Kult oder gar eine neue Religion gemacht worden ist. Wenn nun der Holocaust geschehen ist, sagt Ahmadinejad weiter, so ist Europa und nicht die muslimische Welt dafür verantwortlich. Die “Tagesschau” vom 14.12.2005 zitierte aus der gleichen Rede des iranischen Präsidenten: “Der Staat Israel sollte in eine andere Weltgegend verlegt werden, etwa nach Europa, in die USA, nach Kanada oder Alaska”. In einer unabhängigen Übersetzung lautet das Zitat auf deutsch: “Wenn Ihr die Juden verbrannt habt, warum stellt Ihr dann nicht ein Stück von Europa, der USA, Kanadas oder Alaskas für Israel zur Verfügung? Unsere Frage ist: Wenn ihr dieses gewaltige Verbrechen begangen habt, warum soll dann die unschuldige Nation von Palästina für dieses Verbrechen bezahlen?” Es gibt eine Reihe anderen Zitate, in denen Ahmadinejad Fragen zum Holocaust stellt, aber nirgendwo ist eine glatte Leugnung nachweisbar. Es mag sein, dass bei Versammlungen der Chor ertönt: “Marg bar Esrail!” (Für Israel den Tod!) Doch ist der iranische Präsident klug genug, um nicht in solche religiös populistische Rufe einzustimmen. Aus seinen Reden haben die Medien eine ganze Lawine von Schlagzeilen entwickelt:

“Der Staat Israel soll dem Erdboden gleichgemacht werden! (taz)… Kriegserklärung gegen den jüdischen Staat – Irans Präsident fordert die Vernichtung Israels (Berliner Zeitung)…. Mit Empörung hat die internationale Gemeinschaft auf den Aufruf des neuen iranischen Präsidenten zur Vernichtung Israels reagiert … Irans Präsident will den jüdischen Staat von der Landkarte tilgen (Die Welt) … Irans Präsident Mahmud Ahmadinejad hat zur Zerstörung Israels aufgerufen (Der Spiegel) – Irans neuer Staatschef: “Israel von Landkarte radieren!” (Focus) … Iran schürt Nahost-Konflikt: “Israel zerstören!” (N24) etc.

Es gibt derzeit kaum einen Politiker, der so oft falsch zitiert wird wie Ahmadinejad. In einer Rede vom 14.1.2006 sagte er: “Der Iran hat das Recht auf Nuklearenergie!” Prompt übersetzte der US-Sender CNN: “Ahmadinejad: Nuklearwaffen sind das Recht des Iran.” Nach dem Wahl Ahmadinejads kursierten in den US-Medien Anschuldigungen, wonach der neue iranische Präsident zu den Geiselnehmern der amerikanischen Botschaft gehört hätte. Es kursierten Photos, die angeblich Ahmadinejad neben einer Geisel mit Augenbinde zeigten. Bald stellte sich heraus, dass das Gerücht von der oppositionellen Kampforganisation der Volksmudschaheddins (MEK) in Umlauf gebracht worden war. Zweifelsfrei konnte festgestellt werden, dass es sich bei dem Mann neben der Geisel um einen gewissen Taqi Mohammedi handelte, der später zu den Volksmudschaheddins übergelaufen war.

Keine Kennzeichnung für Juden und Christen

Im Mai 2005 brachten mehrere US-Medien die Meldung über einen Beschluss des iranischen Parlamentes, wonach sich Mitglieder religiöser Minderheiten in der Öffentlichkeit mit farbigen Stoffstreifen zu kennzeichnen hätten. Die Juden sollten ein gelbes, die Christen ein rotes und die Zoroaster-Anhänger ein blaues Band tragen. Diese Information ging auf Amir Taheri zurück, einem Exiliraner, der schon mehrmals durch Falschmeldungen aufgefallen war. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles gab Alarm. Die Medien überschlugen sich mit Parallelen zum gelben Judenstern in der NS-Zeit. Doch es war nichts. Im Parlament von Teheran hatte man verschiedene Kleidervorschriften diskutiert, wobei es vor allem um züchtige Kleidung der Frauen gegangen war. Es mag ein Abgeordneter vielleicht die Idee einer Kennzeichnung der Nicht-Muslime geäußert haben, doch daraus ist nie ein Beschluss der Volksvertretung geworden.

Amerikanische Iran-Propaganda

Auch die Erstürmung des iranischen Konsulats in der Kurdenhauptstadt Arbil durch US-Truppen, ist in den Medien nicht richtig dargestellt worden. Dass die fünf entführten Diplomaten Waffen in den Irak geschmuggelt hätten, konnte bisher nicht bewiesen werden. Außerdem hat sich unter den Iranern keineswegs der Drahtzieher der Wiener Kurdenmorde von 1989, ein gewisser Mohammed Jafari Sahroudi, befunden. Als das iranische Militär bei groß angelegten Manövern die Rakete “Sagheb” testete, haben hohe Offiziere des Pentagons der “Los Angeles Times” vom 11.9.2006 mitgeteilt, dass die Fernsehbilder davon in Wirklichkeit den Test einer chinesischen Rakete zeigen würden. Warum die iranischen Militärs die Weltöffentlichkeit über die bei anderen Anlässen gezeigte “Sagheb” täuschen sollten, wurde nicht mitgeteilt.

Das Rätsel um die Turbinenhalle unter dem Gemüseanbau bei Neyshapour könnte indes schon bald geklärt werden. Teheran hat am 20.1. Vertreter bestimmter, bei der Wiener Atomkommission akkreditierter Staaten zur Besichtigung seiner Atomzentren eingeladen. Wie es heißt, sollen zwischen dem 2. und 6. Februar alle iranischen Anlagen besichtigt werden. Wenn Staaten mit guten Beziehungen zu Teheran wie Ägypten, Kuba oder Malaysia vergeblich eine Fahrt in die Stadt der Türkise verlangen, dann allerdings besteht guter Grund, unter dem Gemüse nicht nur Erde zu vermuten.

Quelle: http://www.readers-edition.de/

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