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Anhaltende Leugnung irakischer Opferzahlen – Verdrängungsstrategien

März 12, 2007

Am Montag veröffentlichte die britische Times einen Artikel der Wissenschaftsjournalistin Anjana Ahuja, in dem sie erneut Argumente gegen die Glaubwürdigkeit der im vergangenen Oktober veröffentlichten Studie zur Zahl der im Irak aufgrund des Angriffskrieges der USA getöteten Menschen vorbringt. Schon Anfang Dezember hatte sie einen entsprechenden Artikel veröffentlicht, noch bemerkenswerter ist allerdings zweifellos der auf dem Artikel vom Montag basierende Artikel des deutschen Spiegel.

Die in der Zeitschrift Lancet veröffentlichte Studie kam aufgrund von Haushaltsbefragungen im Irak zu dem Schluß, daß schätzungsweise 654.965 Menschen seit Beginn des Krieges zusätzlich ums Leben gekommen sind.

Ahuja stellt dem erneut die – auch in der Studie genannte – Schätzung der Zahl Opfer des Krieges und der Besatzung durch die Website IraqBodyCount entgegen, die diese für den Zeitraum bis zum 26. September 2006 mit maximal 48.283 angab. Sie unterläßt dabei allerdings den Hinweis, daß die Zählung von IraqBodyCount ausdrücklich nur auf Medienberichten von Todesopfern beruht – noch dazu nur, wenn jeweils mindestens zwei unabhängige Berichte vorhanden sind. Nicht nur, daß hier bei zweifellos eine große Zahl von Todesfällen unbeachtet bleibt – was IraqBodyCount auf seiner Website auch selbst zugibt – hinzu kommen außerdem jene Todesfälle, die nicht direkt durch kriegerische Gewalt verursacht wurden, beispielsweise die katastrophale medizinische Versorgung. Während Ahuja dies nur verschweigt, behauptet der Spiegel in seinem Artikel „Kriegsopfer im Irak: Forscher bezweifeln Zahl von 650.000 Toten“ wahrheitswidrig, diese Zahl beziehe sich der Studie zufolge auf „Menschen, die im Krieg durch Luftangriffe, Autobomben oder Geschütze getötet worden waren“.

Auch der Satz „Kollegen stellen ihre Arbeitsweise in Frage und sprechen sogar von Betrug“ aus der Einleitung des Spiegel-Artikels kann bestenfalls als Irreführung bezeichnet werden, wenn hierfür keine anderen Belege als der Artikel der Times vorliegen sollten. Dort wurde Professor Michael Spagat als einer der Kritiker der Studie präsentiert. Auf die Frage, ob er Betrug „ausschließen“ würde, antwortete er demnach „Nein“ – angesichts der Tatsache, daß er die Glaubwürdigkeit der gesamten Studie bezweifelt, kann diese Aussage allerdings kaum überraschen. Hätte er anders geantwortet, wäre dies einer Zustimmung zu den Ergebnissen gleichgekommen. Tatsächlich wird Spagat in dem Spiegel-Artikel sogar als „Statistiker“ bezeichnet. In Wahrheit handelt es sich bei ihm allerdings um einen Wirtschaftswissenschaftler. Inwieweit Spagat qualifiziert ist, die Methoden der Studie in Zweifel zu ziehen, scheint zumindest fragwürdig.

Bemerkenswert ist sicherlich auch, daß der Spiegel als Hauptautoren der Studie Professor „Robert Burnham“ nennt, während sein Name in Wahrheit Gilbert Burnham ist.

Auch die Behauptung der „Kritikerin“ Dr. Madelyn Hsaio-Rei Hicks vom Institut für Psychologie in London, die Befragung der insgesamt 1.849 Haushalte sei in der genannten Zeit vom 20. Mai bis zum 10. Juli 2006 nicht zu schaffen gewesen, da dabei 40 Haushalte pro Tag befragt werden mußten, läßt offenbar mutwillig außer Acht, daß schon die Beschreibung der Studie die Information enthält, daß „zwei Befragungs-Teams, die jeweils aus zwei Frauen und zwei Männern bestanden“, enthält. Hinzu kommt noch, daß Burnham zufolge die Befragungen jeweils gemeinsam von einer Frau und einem Mann durchgeführt wurden. Rechnerisch führten sie also jeweils weniger als 10 Befragungen pro Tag durch. Auch diese Information sucht der Leser beim Spiegel vergeblich, während Ahujas Artikel zumindest Burnhams Aussage enthält.

Die von Ahuja zitierte Behauptung dreier Mitarbeiter des Karolinska-Instituts im schwedischen Stockholm, Dr. Richard Garfield, Professor Hans Rosling und Dr. Johan Von Schreeb, die Studie Burnhams weise darauf hin, daß die Zahl der verstorbenen Kinder infolge des Krieges um zwei Drittel gesunken sei – was ganz offensichtlich Grund zu einer kritischen Beurteilung der Studie geben würde – deckt sich nicht mit den in der Studie genannten Zahlen.

Demnach starben vom Beginn des in der Studie untersuchten Zeitraums, dem 1. Januar 2002 bis zum Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der USA am 18. März 2003 in den befragten Haushalten insgesamt 14 Kinder im Alter von bis zu 14 Jahren – alle von ihnen nicht gewaltsam. In der Zeit vom 19. März 2003 bis zum Juli 2006 starben demgegenüber in den befragten Haushalten 66 Kinder, 26 von ihnen gewaltsam, allein 13 bei Luftangriffen. Selbst wenn man nur die nicht gewaltsamen Todesfälle betrachtet, so zeigt sich hier doch exakt das im Hinblick auf die Zeiträume zu erwartende Verhältnis und keineswegs eine um zwei Drittel gesunkene Zahl. Hinzu kommen hier noch die mehr als 60-prozentige Steigerung durch die gewaltsam getöteten Kinder.

Zweifellos kann auch die von Ahuja – und kaum verwunderlich, auch dem Spiegel – als Hinweis auf möglicherweise „frisierte“ Zahlen herausgestellte Tatsache, daß einer der Autoren der Studie, Les Roberts und auch der Herausgeber des Lancet, Richard Hurton, ausgewiesene Gegner des Irakkriegs sind, kaum verwundern, ist doch weder eine solche Studie noch deren Veröffentlichung durch Kriegsbefürworter wie das PNAC und FoxNews zu erwarten.

Auch wenn die der Studie zugrundeliegende Vorgehensweise der statistischen Erhebung von Daten sicherlich keine endgültige Gewißheit bieten kann – eine Tatsache, die auch ausdrücklich in der Studie genannt wird – so handelt es sich hierbei doch um eine in anderen, offenbar politisch opportuneren Fällen sehr wohl anerkannte wissenschaftliche Methode der Ermittlung der Zahl von Kriegsopfern. Anhaltende Versuche, diese Studie zu diskreditieren, eröffnen ihrerseits Einblicke in die Motivationen und Ansichten der Verantwortlichen, zumal es angesichts der „unstrittigen“ Zahl der infolge des Krieges getöteten Menschen schon fast zweitrangig erscheint, ob diesem letztlich von den USA – aber auch von zahlreichen weiteren an dem Angriffskrieg beteiligten Staaten und auch diesen unterstützenden wie Deutschland – zu verantwortende Massenmord hunderttausend Menschen mehr oder weniger zum Opfer gefallen sind.

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