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Gedanken zu 40 Jahren der israelischen Besatzung Palästinas, 40 schlimme Jahre

Juni 18, 2007

Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs

„Ruhe kam über den Müden / Entspannung über den Arbeiter / Eine bleiche Nacht bedeckt / Die Felder im Jezreeltal / Unten der Tau und oben der Mond / vom Kibbuz Bet-Alfa bis Moshav Nahalal…“

So sangen wir, als wir jung waren. Jetzt ist es ein Fernseh-Nostalgieshow: junge Leute aus den Fünfzigern singen die Lieder der Pioniere.

Die Gedanken wandern. Wer waren die Pioniere, die als erste diese Lieder sangen?

Sie kamen aus reichen Häusern in Sankt Petersburg, aus den Schtetl Galiziens, Söhne und Töchter von Universitätsprofessoren in Deutschland. Sie hätten nach Amerika ziehen können, wie es die meisten der Auswanderer damals machten. Sie wurden aber von einem fernen Land im Orient angezogen – zu einem großen nationalen Abenteuer. Sie lebten in elender Armut, taten unter glühender Sonne, die sich nicht gewohnt waren, Schwerstarbeit, und träumten von einer perfekten menschlichen Gesellschaft.

Sie waren wirkliche Idealisten. Sie nahmen gar nicht wahr, daß sie dabei waren, Menschen eines anderen Volkes zu verletzen. Die Araber waren für sie ein Teil der romantischen Landschaft. Sie glaubten in aller Unschuld, sie brächten allen Einwohnern des Landes Segen und Fortschritt.

Vom heutigen Standpunkt aus, vier oder fünf Generationen später, sehen sie ganz anders aus. Ihre Unschuld ist vergessen. Für viele sieht sie wie reine Heuchelei aus, ein Vorwand für Raub und Unterdrückung.

Das ist eine der Folgen von 40 Jahren Besatzung. Die jetzigen Siedler behaupten, die Nachfolger jener Pioniere der 20er und 30er Jahre zu sein. Sie sagen, sie seien die Pioniere von heute. Diese gewalttätigen, raubenden Verbrecher erwarten von uns wirklich, daß man die Pioniere von damals als ihre geistigen Väter ansieht.

Wenn wir all den Schaden zusammenrechnen, den die Besatzung uns zugefügt hat – auch uns und nicht nur den direkten Opfern, den Einwohnern der besetzten Gebiete – so sollten wir dies nicht vergessen. Die Besatzung vergiftet die nationale Erinnerung. Sie beschmutzt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und zwar nicht nur in den Augen der Welt, sondern auch in unseren eigenen Augen.

Es ist schon genug zu sehen, was die Besatzung der jüdischen Religion angetan hat.

In meiner Kindheit wurde ich zuhause gelehrt, daß das Judentum eine humane Religion sei, „ein Licht auf die Heiden“. Judentum bedeutet, Gewalt zu verabscheuen, die Vergeistigten den Mächtigen vorzuziehen, einen Feind zum Freund zu machen. Einem Juden ist es erlaubt, sich selbst zu verteidigen – „Wenn jemand kommt, um dich zu töten, dann töte ihn zuerst“ – so steht es im Talmud – aber nicht, weil er Gewalt liebt und von der Macht berauscht ist.

Was ist davon geblieben?

Besorgte Freunde sandten mir vor kurzem eine E-Mail mit einigen haarsträubenden Zitaten einer Erklärung von Rabbiner Mordechai Eliyahu, dem früheren sephardischen Oberrabbiner Israels und dem geistigen Führer der Siedler und des ganzen religiös- zionistischen Lagers. In einem Brief an den Premierminister urteilte der Rabbiner, daß es unzulässig sei, Mitleid mit der zivilen Bevölkerung von Gaza zu haben, wenn dies israelische Soldaten gefährde. Sein Sohn Shmuel interpretierte diese Verfügung im Namen seines Vaters: wenn das Töten von 100 Arabern nicht ausreicht, um den Beschuß Israels mit Qassam-Raketen zu beenden, dann müssen 1.000 getötet werden. Und wenn dies nicht genügt, dann 10.000 und 100.000 oder gar eine Million. All dies, um die Qassams zu stoppen, denen es in all den Jahren kaum gelungen ist, ein Dutzend Juden zu töten.

Welche Verbindung gibt es zwischen dieser „religiösen“ Ansicht und dem Gott, der in Genesis 18 versprochen hat, Sodom nicht zu zerstören, wenn dort nur zehn Gerechte gefunden werden könnten?

Welchen Unterschied gibt es zwischen dieser moralischen Haltung und jener der Nazis, die zehn Geiseln für jeden vom Widerstand getöteten deutschen Soldaten erschossen?

Die Verfügung des Rabbiners hat keine Reaktion hervorgerufen. Es gab keinen Aufschrei, weder von seinen Anhängern noch von der allgemeinen Öffentlichkeit. Die Zahl der Rabbiner, die öffentlich solche Methoden unterstützen, geht in die Hunderte. Die meisten kommen aus den Siedlungen. Dies ist eine „religiöse“ Ansicht, die in der vergifteten Atmosphäre der Besatzung wuchs, eine Besatzungsreligion. Sie bringt über die ganze jüdische Religion der Gegenwart und Vergangenheit Schande.

Kein Wunder, daß eine Person mit starkem religiösen Bewußtsein, Avraham Burg, der frühere Sprecher der Knesset und Vorsitzender der Jewish Agency [die offizielle Einwanderungsorganisation Israels], sich in dieser Woche vom Zionismus losgesagt hat und forderte, die Bezeichnung Israels als „Jüdischen Staat“ aufzugeben.

Der Hinweis, daß die Besatzung die israelische Armee zerstört, ist nicht mehr neu.

Eine Armee kann ihre Aufgabe, den Staat gegen potentielle Feinde zu verteidigen, nicht mehr erfüllen, wenn sie jahrzehntelang als Kolonialpolizei beschäftigt war. Man kann Todesschwadronen attraktive Namen verpassen – „Gruppe Mango“ oder „Einheit Pfirsich“ – doch bleiben sie, was sie sind: ein Instrument brutalen Mordens und der Unterdrückung.

Ein Offizier, der heute die Ermordung eines „leitenden Milizionärs“ im Mafiastil durch eine verdeckte Aktion in der Altstadt von Nablus plant wird anderntags nicht in der Lage sein, ein Panzerbataillon gegen einen erfahrenen Feind zu führen. Eine Armee, die auf Steinewerfer schießt, Kinder in den Gassen des Flüchtlingslagers Balata verfolgt oder eine Ein-Tonnen-Bombe auf ein Wohngebäude wirft, kann nicht über Nacht zu einer wirksamen Militärmacht auf einem modernen Schlachtfeld des Krieges als letztem Ausweg werden.

Man muss gar nicht den Bericht der Winograd-Kommission gelesen haben. Es genügt, die Kommandeure von 1967 – Leute wie Yitzhak Rabin, Israel Tal, Ezer Weitzman, Dado Elazar und Matti Peled – mit den entsprechenden Leuten von heute zu vergleichen. Nach 40 Jahren verachtenswürdigem Tun gegen eine wehrloses Volk zieht die Armee keine jungen Leute mehr an, die sich durch selbständiges Denken und hohe Motivation auszeichnen, durch Mut und Einfallsreichtum. Sie zieht die Mittelmäßigen der Mittelmäßigen an.

Im Sechs-Tage-Krieg hatten wir eine kleine, hochentwickelte Armee, die den Staat von innerhalb der Grünen Linie verteidigte, die von Abba Eban einmal als die „Auschwitzgrenzen“ beschrieben worden war. Diese Armee benötigte kaum sechs Tage, um vier gegnerische Armeen zu besiegen. Seitdem, nachdem das Gebiet vergrößert und hat ideale „Sicherheitsgrenzen“ errichtet worden sind, ist die Armee viel größer geworden und ihr Budget viel aufgeblasener. Die Ergebnisse konnten im zweiten Libanonkrieg gesehen werden.

Vom militärischen Gesichtspunkt aus ist die Besatzung eine ernste Bedrohung der Sicherheit des Staates.

Bleibt noch der Oberste Gerichtshof. Meinungsumfragen haben gezeigt, daß die Öffentlichkeit die Knesset verspottet und die Regierung verachtet, aber den Obersten Gerichtshof als eine Bastion der Demokratie und als eine Quelle des Stolzes respektiert.

Jetzt wird offensichtlich, daß es dafür keine solide Grundlage gab. In dem Augenblick, in dem der Oberste Richter Aharon Barak sich aus dem Gerichtwesen zurückzog, versank das ganze juristische System in einem Morast von Intrigen, gegenseitiger Beschuldigungen und sogar übler Nachrede. Nicht nur in anonymen Blogs im Internet, sondern auch in den Erklärungen des neuen Justizministers, der von einem vom persönlichen Korruptionsskandalen verfolgten Premierminister ernannt wurde.

Wie konnte das geschehen?

Seit vielen Jahren schon hat der Gerichtshof in einer Welt der Illusionen gelebt. Die Richter verschlossen ihre Augen vor ihren eigenen Taten. Während sie glaubten, ein Pfeiler des Liberalismus‘ und der Demokratie zu sein, erlaubten sie außergerichtliche Hinrichtungen. Sie verschlossen ihre Augen, während Folter zur Routine wurde. Sie erschufen Berge ausgeklügelter Argumente, daß die monströse Mauer von grundlegender Bedeutung für die Sicherheit sei und versuchten dabei die offensichtliche Tatsache, daß es ihr Hauptziel ist, weiteres Land für die Siedlungen an sich zu reißen, zu verschleiern.

Als der Internationale Gerichtshof in Den Haag seine einfache, klare und unbestreitbare Meinung äußerte, daß die Mauer das Völkerrecht und mehrere Konventionen verletzt, die auch Israel unterzeichnet hat, ignorierte unser Oberster Gerichtshof dies einfach.

Ein Gericht, das sich auf einem Gebiet selbst belügt, kann nicht auf einem anderen seine Integrität aufrechterhalten. Die „Bastion der Demokratie“ wurde untergraben und könnte völlig in sich zusammenfallen.

In der Zwischenzeit wird das Gesetzbuch mit rassistischer Gesetzgebung besudelt – angefangen mit dem Gesetz, das israelische Bürgern daran hindert, mit ihren palästinensischen Ehepartnern in Israel zu leben, bis zu jenem Gesetz, der in dieser Woche die Zustimmung der Knesset in erster Abstimmung erhalten hat, und der es mit den Stimmen von 80 Knessetmitgliedern gestattet, ein Knessetmitglied aus der Knesset auszuschließen, das Kritik an einem Minister des Kabinetts oder einem hochrangigen Armeeangehörigen äußert, gleichgültig, ob dies im Parlament oder außerhalb geschehen ist.

Es kann nicht verleugnet werden: 40 Jahre Besatzung haben den Staat Israel bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Das ist in allen Lebensbereichen offensichtlich. Alle sind verseucht worden.

Die 18-jährigen Jugendlichen, die größtenteils von anständigen Eltern als Menschen mit moralischen Werten erzogen worden waren, werden zum Militär eingezogen, betreten die brutale Subkultur ihrer Einheiten und erhalten eine Indoktrination, die jeden brutale Akt gegen Araber rechtfertigt. Nur wenige seltene Individuen sind in der Lage, dem Druck standzuhalten. Nach drei Jahren verlässt die Mehrheit die Armee als harte Männer mit abgestumpften Gefühlen. Die Brutalität in unseren Straßen, das routinemäßige Töten rund um die Diskotheken, die Verbreitung von Vergewaltigung und die Gewalt innerhalb der Familie – all dies wurde zweifelsohne durch die tägliche Realität der Besatzung beeinflußt. Schließlich sind es ja die gleichen Personen, die es tun.

Ein Polizist, der nach Hebron und an den Hawara-Kontrollpunkt gesandt wird, der die Bewohner dort wie minderwertige Geschöpfe behandelt, der sadistisch handelt oder den Sadismus seiner Kameraden duldet – wird er zu einer anderen Person, wenn er nach Tel Aviv, Haifa oder Shefa-Amr zurückkehrt? Wird er am nächsten Morgen wundersamerweise als ein ergebener Diener seiner Mitmenschen in einer demokratischen Gesellschaft aufwachen?

Seit Jahren lügen die Sicherheitsdienste, die Polizei und die Armee über die Dinge, die sich in den besetzten Gebieten ereignen. Das Lügen ist zur Routine geworden. Nur wenige Journalisten in der Welt akzeptieren diese Erklärungen nun, ohne sie infrage zu stellen. Und wenn das Lügen in einem Sektor zur Norm wird, hört die Verlogenheit nicht dort auf. Die Lügner der Armee, der Polizei und der anderen Dienste haben sich daran gewöhnt, auch in anderen Angelegenheiten zu lügen.

In den „Gebieten“ tobt die Korruption. Angehörige der Militärverwaltung legen ihre Uniformen ab und beteiligen sich an zweifelhaften Geschäften. Kapitalistische Barone profitieren auch von Verbindungen zu ihnen. Natürlich ist dies nicht die einzige Quelle der Korruption, die sich zu einem Fluch unseres Staates entwickelt hat, aber es handelt sich sicher um einen mitwirkenden Faktor.

Die Besatzung schafft Fäulnis, die dann in alle Poren des nationalen Organismus‘ eindringt.

Nach 40 Jahren gibt es wenig Ähnlichkeit zwischen dem Staat Israel, wie er heute ist und dem, wie die Gründer in vor ihrem geistigen Auge sahen: ein Modell sozialer Gerechtigkeit, der Gleichheit und des Friedens. Die Gründer träumten von einer modernen, aufgeklärten, säkularen, liberalen, sozial fortschrittlichen Gesellschaft mit einer blühenden Wirtschaft, die allen zugutekommt. Die Realität sieht, wie wir wissen, ganz, ganz anders aus.

Stimmt, man kann der Besatzung nicht an allem die Schuld geben. Auch vor 1967 war der Staat längst nicht perfekt. Aber die Gesellschaft hatte damals das Gefühl, daß dies eine vorübergehende Situation wäre. Die Dinge können korrigiert und verbessert werden. Als die israelische Republik sich zu einem werdenden israelischen Imperium wandelte, begann der dramatische Verfall.

Am Ende des Sechs-Tage-Kriegs bewunderte uns die ganze Welt. Der kleine tapfere David hatte gegen Goliath gesiegt. Nun werden wir als herzloser, brutaler Goliath angesehen.

Der gegen Israel angekündigte Boykott verschiedener ausländischer Organisationen muß ein Warnlicht aufleuchten lassen. In der Unabhängigkeitserklärung der USA schrieb Thomas Jefferson, daß sich jede Nation mit einem „anständigen Respekt vor der Meinung der Menschheit“ verhalten solle. Das war nicht nur eine Sache der Moral, sondern auch des praktischen gesunden Menschenverstands. Eine von unserer Seite aufrecht erhaltene Besatzung, die das Völkerrecht verletzt, spuckt der aufgeklärten Menschheit ins Gesicht.

Von Israel erwartet man anderes als vom Kongo und Sudan. Aber seit Jahren sehen hunderte Millionen Menschen fast täglich mit an, wie Israel in der Gestalt von bis an die Zähne bewaffneten Besatzungssoldaten eine hilflose Bevölkerung brutal mißhandelt. Die aufgestaute Wirkung wird nun deutlich.

Man kann der Meinung der Menschheit mit Verachtung begegnen, im Sinne von Stalins Frage: „Wieviele Divisionen hat der Papst?“ Doch das ist dumm. Die internationale Meinung kann sich auf tausend verschiedene Arten zum Ausdruck bringen. Sie beeinflußt die Politik der Regierungen und der zivilen Gesellschaft. Die Versuche eines Boykotts sind nur ein frühes Symptom.

Aber jenseits all der schlimmen Dinge, die die Besatzung über Israel gebracht hat – innerhalb und außerhalb – gibt es etwas, das uns alle betrifft. Jeder Mensch möchte stolz auf sein Land sein. Die Besatzung beraubt uns dessen.

Am 40. Jahrestag der Besatzung von Ost-Jerusalem wollte ein ausländischer Fernsehsender mit mir im muslimischen Viertel der Altstadt ein Interview machen. Wir gingen in die Via Dolorosa, den sogenannten Kreuzweg. Die Straße war fast leer. Die Geschäftleute von Läden mit Antiquitäten, wertvollen Teppichen und Souvenirs standen mit verzweifelten Gesichtern auf ihren Türschwellen und versuchten, uns hineinzulocken.

Von Zeit zu Zeit ging eine kleine Gruppen Touristen vorbei. Jede Gruppe war von vier Sicherheitsbeamten in weißen Overalls begleitet, zwei vor der Gruppe und zwei am Ende und jeder hielt eine geladene Pistole in der Hand, bereit das Feuer in Sekundenbruchteilen zu eröffnen. So gingen sie durch die Straßen.

Das ist die Realität des „vereinigten und unteilbaren Jerusalem, der ewigen Hauptstadt Israels“ – so der offizielle Slogan 40 Jahre nach seiner „Befreiung“.

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