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US-Militär wollte Muqtada al-Sadr töten, Die anderen Unterstützer des Widerstands

Mai 24, 2007

Schon im August 2003 wurde hier die Frage gestellt, ob die US-Besatzer den Widerstand im Irak absichtlich durch ihr brutales und rücksichtsloses Vorgehen stärken. Fast genau ein Jahr später wurde diese Vermutung erneut aufgestellt. Ein am Montag im britischen Independent veröffentlichter Bericht kann schließlich nur zu einem eindeutigen „ja“ auf diese Frage führen, will man nicht dem gesamten US-Militär und der US-Führung unbegrenzte Dummheit vorwerfen.

Demnach hat das US-Militär im August 2004 gezielt versucht, den angesehenen shiitischen Geistlichen Muqtada al-Sadr in eine Falle zu locken und durch ein schweres Bombardement und den Einsatz von Spezialeinheiten zu töten. Dies scheiterte offenbar nur daran, daß der Angriff einige Minuten zu früh erfolgte, so daß al-Sadr sich noch nicht in dem angegriffenen Haus befand. Dies enthüllte kein geringerer als der „irakische“ nationale Sicherheitsberater Mowaffaq al-Rubai’e in einem Interview gegenüber dem Independent.

Die genaueren Umstände dieses Angriffs dürften ein übriges getan haben, al-Sadrs – aber zweifellos nicht nur seine – Meinung von den Besatzern ein für alle mal zu festigen. So handelte es sich bei dem angegriffenen Haus um das Haus seines Vaters, des Groß-Ayat Allahs Mohammed Sadiq al-Sadr, der – höchstwahrscheinlich im Auftrag der damaligen irakischen Regierung unter Saddam Hussein – zusammen mit zwei seiner Söhne im Februar 1999 in einem Hinterhalt erschossen worden war. Da al-Rubai’e von einem „starken Bombardement“ des Hauses von al-Sadrs Vater bei dem Angriff sprach, ist davon auszugehen, daß es dabei mehr oder weniger völlig zerstört wurde.

Damit aber nicht genug. Der Vorwand, unter dem der üblicherweise sehr vorsichtige al-Sadr zu dem Haus gelockt worden war, kann auch bei objektivster Betrachtung nur als verbrecherisch bezeichnet werden und belegt, wie wenig Interesse die USA an friedlichen Lösungen haben. Zum damaligen Zeitpunkt tobten schwere Kämpfe zwischen Anhängern al-Sadrs, insbesondere seiner Jaish al-Mahdi („Mahdi-Armee“) und den US-Besatzern. Ausgelöst worden waren sie in diesem Fall Anfang August durch einen Angriff von US-Soldaten auf Mitglieder der Jaish al-Mahdi, die al-Sadrs Haus schützten. Zuvor war es bereits im April zu schweren Kämpfen zwischen dem US-Militär und al-Sadrs Anhängern gekommen, nachdem die Besatzer die zu al-Sadrs Organisation gehörende Zeitung al-Hawza geschlossen und wenige Tage später einen hochrangigen Mitarbeiter al-Sadrs verhaftet hatten. Nachdem US-Soldaten das Feuer auf Demonstranten, die dessen Freilassung forderten, eröffnet hatten, brachen die offenen Kämpfe aus.

Al-Sadr hatte damals einem von al-Rubai’e vermittelten Abkommen zur Beendigung der Kämpfe zugestimmt. „Er selbst unterzeichnete das Abkommen mit seiner eigenen Hand“, so al-Rubai’e. Demnach wollte al-Sadr, daß das Zentrum der heiligen Stadt Najaf zukünftig wie der katholische Vatikan behandelt werde. Al-Rubai’e hatte dieses Dokument nach Baghdad gebracht und dem damaligen „irakischen“ Premierminister Iyad Allawi vorgelegt. Anschließend kehrte er nach Najaf zurück, um sich dort wie besprochen mit al-Sadr zu treffen. Auch er befand sich bereits auf dem Weg zum Haus von al-Sadrs Vater, als er sah, wie der Angriff auf das Haus von US-Marineinfanteristen und US-Spezialeinheiten begonnen wurde.

Al-Rubai’e ließ in dem Interview keinen Zweifel daran, daß er überzeugt war und ist, daß es sich hier um eine vorbereitete Falle handelte. „Als ich nach Baghdad zurückkam war ich wirklich, wirklich wütend, das kann ich Ihnen sagen“, so al-Rubai’e. „Ich drehte sowohl bei [dem US-Oberkommandierenden General George] Casey als auch dem Botschafter [John Negroponte] durch.“ Sie leugneten daraufhin zwar jegliches Wissen, er erhielt zwar niemals eine Erklärung von ihnen. „Ich kenne ihn wirklich gut und ich glaube, daß seine Zweifel und sein Mißtrauen gegenüber der Koalition und jedem Ausländer wirklich tief sitzt“ und eine Folge dieses Vorfalls sei, sagte al-Rubai’e.

„Ich glaube, genau dieser Vorfall führte dazu, daß Muqtada jeglichen Glauben oder Vertrauen in die [US-geführte] Koalition verlor und er wirklich wild wurde“, so al-Rubai’e.

Tatsächlich waren die Folgen dieses Angriffs schon im Vorwege nur allzu offensichtlich. Wäre es dem US-Militär gelungen, Muqtada al-Sadr bei dem Angriff zu töten, so hätte dies mit allergrößter Wahrscheinlichkeit einen Aufstand eines großen Teils der shiitischen Bevölkerung des Iraks ausgelöst. Sein Überleben hat dazu geführt, daß er – und damit ein bedeutender Teil der irakischen Bevölkerung – zum Erzfeind der Besatzer wurde – und dies zu einem Zeitpunkt, da er bereit war, ihnen zumindest die Hand zu reichen.

Es dürfte den US-Besatzern schwerfallen eine Situation zu inszenieren, in der ein derart hochkarätiger Gegner in derart offenem Widerspruch zu seinen Ansichten und seinem Glauben versucht wird, kaltblütig zu ermorden, während er eine friedliche Lösung für einen Konflikt sucht. Würde ein solches Vorgehen beispielsweise seitens Rußlands oder des Irans bekannt, die Reaktionen wären nur allzu vorhersehbar.

Letztlich kann dieser Mordversuch nur als Beleg dafür angesehen werden, daß die US-Besatzer keinesfalls daran interessiert sind, daß der iraksiche Widerstand erlahmt, da ihnen dies die Legitimation für ihre Anwesenheit entziehen würde.

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