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„Der Markt ist eine große Lüge“ – Es gibt keinen freien Markt.

Mai 20, 2007

(jW)Erwin Wagenhofer, geboren 1961 in Amstetten, ist Regisseur von »We Feed the World«, des erfolgreichsten Dokumentarfilms in der österreichischen Geschichte. Wagenhofer war bis 2000 Lehrbeauftragter an der Donau-Universität in Krems, seit 2002 ist er Dozent an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Weitere Informationen: we-feed-the-world.at

Im Unterschied zu den Menschen, die zu wenig haben und hungern, müßten wir in den Industrieländern im Grunde die glücklichsten Menschen sein, weil wir nie wirklich Hunger und Durst gelitten haben. Dennoch sind wir weit davon entfernt, tatsächlich glücklich und zufrieden zu sein. Was ist es genau, was uns von dem Glück abhält?

Wagenhofer: Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, dann sehe ich nicht viele glückliche Leute. Obwohl wir heute diesen unermeßlichen materiellen Reichtum erreicht haben. Meine Mutter, mein Vater zum Beispiel haben noch gehungert; und ich bin der Erste in unserer Familie, der einer Generation entstammt, die das nicht kennt. Aber vielleicht ist es auch so, daß wir eine ganze Weile benötigen, um mit diesem materiellen Glück umgehen zu können. Ich glaube, daß die Dinge viel mehr Zeit erfordern, als wir denken. So ein Menschenleben ist nicht sehr lang, selbst wenn wir 80 Jahre werden. Im Vergleich zur Weltgeschichte ist das in Wirklichkeit recht wenig. Vielleicht sollten wir auch ein bisserl bescheidener auftreten und alles etwas langsamer machen. Diese Geschwindigkeit, die heute allgemein gilt, die bringt uns um. Ein Beispiel im Nahrungsmittelbereich ist Fast Food. Wie sollen wir im täglichen Leben funktionieren können, wenn wir uns nicht einmal mehr Zeit zum Essen nehmen? Dieses Denken ist ganz schrecklich.

F: Manche würden sagen, daß wir unseren Reichtum möglicherweise nur schätzen können, wenn wir auch mal etwas entbehrt haben

Wagenhofer: Das klingt mir allzu religiös, die Annahme, wir müßten auch einmal leiden. Leiden wird verursacht. Aus diesem Grund spricht die Kirche ständig von Schuld und sucht nach Schuldigen. Die Erlösung findet dann im Jenseits statt. Mich allerdings interessiert vor allem das Diesseits. Schauen Sie, die Polen waren die religiösesten Menschen und haben den Papst angebetet, solange der Kommunismus herrschte. Und was ist jetzt? Innerhalb von nur wenigen Jahren hat das Land einen unglaublichen Kapitalismus entwickelt, mit der Folge der Entsolidarisierung weiter Teile der Gesellschaft; Polen ist der NATO beigetreten und gehörte zu den ersten Befürwortern des Irak-Kriegs. Ein Grund, warum wir nicht wirklich mit dem Leben zufrieden sind, ist meiner Meinung nach auch, daß wir es nirgendwo lernen, wie das geht, glücklich zu sein. Es gibt beispielsweise kein einziges Unterrichtsfach, das da heißt: Was ist Solidarität? Wie gehe ich mit meinem Leben um? Wie baue ich korrekte mitmenschliche Beziehungen auf? Statt dessen werden lauter Dinge gelehrt, die sich ausschließlich am wirtschaftlichen Wert und an der Rentabilität einer Sache orientieren. Sie haben mit »We Feed the World« nicht nur einen Dokumentarfilm über den Umgang mit globalisierten Nahrungsmitteln im 21. Jahrhundert gedreht, sondern Sie haben in dem Film die Frage aufgeworfen: Was hat das mit uns zu tun? Das hat wahnsinnig viel mit uns zu tun, weil wir tagtäglich diese Produkte in uns hineinstopfen. So wie der Film das zeigt, so ernähren sich in den reichen Ländern, insbesondere in den OECD-Staaten 90 Prozent der Menschen. Wir in den reichen Industrieländern sind es, die beispielsweise den brasilianischen Regenwald auffressen, während die Menschen vor Ort hungern. Heute ist klar zu erkennen: Unser Wirtschaftssystem ist aus den Fugen geraten. Ständig ist von Wachstum die Rede. Wozu denn Wachstum? Wir haben doch schon alles. Die Bevölkerung schrumpft. In Europa steigt die Bevölkerung minimal – und dies auch nur durch Immigration. Gleichzeitig aber wollen wir ständiges Wirtschaftswachstum. Wer soll das denn kaufen? Denen, die es wirklich bräuchten, geben wir es nicht. In Wien wird täglich so viel nicht verkauftes Brot weggeworfen, wie in der zweitgrößten österreichischen Stadt, Graz, gegessen wird. Solche Verg Im Unterschied zu den Menschen, die zu wenig haben und hungern, müßten wir in den Industrieländern im Grunde die glücklichsten Menschen sein, weil wir nie wirklich Hunger und Durst gelitten haben. Dennoch sind wir weit davon entfernt, tatsächlich glücklich und zufrieden zu sein. Was ist es genau, was uns von dem Glück abhält?

Wenn ich mich in meinem Umfeld umschaue, dann sehe ich nicht viele glückliche Leute. Obwohl wir heute diesen unermeßlichen materiellen Reichtum erreicht haben. Meine Mutter, mein Vater zum Beispiel haben noch gehungert; und ich bin der Erste in unserer Familie, der einer Generation entstammt, die das nicht kennt.

Aber vielleicht ist es auch so, daß wir eine ganze Weile benötigen, um mit diesem materiellen Glück umgehen zu können. Ich glaube, daß die Dinge viel mehr Zeit erfordern, als wir denken. So ein Menschenleben ist nicht sehr lang, selbst wenn wir 80 Jahre werden. Im Vergleich zur Weltgeschichte ist das in Wirklichkeit recht wenig.

Vielleicht sollten wir auch ein bisserl bescheidener auftreten und alles etwas langsamer machen. Diese Geschwindigkeit, die heute allgemein gilt, die bringt uns um. Ein Beispiel im Nahrungsmittelbereich ist Fast Food. Wie sollen wir im täglichen Leben funktionieren können, wenn wir uns nicht einmal mehr Zeit zum Essen nehmen? Dieses Denken ist ganz schrecklich.

F: Manche würden sagen, daß wir unseren Reichtum möglicherweise nur schätzen können, wenn wir auch mal etwas entbehrt haben

Wagenhofer: Das klingt mir allzu religiös, die Annahme, wir müßten auch einmal leiden. Leiden wird verursacht. Aus diesem Grund spricht die Kirche ständig von Schuld und sucht nach Schuldigen. Die Erlösung findet dann im Jenseits statt. Mich allerdings interessiert vor allem das Diesseits. Schauen Sie, die Polen waren die religiösesten Menschen und haben den Papst angebetet, solange der Kommunismus herrschte. Und was ist jetzt? Innerhalb von nur wenigen Jahren hat das Land einen unglaublichen Kapitalismus entwickelt, mit der Folge der Entsolidarisierung weiter Teile der Gesellschaft; Polen ist der NATO beigetreten und gehörte zu den ersten Befürwortern des Irak-Kriegs. Ein Grund, warum wir nicht wirklich mit dem Leben zufrieden sind, ist meiner Meinung nach auch, daß wir es nirgendwo lernen, wie das geht, glücklich zu sein. Es gibt beispielsweise kein einziges Unterrichtsfach, das da heißt: Was ist Solidarität? Wie gehe ich mit meinem Leben um? Wie baue ich korrekte mitmenschliche Beziehungen auf? Statt dessen werden lauter Dinge gelehrt, die sich ausschließlich am wirtschaftlichen Wert und an der Rentabilität einer Sache orientieren.

F: Sie haben mit »We Feed the World« nicht nur einen Dokumentarfilm über den Umgang mit globalisierten Nahrungsmitteln im 21. Jahrhundert gedreht, sondern Sie haben in dem Film die Frage aufgeworfen: Was hat das mit uns zu tun?

Wagenhofer: Das hat wahnsinnig viel mit uns zu tun, weil wir tagtäglich diese Produkte in uns hineinstopfen. So wie der Film das zeigt, so ernähren sich in den reichen Ländern, insbesondere in den OECD-Staaten 90 Prozent der Menschen. Wir in den reichen Industrieländern sind es, die beispielsweise den brasilianischen Regenwald auffressen, während die Menschen vor Ort hungern. Heute ist klar zu erkennen: Unser Wirtschaftssystem ist aus den Fugen geraten. Ständig ist von Wachstum die Rede. Wozu denn Wachstum? Wir haben doch schon alles. Die Bevölkerung schrumpft. In Europa steigt die Bevölkerung minimal – und dies auch nur durch Immigration. Gleichzeitig aber wollen wir ständiges Wirtschaftswachstum. Wer soll das denn kaufen? Denen, die es wirklich bräuchten, geben wir es nicht.

F: In Wien wird täglich so viel nicht verkauftes Brot weggeworfen, wie in der zweitgrößten österreichischen Stadt, Graz, gegessen wird. Solche Vergleiche machen besonders betroffen, weil das praktisch vor unserer Haustür geschieht, und man irgendwie den Eindruck bekommt, daß man als Konsument auch mit dafür verantwortlich ist.

Wagenhofer: Darum heißt der Film »We feed the world«. Genau das ist der entscheidende Punkt. Wir tendieren dazu, die Schuld immer bei den anderen zu suchen. Aber solange wir das tun, wird sich die Gesellschaft nicht verändern. Wir selbst sind daran beteiligt – als Konsumenten, als Bürger. Die Schuldfrage, sage ich immer, ist etwas für Versicherungsgesellschaften, für Historiker oder für Religionen. Mich interessiert weniger, warum das so gekommen ist, sondern: Wie können wir das jetzt verbessern? Wir sind es auch, die entscheiden, wen wir ernähren. Wir könnten ja alle ernähren. Das tun wir aber nicht.

»Feed«, »füttern« also, meint nicht nur Nahrungsmittel. Der Mensch lebt ja nicht nur vom Brot allein. Im übertragenen Sinne wird hier auch auf unsere unrealistischen Gedankengebäude und die kommerzialisierten Wirtschaftssystemen gewiesen, die wir der »Dritten Welt« überzustülpen versuchen. Wir schreiben ihnen vor, unsere kapitalistischen Modelle zu übernehmen und halten sie davon ab, eigene und vielleicht für ihr Land besser geeignete zu entwickeln.

F: Die Szenen, die Bilder, die Sie zeigen, geben die schlechtesten Seiten der Globalisierung wider: die Tomaten aus dem größten Gewächshaus der Welt in Spanien, die auf langen Wegen mit Lastern durch ganz Europa transportiert werden, obwohl es an den jeweiligen Orten genauso gute oder vielleicht noch bessere Tomaten gibt. Oder die Fischer in der Bretagne, die bald nicht mehr fischen dürfen, weil die EU den Fischfang industrialisieren will – und das, trotz deutlich schlechterer Produkte für den Verbraucher. Wie kommt es dann zu solchen scheinbar nicht seltenen Fehlentscheidungen? Die Entscheidungsträger müßten dies doch auch alles wissen. Sind sie nicht in diese Positionen gekommen, weil man das von ihnen annimmt?

Wagenhofer: Die wissen auch davon, und zu diesen Leuten sind wir hingegangen. Beispielsweise sehen Sie im Film jemanden wie Karl Otrok, den für Rumänien verantwortlichen Produktionsdirektor, der sein Leben lang bei Pioneer Hi-Bred International, dem weltgrößten Saatguthersteller, gearbeitet hat, der aber als Privatmensch eine ganz andere Meinung vertritt. Und in diesem Dilemma lebt nicht nur er, in diesem Dilemma leben viele.

Ich kann Ihnen ein Beispiel sagen: Zur österreichischen Premiere im September 2005 hatten wir der UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung, Jean Ziegler, eingeladen, der mehrmals im Film zu Wort kommt. Wir wollten natürlich auch eine kritische Gegenstimme haben, und da hat sich der ehemalige Agrarkommissar der Europäischen Union, Franz Fischler, angeboten, der zehn Jahre lang diesen Riesentanker mit dem größten Budget im EU-Haushalt geleitet hat. Aber als der Herr Fischler zur Podiumsdiskussion auf die Bühne kommt, stellt sich heraus, daß er wider Erwarten der größte EU-Kritiker ist, daß er der größte Globalisierungsgegner ist, daß er jetzt Präsident des Ökosozialen Forums ist, vehementer Gegner des Transitverkehrs und daß er sich für die Tobin-Steuer einsetzt – die bereits Anfang der 1970er Jahre von James Tobin vorgeschlagene, aber bisher nicht eingeführte Steuer auf internationale Devisengeschäfte … Ein solcher Mann ist das beste Beispiel, daß das System komplett falsch ist, denn kaum sind diese Menschen aus der Verantwortung entlassen, kehren sie ihre eigentlichen Gefühle und ihre wirkliche Meinung hervor und agieren ganz anders, als man es vielleicht von ihnen gewohnt war.

F: Aber daß sie dann doch all die Jahre mitgemacht haben, spricht nicht gerade für sie.

Wagennhofer: Wir hängen eben alle in diesem Strudel mit drin. Das macht Veränderungen auch so schwierig. Es bewegt sich schon etwas, aber nur ganz langsam. Solche Veränderungen gehen immer nur von unten, von der Zivilgesellschaft, aus. Das heißt, daß wir von den Entscheidungsträgern, von den Politikern in dieser Hinsicht gar nicht viel erwarten können, und statt dessen besser auf jeden von uns setzen sollten?

Ja, freilich. Was wollen Sie denn von den Politikern? Die Politiker haben sich doch längst mit der Wirtschaft ins Bett gelegt und den Kürzeren gezogen.

Im Film haben wir die Szene mit einem wirklichen Spitzenmanager dieser Welt, nämlich den Herrn Brabeck, den Chef von Nestlé, der zufällig Österreicher ist. Der verdient offiziell 20 Millionen Schweizer Franken im Jahr. Inoffiziell viel mehr, aber diese 20 Millionen sind zugegeben. Ich habe das einmal ausgerechnet: Das ist mehr als alle 25 Regierungschefs der EU zusammen verdienen. An dieser Zahl können Sie ablesen, wer hier das Sagen hat. Das ist doch nicht die Frau Merkel oder der Herr Chirac oder der Herr Blair. Glauben Sie, der Herr Blair zieht in den Irak-Krieg, weil er das für so lustig hält? Dahinter stehen zwei Namen: die heißen Shell und BP. Die zwingen den Herrn Blair, die britischen Truppen in den Nahen Osten zu schicken.

Kein Mensch auf dieser Welt will einen Krieg. Niemand. Auch der Herr Blair nicht. Aber dahinter stehen gigantische Wirtschaftsmächte, die sagen, es ist besser, wenn wir das Öl kontrollieren, als daß es andere tun. Es ist tatsächlich so primitiv wie vor Hunderten Jahren. Nur haben wir mittlerweile Hightech; heute nennen wir das fortschrittlich und werfen die Bomben aus 15000 Metern Höhe hinunter.

F: Szenen wie die aus dem brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, wo 25 Prozent der Menschen hungern, während in derselben Region die Großgrundbesitzer Soja für Vieh in Europa anbauen, haben viele Zuschauer betroffen gemacht. Wie kamen Sie mit diesen Bildern beim Filmen vor Ort zurecht?

Wagenhofer: Sehen Sie, wir kommen für eine kurze Zeit dorthin und reisen dann auch wieder ab; und der Hunger springt einem ja nicht sofort ins Auge, im Gegenteil. Die Menschen sind uns freundlich, offen und auch neugierig begegnet. Der Hunger ist für sie dort ein Teil des Lebens, so seltsam sich das auch anhören mag.

Darum ging es mir vor allem zu zeigen, wie alltäglich der Hunger ist. Hunger ist immer ganz stark mit Wasser und Niederschlägen verbunden. Das heißt, die Menschen sind abhängig von Umweltsituationen. Denn wenn der Regen ausbleibt und die Ernte schlecht ist, dann haben sie ein großes Problem, und sie fangen ganz langsam zu hungern an. In der Regel haben sie anfänglich immer noch gewisse Rationen, die aber langsam zu Neige gehen, und dann essen sie immer weniger und weniger, bis schließlich die Erwachsenen aufhören zu essen, und die Kinder bekommen noch ein bißchen. Wenn sie nicht gerade zu denen gehören, die von irgendwoher ein Hilfspaket erhalten oder eine neue Ernte, dann verhungern diese Menschen. Das ist deren Alltag. Jean Ziegler spricht das im Film sehr schön an, wenn er von dem Brauch erzählt, daß die Mütter Steine kochen, um den Kindern das Gefühl zu geben, es sei etwas im Topf.

Die Leichenberge steigen. Laut dem World Food Report werden es jedes Jahr mehr: 2005 waren es 850 Millionen Menschen, die verhungert sind. Gleichzeitig wissen wir nicht, wohin mit den Produkten. Das muß doch jeden Menschen, der Wirtschaft studiert, zu denken geben. Das tut es aber nicht. Wenn Sie beispielsweise auf eine Wirtschaftsuniversität in Deutschland oder Österreich gehen, wird darüber überhaupt nicht gesprochen! Da wird von Gewinnsteigerung geredet. Von Ökonomisieren. Von Rationalisieren. Und dann kommen die jungen Leute von der Uni und erhalten eine Stelle – um beim Essen zu bleiben – bei irgendeiner Supermarktkette, wo sie, weil sie studiert haben, gleich im mittleren Management angesiedelt werden. Da sind sie verantwortlich für den Gemüseeinkauf und bestellen Hunderte Lastwagenfuhren aus Südspanien. Sie waren aber nie vor Ort, haben nicht die leiseste Ahnung, wie die Abläufe dort sind, und sehen auf dem Papier lediglich irgendwelche Preise und Stückzahlen, an denen sie sich dann orientieren. So funktioniert das. Das ist wie ein Videospiel. »Dehumanizing the whole process«, sagt der Wirtschaftsprofessor und Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz dazu, »Entmenschlichung des ganzen Prozesses«. Mittlerweile beginnen selbst die Wirtschaftsexperten das ganze System zu hinterfragen.

Vielen Bürgerinnen und Bürgern ist inzwischen bekannt, daß die alte Mythen nicht stimmen. Wir haben tatsächlich genug Nahrungsmittel in der Welt. Niemand müßte hungern. Das Schlimme ist: Hunger wird gemacht. Ein Beispiel: 90 Prozent der Menschen in den Ländern der »Dritten Welt« sind Bauern. Das sind alles Subsistenzwirtschaften, das heißt, die Menschen bauen das an, was sie zum Essen brauchen. Und wenn sich keine Katastrophen ereignen, kommen sie damit auch recht gut durch. So hat es seit Jahrtausenden funktioniert.

Nun geht aber die Weltbank her – früher waren es die Kolonien – und sagt: Das ist falsch, wie ihr das macht; ihr müßt Cash-Crops anbauen – also Pflanzen, die ihr verkaufen könnt. Und mit diesem Geld könnt ihr dann eure Nahrung kaufen. Viele Bauern stellen aufgrund dieser Empfehlungen der Weltbank um und bauen beispielsweise statt Hirse Baumwolle an. Wir waren vor kurzem erst in Burkina Faso und haben das für den neuen Film gedreht.

Nun aber stellen die Bauern plötzlich fest, daß ihre Baumwolle aus Burkina Faso, die die beste und die billigste Baumwolle der Welt wäre, auf dem Weltmarkt nicht zu verkaufen ist. In diesem Jahr müssen sie erstmals draufzahlen, das heißt, sie verdienen nicht nur wenig, sondern überhaupt nichts mehr daran. Warum ist die Baumwolle nicht zu verkaufen? Weil die Amerikaner ihre Baumwollfarmer so hoch subventionieren, daß die amerikanische Baumwolle nun billiger ist als die Baumwolle aus Afrika. So, und jetzt sitzen die afrikanischen Bauern auf ihrer Baumwolle und haben aber inzwischen vergessen, weiterhin auch Lebensmittel anzubauen. Und jetzt beginnen sie zu hungern.

Dieses Szenario ist in hundertfacher Ausführung auf der Welt zu beobachten, speziell aber in Afrika und Südamerika. Und es sind der deutsche Finanzminister und der österreichische und der schweizerische und der französische, die davon wissen, aber dennoch bei diesem System subventionierter Ungerechtigkeit mitmachen und bei der Weltbank in Washington mit »Ja« dafür abstimmen.

F: Oft wird auf den »freien Markt« verwiesen, der die Wirtschaftsverhältnisse scheinbar ganz natürlich regeln soll. Dabei wird fälschlicherweise davon ausgegangen, daß alle Länder die gleichen Startbedingungen haben. Aber lassen sich Länder wie die Gambia, Sierra Leone oder Togo wirklich mit der geballten Wirtschaftskraft der westlichen Industrieländer vergleichen?

Wagenhofer: Es gibt keinen Markt. Das ist die größte Lüge, daß es einen Markt gibt. Was die großen Konzerne wollen, ist doch nicht der Markt. Sie wollen den Markt beherrschen, das ja. Aber was soll das denn für ein Markt sein, wenn die Amerikaner, die immer vom Markt reden, ihre Farmer so hoch subventionieren, daß ihr Produkt billiger wird, als das eines Afrikaners, der am Tag nicht einmal einen Dollar verdient? Was soll denn das für ein Markt sein, wenn beispielsweise Bill Gates, der reichste Mann der Welt, 90 Prozent der Computerwelt beherrscht? Das ist ein Monopol, aber kein Markt.

F: Ökonomen wie Jeffrey Sachs haben konkrete Lösungen aufgezeigt, wie der Hunger heute abgeschafft werden kann. Die Vorschläge sind logisch und denkbar einfach, nämlich: die gerechte Umverteilung der Ressourcen. Halten Sie ein solches Konzept für möglich?

Wagenhofer: Jeder positive Vorstoß in die richtige Richtung ist wichtig. Wir müssen uns bewußt werden, daß wir in einem vom Menschen geschaffenem System stecken, das auch wieder vom Menschen verändert werden kann, wenn wir dies wollen.

Ich denke, daß wir momentan ohnehin an einer Wende stehen. Langsam beginnt sich ein Bewußtsein für notwendige Veränderungen abzuzeichnen. Die Leute spüren intuitiv, daß es so nicht mehr weiter gehen kann. Das Dilemma ist, daß wir alle so tief in dem alten System mit drinnen hängen. Wir werden gejagt, wir werden gehetzt; das ganze Leben über wird Angst gemacht. Seit ich auf der Welt bin, ist Angst. Das geht im Kindergarten schon los: Du darfst, du darfst nicht, du mußt, du solltest. Dann kommt man in die Schule, danach in die Ausbildung: dann heißt es, aus dir wird nichts, wenn du nicht pünktlich bist oder wenn du nicht soundso bist … So sind wir geschult, insbesondere wir Österreicher und Deutschen.

Revolutionen aber finden anderswo statt – in Frankreich beispielsweise. Da denken die Leute anders. Dort brennen dann auch schon mal Autos und EU-Referenden werden niedergestimmt.

Wir alle müssen selbstständiger werden und sagen: Nein, hier mache ich nicht mehr mit. Ich brauche das nicht mehr; ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Ich möchte lieber mehr Freizeit haben, ich möchte lieber nachdenken, mich engagieren.

Quelle: Interview erschienen in der „Jungen Welt“ vom 12. Mai 2007

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