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Ein Plädoyer für Menschlichkeit statt Kapitalismushörigkeit, Das Komasaufen der Beschnüffelbaren zum G8-Gipfel

Mai 23, 2007

Yavuz Özoguz
Um die 20.000 Jugendliche sollen sich im letzten Jahr derart betrunken haben, daß sie mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht wurden – und es waren nicht nur die sozial verarmten Schichten, die betroffen sind. Wie aber sieht der Eisberg unter der Spitze aus, was steckt dahinter und was hat das mit dem G8-Gipfel zu tun?

Einige Meinungsforschungsinstitute und Soziologieprofessoren dürften sich insgeheim über die Saufwut mancher Jugendlicher in Deutschland gefreut haben, eröffnet es ihnen doch weitere Forschungsaufträge um die Ursachen zu analysieren. Dabei muß man wirklich nicht Professor sein, um diese Entwicklung zu verstehen. 20.000 derart sturzbetrunkene Jugendliche, daß sie nicht einmal mehr von ihren Freunden ins Krankenhaus gefahren werden konnten, sind nur die Spitze eines Eisberges eines kollektiven Massenwahns am Ersäufen der eigenen Gedanken, am regelrechten Ertränken des Verstandes und Flucht vor der Realität. Die Statistik erfaßt nicht diejenigen, die zwar völlig betrunken waren, aber es noch irgendwie in irgendein Bett geschafft haben, um sich dort zu übergeben. Sie erfaßt nicht Ältere, die sich zuweilen auch volldröhnen, und sie erfaßt auch nicht jene, die andere Wege als Alkohol einschlagen. Jetzt „warnen“ zwar einige aufgeschreckte Politiker und die Medien haben einige Tage etwas zu berichten, aber spätestens nach dem nächsten Auftrag eines großen Bierkonzerns zur ganzseitigen Werbung wird die Aufregung genau so schnell verpuffen, wie sie gekommen ist.

Eines aber weiß man jetzt schon. Die Weltflucht erfaßt alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen und ist daher offensichtlich nicht allein an soziale Probleme gekoppelt. Die Ursachen mögen nur teilweise wirklich im privaten Bereich liegen, vom Liebeskummer bis hin zum vermasselten Bewerbungsgespräch, aber die Ursachen liegen viel tiefer und das Besäufnis ist nur das Symptom einer menschlichen Tragödie, auf die die gesamte westliche Welt hinzusteuern scheint. Denn die Welt, die der westliche Kapitalismus schafft, ist zum „fliehen“.

Da sind zunächst die tagtäglich streikenden Mitarbeiter von der Telekom bis zur Nordmilch, denn sie sollen alle mehr arbeiten für weniger Geld. Sie werden wegrationalisiert und bekommen noch dazu die geschickt durch „eingebettete“ Journalisten gestreute Häme zu hören, dass zum Beispiel der Streik der Telekommitarbeiter sich im Servicebereich gar nicht ausgewirkt hätte. Der Service wäre so schlecht wie immer. Daß aber der Service der Konkurrenz nicht minder schlecht ist, wird hier nicht erwähnt. Und er ist nicht schlecht, weil die Mitarbeiter Freude daran empfinden, schlechten Service zu liefern, sondern er ist schlecht, weil der Kapitalismus keine Gefühle, keine soziale Kompetenz, keine Verantwortung für die Mitarbeiter oder gar die Gesellschaft kennt. Der Kapitalismus kennt nur den Kostenfaktor und der vermindert das Kapital, also wird er bekämpft. Und der heutige Journalismus ist ebenfalls eingebettet in den Kapitalismus, da nicht die Wahrheit der Nachricht, nicht die soziale und gesellschaftliche Verantwortung, sondern nur noch die Auflage und Einschaltquote zählen.

Und der Kapitalismus kennt auch keinen Frieden. Denn er fußt auf dem System von Zins und Zinseszins. Die Banken verleihen nicht ein Geld, das sie besitzen, sondern ein Geld, das sie sich leihen. Und der Verleihende hat es auch nicht. Eigentlich „besitzt“ niemand irgendeinen echten Gegenwert des im Umlauf befindlichen Geldes, und dennoch bestimmen einige darüber, daß es mehr oder weniger werden soll. Derzeit soll es mehr werden, und damit wird gekauft. Es werden Konzerne gekauft, die wieder entlassen müssen, es wird Energie gekauft und zuweilen auch ganze Fußballigen und Volkswirtschaften. Ein unglaubliches Schneeballsystem, dessen Urheber immer wieder merken, es könnte an seine Grenzen stoßen. Als die nationalen Grenzen das Schneeballsystem zum Scheitern gebracht hätten, wurde „globalisiert“. Aber auch die Erde hat ihre Grenzen und neue Leiher- und Käuferschichten auf dem Mars wurden noch nicht entdeckt. Daher müssen die ohne Gegenwert verliehenen Gelder immer öfter durch Raubzüge „aufgestockt“ werden. Ein Völkermord hier, eine Massenvertreibung dort, ein Raubüberfall hier und eine lang andauernde Besatzung dort. Irgendwie wird das System am laufen gehalten. Opfer sind nicht nur die Millionen von Menschen, die vertrieben und ermordet werden. Um die kümmert sich ohnehin kaum jemand, denn die sind heutzutage zumeist Muslime und damit von Natur aus Antikapitalisten – selbst wenn es viele gar nicht wissen. Opfer sind auch eigene Soldaten, die beim „Schutz“ der Ressourcen und des Einflusses ihr Leben verlieren und ihre Familien, die ihren Sohn, Vater, Ehemann und so weiter verlieren. Opfer ist aber vor allem die Freiheit und die Wahrheit. Denn eingebettete Journalisten verdrehen die Welt in einem Maß, in dem der normale, noch nicht ins Komasaufen verfallene Bürger kaum noch etwas verstehen kann.

Da ist also das eine Nebengebäude am 11.9 gesprengt worden. Warum eigentlich, und vor allem wie? Wie kam so schnell der Sprengstoff in das Gebäude? Was bedeutet das eigentlich? Die Mainstream-Medien beantworten es ihm: bin Laden ist der Bösewicht überhaupt, und alle Turbanträger auch. Die Sprengung erfolgt zum Schutz der westlichen Wertegemeinschaft und das christlich-jüdische Erbe muß auch geschützt werden und zwar am Hindukusch. Basta! Was fällt einem da besseres ein, als darauf „Prost“ zu antworten?

Aber diese Turbanträger sind ohnehin alle unberechenbar. Da ballert eine Gruppe namens Fatah-al-Islami, die gestern noch niemand in der westlichen Welt kannte und heute alle genau zu kennen meinen, auf Muslime und tötet in „Gefechten“ rund 80 von ihnen. Die libanesische Regierung ruft daraufhin die USA um Hilfe. Und der potentielle Trinker weiß nun, daß der Regierungschef Siniora ein Guter sein muß, denn nur der Gute ruft nach der Hilfe der USA. Daß seine Regierung seit Monaten absolut regierungsunfähig ist, daß der Regierungspalast umstellt ist, daß Siniora nur das tut, was die USA von ihm verlangen, all das dürfen ihm die „eingebetteten“ Journalisten nicht mitteilen. Und daß die USA schon einmal im Libanon waren und von dort sehr unfreiwillig wieder gegangen worden sind, daran mag man schon gar nicht erinnern. Und warum ausgerechnet ein Land, das noch vor wenigen Monaten der stärksten Armee der Region Paroli bieten konnte, jetzt vor 350 „Kämpfern“ in einem Flüchtlingslager kapitulieren will, ist ohnehin zu kompliziert. Da ist es doch einfach zu sagen: Alle Turbanträger spinnen (auch wenn im Libanon kaum jemand Turban trägt) und die USA sind die Guten. So einfach ist es: Prost!

Und der G8-Gipfel dürfte auch einen Schluck wert sein. Daß jetzt der bundesdeutsche Staatsschutz ganz offen Stasimethoden anwendet, Geruchsproben von G8-Gegnern erfaßt, um gegebenenfalls einige Hunde auf sie jagen zu können, wird von vielen Journalisten gleich „relativiert“ mit der Behauptung, das wurde auch vorher schon gemacht, alles halb so schlimm. Also müssen die Beschnüffelbaren jetzt aufpassen, nicht beschnüffelt zu werden. Denn sonst könnte man ihnen einen Anschlag auf den Bild-Chef anhängen. Zwar hat die Polizei bisher absolut keinen einzigen Anhaltspunkt, nur ein vorgebliches Bekennerschreiben einer unbekannten Gruppe und keine sonstigen Hinweise, aber man „vermutete“ von Anfang an, daß es mit dem G8-Gipfel zu tun haben müsse. Ohnehin könnte wohl kein Mensch der Welt irgendein Motiv gegen den lauteren und wahrheitsliebenden Bild-Chef haben, außer ein G8-Gegner. Prost!

Der Staat hat sich gewandelt, sagen immer wieder einige Menschen. Das, was in Heiligendamm passiert, sei nicht mehr mit dem Staat vereinbar, in dem sie leben wollten. Entschuldigung! Aber wo waren die Leute denn, als die gleichen Methoden in der letzten Legislaturperiode gegen Muslime im eigenen Land angewandt wurden? Bestimmt hat kaum einer, der jetzt Geruchsproben abgegeben hat, jemals gegen die Beschnüffelung von Moscheen mit Hunden protestiert. Als damals Muslime davor gewarnt haben, das Unterdrückung nicht an den Grenzen des Islam halt machen wird, sondern früher oder später auf jeden selbst zurück fällt, wurde von „Panikmache“ gesprochen. Kaum jemand hat sich auf die Seite der betroffenen Muslime gestellt. Was jetzt passiert ist nur die logische Konsequenz davon. Denn der Kapitalismus kennt keine Grenze, weder „Muslime“, noch „Linke“ noch „Rechte“, der schleichende Prozeß umfasst alles und jeden, der sich gegen die Macht des Kapitals stellt. Was können wir schon tun, also Prost!

Und so dämmert die kapitalistische Welt in einen Zustand des Komas ganz ohne Saufen. Und ein Ausweg scheint nicht in Sicht.

Muslime jedoch dürfen nicht trinken! Dennoch sollten sie sich nicht in Selbstzufriedenheit wägen. Der Zustand der meisten Muslime ist mindestens genau so traurig, wie derjenigen der kapitalistischen Welt, denn viele Muslime tragen das System der Unterdrückung mit, teilweise ohne es zu merken. Die Religion des Friedens und der Liebe wird oft nur noch als inhaltslose Ritenreligion und Gewaltreligion mißverstanden und mißbraucht! Ja, einige trinken nicht, aber der Nebel vor ihren Augen ist genau so dicht.

Es soll der Eindruck erweckt werden, daß eine Atmosphäre der Lähmung existiert, und so sind diejenigen, die herrschen auch gar nicht allzusehr daran interessiert, daß die Menschen nicht mehr trinken. Gut, man muß ja nicht gleich ins Koma verfallen, aber ein gewisser Pegel, der das unbeeinflußte Nachdenken verhindert, wäre schon tragbar. Die Alkoholfahne hätte immerhin den Vorteil, daß die Beschnüffelung durch Hunde schwieriger wird.

Dabei ist die Situation doch gar nicht so hoffnungslos! Sind die Regungen zum G8-Gipfel nicht Lebenszeichen einer Gesellschaft, die eben noch nicht ins kollektive Koma verfallen ist? Sind die Proteste gegen die maßlosen Durchsuchungen – auch wenn sie spät kommen und erst wenn man selbst betroffen ist – nicht Zeichen für den Widerstand gegen die Ungerechtigkeit? Sind nicht die wie Pilze aus dem Boden wachsenden Blogs und alternativen Nachrichtenseiten ein deutliches Zeichen dafür, daß der Einfluss der Mainstream-Medien schwindet? Und ist nicht die inzwischen auch etablierte Kreise erreichende Kapitalismuskritik ein deutliches Zeichnen, daß die Menschen nicht Diener des Kapitalismus‘ sein wollen, sondern Menschlichkeit anstreben?

Hier sei an eine Geschichte, die unter Mystikern über einen einfachen kleinen Spatzen erzählt wird, erinnert. Dieser Spatz sah, daß der große Prophet Abraham ins Feuer geworfen wurde und flog sofort zu einer Wasserstelle, nahm den Schnabel voll mit Wasser und flog zur Feuerstelle, um das Wasser dort abzulassen. Leider war sein Schnabel so klein, daß nur wenige Tropfen darin Platz hatten, und so flog er unermüdlich immer wieder hin und her und ließ seine wenigen Tropfen über dem großen Feuer ab, während das Feuer größer und größer wurde. Als ein anderer Vogel das sah, sprach er den Spatz an und fragte: „Weißt Du denn nicht, daß Du mit Deinen mickrigen wenigen Tropfen nichts gegen dieses riesige Feuer ausrichten kannst?“ Der Spatz antwortete: „Ich weiß, daß meine Tropfen nichts ausrichten. Aber wenn der Tag des Gerichtes kommt und ich gefragt werde, was hast Du getan, als der große Prophet ins Feuer geworfen wurde, da will ich nicht verschämt dastehen. Ich tue, was ich kann. Und wenn hunderttausende Vögel solche mickrigen Tropfen über dem Feuer abwerfen würden, dann könnten wir es löschen. Ich aber bin nur verantwortlich für mich!“

Dies ist eine entscheidende Geschichte, um zu verstehen, daß die Menschlichkeit dieser Welt nur von denjenigen geschützt werden kann, die an ein jenseitiges Leben glauben. Nur sie können niemals entmutigt werden, selbst wenn sie einmal scheinbar alleine da stehen in ihrem legalen Protest gegen Ungerechtigkeit, denn sie sind niemals allein! Ihr Leben ist Gott gewidmet und dadurch sind sie frei. Sie arbeiten nicht „erfolgsorientiert“, was eine Falle des Kapitalismus ist, sondern „verantwortungsorientiert“, unabhängig davon, ob sie damit Erfolg haben oder nicht. Allerdings soll man sich dabei nicht von irgendwelchen Etiketten beschwindeln lassen. Viele, die sich heute Muslim, Christ oder Jude nennen, sind nichts anderes als Diener des Kapitalismus‘ und manche, die sich heute Atheist nennen, sind im tiefsten Inneren ihres Herzens dennoch Gottergebene.

Noch ist Deutschland nicht verloren. Die Sympathien, die zum Beispiel ein Lafontaine (unabhängig von der Kritik an seiner Person) allein wegen seinem konsequenten Antikriegs- und Antiterrorkurs genießt, zeigen deutlich, daß die Bevölkerung eben noch nicht ins unweigerliche Komasaufen verfallen ist. Und da Lafontaine kein Fallschirmspringer ist, könnten seine Hinweise diesbezüglich noch eine Weile den Kapitalisten aller Parteien weh tun.

Eines müssen aber die Menschen in Deutschland versuchen zu verstehen, gemeinsam zu verstehen. Unmenschlichkeit kommt nicht von „Links“ oder von „Rechts“ oder vom „Islam“ oder anderen Gedanken, Religionen, Ideologien. Die Hauptquelle aller Unmenschlichkeit derzeit in der Welt ist der Kapitalismus, dem es teilweise gelingt, Linke, Rechte und Muslime für seine Interessen zu vereinnahmen. Wenn hingegen die Menschen sich von diesem neuen Götzen der Zeit befreien können – und die wahre innere Befreiung ist nur mit friedlichen Mitteln möglich – dann werden sie feststellen, daß die Gegensätze ihrer Gedanken gar nicht so unüberwindbar sind, wie es scheinen mag. Es ist der Kapitalismus, der sie zu Feinden werden läßt.

Will man sich aber vom Kapitalismus befreien, wirklich befreien, beginnt das am eigenen Lebensstil, an den eigenen Gelüsten und den eigenen persönlichen Lebenszielen und nicht bei den arroganten Herrschern des G8-Gipfels.

Gelingt jener Einstig in den inneren Kampf im Herzen eines jeden selbst, der ein Leben lang zu kämpfen ist – mit Teilerfolgen und Teilniederlagen und unaufhörlicher Hoffnung auf Liebe – ja dann können wir eines Tages alle zusammen anstoßen, aber dann doch lieber mit einem wunderbaren nicht gegorenen Traubensaft, der niemanden ausschließt. Und dann sagen wir nicht mehr „Prost“, sondern „Gott sei Dank“.

One Comment leave one →
  1. Juni 25, 2007 10:05 pm

    Ein schöner Beitrag, nur kommt er leider bei: „Es ist der Kapitalismus, der sie zu Feinden werden läßt.“ zu einer im Nebel verlaufenden Schuldzuweisung. Warum nicht bei mir dem Spatzen innehalten und erkennen, es ist der Kapitalist in mir. Und in dir. Unmenschlichkeit kann nicht von einem „-ismus“ kommen, sondern nur vom Menschen, von ihm, dir und mir, uns allen.
    So läuft auch der Rat, in den inneren Kampf im Herzen einzusteigen, ins Leere. Denn wie will denn der Kapitalist in mir anders seine Zukunft sichern, als zu sparen, sich zu versichern oder Rentenverträge abzuschließen. Oder wie will er ohne kriminelle Wege einzuschlagen, anders an Geld kommen, als Ware über Wert anderen anzudrehen oder Leute zwecks Ausbeutung einzustellen. Wenn der Tag des Gerichts kommt, wird der Kapitalist noch argumentieren, er habe nur geholfen oder es tun doch alle.

    Also, um das Komasaufen durch ein lebenswertes Leben zu ersetzen braucht es eine funktionierende Demokratie, global, in der dem Kapitalismus so die Grenzen gesetzt werden, dass nur seine brauchbaren Seiten zur Entfaltung kommen. Wir hatten das mal in Form der sozialen Marktwirtschaft.

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