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Filmpremiere: „Jung und Moslem in Deutschland“ Teil 2 vorgestellt

November 18, 2006

In 14 neuen Filmbeiträgen zeigen junge Muslime sich und ihr Leben – Von Yasin Alder, Bonn

(iz) Nach dem viel beachteten ersten Teil, der im letzten Jahr erschien, ist nun Teil 2 des Filmprojektes von und über junge Muslime in Deutschland, geleitet vom Medienprojekt Wuppertal, uraufgeführt worden. Am 16.11. war Premiere im Wuppertaler Kulturkino „Rex“. Die Resonanz war wie erwartet groß; schon lange vor dem Einlass sammelten sich die insgesamt mehreren hundert Zuschauer vor dem Eingang. Teil 2 des Projekts umfasst 14 in den vergangenen Monaten entstandene Filmbeiträge zwischen acht und 40 Minuten Länge, welche für die Premiere auf rund zehnminütige Kurzfassungen zusammen geschnitten worden waren.

Moderiert wurde die Vorführung von Projektleiter Andreas von Hören. Seit 1992 realisiert das Medienprojekt Wuppertal von Jugendlichen gedrehte Filme zu verschiedenen Themenberiechen. Die Reihe „Jung und Moslem in Deutschland“ wird vom Bundesjugendministerium finanziell gefördert. Die Filme haben laut Andreas von Hören das Anliegen, Jugendlichen zu ermöglichen, ein unzensiertes Spiegelbild von sich selbst zu zeigen. Gleich zu Beginn stellte Von Hören, um eventuellen falschen Erwartungshaltungen vorzubeugen, völlig zu Recht klar, dass die Filme nicht den Anspruch hätten, den Islam zu erklären, sondern die Sicht der beteiligten jungen Muslime wiederzugeben.

Die neuen Filme wirken im Vergleich zu Teil 1 sowohl thematisch als auch von der Umsetzung her noch besser gelungen. Auch geht es diesmal tatsächlich durchgehend um den Islam und in den meisten Filmen um – in unterschiedlichen Abstufungen – praktizierende junge Muslime, während Teil 1 inhaltlich viel heterogener war und bei mehreren Beiträgen der Bezug zum Thema Islam und junge Muslime teilweise recht vage wirkte. In den meisten Beiträgen stellen junge praktizierende Muslime sich und ihr Leben in Deutschland vor, bei zweien auch ihre Erfahrungen auf Reisen in die Herkunftsländer der Eltern (Syrien und Iran). Insofern wird Teil 2 auch dem Titel der Reihe besser gerecht. Ein Filmbeitrag mit dem Titel „Islamphobie und Currywurst“ geht mittels Interviews und Wohnungsbesichtigungen der Frage nach, was denn aus Sicht der jeweils anderen „Seite“ nun „typisch deutsch“ und „typisch muslimisch“ sei. In einem „Kopftuchexperiment“ im selben Film probieren junge Nichtmusliminnen einen Tag lang aus, wie es ist, als Kopftuchträgerin im Alltag unterwegs zu sein. Glücklicherweise wird aber das mittlerweile mehr als leidige Thema Kopftuch in den Filmen insgesamt nicht überstrapaziert. Muslimische Schülerinnen, muslimische Akademikerinnen, eine muslimische Familie in drei Generationen und eine islamische Mädchengruppe werden vorgestellt, und auch eine ganz typische türkische Hochzeit – letztere mit überraschender Pointe, die wie auch einige andere Szenen beim Premierenpublikum mit großem Johlen und Szenenapplaus aufgenommen wurde. Teilweise kam bei der Premiere der Eindruck von Partystimmung auf – junge Muslime, optisch von Kopftuch beziehungsweise Vollbart bis Disco-Style und Irokesenschnitt in allen Schattierungen vertreten, feierten sich selbst und das Gefühl, endlich einmal realitätsnah dargestellt zu werden und für sich selbst sprechen zu können. Dabei fiel sowohl in der Zusammensetzung des Premierepublikums als auch bei den Filmbeiträgen auf, dass bei den praktizierenden jungen Muslimen ganz klar die Mädchen beziehungsweise jungen Frauen den Ton angeben, da sie einfach engagierter, interessierter und meist auch gebildeter und wortgewandter sind als die jungen Männer. Die Themen der einzelnen Filme mit kurzen Inhaltsangaben sind auf der Webseite des Medienprojekts (siehe unten) zu finden.

Wie schon bei Teil 1 ist der von der Anordnung auf der DVD her letzte Filmbeitrag ein islamkritischer (bei der Premiere erschienen die Filme in anderer Reihenfolge), was erneut den merkwürdigen Eindruck aufkommen lässt, als sollten dadurch die vorhergehenden Filmbeiträge zum Abschluss ein Stück weit in Frage gestellt oder gar relativiert werden. Der besagte Beitrag behandelt eine Gruppe junger Exil-Iraner, die, zumeist aus säkularisierten Elternhäusern stammend, nach Gewalt- und Repressionserfahrungen im Iran sich vom Islam abgewandt und teilweise das Christentum angenommen haben. Der Kontrast dieses ziemlich düsteren Beitrages zu den anderen Filmen mit den sehr positiv, heiter, lebendig und freudig wirkenden jungen Muslimen ist allerdings so groß, dass er eigentlich für sich spricht und keines weiteren Kommentars bedarf. Der aufmerksame Zuschauer kann daraus leicht selbst seine Schlüsse ziehen. Auf die Bemerkung einer iranischen Protagonistin im Film, das Christentum sei ja die „Religion der Liebe und Barmherzigkeit“, der Islam hingegen habe immer mit dem Schwert zu tun, antwortete übrigens ein junger Muslim in der anschließenden Diskussion: „Ich komme aus Bosnien, und wir haben die Liebe und Barmherzigkeit unserer christlichen Mitbürger am eigenen Leib erfahren.“

Bereits vor der im Anschluss an die Vorführung angesetzten Diskussion hatte rund die Hälfte des Publikums, wohl auch angesichts der vorgerückten Stunde, nach der Aufführung den Saal verlassen. Zu einer wirklichen Diskussion im Sinne einer Kontroverse kam es nicht, zumal ohnehin fast nur Muslime anwesend waren; es gab eher Statements zu den Filmen, die fast ausschließlich positiv waren, und ein wenig innerislamischen Austausch.

Die meisten der 14 neuen Filme zeigen genau diejenigen die Lebenswirklichkeit und das Selbstbild von Muslimen wiedergebenden Bilder, die in den deutschen Medien – von vereinzelten Ausnahmen abgesehen – noch immer nicht vorkommen. Sie brechen mit vielen Klischees, etwa dem der unterdrückten muslimischen Frau, indem hier überzeugte, selbstbewusste, gebildete, strahlende und mit Begeisterung den Islam lebende junge Frauen gezeigt werden. Es zeigt aber auch, dass ebenso auch viele nicht Kopftuch tragende, äußerlich eher westlich orientiert wirkende junge Damen durchaus gläubige Musliminnen sind, sehr am Islam fest halten und sich keineswegs von der Religion entfernt haben, wie viele denken mögen. Und der Beitrag über den Iran-Besuch eines Jugendlichen zeigt einmal eine ganz andere, sehr menschliche Seite dieses Landes und des gelebten Glaubens dort. Bei allem Positivem fehlt in den Beiträgen allerdings noch weitgehend der Aspekt, was denn den Islam neben der Erfüllung der Fünf Säulen und anderer Regeln noch ausmacht, und was neben der persönlichen Lebensführung seine gesellschaftliche Relevanz ist. Schade ist auch, dass das Publikum bei der Premiere zu annähernd 90 Prozent aus Muslimen bestand und die wenigen Nichtmuslime eher im Erwachsenenalter waren – vermutlich vor allem Lehrer, Sozialpädagogen und ähnliche Gruppen, die schon von Berufs wegen mit dem Thema zu tun haben. Wo aber waren die nichtmuslimischen Altersgenossen?

Aufgrund des großen Andrangs soll am 29. November eine zweite Aufführung der Filme stattfinden. Die 14 Filme sind auf drei separaten, einzeln erhältlichen DVDs zu sehen, die zum Preis von je 10 Euro für vier Wochen entliehen werden können oder aber für den – leider ziemlich hohen – Kaufpreis von 30 Euro zu erwerben sind. Zusätzlich ist eine Handreichung mit Arbeitshilfen zum Einsatz des Films in Schule und Unterricht erhältlich.

Kontakt: Medienprojekt Wuppertal Jugendvideoproduktion und -vertrieb Hofaue 59, 42103 Wuppertal Fon: 0202-563 26 47 Fax: 0202-446 86 91 info@medienprojekt-wuppertal.de http://www.medienprojekt-wuppertal.de

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