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Warum ein Hamburger Anwalt sich zum Islam bekennt

Februar 7, 2007

Nils von Bergner in seinem Büro. Fünfmal täglich rollt der 36-Jährige den Gebetsteppich aus und neigt sich gen Mekka.Als er ihr zum ersten Mal andeutete, dass er zum Islam übertreten wolle, dachte Ellen von Bergner (26), ihr Mann mache einen Scherz. „Ja, mach mal“, sagte sie nur und dachte nicht weiter darüber nach. Einige Monate später gestand der Hamburger Anwalt Nils von Bergner (36) seiner Frau jedoch, dass es ihm ernst sei. Er habe sich eingehend mit dem Islam auseinandergesetzt, den Koran gelesen: Er wolle zum islamischen Glauben übertreten – ob sie etwas dagegen habe? „Zuerst war ich geschockt“, erinnert sich Ellen von Bergner. „Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, was für Auswirkungen sein Glauben auf mein Leben hat.“ Nach vielen Gesprächen einigten sich beide darauf, zu versuchen, ihre Ehe so tolerant und normal wie möglich zu führen – er als Moslem, sie als Atheistin. „Allerdings hätte ich nie meine Ehe aufs Spiel gesetzt“, sagt Nils von Bergner.

Der 36-Jährige, der seit seinem Glaubensbekenntnis auch den muslimischen Namen Ahmed Isa (übersetzt: Mohammed Jesus) trägt, ist einer von mehr als 350 Hamburgern, die 2005 zum Islam konvertierten. In ganz Deutschland waren es von Juli 2005 bis Juni 2006 rund 4000 Menschen. Das ergab eine Studie, die das Islam-Archiv in Soest im Auftrag des Bundesinnenministeriums durchgeführt hat. 17 200 Deutsche, die vom christlichen zum muslimischen Glauben gewechselt haben, leben mittlerweile in Deutschland. „Die meisten von ihnen, rund 70 Prozent, konvertieren, weil sie einen Moslem heiraten“, sagt Ahmet Yazici von der Zentrumsmoschee in St. Georg. „Der Rest besteht größtenteils aus Deutschen, die sich aus Überzeugung zum Islam bekennen.“

Die Bibel steht bei Nils von Bergner weiterhin im Bücherregal – als von den Muslimen anerkannte heilige Schrift direkt neben dem Koran. Doch statt – wie früher – einmal abends zu beten, rollt von Bergner jetzt fünfmal täglich den Gebetsteppich aus. Neigt sich morgens, mittags, nachmittags, abends und nachts gen Mekka und betet auf Arabisch: „Gepriesen sei mein Gott, Gott erhört jeden, der ihn lobt.“

„Das Beten hat mich anfangs am meisten gestört“, sagt die Ehefrau. Doch sie hat sich daran gewöhnt: „Morgens wird zur Zeit des Sonnenaufgangs gebetet – im Sommer ist das um vier Uhr. Doch mit der Zeit bin ich nach dem Klingeln seines Weckers wieder eingeschlafen.“

Nils von Bergner ist ein liberaler Moslem. Seiner Frau zuliebe macht er viele Kompromisse. Er selbst vermeidet auch die kleinste Menge Alkohol, holt jedes verpasste Gebet nach und hält sich an die Fastenregeln des Ramadan. Andererseits verlangt er weder von seiner Frau noch von seinen Gästen, dass sie in seiner Wohnung die Schuhe ausziehen oder auf Alkohol verzichten. Und so hat er auch nichts gegen die drei Katzen seiner Frau, obwohl einige Moslems Katzen als unreine Tiere betrachten. „Der Koran wird von vielen Theologen unterschiedlich ausgelegt“, sagt der Hamburger. So sei das auch mit dem Tragen eines Kopftuches: Man solle keine Frau dazu zwingen, dürfe es aber auch keiner verbieten. Er selber würde niemals auf die Idee kommen, seiner Frau Vorschriften zu Kleidung oder Lebensführung zu machen.

Dafür lässt Ellen von Bergner ihrem Mann die Freiheit als Moslem streng nach den „fünf Säulen des Koran“ zu leben. Dazu gehören das Glaubensbekenntnis, die Pflichtgebete, der Ramadan, die Armensteuer (einmal im Jahr vier Prozent des Vermögens spenden) und die Pilgerfahrt, die Nils von Bergen demnächst unternehmen will. „Diese festen Regeln und Anweisungen des Islam sind ein Grund dafür, dass unsere Religion immer beliebter bei Christen wird“, sagt Salim Abdullah, Seniordirektor des Islam-Archivs in Soest. „Sie kommen nicht zurecht mit dem Dreifaltigkeits-Dogma, sondern suchen klare nachvollziehbare Regeln“. Nils von Bergner bestätigt das: „Die ethisch-moralischen Grundsätze von Islam und Christentum sind die gleichen. Mein Glaube hat sich einfach erweitert. Ich habe jetzt das Gefühl, enger mit Gott in Verbindung zu sein.“

frg
http://www.abendblatt.de/daten/2007/01/29/678751.html

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