Skip to content

Auf in die Oper! – Ein Kommentar von Oğuz Üçüncü

Dezember 25, 2006

Aufatmen bei allen Beteiligten. Die Oper Idomeneo ist gelaufen und welch Wunder: Es ist nichts passiert!!! Berlin ist als Party- und Eventhauptstadt unseres Landes natürlich an herausragende Ereignisse im Kulturbetrieb gewohnt. Aber die (Wieder)-aufführung der aus „Sicherheitsgründen“ von der Opernintendantin Kirsten Harms abgesetzten Mozart Oper war angesichts des weltweiten Medieninteresses und der extremen Sicherheitsvorkehrungen schon etwas Besonderes. Polizeipräsenz und die aufgestellten Metalldetektoren erinnerten doch eher an einen Hochsicherheitstrakt als an eine Oper. Und so waren Sie denn auch alle da: Berliner Politprominenz, Diplomaten, Intellektuelle, Kunst- und Kulturschaffende, Opernliebhaber, Dauerkarteninhaber der Deutschen Oper, sowie einige Teilnehmer der Deutschen Islam-Konferenz. Letztere aufgrund eines forschen Vorpreschens des Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Deutschlands, Kenan Kolat, bei der Auftaktveranstaltung der Islamkonferenz im Oktober. Er hatte alle Teilnehmer mit dem Vorschlag überrascht, gemeinsam die umstrittene Inszenierung zu besuchen. Bundesinnenminister Schäuble griff den Gedanken freudig auf und verkündete in der Pressekonferenz auch das erste greifbare Ergebnis seiner Konferenz: Wir gehen alle in die Oper! Alle? Nein, nicht alle. Denn schon kurz nach der Verkündung des gemeinsamen Opernbesuchs haben Vertreter muslimischer Verbände wie Islamrat und Zentralrat erklärt, dass sie dieser Aufführung fernbleiben werden.

Aus einer Posse um die Absetzung einer geschmacklosen Operninszenierung, und insofern ist das typisch für alle Debatten, die wir bezüglich der Thematik Islam in dieser unserer Republik führen, zum einen eine „eindrucksvolle“ Demonstration für den Erhalt der Werte des christlichen Abendlandes und zum anderen ein Lackmustest für Integrationswillen und Integrationsfähigkeit der hier lebenden Muslime. So werden wir Zeugen einer Diskussion, die da lautet: Geht man in die Oper, ist man integriert, bleibt man der Aufführung fern, stellt man die Grundwerte dieser Gesellschaft in Frage und gilt als nicht integrierbar!!

Mal absehen davon, dass nur ein Bruchteil der deutschen Bevölkerung selbst Opern hört bzw. sie sich anschaut, verkennt die Debatte um den Opernbesuch als vermeintliche Manifestation eines aufgeklärten und freiheitlichen Geistes, dass alle muslimischen Teilnehmer der Deutschen Islam-Konferenz, ausnahmslos, für die Kunst- und Meinungsfreiheit eingetreten sind und die Absetzung der Oper wegen abstruser Sicherheitsbedenken scharf kritisiert haben. Mehr darf niemand Verlangen! Man muss nicht öffentlich Demonstrieren wie schmerz- und leidensfähig man als Muslim ist, um Teil dieser Gesellschaft zu sein. Ganz im Gegenteil, das boykottieren einer Opernaufführung, eines Theaterstückes oder eines Kinofilms ist legitime Kritik an Kunst und Kultur und Ausdruck einer Emanzipation wider den alles relativierenden Zeitgeist.

Es ist schon traurig, wie es uns immer wieder gelingt, aus scheinbar belanglosen Sachverhalten einen Kulturkampf zwischen dem christlichen Abendland und den Muslimen zu beschwören. Das dafür dieses Jahr auch Wolfgang Amadeus Mozart herhalten musste, dessen 250. Geburtstag die Welt ja eigentlich ungestört feiern wollte, hätte wohl noch vor kurzer Zeit niemand für möglich gehalten. Mozart selbst lebte in einer Zeit des Übergangs, in einer Zeit, in der das Feindbild des bösen Türken bzw. bösen Muslims, dem Bild der großen Kulturwelt „Orient“ wich. Viele seiner Stücke zeugen von der Bewunderung und dem lebhaften Interesse für die Kultur des „Ostens“. Ein Interesse und eine Aufgeschlossenheit, die typisch war für seine Zeit und leider nicht mehr typisch ist für unsere Zeit.

Oğuz Üçüncü

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: