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Journalismus schützt vor Unwissen nicht

Februar 22, 2007

Eine Analyse eines wahrhaft ahnungslosen Islam-Beitrags aus der FAZ – von Abdulgani Engin Karahan
Mittlerweile vergeht kein Tag, an dem nicht ein Beitrag über den Islam in einer größeren Zeitung erscheint. Man möchte sich ja fast schon freuen, dass damit hoffentlich die allgemeine Wissenslücke über den Islam geschlossen wird. Das dürfte aber dem Beitrag von Regina Mönch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16.02.2007 nicht vergönnt sein. Schon der etwas zu lang geratene Titel „Wir haben abgeschworen! Das antworten Menschenrechtler auf die kritische Frage, ob man als Muslim geboren wird“ zeigt auf, dass die Autorin sich wohl nicht ganz sicher darüber war, was dieser Artikel aussagen soll. Es soll wohl hauptsächlich um den neu gegründeten Verein „Zentralrat der Ex-Muslime“ gehen. Über den Verein scheint es aber nicht viel zum Schreiben zu geben, also hat sich die Autorin wohl entschieden, umso mehr über den Islam zu informieren und die Leser über die möglichen Beweggründe solch einer Vereinsgründung aufzuklären. Dafür fehlt ihr aber offensichtlich das nötige rudimentäre Wissen über den Islam.

„Der Islam kennt kein Bekenntnis zum Glauben“, behauptet Frau Mönch gleich im ersten Satz. Dass der Islam gerade zu den großen Bekenntnisreligionen gezählt wird, hat Frau Mönch anscheinend nicht mitbekommen. Man möge sich auch mal vorstellen, was das Fehlen eines Bekenntnisses für eine praktische Bedeutung hätte. Eine Konversion zum Islam wäre unmöglich, selbst die Prophetengefährten dürfte man dann wohl nicht als Muslime ansehen, da sie sich ja schon im fortgeschrittenen Manns- oder Frauenalter zum Islam bekannt haben. Frau Mönch wollte damit anscheinend ihrer nächsten Behauptung, es gebe keine Abkehr vom Islam, Nachdruck verleihen. Doch auch das sieht der Islam vor. Muslim ist man nun einmal nur, wenn man sich auch zum Islam bekennt. Wer dies nicht macht, ist auch kein Muslim.

Wieso solch ein Thema auf die Tagesordnung der Islamkonferenz sollte, wird ebenfalls nicht klar. Als theologisches „Problem“, ist dieses Thema beim Innenministerium sicherlich mehr als fehl am Platz. Abgesehen davon wird auch niemand zwangsweise zum Muslim erklärt. Wieso sollte also der Grund sein, um so etwas auf der Islamkonferenz überhaupt anzusprechen. Wenn die breite Öffentlichkeit jeden mit türkisch-, arabisch- und persischstämmigem Namen zum Muslim erklärt, so ist der Vorwurf dafür sicherlich nicht den Muslimen oder dem Islam zu machen.

Frau Mönch scheint jedoch von der Vorstellung eines über den Vater fortgepflanzten Islams regelrecht besessen zu sein. Anscheinend kann sie nicht nachvollziehen, dass ein Mensch sich solch einem Glauben zugehörig fühlen kann, ohne diesen nicht vom Vater unfreiwillig geerbt zu haben. Zweifellos ist es leichter, ein Muslim zu werden, wenn der Glauben einem von Kindsbeinen an von den Eltern vorgelebt wird. Nur ohne eigenes Bekenntnis macht einen die muslimische Familie noch lange nicht zum Muslim. Es bedarf auch keiner Austrittskampagne, um aus dem Islam auszutreten. Das negative Bekenntnis ist schon völlig ausreichend.

Die mangelhafte, oder besser gesagt nicht vorhandene Recherche wird auch deutlich wenn sie schreibt, die Gründung des „Zentralrats der Ex-Muslime“ würde von der „extremen Milli Görüs“ heftig diskutiert. Mag der eine oder andere über diesen Zusammenschluss ein Wort verloren haben, von der IGMG kam dazu bisher kein einziges Statement. Wozu auch – jeden Tag werden Vereine gegründet und auch wieder aufgelöst. Da stellt die Gründung des besagten Zentralrates auch keine Besonderheit dar, außer dass um sie vielleicht etwas mehr Lärm gemacht wurde, als bei anderen Vereinen.

So richtig grotesk wird es aber, wenn die Autorin die seit über 1400 Jahren gültige „positive Variante des Bekenntnisses“, nämlich, dass nur der Muslim ist, der sich auch zum Islam bekennt, zur Erfindung von Frau Kelek macht. Tja, wenn auch das rudimentärste Wissen über den Islam fehlt, wird sogar solch eine Selbstverständlichkeit zum Problem. Da dürften sich aber Mönch und Kelek gegenseitig die Hand geben.

Lächerlich wird es schließlich, wenn Frau Mönch die Vertreter des „Zentralrats der Ex-Muslime“ wieder zu Muslimen erklärt. Denn wie sonst soll man ihre Behauptung verstehen, eine Gruppe, die sich nach eigenen Angaben aus Nicht-Muslimen zusammensetzt, würde den Vertretungsanspruch von muslimischen Verbänden erschüttern. Einen Alleinvertretungsanspruch für die Migranten stellt keiner der muslimischen Verbände auf; ihr Anspruch, die religiösen Interessen der ihnen angeschlossenen Muslime zu vertreten, kann aber nicht durch eine nicht-muslimische Gruppierung eingeschränkt werden.

Der Bezug zur Realität kommt der Autorin schließlich völlig abhanden, wenn sie Moscheevereine zu „rechtlichen Konstruktionen“ degradiert. Was dies bedeuten soll, wird zwar nicht ganz klar, es gibt aber, im Gegensatz zu ihrer Behauptung, sicherlich keinen einzigen Moscheeverein, der keine Mitgliederliste führt. Bedenkt man, dass dies zur Unterhaltung eines Moscheevereins überlebensnotwendig ist, wird deutlich, dass es der Autorin einfach jeglicher Ahnung in der Materie fehlt. Die Idee ist aber amüsant. Demnach verrichten wir als Muslime unsere Gebete nur in rechtlichen Konstruktionen, das was wir für eine Moschee halten, gibt es eigentlich gar nicht, oder doch?

Wie schon Anfangs festgestellt, ist solch eine Herangehensweise in der Berichterstattung über den Islam nicht selten. Zur Ehrenrettung anderer Journalisten muss aber auch gesagt werden, dass die Ahnungslosigkeit der Frau Mönch nur schwer übertroffen werden kann. Bei der Lektüre stellen sich dann auch immer wieder zwei Fragen: Wie kann sich die Autorin so sicher über ihr (Un-)Wissen sein, dass sie ohne Umschweife solch einen Beitrag zur Veröffentlichung einschicken kann? Die zweite Frage ist, gibt es denn in der Redaktion einer solch großen deutschen Tageszeitung niemanden, dem solch ein Unfug auffallen müsste?

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