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Wahrnehmungsstörungen bei US-Politikern, Freiheit, die sie meinen

April 2, 2007

Wie die Washington Post am Sonntag berichtete, haben vier US-Senatoren die irakische Hauptstadt Baghdad besucht. Bei einer Pressekonferenz in der „Grünen Zone“ beklagte sich John McCain, einer von ihnen, darüber, daß die Medien es seiner Ansicht nach versäumen, die positiven Entwicklungen im Irak zu zeigen.

Vor der Pressekonferenz hatte McCain, der sich eine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei erhofft, zusammen mit den Senatoren Lindsey Graham, Mike Pence und Rick Renzi eine Stunde lang einen Marktplatz in Baghdad besucht. Anders als üblich hatte er die Strecke von Baghdader Flughafen zur schwer befestigten „Grünen Zone“ nicht in einem Hubschrauber, sondern in einem Fahrzeug zurückgelegt.

Beides brachte er als Beleg dafür vor, daß sich die Lage im Irak bessere.

„Niemals konnte ich vom Flughafen aus fahren, niemals konnte ich hinaus in die Stadt gehen, wie ich es heute konnte“, sagte er.

„Wir wurden herzlich willkommen geheißen“, so Graham. „Ich kaufte fünf Teppiche für fünf US-Dollar.“

„Auch ich bin nach dem Tag auf dem Marktplatz in Baghdad vorsichtig optimistisch, daß Freiheit für diese Leute funktionieren könnte“, sagte Pence. Er sei bewegt von der Möglichkeit, sich „uneingeschränkt unter einfache Iraker mischen zu können“, Tee zu trinken und über den Preis eines Teppichs zu feilschen. Der Marktplatz sei „wie ein normaler Marktplatz in Indiana im Sommer“.

Der Artikel der Washington Post spricht nur von einem von „dutzenden“ Soldaten „schwer bewachten“ Besuch auf dem Markt und erwähnt, daß die Abgeordneten kugelsichere Westen trugen. Schon diese Feststellung sollte allerdings ausreichen, in Touristen in den USA – insbesondere dem Bundesstaat Indiana – die Frage zu wecken, ob sie wirklich einen Markt besuchen möchten. Angesichts der freien Waffenbesitz garantierenden Gesetze, die es höchst wahrscheinlich machen, daß der freundliche Verkäufer an dem Stand mit den frischen Äpfeln stolzer Besitzer mehrerer Schrotflinten und halbautomatischer Waffen ist, möglicherweise eine durchaus lebensverlängernde Überlegung.

Bereits vor seiner Ankunft hatte McCain gesagt, es gebe in Baghdad Gegenden, in denen man sich frei bewegen könne. Hierauf bei der Pressekonferenz von einem Journalisten angesprochen, entgegnete er: „Ich komme gerade aus einer.“

Sowohl die Washington Post als auch McCain vergaßen zu erwähnen, was genau es ihm ermöglichte, sich so „frei“ auf diesem Markt zu bewegen, was ein Bericht der Sendung Night News des Fernsehsender NBC nachholte.

Schon die Auswahl des Marktes ist zweifellos kaum zufällig erfolgt, liegt dieser doch nur 1,5 Kilometer von der „Grünen Zone“ entfernt. Den Weg dorthin legten die Senatoren in gepanzerten Humvees zurück. Während sie sich dann auf dem Markt so „frei“ bewegten, wurden sie von über 100 US-Soldaten, 3 Kampfhubschraubern des Typs AH-60 „Black Hawk“ und 2 Kampfhubschraubern des Typs AH-64 „Apache“ geschützt.

Letztlich gibt es hier nur zwei Erklärungsansätze. Entweder, die Politiker versuchten hier einmal mehr die Öffentlichkeit zu belügen und stellten die Lage im Irak in der Hoffnung, die bliebe unbemerkt, massiv rosiger dar, als sie ist, oder aber sie halten es tatsächlich für völlig normal, sich mit einem solchen Aufwand von Mensch und Material zu schützen. Für einen derart vernebelten Blick auf die Realität spricht zweifellos das erwähnte „Schnäppchen“ von fünf Teppichen für fünf US-Dollar. Letztlich sollte es mit einer derart konzentrierten Feuerkraft auch gelingen, einen kolumbianischen Drogenbaron ohne lange Verhandlungen davon zu „überzeugen“, seine „Produktion“ zum Kilopreis von einem US-Dollar den Besitzer wechseln zu lassen.

Sollten diese Politiker – unter ihnen möglicherweise der nächste US-Präsident – tatsächlich der Ansicht sein, daß dies auch nur im entferntesten etwas mit Freiheit – außer ihrer eigenen – zu tun habe, so sind die USA einer Diktatur noch weitaus näher als ohnehin schon vermutet.

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