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Wer hat Angst vor der iranischen Bombe?, Ein ängstlicher Blick in Israels Zukunft

November 2, 2006

Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs

Auf der Höhe der epischen Schlacht um England im Jahr 1940, als britische Piloten in erschreckender Anzahl getötet wurden („niemals verdankten so viele so wenigen so viel“) hatte ein Propagandabeauftragter eine glänzende Idee, um die Moral zu heben. An den Mauern der königlichen Luftwaffenbasen erschien ein Poster mit folgenden Worten: „Wer hat Angst vor der Ju-87?“ (Damals eines der wirksamsten deutschen Kampfflugzeuge).

Ein anonymer Pilot schrieb darunter: „Unterzeichnet hier!“ Innerhalb weniger Stunden hatten alle Piloten der Basis unterschrieben.

Wenn heute jemand ein Poster mit dem Spruch „Wer hat Angst vor der iranischen Atombombe?“ aufhängen würde, dann vermute ich, daß alle Bewohner Israels und viele andere dies unterschreiben würden.

Es scheint so, als ob wir Israelis immer etwas brauchen, vor dem wir Angst haben können. Wenn wir am Morgen unsere Augen öffnen, müssen wir die Gefahr-des-Tages sehen. Wofür sollten wir sonst überhaupt aufstehen? Vielleicht ist es nicht die Öffentlichkeit, der man die Schuld geben sollte, sondern den Politikern, die die Angst als Mittel der Kontrolle benutzen.

Vor nicht allzulanger Zeit war es die Hizb Allah. Muslimische Fanatiker, verrückte Schiiten, die Israel auslöschen wollen. Ein riesiges Arsenal an Raketen. Gott schütze uns!Inzwischen gab es einen Krieg; die Raketen wurden abgefeuert; der Schaden an Leben und Eigentum hielt sich vergleichsweise in Grenzen (für jene, die nicht getroffen wurden, natürlich). Die schreckliche Gefahr der Hizb Allah wurde verdrängt. Die Hizb Allah blieb zwar dort, wo sie war, die Raketenlager werden wieder aufgefüllt, und Nasr Allah macht die Leute weiter wütend, aber dafür interessiert sich im Grunde keiner mehr. Eine abgenützte Gefahr regt keinen mehr auf.

Nun geben sich die Armeechefs, die im Libanonkrieg komplett versagt hatten, große Mühe, eine neue Angst zu schüren: die Hamas im Gaza-Streifen. Jetzt haben wir dort eine unmittelbare und schreckliche Gefahr. Tonnen und Abertonnen von „regulärem Sprengstoff“ werden durch die unterirdischen Tunnel gebracht. Jeden Augenblick wird Hamas sowohl mit modernen Panzerabwehrwaffen als auch Flugabwehrraketen ausgerüstet sein. Hamas baut unterirdische Festungsanlagen auf. Ist das nicht beängstigend?

Die militärischen und politischen Papageien in den Medien sind vollständig mobilisiert. Das ganze Medien-Papageienkäfig wiederholt morgens, mittags und abends dieselbe grauenhafte Botschaft: Gaza wird ein zweiter Süd-Libanon! Es muß etwas getan werden! Wir können nicht warten! Die Armee muß hineingehen, den Gaza-Streifen besetzen oder mindestens Teile davon!

Aber die Öffentlichkeit glaubt dies nicht wirklich. Es ist schwierig, Angst zu schüren, wenn der Feind nicht in der Lage ist, zurückzuschießen. Unsere Kampfflugzeuge und Panzer und unsere tapferen Jungs töten dort ungehindert. Was soll man also fürchten?

Aber die iranische Geschichte ist etwas ganz anderes. Da gibt es allen Grund für Angst.

Hier haben wir es mit einem Feind zu tun, der erklärt, er sei gegen die bloße Existenz unseres Staates, und der uns ziemlich bald mit Massenvernichtungswaffen gegenüberstehen könnte.

Der gewählte Präsident des Iran, Mahmoud Ahmadi-Nejad, hat wirklich Spaß daran, provokative Erklärungen loszulassen. Das ist sein persönliches Hobby, aber auch eine erfolgreiche innenpolitische Masche. Er hat gesagt, der Holocaust habe gar nicht stattgefunden, und wenn er stattgefunden habe, sei er kleiner gewesen als verkündet wird und die ganze Sache müsse untersucht werden. Er prophezeit auch die Zerstörung des „zionistischen Regimes“. Um die Wahrheit zu sagen: er sagte nicht genau, er wolle „Israel von der Landkarte löschen“, wie berichtet worden war. Nach der genauesten von mir gesehenen Übersetzung dessen, was er wirklich gesagt hatte, hieß es „Israel wird von der Landkarte der Zukunft ausgelöscht werden“. Aber das ist beängstigend genug. Es ist beängstigend, weil der Iran in ein paar Jahren sehr wohl eine Atombombe haben könnte. Es scheint, daß dies nicht verhindert werden kann. Vor 25 Jahren bombardierte Israel einen irakischen Atomreaktor. Der Iran hat daraus seine Lektion gelernt und seine nuklearen Einrichtungen auf viele verschiedene Orte verteilt. Israels Fähigkeiten reichen für deren Zerstörung nicht aus. Die Ernennung von Avigdor Liberman, einem Befürworter faschistischer Ideen zum „Minister für strategische Bedrohungen“ ändert daran gar nichts.Falls Israel, das nur die viert- oder fünftgrößte Militärmacht der Welt ist, dies nicht tun kann, wie ist es mit den USA, der Nummer eins in fast allem? Nun auch sie sind nicht dazu in der Lage. Einrichtungen, die tief unter der Erdoberfläche liegen, könnten nicht zerstört werden und der nachfolgende Krieg kann nicht ohne Bodentruppen gewonnen werden. Und nach den Fiaskos im Irak und in Afghanistan gibt es nicht viele vernünftige amerikanische Generäle, die sich nach solch einem Krieg sehnen.

So ist es also möglich, daß der iranische Präsident in ein paar Jahren nicht nur Drohungen auf den Lippen, sondern auch Atomwaffen in seinen Händen halten wird. Und wenn das nicht beängstigend ist, dann weiß ich nicht, was beängstigend ist.

Wenn es so ist, warum bin ich nicht verängstigt?

Ich lebe in Israel,und ich beabsichtige, weiter hier zu leben. Israel ist ein kleines Land, und ein großer Teil der Bevölkerung lebt im Großraum von Tel Aviv. Ich lebe mitten im Zentrum der Stadt, das die Amerikaner als „Ground Zero“ bezeichnen würden.. Wenn eine kleine und primitive Atombombe des Hiroshima-Typs auf das Gebäude fällt, in dem ich lebe, wird ein großer Teil der israelischen Bevölkerung vernichtet sein. Zwei oder drei solcher Bomben wären genug, um Israel (zusammen mit den benachbarten palästinensischen Gebieten) ein Ende zu setzen.Aber ich glaube nicht, daß dies geschehen wird.

Um an solch eine Möglichkeit zu glauben, muß man auch glauben, die Führer des Iran seien eine Bande von Wahnsinnigen. Trotz der Bemühungen von Ahmadi-Nejad, uns davon zu überzeugen, er sei wahnsinnig, bin ich nicht sicher.

Ich glaube, daß die iranische Führung und besonders die religiös-politische Führung aus sehr vernünftigen Leuten bestehen. Seitdem sie an der Macht sind, haben sie mit Vorsicht und Kompetenz gehandelt. Sie haben keinerlei Krieg begonnen. Im Gegenteil, sie rühmen sich, in den vergangenen 2.000 Jahren habe der Iran nicht einen einzigen Krieg begonnen. Und im iranischen Staat ist der Präsident nur ein Politiker, der den geistlichen Ayat Allahs vollkommen unterworfen ist, die die tatsächliche Kontrolle haben. (Seltsam genug: das selbe System herrscht auch in unseren eigenen fundamentalistischen Parteien, Agudat Israel und Shas.)

Ich ignoriere nicht, was Ahmadi-Nejad gesagt hat. Wer würde es nach Adolf Hitler und „Mein Kampf“ wagen, solche Absichtserklärungen zu ignorieren? Aber der iranische Präsident hat nicht die Macht des deutschen Führers, die beiden Länder und auch die historischen Umstände sind vollkommen verschieden.

Die Vernichtung Tel Avivs würde unvermeidlich die Vernichtung Teherans und all der kostbaren Schätze der alten und ruhmreichen persischen Kultur zur Folge haben. In der Sprache des Schachspiels wäre es kein Tausch der Königinnen, sondern ein Tausch der Könige. Es ist viel vernünftiger, anzunehmen, daß zwischen dem Iran und Israel ein „Gleichgewicht des Schreckens“ aufgebaut wird wie dasjenige, daß einen 3. Weltkrieg zwischen den USA und der Sowjet-Union verhindert hat und nun ein Wiederaufflammen des indisch-pakistanischen Krieges verhindert.

Trotz alledem sollten wir nicht untätig auf eine Situation warten, in der Israel, der Iran und vielleicht die arabischen Staaten wie Ägypten und Saudi-Arabien Atombomben besitzen werden. Der atomare Geist ist aus der Flasche und verbreitet sich in der Welt.

Wenn es keine militärische Option gibt, was kann dann getan werden?

Um der Gefahr vorzubeugen, sollten die Hauptbemühungen darin liegen, mit dem palästinensischen Volk und der ganzen arabischen Welt Frieden zu machen. Leute wie Ehud Olmert können sich vormachen, das palästinensische Problem könnte von globalen und regionalen Prozessen isoliert werden. Aber das Problem wird von vielen Faktoren beeinflußt, die sich ständig verändern.

Die relative Stärke der USA, unserem einzigen Verbündeten auf der Welt (außer Mikronesien, den Fiji- und Marschall-Inseln) nimmt langsam aber stetig ab. Der Iran wird eine regionale Macht. Die nuklearen Aspekte geben dem historischen Konflikt eine neue Dimension. Es ist wie der griechische Philosoph sagte „panta rhei“ – „alles im Fluß!“

Generäle können über große Siege über die Hamas in Gaza halluzinieren, Olmert kann sich wie Hamlet fragen, ob er (mit Mahmoud Abbas) „reden oder nicht reden“ solle, aber in der Zwischenzeit geschehen Dinge, die das Erringen einer historischen Versöhnung zwischen beiden Völkern vorantreiben.

Wenn die gewählte Führung des palästinensischen Volkes mit uns ein Abkommen unterzeichnet, das das Ende des Konfliktes verkündet und wenn die ganze arabische Welt nach den Grundlinien der „Saudi-Initiative“ mit uns Frieden machen will, dann würde der Teppich unter den Füßen aller Ahmadi-Nejads weggezogen werden. Wenn selbst die Palästinenser die Idee der Koexistenz Israels und der Palästinenser akzeptieren würden, und wenn Ägypten, Jordanien und der größte Teil der arabischen Welt dies billigen würden – in wessen Namen sollten die Iraner dann Palästina befreien?

Im Rahmen des Prozesses eines israelisch-palästinensischen Friedens, wird es dann auch notwendig sein, die Idee einer atomwaffenfreien Zone zu prüfen. Ist eine effektive gegenseitige Kontrolle möglich? Kann es eiserne Garantien geben? Im Augenblick ist dies schwierig einzuschätzen. Aber es wäre die Sache wert, dies herauszufinden.

Auf jeden Fall gibt es keinen Grund für apokalyptische Alpträume. Selbst eine Atombombe in den Händen Teherans ist nicht das Ende der Welt und auch nicht das Ende Israels. Eine neue Situation wird sich ergeben, und wir müssen mit ihr leben.

Die Väter des Zionismus riefen die Juden auf, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und auf die Bühne der Geschichte zurückzukehren, und jene, die folgten nahmen auch die damit verbunden Gefahren auf sich. Die Welt ist ein gefährlicher Ort, es gibt keine Existenz ohne Gefahren. Ich hoffe nur, daß wir den gesunden Menschenverstand haben, nicht die ohnehin vorhandenen Gefahren zu vermehren.Wie die tapferen britischen Flieger haben wir das Recht, Angst zu haben. Aber wir müssen uns auf die neue Situation mit klarem Verstand und nüchterner Entschlossenheit einstellen.

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