Skip to content

Moral in Zeiten des Krieges, Was haben sie geglaubt?

Mai 22, 2007

Am Samstag wurden drei deutsche Soldaten bei einem Bombenangriff in der nordafghanischen Stadt Kunduz getötet und fünf weitere verletzt, davon zwei so schwer, daß sie zwischenzeitlich nach Deutschland ausgeflogen und in ein künstliches Koma versetzt wurden.

Zumindest die in den Medien „sichtbaren“ Reaktionen hierauf sind ebenso vorhersehbar wie heuchlerisch. Sie schwanken allein zwischen „wir müssen die Soldaten nach Hause holen“ und „wir dürfen uns nicht beirren lassen und müssen unsere tapferen Soldaten unterstützen“ – letzteres entspricht nur zu genau den Aussagen von US-Regierungspolitikern nach drastischeren Verlustmeldungen aus dem Irak.

Zweifellos ist der Tod der drei Soldaten wie auch die teilweise schwere Verwundung der anderen fünf für deren Angehörige eine schwere Prüfung. Hierbei sollte allerdings nicht vergessen werden, daß sie alle sich für diesen Einsatz freiwillig gemeldet hatten – sei es nun aus finanziellen oder ideologischen Gründen. Daß dies bei einem Krieg geschah, dessen völkerrechtliche Grundlage zumindest fragwürdig erscheint, sei hier nur am Rande erwähnt.

Genau der Tod und die Verwundung von Soldaten gehören nun aber zu den ureigensten Folgen ihres Einsatzes in einem Krieg – und nichts anderes ist ihre Entsendung nach Afhganistan. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den Angriff als „perfiden Mord“ bezeichnet, so sollte sie die Unterstützung der Besatzung durch deutschen Soldaten auch „Beihilfe zum Mord“ nennen – ganz besonders, da nun deutsche Kampfflugzeuge des Typs „Tornado“ im Süden Afghanistans „Ziele“ für Bombardements des US-Militärs erkunden. Bei den Bombardements durch das US-Militär werden immer wieder unzählige Zivilisten getötet, ohne daß dies das US-Militär auch nur sonderlich beeindrucken würde.

Insbesondere diese aktive Unterstützung von Kampfhandlungen hatte bereits im Vorwege Warnungen von afghanischer Seite hervorgerufen, daß die deutschen Soldaten damit auch als „legitime Ziele“ angesehen werden würden. Es ist äußerst naheliegend, den Tod der drei Soldaten als direkte Folge der Entsendung der Tornado-Kampfflugzeuge zu bezeichnen. Andererseits kämpfen Soldaten des deutschen „Kommando Spezialkräfte“ (KSK) wie schon in der Vergangenheit im Kosovo im Süden Afghanistans seit Jahren Seite an Seite mit US-Soldaten, so daß auch dies zweifellos als Motivation für den Angriff in Betracht kommt.

Eine Frage wurde in der ganzen Diskussion bisher aber vollständig ausgeklammert. Den Berichten zufolge hatten die Soldaten ihr gepanzertes Fahrzeug verlassen, um „Kühlschränke zu kaufen“. Auf dem Markt sprengte sich dann ein Mann in ihrer Nähe in die Luft. Sie befanden sich also nicht auf einer immer gleich ablaufenden Patrouille. Nun scheint es doch eher unwahrscheinlich, daß ständig mehrere mit Sprengstoff beladene Männer auf afghanischen Märkten herumschleichen, in der Hoffnung, zufällig einen einkaufenden Soldaten zu erblicken. Viel wahrscheinlicher scheint es, daß der Angreifer im Vorwege von den Plänen der Bundeswehrsoldaten wußte – was eine Wiederholung solcher Angriffe in Zukunft äußerst wahrscheinlich machen würde.

Bemerkenswert ist aber auch, daß nun zahlreiche Politiker doch offen beginnen, die deutsche „Afghanistan-Mission“ – den Kampfeinsatz deutscher Soldaten in einem fernen Land, ohne daß Deutschland entsprechend den Forderungen des Grundgesetzes angegriffen worden wäre – in Frage zu stellen. Weder die offensichtliche Nutzlosigkeit der „Mission“ – die „gewählte“, „afghanische“ Regierung hat kaum Einfluß auf die Hauptstadt Kabul, vom Rest des Landes ganz zu schweigen, die Drogenproduktion erreicht jedes Jahr neue Höchststände und der Widerstand gegen die Besatzer wird in der gesamten Bevölkerung immer größer – noch die zahllosen zivilen Opfer durch rücksichtslose Angriffe und Bombardements hatten diese Gedanken auslösen können. Das Leben dreier deutscher Soldaten ist also nach Ansicht vieler deutscher Politiker weitaus wertvoller als das Leben hunderter afghanischer Zivilisten.

Tatsächlich ist dem deutschen Bundeswehreinsatz in Afghanistan durchaus eine gewisse Mitschuld an den zahllosen zivilen Opfern in Afghanistan, aber auch im Irak, zuzurechnen, Tornados hin, KSK her. Wären die knapp 3.200 deutschen Soldaten – nicht gerechnet die unbekannte Zahl von KSK-Soldaten – nicht im Norden Afghanistans stationiert, so müßte ihre Rolle von US-Soldaten übernommen werden – Soldaten, die aus anderen Gebieten abgezogen werden müßten, gelänge es nicht, noch weitere US-Soldaten zu entsenden. In jedem Fall würde dies den Druck auf das US-Militär noch weiter erhöhen und so auch die Führung weiterer Angriffskriege unwahrscheinlicher machen. Einzig die afghanische Bevölkerung im Norden Afghanistans könnte hier als Gegenargument dienen, würde ein solches Szenario angesichts des bekannt rücksichtslosen Vorgehens der US-Soldaten doch zweifellos auch dort zu einem starken Anstieg der Opfer in der Zivilbevölkerung führen.

Allein dies kann aber kaum als Begründung ausreichen, völkerrechtswidrige Angriffskriege im Widerspruch zum deutschen Grundgesetz zu unterstützen – auch wenn alles daran gesetzt wurde, Lücken in den doch so unmißverständlichen Formulierungen zu finden, die eben dies doch „erlaubten“.

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: