Skip to content

Kann der muslimische Bart noch rehabilitiert werden? Von Raida Chbib

März 30, 2007

Vom „Kuscheldialog“, der „falschen Toleranz“ und noch mehr

Einst galt der Bart als ein Privileg des freien Mannes, in Preussen des 19. Jahrhunderts sogar als das Zeichen demokratischer Gesinnung. Hier und heute ist der haarige Gesichtsschmuck, vor allem in seiner dunkel-wuchtigen Variante, mehr Stigma denn Statussymbol. Zum Merkmal radikal-islamischer Einstellung entwertet, ruft der Vollbart in unseren Breitengraden zumeist negative Assoziationen hervor. Bartträger trifft da selbstredend keine Schuld. Nur, wer mag unter diesen Umständen noch freiwillig einen Bart tragen? Also kommt er unters Rasiermesser.

Andere genuin harmlose Objekte und Verhaltensweisen, welche durch ihre Verknüpfung mit islamischer Religiosität den Gefrierpunkt allgemeiner Toleranz unterschritten haben, sind allerdings nicht so leicht zu entfernen. Sie sind auf der Skala der Unpopularität, mal höher mal tiefer angesiedelt. Ähnlich wie der dunkle Haarschopf im Gesicht, werden sie als Symbole und Ausdrucksformen des Islam identifiziert und dementsprechend – achtung: starkes Wort – verschmäht; missachtet, verachtet, wenig beachtet – über Begrifflichkeiten kann man streiten. Die Frage bleibt: Ist es treffend, sachlich oder korrekt, von einer wachsenden Antipathie gegenüber Muslimen und ihrer Religion zu sprechen? Oder von einer grassierenden „Islamophobie“? Letzteres klingt wenig nett in deutschen Ohren. Klingt nämlich, als habe man einen Psychowahn, eine Phobie, und dann geht der Diskurs schnell nach hinten los. Gibt es überhaupt einen Terminus, der die gegenwärtig überwiegende Stimmung innerhalb der Bevölkerung gegenüber religiösen Muslimen umschreibt?

Halt. Warum muss man überhaupt zu negativen Begriffen der reichen deutschen Sprache greifen? Warum a priori davon ausgehen, dass die allgemeine Stimmungslage gegenüber dem Islam hierzulande wohl – ein wenig getrübt ist? Nun, falls man nach den Erfahrungen der vergangenen Bundestagswahlen noch den Umfragewerten deutscher Meinungsfrschungsinstitute vertrauen darf, so neigen die Deutschen nicht gerade zu ehrfürchtigen Verneigungen, wenn sie den Islam vor sich haben. Wenn etwa 83% der Befragten der Allensbach-Umfrage an Fanatismus und Radikalität in Verbindung mit dem Islam denken, dann werden sich wohl im allgemeinen keine großen Sympathien dafür entzünden. Dass der Islam hierzulande noch relativ neu ist und viele seiner Anhänger zu den sozialen Randgruppen der Gesellschaft gehören, macht es dieser Religion zudem nicht einfacher, ihre Sympathiewerte zu steigern. Somit drängt sich der Antonym zur Lagebeschreibung auf. Worin liegt also die gelegentlich spürbare Antipathie gegenüber „dem Islam“ begründet? Verschiedene mediale Bilder, sowie politische Ereignisse, aber auch so manche Misstände bei den Muslimen selbst, bereiten sicherlich einen fruchtbaren Fundus für bestehende Ressentiments.

Damit zurück zum Start: Der Bartträger wird zum Bösewicht, das Kopftuch zur Kulturkampfflagge, Muhammad (s) zur Karikatur und der Islam schlichtweg zur Antimoderne. Da haben wir den Salat. Und die Salatkrönung? Eine frankfurter Richterin, die den Koran nach eigenem Gutdünken auslegt, dabei eine inhumane Lesart vornimmt, daraus eine islamische Norm (Gewaltanwendung in der Ehe legitim) ableitet, um diese mit jeglichem Rechtsempfinden inkompatible Auslegung als Grundlage für die Verweigerung rechtlicher Unterstützung für das Gewaltopfer zu nehmen. Zugegeben scharfe Kreation aber nicht unüblich. Zwar treibt es wohl kaum ein anderer so weit, das, was für Islamisch gehalten wird, über Verfassungsnormen zu stellen. Allerdings macht sich durchaus eine Willkür breit in der Deklarierung von Verhaltensweisen mal als islamisch oder mal als islamistisch, um damit dem Islam ein weiteres negatives Attribut anzuhaften. Wohlgemerkt wurde die besagte Richterin keineswegs kritisiert, weil sie sich als Islamtheologin versuchte – und damit scheiterte. Keiner hat in Frage gestelt, dass der Islam zur Gewaltanwendung in der Ehe auffordert. Warum auch? Passt doch ins allgemeine Islambild. Stattdessen ereilte sich so mancher, die Empörung in Richtung Islam zu lenken: „Wenn der Koran über das deutsche Grundgesetz gestellt wird, dann kann ich nur sagen: Gute Nacht, Deutschland!“, so Ronald Pofalla (CDU) und Co. Der Islam als Drohkulisse über unsere Demokratie. Und zwar der Islam, so wie man ihn persönlich verstehen will: Frauenfeindlich, intolerant und gewaltverherrlichend. Und dann auch noch: Bier- und Bockwurstabweisend.

Merkwürdig ist, dass ein Fehlverhalten oder eine Fehldeutung in Bezug auf muslimische Sachverhalte nicht mehr im Mittelpunkt der Kritik stehen, sondern das missbrauchte Objekt selbst. Den Schaden tragen letzlich die Muslime.
Dann heißt es: Kein „Kuscheldialog“, „keine falsche Toleranz“, keine „Apeasement Politik“. Moment, wer wollte da von muslimischer Seite kuscheln? Und nur keine Verwechslung. Vielleicht trägt der ein oder andere muslimische Verbandsfunktionär einen gut gepflegten Bart aber mit den kantigen Kriegern inmitten katastrophaler Kriegsorte haben sie nichts zu tun.

Warum sich also „wehrhaft zeigen“? Schließlich herrscht hier kein Krieg sondern einfach nur die Notwendigkeit einer besseren Integrationspolitik.
Manche wollen dies dennoch nicht wahrhaben. Eine Drohkulisse wird aufgebaut, gepflegt und gelegentlich mit weiteren unmöglichen Details versehen, um dann wieder darauf zu zeigen. So möchte etwa ein einstiger FAZ-Redakteur – selbverständlich bartlos – eine „Partei gegen die Islamisierung Deutschlands“ gründen. „Sonderrechte für Muslime“ wolle er damit abwehren und die „Aufweichung der Gesetze“ verhindern. Werden deutsche Gesetze wirklich zu Weichkäse, wenn man in Krankenhäusern etwa Rücksicht auf muslimische Speisesitten nimmt? Leider kommen solche Argumente an. Und anti-islamische Zusammenschlüsse zwecks polemischer Verbalattacken gegen den Islam auch. „Muslim-Bashing“ ist in. Der Islam hat halt „einen Haken“. Das spüren wohl die meisten. Da muss man einfach nur den Seitenhieb bringen, der allgemeine Eindrücke bestätigt. Dafür gibt es seit Februar 2007 sogar einen Bundesverband. Sein einsamer Existenzgrund: Muslim-Bashing, also mit platten Pauschalisierungen zum Islam das bestehende Misstrauen warm zu halten und die Religion weiterhin zu stigmatisieren. Mit populistischen Vorwürfen zum Islam schafft man es erwiesenermaßen schnell ins Rampenlicht der Öffentlichkeit und ins Bundespresseamt.

Da bleibt Muslimen nichts mehr übrig, als wegzuhören und auf die Vernunft ihrer Mitmenschen zu setzen. Abwehrmanöver bringen nichts. Die sachliche Auseinandersetzung mit dem Islam schreitet innerhalb der Gesellschaft voran. Vielleicht lässt sich der Bart doch noch eines Tages rehabilitieren.

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: