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Ein Erfahrungsbericht für Schüler ,Die Rezeption der Lage aus muslimischer Sicht.

Juni 9, 2007

Vor rund zehn Jahren war ich Schülerin in einem Giessener Gymnasium und befand mich in einer ganz ähnlichen Situation, wie die muslimische Schüler heute. Damals hatte gerade der Golfkrieg begonnen und Saddam Hussein hatte die Muslime auf der ganzen Welt zum Dschihad, zum vermeintlich „heiligen Krieg“, gegen den „verkommenen“ Westen im Allgemeinen und gegen die USA im Besonderen aufgerufen. Vor diesem politischen Hintergrund wurde ich in der Schule von meinen Mitschülern, Freunden, aber auch von meinen Lehrern, Bekannten, Menschen auf der Straße und Nachbarn mit misstrauischen Fragen konfrontiert. Sie unterschieden sich nur unwesentlich von den Fragen, die im Anschluss an die Ereignisse des 11. Septembers gestellt wurden.

Ich besuchte damals die Oberstufe, stand kurz vor dem Abitur, war in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mit einem Schlag befand ich mich durch die internationalen politischen Ereignisse in einem Erklärungsnotstand und sollte Antworten geben auf Fragen wie: In welcher Weise kann sich Saddam Hussein in seinen militärischen Aktionen auf den Koran, das heilige Buch der Muslime, berufen? Welche Textstellen im Koran können als Aufforderung zum Kampf gegen den Westen interpretiert werden? Was genau ist unter dem Begriff „Heiliger Krieg“ zur verstehen? Auch die Frage, ob ich selbst, die ich in Deutschland geboren und aufgewachsen war, meine Heimat als „feindliches Terrain“ ansehen und den Kampf der Islamisten, der muslimischen Extremisten, billigen würde, wurde mir immer wieder gestellt. All das führte bald zu ganz grundsätzlichen Fragen: Ist der Islam überhaupt mit den Menschenrechten bzw. mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland vereinbar? Ist er nicht vielmehr eine menschen- und insbesondere frauenverachtende Religion?.

Damals fühlte ich mich angesichts dieser Fragen ohnmächtig und wütend zugleich. Verärgert und wütend über die Reaktionen meiner Mitschüler, die mir plötzlich mit Misstrauen begegneten. Sie verallgemeinerten die Haltung einiger weniger Islamisten und zogen vorschnelle Rückschlüsse auf die Mehrheit der Muslime. Ohnmächtig, weil mir selbst wesentliche Informationen über meine eigene Religion fehlten und scheinbar niemand in der Lage war, Licht ins Dunkel zu bringen. Leider fehlte auch meinen Lehrerinnen und Lehrern, von denen ich mir in diesem aufgeheizten gesellschaftlichen Klima Unterstützung erhofft hatte, das nötige Wissen, um einen differenzierten Blick auf den Islam zu entwickeln und fundierte Antworten zu geben. An diesem Zustand hat sich (…) bis zum heutigen Tage wenig geändert. Noch immer wissen wir alle recht wenig über unsere Religionen und deren spezifischen Inhalte, noch immer können wir weder die Unterschiede noch die Gemeinsamkeiten benennen. Angesichts der Tatsache, dass sich Deutschland inzwischen zu einer multikulturellen Gesellschaft entwickelt hat und nunmehr rund drei Millionen Muslime hier leben, ist dieses mangelhafte Wissen in Bezug auf die unterschiedlichen Religionen ein deutlicher Hinweis auf Lücken in unserem Bildungssystem – Lücken, die dringend geschlossen werden sollten.

Zur Person
Kadriye Aydin
Rechtsanwältin mit Tätigkeitsschwerpunkt Ausländerrecht, Staatsangehörigkeitsrecht, Mietrecht, Arbeitsrecht, Familienrecht, Verkehrsunfallrecht, Wirtschafts- und Handelsrecht, Gewerblicher Rechtsschutz- und Urheberrecht. Jahrgang 1970, Studium der Rechtwissenschaft an der Universität in Gießen. Anschließend Verwaltungsjuristin beim Arbeitsamt in Frankfurt/Main. 2000-01 Referentin und Juristin bei der Clearingstelle zum Staatsangehörigkeitsrecht beim Interkulturellen Rat in Deutschland, dessen Vorstandsmitglied sie ist. Überdies Mitarbeit in der Arbeitsgruppe Gleichbehandlung / Nichtdiskriminierung – Umsetzung des Artikels 13 Amsterdamer Vertrag und im Arbeitskreis Staatsangehörigkeitsrecht. Mitgründerin der Christlich-Islamischen Gesellschaft in Gießen. Langjährige Erfahrung im interreligiösen Dialog an Schulen. Verschiedene Referententätigkeiten zum Ausländer- und Staatsangehörigkeitsrecht. Mitarbeiterin des Forums gegen Rassismus, der Evangelischen Akademie Arnoldshain und des Arbeitskreises Interreligiöses Frauenforum des Hessischen Sozialministeriums.

Veröffentlichungen: Eine erste Bilanz (Einbürgerungen im Jahr 2000 / Erfahrungen des Interkulturellen Rates in Deutschland / Einbürgerungsabsichten und Einbürgerungshindernisse / Reform der Reform?). In: Storz, Henning / Reißlandt, Carolin (Hg.): Staatsbürgerschaft im Einwanderungsland Deutschland. Handbuch für die interkulturelle Praxis in der Sozialen Arbeit, im Bildungsbereich, im Stadtteil, Opladen: Leske & Budrich, 2002, S. 105-133; EU-Bürgerschaft – (k)ein Thema für Migrantinnen? In: Allroggen, Ulrike / Berger, Tanja / Erbe, Birgit (Hgg.): Was bringt Europa den Frauen? Feministische Beiträge zu Chancen und Defiziten der Europäischen Union, Hamburg: Argument, 2002, S. 113-128

Nach den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2002 geriet ich wieder – und mit mir viele andere Muslime – ohne mein eigenes Zutun unter Generalverdacht. Dieses Mal hatten die Ereignisse sogar eine noch bedrohlichere Dimension, weil die „feindlichen Kräfte“, die während des Golfkrieges noch benannt werden konnten, bei den Attentaten von New York und Washington nur schwer zu lokalisieren waren. Weder über die Drahtzieher herrschte international Einigkeit noch gab es konkrete Informationen zur Organisationsstruktur und Mitgliederzahl der Terrororganisation al-Qaida, die hinter den Anschlägen vermutet wurde. Die Erkenntnisse, die man über die mutmaßlichen Täter gewann, gaben weiteren Grund zur Beunruhigung: Einige von ihnen sollten unauffällig in Deutschland gelebt und studiert haben, ohne ihrem gesellschaftlichen Umfeld verdächtig erschienen zu sein. Einziger Anhaltspunkt: Alle Attentäter waren Muslime. Fortan war die deutsche Berichterstattung über den Kampf gegen den Terrorismus von den Begriffen Islamismus, Fundamentalismus und „islamischer Terrorismus“ dominiert. Nicht selten wurde „Islam“ gar als Synonym für Terrorismus verwendet. Anders als in anderen Ländern, in denen interessanterweise von religiösen Zuschreibungen dieser Art abgesehen und die Diskussionen versachlicht wurden – der amerikanische Nachrichtensender CNN beispielsweise vermied in seiner Berichterstattung den Begriff „islamischer Terrorismus“ –, entwickelten die deutschen Nachrichtenagenturen und Fernsehsendeanstalten in dieser Richtung wenig Sensibilität. Aus diesem Grund können sie als mitverantwortlich dafür gelten, dass in den Tagen und Wochen nach den Attentaten Muslime häufig wegen ihrer Religionszugehörigkeit zu Mitschuldigen gestempelt und nicht selten zur Zielscheibe verbaler Attacken wurden. Muslime waren über Nacht zu einem Sicherheitsfaktor der freien Welt geworden, zu potentiellen Terroristen, zu Schläfern, die auf ihren Einsatz warteten. Je unverdächtiger sie lebten, je besser sie sich in die Gesellschaft eingegliedert hatten, desto verdächtiger erschienen sie.

Wenige Tage nach den Terroranschlägen wurde ich von einem Radiosender für eine Sendung angefragt, in der darüber diskutiert werden sollte, ob der Islamismus als Ursache für die Anschläge gelten könne. Auf meinen irritierten Einwand hin, dass ich keine Auskunft über islamischen Terrorismus geben könne und Terror meiner Meinung nach eine konfessionslose Erscheinung sei, entgegnete der Journalist, dass gerade dies das Ziel der Sendung sei: Die Differenzierung zwischen Religion und Terror, das Verdeutlichen der Tatsache, dass Terroristen, um ihre Ziele durchzusetzen und legitimieren zu können, zwar die Religion des Islam missbrauchen würden, der Islam selbst jedoch keine Aufforderung zu terroristischen Gewaltakten enthielte. Aber statt einen Terrorismusexperten in die Sendung einzuladen, der die Motive der Attentäter aufdecken könnte, sollte ich als praktizierende Muslimin befriedigende Antworten auf das Ungeheure liefern, das ich selbst nicht verstehen, geschweige denn begründen konnte. Ich persönlich sehe in den Anschlägen, genau wie die übrige „zivilisierte Welt“ auch, ein schlimmes Verbrechen gegen die Menschheit, das durch nichts – und schon gar nicht durch die Verse des Korans und damit durch die unmittelbaren Worte Gottes – legitimiert werden kann. Wer dies dennoch tut, hat meiner Einschätzung nach die Botschaft des Islams nicht verstanden und kann nicht von sich behaupten, ein Gläubiger zu sein.

Auf der anderen Seite müssen auch wir Muslime uns die Frage stellen (lassen), warum in bestimmten islamischen Kreisen die Attentate nicht verurteilt wurden. Ich denke, die Wurzeln hierfür sind weniger in der Religion zu suchen, als vielmehr in einem stark ausgeprägten Anti-Amerikanismus, der in vielen sogenannten islamischen Ländern vorherrscht. Die Erforschung der Ursachen dieser anti-amerikanische Bewegung wäre für die Gestaltung eines zukünftigen friedlichen Miteinanders bestimmt wesentlich aufschlussreicher als die Suche nach Textstellen im Koran, die von den extremistischen Kräften im Islam für ihre Zwecke missdeutet werden können. Dennoch soll nicht darüber hinweggetäuscht werden, dass auch in der islamischen Geschichte kriegerische Auseinandersetzungen stattgefunden haben. Gerade hier müssen Muslime ihre eigene Geschichte kennenlernen, damit sie wissen, wie sie mit den Koranischen Quellen umzugehen und wie sie Aufrufe zum „Dschihad“ zu werten und einzuordnen haben. Sie sollten erfahren, dass es sich z.B. beim Wort „Dschihad“ nicht um eine Übersetzung von „Krieg“ handelt. Das Wort bedeutet „sich bemühen, sich anstrengen“. Es existieren mehrere Abstufungen des Dschihad – der größte Dschihad ist der ganz persönliche Kampf gegen das Ego, den eigenen inneren „Schweinehund“. Über solche Definitionen hinaus weist der Koran aber auch sehr aggressive Verse auf, die die Gläubigen auffordern, sich im Falle eines Angriffes durch Ungläubige zu wehren. Verse dieser Art sind natürlich geeignet, von Extremisten (wie den Tätern des 11. September) im Sinne ihrer Zielsetzung gedreht und gewendet zu werden. Der Islam schließt auch im Falle eines Verteidigungskampfes das Töten von Zivilisten, insbesondere von Frauen und Kindern, prinzipiell aus. Sie dürfen unter keinen Umständen zu Opfern von Verteidigungshandlungen werden. Gegen diesen elementaren Grundsatz des Islam haben die Attentäter vom 11. September verstoßen. Es kann keine Begründung geben, die diese Vorgehensweise rechtfertigen kann. (Bin Ladin rechtfertigte die Tötung von Kindern und Frauen beim Anschlag auf das WTC damit, dass die Steuern, die die Zivilisten entrichten, für die amerikanische Außenpolitik und damit für die Unterdrückung und Ausbeutung der islamischen Länder mitverantwortlich seien.)

Gerade vor dem Hintergrund, dass international geächtete Verbrecher immer wieder versuchen, die Gläubigen für ihre Zwecke zu missbrauchen, ist es für die Gesamtheit der Muslime notwendig, die friedliebende Grundmotivation des Islam zu verkünden und zu leben. Es ist wichtig, dass wir unsere Religion nicht Despoten überlassen und uns nicht instrumentalisieren lassen. Dies setzt voraus, dass wir unsere Religion besser kennenlernen. Denn wie wollen wir die Fragen zum Islam beantworten, wenn wir selbst die Antworten nicht kennen? Muslime haben durch ihre Verantwortung gegenüber Gott die Verpflichtung, Antworten zu suchen. Vieles von dem, was ich heute weiß, musste ich mir selbst erarbeiten. Ich habe vieles nachgelesen, habe verschiedene Imame, Hocas („Vorbeter“, Islamgelehrte) befragt, habe mit Muslimen unterschiedlicher Herkunft und Ausbildung gesprochen, deren Muttersprache arabisch ist, um zu vergleichen, ob die Übersetzungen des Korans, die ich lese, der originalen Bedeutung des Korans weitgehend entsprechen. Dies ist nicht immer einfach, da es der Eigeninitiative von Einzelnen überlassen bleibt, sich das Wissen auf religiösem Gebiet Stück für Stück selbst zu erarbeiten.

In der islamischen Welt gibt es keine Institution (ähnlich wie die Kirchen), die weltweit für alle Muslime bindend festlegt, wie die Suren des Koran zu verstehen und auszulegen sind. Die Gläubigen unterliegen allein dem Willen Gottes. Der einzelne Muslim ist daher im Umgang mit den Quellen seines Glaubens häufig überfordert. Nur durch eine fundierte Bildung im religiösen Bereich kann er zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit seinen religiösen Wurzeln finden. Gott hat uns Menschen einen Verstand gegeben und immer wieder wird der Mensch im Koran aufgefordert, von ihm Gebrauch zu machen. Stellt also Fragen, denkt nach, lasst auch kritische Fragen zu, denn sie führen zu einer Annäherung des Einzelnen an Gott. Wenn ihr Fragen stellt und miteinander diskutiert, tut dies immer im gegenseitigen Respekt zueinander. Bei aller Gemeinsamkeit und allen Unterschieden sollten wir nicht aus den Augen verlieren, worum es in Religionen geht (und damit meine ich nicht allein die drei monotheistischen Religionen: Judentum, Christentum, Islam, sondern auch alle anderen Religionen): um Frieden, Liebe und Gerechtigkeit. Denn ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden auf der Welt.

http://www.bpb.de/veranstaltungen/R8QJJY,0,0,Die_Rezeption_der_Lage_aus_muslimischer_Sicht_Ein_Erfahrungsbericht_f%FCr_Sch%FCler.html

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