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Tariq Ramadan und Muslime in Europa (I)

Oktober 31, 2006

15 Millionen Muslime leben nun in Europa, nachdem sie vor fünfzig Jahren begonnen haben aus hauptsächlich wirtschaftlichen Gründen, aber auch aufgrund der ungünstigen politischen Situation aus ihrer Heimat auszuwandern und in verschiedene europäische Länder zu emigrieren. Dort wurden sie wohlwollend aufgenommen, da man dringend Arbeitskräfte benötigte.

Soweit ist die Geschichte bekannt. Was geschieht aber, wenn Muslime verschiedenster Herkunft anfangen, Europa als ihre Heimat zu betrachten und dort leben wollen, ohne sich ihrer Identität zu entledigen? Wie soll man auf das Verlangen, als anerkannte gleichberechtigte muslimische Staatsbürger in einem säkularen Staat leben zu wollen, reagieren? Kann es europäische Bürger muslimischen Glaubens geben? Kann es einen europäischen Islam geben? Welcher Weg muss eingeschlagen werden, um Muslimen die Möglichkeit zu geben sich in der europäischen Gesellschaft zu entfalten und bereichernde Beiträge zu leisten?

Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, der zur Zeit Gastprofessor an dem St. Antony’s College in Oxford ist, versucht in seinen beiden Werken „Muslimsein in Europa“ und „Der Islam und der Westen“, die hier vorgestellt werden sollen, diese Fragen zu beantworten. Dabei behandelt er im ersten Werk theoretische Grundlagen muslimischer Präsenz in Europa, während im zweiten Werk konkrete Arbeitsfelder erörtert und Problemfelder behandelt werden.

Tariq Ramadan meint im Konflikt der Identitätsfindung bei Muslimen, nämlich sich entweder als Muslim im Gegensatz zur Umwelt zu definieren oder ganz in der Umwelt aufzugehen, das zu behandelnde Problem zu sehen, wobei dies vor Allem auf Vorurteilen beruht, die Muslimen das Gefühl geben „fremd“ und „anders“ zu sein.

Die allgemeine Zielsetzung ist es „gründliche Reflexionen über unsere klassischen islamischen Quellen“ zu betreiben „und die Notwendigkeit eingehender Untersuchungen über den Europäischen Kontext“ zu erkennen , um einen prinzipientreuen, also die Identität bewahrenden Weg zu finden.

Der Entwicklung von Methoden der Rechtsfindung und der Ableitung von Prinzipien aus den Quellen des Islam, muss eine Vergegenwärtigung der Grundlagen und Eigenschaften des Islam vorangehen, was Ramadan im ersten Kapitel („An den Quellen des Islam – Glaube, Wissenschaft und Recht“) von „Muslimsein in Europa“ unter Berücksichtigung der islamischen Wissenschaften und der damit verbundenen Denkschulen vornimmt. Er zeigt, dass die Entwikklung der Wissenschaften immer unter der Zielsetzung „einen lebendigen Glauben bewahren und den koranischen und prophetischen Lehren“ sowie einer „neuen historischen, sozialen und politischen Situation“ treu zu bleiben, entwickelt wurde.

Im Folgenden geht Ramadan auf allgemeine Regeln der „Usul al-Fiqh“ ein, wobei er sich besonders auf das Primat der Gewährung, des Gemeinwohl (Al-maslaha) und den Idschtihâd konzentriert, da er in diesen – und vor Allem im Idschtihâd – die Werkzeuge einer zeitgenössischen Auslegung des Islam sieht:

„Der Idschtihâd bleibt das wichtigste Instrument in den Händen der Ulamâ, um die universelle Bestimmung des Islam kraft einer steten Dynamik der Anpassung im Lichte der Epoche und des Kontext zu verwirklichen.“

Ramadan zitiert Yusuf al-Qardâwi, mit dem er übereinstimmt, dass die Meinungen früherer Gelehrter nur unter den gegebenen Umständen gültig waren und diese einer genauen Betrachtung unterzogen werden müssen, um eine Auswahl zu treffen: „ Selektion und Auswahl sind nicht nur notwendig, sondern eine islamische Pflicht.“

Im zweiten Kapitel („Raum und Zugehörigkeit – Umma und Nationalität“) geht Ramadan schließlich auf die Frage des Raumes und der Identität ein.  

Wo sind wir?

Sein vielleicht wichtigster Beitrag in der Debatte um Muslime in Europa betrifft den Status Europas und des Westens im Denken der Muslime. Er lehnt „Alte Begriffe“ wie „dâr al-Islam“ (Haus des Islam) und „dâr al-harb“ (Haus des Krieges) vehement ab, und auch „dâr al-ahd“ (Haus des Vertrages), mit Waffenstillstandsabkommen, können den Westen als Lebensraum von Muslimen nicht definieren, weil das bedeutet, dass sich Muslime in Europa nicht als Bürger zu Hause fühlen können. Stattdessen plädiert er dafür, den Westen, in dem Muslime ihren Glauben frei ausüben können als „dâr asch-schahâda“ (Haus des Bezeugens) aufzufassen: „Vor der ganzen Menschheit von der islamischen Botschaft Zeugnis abzulegen, und zwar in jeder Gesellschaft, ist die Grundlage unserer Beziehungen zu den anderen.“

Ramadan bemerkt auch, dass es besser wäre den Begriff des „dâr“ nicht mit Haus, sondern Raum zu übersetzten, da dieser die Beziehung von verschiedenen Zivilisationen, Religionen und Kulturen angehörenden Menschen in einer „offenen Welt“ besser ausdrückt.

Wer sind wir?

Die Identität eines Muslims gründet auf „der Annerkennung der Gegenwart eines Schöpfers“ und umfasst drei Felder: die Familie, die Gesellschaft und die Umma. Ramadan fasst zusammen, dass der „Begriff der Zugehörigkeit [zur Umma] … zum Wesen der Lehre des Islam“ gehört, dass die Muslime „dem objektiven Prinzip der Gerechtigkeit“ folgen müssen und dass ein geschlossener Vertrag eingehalten werden muss, denn auf einem solchen Vertrag basiert die muslimische Präsenz in Europa.

Die Möglichkeit des Engagements eines Muslims in einer nichtmuslimischen Umwelt stellt Ramadan am Beispiel des Propheten Josef dar, einem Fremden in einer polytheistischen Gesellschaft, der unter der Autorität eines Königs arbeitete, um der Gesellschaft nützlich zu sein und seine Botschaft zu verkünden. Zusammenfassend kann also festgehalten werden, „dass die islamischen Quellen Muslimen gestatten, in einer nicht-islamischen Umgebung zu leben – nach Maßgabe der Absicht der Gläubigen und auf der Grundlage dreier Prinzipien: über die Freiheit der Religionsausübung zu verfügen, die Botschaft bezeugen zu können und für die Muslime und die Gesellschaft insgesamt nützlich zu sein.“

Die muslimische Identität soll aber keine Reaktion (Anpassung oder Ablehnung) auf den Westen sein, sondern auf einer bekräftigenden „Reflexion und Bestimmung von innen“ fußen.

Von den Modellen der Assimilation, der Isolation und der Integration, scheint das Letztere der geeignete Ansatz zu sein, um die bestehenden Probleme zu lösen. Ramadan widerspricht hier allerdings, weil es aufgrund verschiedener Definitionen zu unterschiedlichen Praktiken kommt und diese Begriffe „ein sehr eingeschränktes Bild der Realität der europäischen Gesellschaften zeichnen.“

Der anspruchsvollere Weg ist Muslime nicht als zu integrierende „Objekte“, sondern als eigenständige „Subjekte“ zu sehen, damit sie „das Bewusstsein entwickeln, Subjekt ihrer eigenen Geschichte zu sein, die vor Gott rechenschaftspflichtig und gegenüber der Menschheit verantwortlich sind.“

Im dritten Kapitel („Identität und (Staats-)Bürgerschaft – Auf dem Weg zur Verwurzelung“) erläutert Ramadan die Grundlagen der muslimischen Identität, um schließlich auf die Frage der europäisch–islamischen Kultur einzugehen.

Die muslimische Identität umfasst vier Dimensionen in folgender Reihenfolge: die Spiritualität, das Verstehen von Text und Kontext, die Bildung und Vermittlung sowie die Aktion und Partizipation. Nur wer sich dieser vier Dimensionen seiner Identität bewusst ist, kann als Muslim und Bürger in einer Gesellschaft selbstbewusst agieren.

Am Beispiel der Kunst (Musik, Gesang, Zeichnung und Photographie) zeigt Ramadan, wie ein positiver Beitrag insbesondere muslimischer Jugendlicher zur Kultur aussehen könnte, ohne den islamischen Prinzipien untreu zu werden und meint hier die ersten Anzeichen einer „kulturellen Verwurzelung“ erkennen zu können.

Um das Zusammenleben in Europa zu festigen und von der Bewahrung zur Partizipation zu gelangen, verlangt Ramadan von muslimischen Organisationen den innergemeinschaftlichen Dialog zu stärken, gemäß den Erfordernissen zusammenarbeiten und ihre finanzielle und politische Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten. Die Frage, wer wen repräsentiert, muss im Rahmen des Begriffs der „Schûra“ neu betrachtet werden, wobei das Augenmerk auf die Basis gerichtet werden muss. Ramadan plädiert auch für „die Entwicklung eines Programms der Staatsbürgerkunde“ , um die Muslime vor der verbreiteten Politikverdrossenheit zu bewahren. So können sie schließlich als verantwortliche Bürger bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme ihren Beitrag leisten.

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