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Mittagessen in Damaskus, Die ungeliebten Friedensbestrebungen Syriens

Oktober 11, 2006

Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs und Christoph Glanz

Während einer Taxifahrt hatte ich einmal ein Streitgespräch mit dem Fahrer – ein Beruf, der in Israel für seine extrem rechten Ansichten bekannt sind. Ich versuchte vergeblich, ihn davon zu überzeugen, daß Frieden mit den Arabern nur wünschenswert sei. In unserem Land, das während der letzten 100 Jahre keinen einzigen Tag Frieden erlebt hat, wirkt Frieden manchmal wie Science-Fiction.

Plötzlich hatte ich eine Eingebung. „Wenn wir Frieden haben“, sagte ich, „könnten Sie am Morgen Ihr Taxi nehmen und nach Damaskus fahren, dort Mittagessen mit echtem Hummus haben und abends wieder zu Hause sein.“

Er ergriff den Gedanken: „Toll! Wenn das geschieht, dann nehme ich Sie umsonst mit!“

„Und ich werde Sie zum Mittagessen einladen!“, antwortete ich.

Er träumte weiter. „Wenn ich mit meinem Wagen nach Damaskus fahren könnte, dann könnte ich von dort bis nach Paris weiterfahren!“

Bashar al-Assad hat es wieder getan. Es ist ihm gelungen, die israelische Regierung zu verwirren.

Solange er die fast rituelle Drohung ausspricht, den Golan mit Gewalt zu befreien, regt sich niemand auf. Es bestätigt nur, was eigentlich jeder hören will: es gibt mit Syrien keine Möglichkeit des Friedens, daß wir früher oder später mit ihnen Krieg haben werden.

Warum ist das gut? Ganz einfach: Frieden mit Syrien würde bedeuten, die Golanhöhen zurückzugeben (nach jeder Definition syrisches Gebiet). Kein Frieden – keine Notwendigkeit, sie zurückzugeben.

Aber wenn Bashar damit beginnt, über Frieden zu reden, dann sind wir in Schwierigkeiten. Das ist eine unheilvolle Verschwörung. Das könnte – Gott bewahre! – eine Situation schaffen, die uns zwingt, das Gebiet zurückzugeben.

Deshalb sollten wir nicht einmal darüber reden. Diese Nachricht muß in den Zeitungen in einer entlegenen Ecke versteckt werden und am Ende der Nachrichten im Fernsehen, als nur „eine weitere Rede Assads“ auftauchen. Die Regierung weist sie „an der Schwelle“ zurück; man könne darüber nicht einmal diskutieren, bis…

Bis was? Bis Assad aufhört, die Hizb Allah zu unterstützen. Bis Syrien die Vertreter von Hamas und der anderen palästinensischen Organisationen hinauswirft. Bis ein Regimewechsel in Syrien stattfindet. Bis dort eine Demokratie im westlichen Stil errichtet wird. Kurz, bis er sich als Mitglied der zionistischen Organisation registriert.

Die Beziehungen zwischen Israel und Syrien haben eine dokumentierte Geschichte von mindestens 2859 Jahren. Im Jahr 853 v. Chr. wird Israel anscheinend zum ersten Mal in einem authentischen Dokument außerhalb der Bibel erwähnt. Zwölf Herrscher der Region, von den Königen von Damaskus und Israel angeführt, vereinten sich gegen die wachsende Bedrohung durch die Assyrer. Die entscheidende Schlacht fand bei Karkar (im Norden des heutigen Syriens) statt. Nach einem assyrischen Dokument kämpften 20.000 Soldaten und 1.200 Streitwagen aus Damaskus Seite an Seite mit 10.000 Soldaten und 2.000 Streitwagen von König Ahab von Israel. Es ist nicht ganz klar, welche Seite gewann.

Aber das war eine vorübergehende Allianz. Meistens kämpften Israel und Aram-Damaskus um die regionale Vorherrschaft gegen einander. Ahab starb nur zwei Jahre nach der Schlacht gegen die Assyrer in einem Krieg gegen Aram den Heldentod.

In unserer Zeit opponierten die Syrer – obwohl zunächst noch unter französischer Kolonialherrschaft – von Anfang an energisch gegen das zionistische Unternehmen. Aber sie waren auch gegen die palästinensische Nationalbewegung. Das hat einen historischen Grund: in der arabischen Sprache gehört zu Al-Sham („der Norden“), wie Syrien genannt wird, das ganze Gebiet zwischen Ägypten und der Türkei. Deshalb ist im arabischen Bewußtsein nicht nur der Libanon, sondern auch Jordanien, Palästina und Israel ein Teil Syriens.

Als Yasser Arafat Ende der 50er Jahre die unabhängige palästinensische Nationalbewegung gründete, verlangten die Syrer, als Beschützer des palästinensischen Volkes anerkannt zu werden. Als er dies ablehnte, warfen die Syrer die ganze palästinensische Führung ins Gefängnis. (Nur die Frau von Abu Jihad, Intissar al-Wazir blieb frei und übernahm das Kommando der Fatahkämpfer – und wurde so die erste Frau der Moderne, die eine arabische Kampftruppe befehligte).

Natürlich fanden alle Feinde Arafats Zuflucht in Damaskus, und das ist der ursprüngliche Grund für die Anwesenheit einiger Führer von Hamas und anderer Organisationen dort. Sie waren eher eine Bedrohung für die PLO als für Israel.

Im Krieg von 1948 war die syrische Armee die einzige arabische Armee, die nicht besiegt worden war. Sie besetzte weiter ein Stück israelisches Gebiet. Entlang dieser Grenze fanden viele Zwischenfälle statt (meistens von einem Offizier mit Namen Ariel Sharon initiiert). Am Ende besetzte die israelische Armee die Golanhöhen im Sechs-Tage-Krieg, für dessen Ausbruch die Syrer einige Verantwortung trugen.

Seitdem haben sich alle Beziehungen zwischen Israel und Syrien auf dieses besetzte Gebiet konzentriert. Seine Rückgabe ist ein oberstes syrisches Ziel. Israel hat dort israelisches Recht eingeführt (das, im Gegensatz zur verbreiteten Ansicht weniger als Annektion bedeutet). Hafez al-Assad eroberte den Golan im Krieg von 1973 zurück, wurde aber schließlich bis in die Nähe von Damaskus zurückgetrieben. Seitdem haben die Syrer meist über die Hizb Allah versucht, Israel zu belästigen.

Es gab einmal die Idee einer „östlichen Front“ – eines koordinierten Angriffs von Jordanien, Syrien und dem Irak – die in Israel Alpträume verursachte. Die Prophezeiung des Jeremia (1,14): „Von Norden wird das Unheil losbrechen über alle, die im Lande wohnen“ hallte durch die Planungszimmer des Oberen Armeekommandos. Seitdem haben wir Frieden mit Jordanien gemacht, der Irak wurde von den Amerikanern mit der begeisterten Unterstützung Israels und seiner amerikanischen Lobby in tausend Stücke geschlagen. Aber die Syrer werden noch immer als Bedrohung empfunden, weil sie mit dem Iran verbündet und mit der Hizb Allah verknüpft sind.

Lohnt es sich für uns, in solch einer Situation zu leben, nur um die Golanhöhen zu halten? Der normale Menschenverstand sagt nein. Wenn wir mit Syrien ein Friedensabkommen erreichen, wird automatisch auch ein Abkommen mit der Hizb Allah folgen. Ohne syrische Zustimmung kann die Hizb Allah keine wirksame Militärmacht beibehalten, da praktisch alle Waffen der Hizb Allah aus Syrien kommen müssen oder durch Syrien transportiert werden. Ohne syrische Unterstützung wird die Hizb Allah eine rein libanesische Partei werden und aufhören, für uns eine Bedrohung darzustellen.

Zudem ist Syrien ein durch und durch säkulares Land. Als die Muslimische Bruderschaft gegen Assad sen. rebellierte, ertränkte er sie in Blut. Außerdem sind die Syrer größtenteils Sunniten. Wenn Syrien mit Israel Frieden schließt, wird es keinen Grund haben, weiter mit den fanatischen Schiiten des Iran verbündet zu bleiben.

Warum machen wir dann keinen Frieden mit Syrien?

Derzeit gibt es zwei Gründe: einen innen- und einen außenpolitischen.

Der innenpolitische Grund ist die Anwesenheit von 20.000 Siedlern auf den Golanhöhen, die viel populärer sind als die Siedler in der West Bank. Es sind keine religiösen Fanatiker und ihre Siedlungen wurden unter der Schirmherrschaft der Arbeitspartei errichtet. Keine israelische Regierung hatte den Mut, sie in Frage zu stellen.

Dies ist der wahre Grund für das Scheitern aller Versuche, mit Syrien zu verhandeln. Yitzhak Rabin dachte darüber nach und machte einen Rückzieher. Er vertrat den Standpunkt, man solle zunächst das palästinensische Problem lösen. Ehud Barak wäre es fast gelungen, ein Abkommen mit Syrien zu schließen; auch er zog sich im letzten Augenblick zurück. Die einzige damals noch offene Frage war fast lächerlich: sollten die Syrer das Ufer des Sees Genezareth erreichen (so wie es vor dem 6-Tage-Krieg war) oder in einer Entfernung von ein paar Dutzend Metern (so wie die Grenze zwischen den Briten, die damals Palästina und den Franzosen, die damals über Syrien herrschten)? Umgangssprachlich: Wird Assad seine langen Beine im Wasser des Sees baumeln lassen? Für Assad sen. war es eine Frage der Ehre.

Lohnt es sich, dafür das Leben von Tausenden von Israelis und Syrern aufs Spiel zu setzen, die bei einem weiteren Krieg sterben würden?

Bis Israel eine Regierung hat, die bereit ist, diese Frage zu beantworten und den Siedlern mutig gegenüberzutreten, wird es kein Abkommen mit Syrien geben.

Der zweite – der außenpolitische – Grund, einen Frieden mit Syrien zurückzuweisen, liegt bei den USA. Syrien gehört zu George Bushs „Achse des Bösen“. Dem amerikanischen Präsidenten sind die längerfristigen Interessen Israels völlig gleichgültig, für ihn ist es nur wichtig, irgendeine Art Sieg im Mittleren Osten zu erlangen. Die Zerstörung des syrischen Regimes („Ein Sieg für die Demokratie“) wird ihn für das Fiasko im Irak entschädigen.

Keine israelische Regierung – und gewiß nicht die von Olmert – würde es wagen, dem amerikanischen Präsidenten nicht zu gehorchen. Deshalb ist es selbstverständlich, daß jede Bewegung in Richtung Frieden von Seiten Assads von Anfang an zurückgewiesen wird. Selbst Tzipi Livni, die letzte Woche eine neue Front gegen Olmert eröffnet und sich selbst fast als eine Friedensanhängerin präsentiert hat, stellt sich gegen Verhandlungen mit Syrien.

Diese Affäre wirft einiges Licht auf die komplexen Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten Staaten: wer wedelt mit wem – wedelt der Hund mit dem Schwanz oder der Schwanz mit dem Hund?

Olmert sagt, wir müssen Assads Friedensangebote ignorieren, weil wir ihm nicht helfen dürfen, Bushs Zorn zu entkommen. Verweilen wir einen Augenblick bei dieser Äußerung.

Ein israelischer Patriot würde natürlich genau das Gegenteil sagen: Wenn Assad bereit ist, mit uns Frieden zu machen – und sollte es nur deshalb sein, weil er Angst vor den Amerikanern hat – dann sollten wir diese Gelegenheit und Situation ausnützen, um endlich an unserer nördlichen Front Frieden zu erlangen.

In der vergangenen Woche machte Olmert eine bemerkenswerte Erklärung: „So lange ich Premierminister bin, werden wir die Golanhöhen auf alle Ewigkeit nicht aufgeben!“ Was heißt das? Entweder glaubt Olmert, daß seine Amtszeit mit Gottes Amtszeit übereinstimmt, und er in alle Ewigkeit regieren werde – oder in Olmerts Welt dauert die Ewigkeit bestenfalls vier Jahre.

Auf jeden Fall müssen mein Taxifahrer und ich bis dahin auf das Mittagessen in Damaskus warten.

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