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Einblicke in die Methoden eines „Verhörspezialisten“ des US-Militärs, Definitionen von „böse“

Juni 12, 2007

In der vergangenen Woche erschien das Buch „Fear up Harsh“ des ehemaligen „Verhörspezialisten“ des US-Militärs Tony Lagouranis, benannt nach einer Verhörmethode, bei der dem Verhörten beispielsweise durch anschreien und Faustschläge auf den Tisch versucht werden soll, möglichst große Angst einzuflößen. Tatsächlich hat Lagouranis, wie er selbst sagt, Gefangene gefoltert.

In dem Buch gibt der heute 37-jährige Lagouranis sich wie auch dem gesamten US-Militär durch die von ihm auf Befehl beziehungsweise Druck von oben, „direkt aus dem Pentagon“, hin angewandten Foltermethoden die Schuld daran, daß der von den USA gegen den Irak geführte Krieg unaufhaltsam in die Niederlage führen werde.

„Meine Handlungen an Khalid (den ich folterte) und an Abd al-Aziz (den ich hinterging), kombiniert mit den Handlungen der gefangennehmenden Infanterie, die Blutergüsse an den Gefangenen hinterließen und den Handlungen der Offiziere, die Beförderungen erhalten wollten, wiederholt im Mikrokosmos überall im Land, hatten eine kumulative Wirkung. Sie führten uns von einem Ereignis – der Invasion des Iraks – zu einem anderen Ereignis – unserem Rückzug aus dem Irak – mit der Gewißheit und Unvermeidbarkeit eines näherkommenden Zuges. Ich könnte Bush und Rumsfeld die Schuld geben, aber ich müßte auch immer mir die Schuld geben. Das Projekt im Irak wird nicht durch einen einzelnen Schlag, sondern durch tausende Schnitte sterben“, schreibt Lagouranis.

In einem in der Chicago Sun-Times veröffentlichten Artikel faßte der Journalist Tom McNamee das Buch aus seiner Sicht zusammen.

„Mutige und anständige amerikanische Soldaten trieben Iraker regelmäßig unter dem geringsten Vorwand zusammen. Wenn eine Bombe einen Humvee zerstörte, wurde vielleicht ein unglücklicher Bauer von einem nahegelegenen Feld zum Verhör gezerrt. Wenn irgendein armer Trottel den gleichen Nachnamen wie ein als Rebel Verdächtigter hatte – ein Name, den möglicherweise hunderte Iraker tragen – wurde er möglicherweise zum Verhör gezerrt. Und wenn ein ‚Verdächtiger‘ einmal eingesperrt war, konnte er leicht für Wochen oder Monate festgehalten werden, lange nachdem Lagouranis oder andere Verhörspezialisten zu dem Schluß gekommen waren, daß er sich absolut nichts hatte zuschulden kommen lassen. Offiziere lebten in der Angst, es zu vermasseln und einen echten Rebellen freizulassen. Sie fühlten auch starken Druck von oben, direkt aus dem Pentagon, nützliche militärische Informationen vorzuweisen. Und wenn das bedeutete, über die Leben von tausenden unschuldigen Männern und Frauen herzufallen, mögliche Freunde zu Feinden zu machen, so sei es. Außerdem wurde jeder Gefangene als ‚Mistkerl‘ oder ‚Drecksack‘ angesehen“, so McNamee.

In einem am Sonntag im britischen Telegraph veröffentlichten Artikel wurde Lagouranis deutlicher, was die von ihm auch in dem berüchtigten Gefängnis Abu Ghurayb angewandten Foltermethoden anbelangt.

„Diese Zwangstechniken – Isolation, Hunde, Schlafentzug, Belastungshaltungen, Unterkühlung – überquerten eine rechtliche Grenze, weil sie die Genfer Konventionen verletzten. Sie überquerten auch eine moralische Grenze. Wenn man einen Mann einen Monat lang wachhält, dann ist das Folter. Wenn man einen Mann unterkühlt, dann ist das Folter. Wenn man ihn einen Monat lang mit Unterbrechungen auf seinen Knien läßt, dann ist das Folter“, so Lagouranis. Die Unterkühlung der Gefolterten war teilweise so stark, daß sich ihre Lippen blau färbten. In mindestens einem Fall führte er auch eine Scheinhinrichtung an einem Gefangenen aus. Dies war allerdings keineswegs die Spitze der Foltermethoden. „Einige Kommandeure erlaubten stillschweigend härtere Dinge wie das Schlagen von Gefangenen und das Brechen ihrer Knochen“, sagte er. John Sifton, ein leitender Rechercheur der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), sagte, die von Lagouranis aufgestellten Behauptungen seien durch HRW überprüft und unabhängig bestätigt worden.

All dies war für Lagouranis nach eigener Aussage Alltag und er überlegte nur, wie er die Aufforderung „kreativ“ bei der Umgehung des offiziell ausgesprochenen Folterverbots zu sein, möglichst effektiv umsetzen könnte. Die Wende kam für ihn nach eigener Aussage, als ihm seine Tante mehrere Exemplare des Buchs „Man’s Search for Meaning“ (deutsch „trotzdem Ja zum Leben sagen“) des Autors Viktor E. Frankl zuschickte. Der jüdische Psychologieprofessor Frankl verarbeitete darin seine Erfahrungen in mehreren Konzentrationslagern. Als Lagouranis dieses Buch auf der Suche nach anwendbaren Foltermethoden der Nazis durchlas, merkte er schließlich, daß er zu weit gegangen war, woraufhin er seine Verhörmethoden „abschwächte“ und begann, Meldungen an Vorgesetzte über die Mißhandlung von Gefangenen zu schreiben.

Nach seiner Rückkehr aus dem Irak sprach Lagouranis wegen seiner Schuldgefühle mit einer Psychologin des US-Militärs. Er habe nichts „böses“ getan, sondern nur seinen Job gemacht, sagte sie ihm.

„Wenn Sie das Foltern hilfloser Gefangener nicht zu ihrer Definition von böse zählen, dann ist Ihre Definition von böse bedeutungslos“, antwortete er daraufhin.

http://www.freace.de

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