Skip to content

Mit einem Wort: MASSAKER!, Die Schuldfrage von Beit Hanoun

November 15, 2006

Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs

„Gott sei Dank für die amerikanischen Wahlen“, seufzten unsere Minister und Generäle erleichtert auf.

Sie freuten sich nicht über den Fußtritt, den das amerikanische Volk diese Woche George W. Bushs Hintern verabreichte. Schließlich lieben sie Bush.

Aber wichtiger als die Demütigung Bushs ist die Tatsache, daß die Nachrichten aus Amerika die schrecklichen Berichte aus Beit Hanoun beiseite schoben. Statt Schlagzeilen zu machen, wurden sie an den unteren Rand der Seite gedrängt.

Die Dinge beim richtigen Namen zu nennen ist der erste revolutionäre Akt, sagte Rosa Luxemburg. Wie soll man also das benennen, was in Beit Hanoun geschah?

„Unglücksfall“, sagte eine hübsche Sprecherin in einem der Fernseh-Programme. „Tragödie“, sagte ihre reizende Kollegin auf einem anderen Kanal. Eine dritte, nicht minder attraktiv, schwankte zwischen „Ereignis“, „Fehler“ und „Vorfall“.

Es war tatsächlich ein Unglücksfall, eine Tragödie, ein Ereignis und ein Vorfall. Aber vor allem war es ein Massaker. M-a-s-s-a-k-e-r.

Das Wort „Unglücksfall“ läßt an etwas denken, wofür niemandem die Schuld gegeben werden kann – wie zum Beispiel von einem Blitz getroffen zu werden. Eine Tragödie ist ein trauriges Geschehen oder eine Situation wie jene der Einwohner von New Orleans nach der Katastrophe. Das Ereignis in Beit Hanoun war tatsächlich traurig aber kein Naturereignis – es war eine von Menschen beschlossene und ausgeführte Tat.

Unmittelbar nachdem die Fakten bekannt wurden, trat der ganze Chor der professionellen Apologeten, Rechtfertiger, Bedauern-Ausdrücker und Ausreden-Erfinder, ein Chor, der für solche Fälle in ständiger Bereitschaft ist, in fieberhafte Aktion.

„Ein unglücklicher Fehler … Es kann in der besten Familie passieren … Der Mechanismus eines Geschützes kann fehlerhaft funktionieren, Menschen können Fehler machen … Errare humanum est … Wir haben zehntausende Artilleriegranaten abgefeuert und es gab nur drei solche Unfälle. (Nr. 1 in der Olmert-Peretz-Halutz-Ära war in Qana im 2. Libanonkrieg. Nr. 2 war an der Gaza-Küste, wo eine ganze Familie ausgelöscht wurde). Aber wir haben uns schließlich entschuldigt, oder nicht? Was können sie denn noch von uns verlangen?“

Es gab auch Argumente wie „Sie sind selber schuld.“ Wie üblich war es die Schuld der Opfer. Die kreativste Erklärung kam vom stellvertretenden Verteidigungsminister Ephraim Sneh: „Die praktische Verantwortung liegt bei uns, aber die moralische Verantwortung liegt bei ihnen.“ Wenn sie Qassam-Raketen auf uns abfeuern, was können wir anderes tun, als mit Granaten zu antworten?

Ephraim Sneh wurde erst vor kurzem in die Stellung des stellvertretenden Verteidigungsministers befördert. Diese Ernennung war der Dank für das Einverständnis zum Regierungseintritt Avigdor Liebermans (in biblischer Sprache wäre dies als „Hurenlohn“ – fünftes Buch Mose 23,19 – bezeichnet worden). Nun, nach nur wenigen Tagen im Amt, wurde Sneh die Möglichkeit gegeben, seinen Dank auszusprechen.

(In der Sneh-Familie ist es Tradition, verabscheuungswürdige Handlungen zu verteidigen. Ephraims genialer Vater Moshe Sneh war der Vorsitzende der Israelischen Kommunistischen Partei und rechtfertigte alle Massaker, die unter Stalin begangen wurden, nicht nur das Gulagsystem, sondern auch die Ermordung der jüdischen Kommunisten in der Sowjet-Union und ihren Satellitenstaaten und das jüdische „Ärzte-Komplott“.)

Jede Andeutung einer Gleichsetzung von Qassams und Artilleriegranaten, ein Gedanke, der sogar von einigen Peaceniks übernommen wurde, ist vollkommen falsch. Und nicht nur deshalb, weil es keine Symmetrie zwischen Besatzern und Besetzten gibt. Hunderte von in mehr als einem Jahr abgefeuerten Qassams haben einen einzigen Israeli getötet. Die Granaten, Raketen und Bomben haben hunderte von Palästinensern getötet.

Haben die Granaten die Häuser der Menschen absichtlich getroffen? Darauf gibt es nur zwei mögliche Antworten:

Die extreme Version sagt: Ja. Die Folge der Ereignisse weist in diese Richtung. Die israelische Armee, eine der modernsten der Welt, hat keine Antwort auf die Qassams, eine der primitivsten Waffen. Diese ungelenkte Kurzstreckenrakete (die nach Izz-ad-Din al-Qassam, dem ersten palästinensischen Kämpfer, der 1935 in einem Gefecht gegen die britische Mandatsregierung fiel, benannt wurde) ist kaum mehr als ein mit hausgemachten Sprengstoffen gefülltes Rohr.

In einem aussichtslosen Versuch, das Abfeuern von Qassams zu verhindern, fällt das israelische Militär regelmäßig in die Städte und Dörfer des Gaza-Streifens ein und errichtet dort eine Terrorherrschaft. Vor einer Woche fielen sie in Beit Hanoun ein und töteten mehr als 50 Menschen, viele von ihnen Frauen und Kinder. In dem Augenblick, in dem sie Beit Hanoun verließen, feuerten die Palästinenser so viele Qassams wie möglich auf Ashkelon, um zu beweisen, daß diese Einfälle sie nicht abschrecken.

Dies verstärkte die Frustration der Generäle noch weiter. Ashkelon ist keine entlegene und von Armut geplagte kleine Stadt wie Sderot, deren Einwohner überwiegend marokkanischer Herkunft sind. In Ashkelon lebt auch eine elitäre Bevölkerung, europäischer Herkunft. Die Armeechefs, die ihre Ehre im Libanon verloren haben, waren – nach dieser Version – begierig, den Palästinensern ein für alle Mal eine Lektion zu erteilen. Entsprechend dem israelischen Sprichwort: „Wenn Gewalt nichts hilft, gebrauche noch mehr Gewalt.“

Die andere Version behauptet, daß es tatsächlich ein Fehler war, eine verhängnisvolle technische Störung. Aber der Kommandeur einer Armee weiß sehr wohl, daß ein gewisses Vorkommen von „Störungen“ unvermeidbar ist. Soundsoviel Prozent werden in der Ausbildung getötet, soundsoviele sterben durch Beschuß durch eigene Truppen („friendly fire“), soundsoviele Granaten fallen in einiger Entfernung vom geplanten Ziel. Die Munition, die von den Kononieren gegen Beit Hanoun eingesetzt wurde – genau die gleiche, die auch in Qana verwendet wurde – ist für ihre Ungenauigkeit bekannt. Mehrere Faktoren können dazu führen, daß die Granaten hunderte von Metern von ihrem Kurs abweichen.

Derjenige, der entschieden hat, diese Munition gegen ein Ziel in unmittelbarer Nähe von Zivilpersonen einzusetzen, hat sie wissentlich tödlicher Gefahr ausgesetzt. Deshalb gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Versionen.

Wem muß also die Schuld gegeben werden? Zunächst einmal der Haltung, die sich in der Armee breitgemacht hat. Vor noch nicht langer Zeit enthüllte Gideon Levy, daß ein Bataillonskommandeur seine Soldaten für das Töten von 12 Palästinensern mit folgenden Worten gelobt habe: „Wir haben 12:0 gewonnen!“

Schuldig sind natürlich die Kanoniere und ihre Kommandeure, einschließlich des Befehlshabers der Batterie. Und der für das Südliche Kommando verantwortliche General, Yoav Gallant, der Gleichgültigkeit gespickt mit scheinheiligen Plattitüden ausstrahlt. Und der stellvertretende Generalstabschef. Und der Generalstabschef Dan Halutz, der Luftwaffengeneral, der bei einem ähnlichen Vorfall sagte, daß er nachts gut schlafen könne, nachdem er eine Eintonnen-Superbombe auf ein Wohngebiet abgeworfen hat. Und natürlich der Verteidigungsminister Amir Peretz, der den Einsatz der Artillerie genehmigte, nachdem er in der Vergangenheit verboten hatte – was bedeutet, daß ihm die voraussehbaren Konsequenzen bewußt waren.

Der Schuldigste von allen aber ist der Große Entschuldiger: Ehud Olmert, der Premierminister.

Olmert prahlte vor kurzem, es sei dem klugen Verhalten der Regierung zu verdanken, daß „es uns möglich war, hunderte Terroristen zu töten – und die Welt hat nicht reagiert.“ Olmert zufolge ist jeder bewaffnete Palästinenser ein Terrorist, einschließlich der zehntausenden palästinensischen Polizisten, die in Abstimmung mit Israel Waffen tragen. Sie dürfen nun frei abgeschossen werden. „Terroristen“ sind auch die Frauen und Kinder, die auf der Straße und in ihren Wohnungen getötet werden. (Einige sagen dies ganz offen: die Kinder werden groß und werden zu Terroristen; die Frauen gebären Kinder, die zu Terroristen werden.)

Olmert sagt, er könne so weitermachen, da die Welt dazu schweigt. Die USA legten heute ihr Veto gegen eine sehr sanfte Resolution des Sicherheitsrates gegen dieses Geschehen ein. Heißt das, daß die Regierungen in aller Welt – Amerika, Europa, die arabische Welt – an dem Verbrechen in Beit Hanoun mitschuldig sind? Das kann am besten von den Bürgern dieser Länder selbst beantwortet werden.

Die Welt hat dem Massaker keine große Aufmerksamkeit geschenkt, weil es am US-Wahltag passierte. Die Wahlergebnisse mögen unsere Führer trauriger stimmen als das Blut und die Tränen der Mütter und Kinder im Gaza-Streifen, aber sie waren froh darüber, daß die Aufmerksamkeit durch die Wahl abgelenkt wurde.

Ein Zyniker kann sagen: Demokratie ist wunderbar, der Wähler kann den Idioten, den er das letzte Mal gewählt hat, durch einen anderen Idioten ersetzen.

Wir wollen jedoch nicht zu zynisch sein. Tatsache ist, daß das amerikanische Volk nach einer Verzögerung von drei Jahren und zehntausenden von Toten akzeptiert hat, was die Befürworter von Frieden weltweit – einschließlich uns hier in Israel – schon am ersten Tag gesagt haben: der Krieg wird eine Katastrophe verursachen. Er wird kein Problem lösen, sondern die gegenteilige Wirkung haben.

Die Veränderung wird schnell und dramatisch sein. Die USA sind ein riesiges Schiff. Wenn es sich dreht, muß es einen großen Kreis schlagen und benötigt dafür eine Menge Zeit – anders als Israel, ein kleines Schnellboot, das fast auf dem Fleck wenden kann. Aber die Richtung ist klar.

In den beiden neuen Kongreßhäusern hat die Pro-Israel-Lobby (was bedeutet: die Unterstützer der israelischen Rechten) natürlich einen großen Einfluß, vielleicht sogar mehr als in den beiden letzten. Aber die amerikanische Armee wird damit beginnen müssen, den Irak zu verlassen. Die Gefahr eines neuen militärischen Abenteuers im Iran und/oder in Syrien ist ziemlich geschwunden. Die verrückten Neo-Cons, die meisten von ihnen Juden, die die extreme Rechte in Israel unterstützen, verlieren langsam an Macht, genau wie ihre Alliierten, die verrückten christlichen Fundamentalisten.

Wie der frühere Premierminister Levy Eshkol einmal sagte: „Wenn Amerika niest, erkältet sich Israel.“ Wenn Amerika sich erholt, besteht vielleicht auch für uns Hoffnung.
www.freace.de

No comments yet

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: