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Realitätsverlust, Richard „Dick“ Cheney über den Irak

Oktober 19, 2006

„Editor and Publisher“ veröffentlichte am Dienstag einen bemerkenswerten Teil eines Interviews mit dem stellvertretenden US-Präsidenten Richard „Dick“ Cheney, in dem er die derzeitige Situation im Irak offenbar vollständig ignorierte.

„Nun, ich glaube, es gibt dort draußen einen natürlichen Grad der Besorgnis, weil es tatsächlich, naja, nicht sofort vorüber war. Es sind jetzt etwas mehr als drei Jahre, seit wir in den Irak gingen, also glaube ich nicht, daß es erstaunlich ist, daß die Menschen besorgt sind“, so Cheney.

Schon dieser Satz wirft zweifellos die Frage nach Cheneys Zeitempfinden beziehungsweise seiner Kenntnis des Kalenders auf. In Wahrheit „gingen“ die USA – es kann kaum verwundern, daß er hier nicht von einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg und anschließender Besatzung sprach – vor mehr als dreieinhalb Jahren in den Irak. Angesichts der anhaltenden Verluste des US-Militärs und immer größeren Opferzahlen unter der irakischen Bevölkerung – einer neuen Studie zufolge bisher über 650.000 Menschen – von „Besorgnis“ zu sprechen, ist hier sicherlich bemerkenswert.

„Auf der anderen Seite ist diese Regierung erst seit etwa fünf Monaten, fünf oder sechs Monaten jetzt, im Amt. Sie haben einen guten Start hingelegt. Es ist schwierig, das ist keine Frage, aber wir haben jetzt 300.000 Iraker als Teil ihrer Sicherheitskräfte ausgebildet und ausgerüstet. Sie hatten drei nationale Wahlen mit einer höheren Wahlbeteiligung als wir hier in den Vereinigten Staaten haben. Wenn man sich die allgemeine Situation anschaut, dann machen sie sich bemerkenswert gut“, so Cheney weiter.

Auch diese Behauptung, es seien bereits 300.000 Iraker für die „Sicherheitskräfte“ ausgebildet und ausgerüstet worden, hält einer näheren Betrachtung nicht stand. Immer wieder gibt es Berichte, die belegen, daß die „irakischen“ Sicherheitskräfte keineswegs selbst in der Lage sind, für die Sicherheit der Menschen zu sorgen. Die einzigen Fälle, in denen „irakischen“ Einheiten in Berichten ein professionelles Vorgehen zugebilligt wird, sind Berichte von aus ihnen gebildeten Todesschwadronen. Hier stellt sich zweifellos die Frage, ob Cheney hier völliges Unwissen ob der derzeitigen Situation im Irak mit täglich hunderten von Toten offenbarte oder ob es gerade die „Arbeit“ dieser Todesschwadrone war, die er für „bemerkenswert gut“ hielt.

„Es ist noch immer sehr, sehr schwierig. Niemand sollte das Ausmaß, mit dem wir an dieser Art, derzeit, ‚Hauptfront‘ des Krieges gegen den Terror beteiligt sind, unterschätzen. Das ist, was Osama bin Laden sagt und er hat recht“, sagte Cheney.

Einmal mehr brachte er hier den Angriffskrieg gegen den Irak mit dem von US-Präsident George W. Bush ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“ in Verbindung, obgleich längst bekannt ist, daß eine solche Verbindung der irakischen Regierung unter Saddam Hussein zu „Al-Qaida“ oder anderen „Terroristen“ nie bestand.

Wenn ein hochrangiger US-Politiker ausgerechnet in diesem Monat von Fortschritten im Irak spricht, so klingt dies angesichts der Verluste des US-Militärs fast zynisch. In diesem Monat wurden offiziellen US-Angaben zufolge bereits 70 US-Soldaten im Irak getötet. Im ganzen Vormonat waren es 71. Die whre Zahl dürfte allerdings noch bedeutend höher liegen.

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