Zum Inhalt springen

Staat der Chuzpe, Die Gewissenlosigkeit der israelischen Führung

September 11, 2006
von

Uri Avnery
Übersetzung Ellen Rohlfs

In jeder Sprache gibt es ein paar Worte, die man nicht genau in eine andere Sprache übersetzen kann. Es scheint, daß sie etwas eng mit den Sprechern dieser Sprache Verknüpftes wiedergeben, das tief in deren Geschichte, Tradition und Realität verwurzelt ist. Solche Worte werden zu internationalen Ausdrücken, die in ihrer Originalform angewendet werden.

Beispielsweise das deutsche Wort “Schadenfreude”. Oder das englische Wort “Gentleman” und das amerikanische Wort “Business”. Oder das russische Wort “Pogrom” (das ursprünglich Verwüstung bedeutet). Oder das japanische Wort “Kamikaze” (himmlischer Wind, der Titel, der Selbstmordfliegern gegeben wurde). Oder das mexikanische “manana” und das entsprechende arabische “bukra” (die beide morgen bedeuten. Der Unterschied zwischen beiden? Ein Witz sagt: Bukra ist nicht so eilig.) Und letztlich die palästinensische “Intifada”.

Die bekannteste hebräische Hinzufügung zu diesem internationalen Wörterbuches ist “Chuzpe”, ein Wort, das in keiner anderen Sprache eine Entsprechung hat. Einige deutsche Wörter mögen ihm nahe kommen (wie Unverschämtheit, Frechheit, Unverfrorenheit, Anmaßung), aber keines vermittelt den ganzen Sinn dieses hebräisch-jiddischen Ausdrucks. Er scheint etwas widerzuspiegeln, das besonders charakteristisch für jüdische Realität ist, und das in den Staat Israel mitgenommen wurde, der sich selbst als “jüdischer Staat” definiert.

Von dem Präsidenten Israels wird erwartet, daß er den gemeinsamen Nenner aller unserer Bürger symbolisiert. Deshalb ist es in Ordnung, wenn er auch diesen Charakterzug symbolisiert.

Und tatsächlich ist es schwierig, sich eine typischere Chuzpe vorzustellen, als das Benehmen seiner Exzellenz, des Präsidenten Moshe Katzav. Er ist das höchste Symbol israelischer Chuzpe.

Katzav ist der sexuellen Belästigung mehrerer Frauen, die für ihn im Präsidentenbüro, aber auch in seinen früheren öffentlichen Ämtern, gearbeitet haben, beschuldigt worden. Mindestens drei beschuldigten ihn der Vergewaltigung.

Solche Anschuldigungen sind natürlich noch längst keine Verurteilung. Die Untersuchungen sind noch im Gange. Der Präsident muß, wie jeder andere Bürger, so lange als unschuldig gelten, bis er vor Gericht schuldig befunden wird. Es ist gut möglich, daß er am Ende nicht einmal angeklagt wird, oder – falls dies geschieht – daß er frei gesprochen wird, wenn auch vielleicht nur aus Mangel an Beweisen.

Aber darum geht es gar nicht. Es geht darum, daß der Präsident eines Staates – wie Caesars Ehefrau – über jeden Verdacht erhaben sein muß. Es genügt, daß es einsichtige Gründe gibt, den Präsidenten zu verdächtigen – wie eine strafrechtliche Untersuchung – um ihn sein Amt niederlegen zu lassen. Wenn er später freigesprochen wird, umso besser.

Um es deutlich zu sagen: ich habe persönlich nichts gegen Moshe Katzav. Im Gegenteil. Ich habe ihn im Fernsehen für seine Bereitschaft – obwohl zum Likud gehörend – gelobt, den arabischen Bürgern zuzuhören. Ich hatte einmal eine Delegation mit maßgeblichen Leuten aus der West Bank zu ihm gebracht und er behandelte sie mit äußerster Höflichkeit. Aber als Bürger Israels schäme ich mich. Die Affäre, in die er verwickelt zu sein scheint, entehrt das Amt und indirekt auch den ganzen Staat. Der “Bürger Nummer Eins” ist zur Zielscheibe von Witzen geworden.

Eines kann zu seinen Gunsten gesagt werden: auch in seiner Chuzpe symbolisiert er den Staat oder wenigstens die herrschende Elite.

Der König der Chuzpe, ja seine Personifizierung, ist der Premierminister Ehud Olmert.

Wenn er nur eine Spur von Scham, ein Minimum von Anstand hätte, dann wäre er am Tag nach dem Waffenstillstand von seinem Amt zurückgetreten. Eine Untersuchung ist gar nicht nötig, um Offensichtliches zu erkennen: daß er sich einer langen Reihe von Fehlschlägen schuldig gemacht hat, die den Tod von über tausend Menschen, einschließlich fast 200 Israelis – Männer Frauen, alte Leute und Kinder – verursacht haben.

Es kann darüber diskutiert werden, weswegen genau Olmert angeklagt werden soll: einen unnötigen und aussichtslosen Krieg begonnen zu haben (wie ich meine) oder “nur” wegen der inkompetenten Führung des Feldzugs von Anfang bis Ende. Aber jede von ihnen wäre für eine Person von Anstand ausreichend, nach Hause zu gehen und dort auf die Ergebnisse der Untersuchungen zu warten.

Aber Olmert denkt nicht einmal im Traum daran, dies zu tun. Er macht weiter, als wäre nichts geschehen. In den USA wird dies “Stonewalling” genannt. Er steht dort nackt wie der König im Kindermärchen. Alle seine Versprechen, die er vor wenigen Monaten während der Wahlkampagne gemacht hat, haben sich wie Rauch im Wind aufgelöst. Er hat keinen politischen Plan mehr. Er ist nicht einmal fähig, einen Plan auszuführen, falls er einen hätte. Er hat keine Zeit, über irgendetwas nachzudenken, außer über sein politisches Überleben.

Winston Churchill sagte einmal über einen früheren britischen Premierminister: “Der rechte ehrenhafte Gentleman stolpert zuweilen über die Wahrheit, aber er läuft weiter, als wäre nichts geschehen”. So ähnlich eilt auch Olmert auf seinem Weg weiter.

Er ist gegen eine Untersuchungskommission, die das Gesetz für so einen Fall vorsieht. Er versucht eine ihn reinwaschende Untersuchung durch eine von ihm zusammengestellte, zu ihm fraglos loyale Gruppe zu arrangieren. Er nützt weiterhin jede Gelegenheit, um noch eine seiner banalen Reden voller Klischees zu halten, die nicht ein einziges Wort der Wahrheit oder sogar von Interesse enthalten.

Das ist Chuzpe. Nicht Chuzpe im harmlosen, scherzhaften Sinn, wie das Wort oft gebraucht wird, sondern eine gefährliche, listige und aggressive Chuzpe. Praktisch ist der Staat ohne Führung. Er ist nicht in der Lage, kühne Entscheidungen in einer Situation zu treffen, die sie erfordert. Sein persönliches Überleben überschattet alles andere, vom Problem des Gefangenenaustausches bis zum täglichen Töten von Palästinensern in der West Bank und im Gaza-Streifen.

Es muß immer wieder festgestellt werden: der Staat ist kein Privateigentum. Er ist nicht irgendein Beutestück von jemandem, dem es gelang, seine Hände darauf zu legen, zufällig oder nicht. Er ist ein nationaler Schatz, den die Bürger einem besonderen Politiker anvertraut haben, den er zurückgeben muß, wenn er sich als unfähig oder inkompetent erwiesen hat, seine Pflichten zu erfüllen. Jede andere Haltung ist Chuzpe.

Es ist unnötig, Worte über die Chuzpe von Amir Peretz zu verlieren. Sie spricht für sich.

Er trägt die persönliche Verantwortung für alle Fehler des Krieges, von der gedankenlosen Entscheidung, ihn zu beginnen, bis zur letzten militärischen Entscheidung. Vom prahlenden Beginn bis zum bitteren Ende zeigte er erschreckende Unzulänglichkeit. Ein anständiger Mensch wäre in dem Augenblick zurückgetreten, als die Kanonen verstummten. Seine Weigerung ist Chuzpe.

Peretz’ Chuzpe ist fast bizarr. Er gewann politische Macht auf der Grundlage seines ausdrücklichen Versprechens, eine grundlegende soziale Reformen durchzuführen. Er hat dieses Versprechen nicht nur ignoriert, er tat das genaue Gegenteil. Seine Bemühungen, jetzt weiterzumachen, als sei nichts geschehen, und sich selbst sogar als einen sozialen Führer darzustellen, sind erbärmlich.

Aber sogar diese drei Weltmeister der Chuzpe – Katzav, Olmert und Peretz – verblassen im Vergleich zu Dan Halutz.

Zusammen mit Gleichgesinnten demonstrierte ich gegenüber dem Verteidigungsministerium, als er als Generalstabschef vereidigt wurde. Uns war klar, daß solch eine Person, die sich so benommen hatte, wie er sich benommen hatte, und die sagte, was er gesagt hatte, nicht geeignet ist, die israelische Armee zu führen. Aber selbst wir hatten uns in unseren wildesten Träumen nicht vorstellen können, daß er in einer so kurzen Zeit und in einer so extremen Art und Weise unsere dunkelsten Ahnungen bestätigen würde.

Vom rein militärischen Standpunkt aus ist Halutz der größte Fehler in den Annalen der israelischen Armee. Vom menschlichen Standpunkt aus bestätigte er die Vorhersage, daß er eine glänzende Karriere im Den Haager Gerichtshof haben wird. Vom politischen Standpunkt aus ist sein Verstand dem eines Grundschulschülers gleichzusetzen (ich bitte die Schülergemeinschaft um Entschuldigung).

Die Prahlerei der Luftwaffe, die Arroganz eines inkompetenten Offiziers, die Brutalität eines Menschen, der ohne mit der Wimper zu zucken eine Tragödie über Hunderttausende zu bringen vermag – all dies wurde während des Krieges enthüllt.

Wie veröffentlicht wurde, teilte er der Regierung am sechsten Kriegstag mit, daß es von jenem Augenblick an keine Möglichkeit mehr gab, noch irgendetwas zu erreichen. Sagte dies und forderte nicht, den Krieg zu beenden; sagte dies und machte weiter mit dem Töten und Zerstören, Tag um Tag, Nacht um Nacht. Am Vorabend des Waffenstillstandes schickte er seine Soldaten in eine militärisch sinnlose, vollkommen unnötige Offensive, bei der das Leben von 33 seiner Soldaten geopfert wurde.

Aber Dan Halutz tritt nicht zurück. Es kommt ihm nicht einmal in den Sinn. In dieser Woche wurden ihm bei einem Treffen früherer Generäle Anschuldigungen und sogar Beschimpfungen entgegengeschleudert und er rührte sich nicht von der Stelle.

Ein anständiger Mensch wäre sofort zurückgetreten. Es ist klar, daß ein Offizier, der in dieser Weise versagt hat, dem von der Armee so sehr mißtraut wird, nicht die gründliche Überholung der Armee durchführen kann, die jetzt erforderlich wäre – den ganzen Generalstab zu ersetzen und insbesondere alle Kommandeure, die für den Feldzug verantwortlich waren. Kann eine Person, die sich weigert, die Verantwortung für diesen ganzen verpfuschten Feldzug zu tragen, von seinen Untergeordneten verlangen, daß sie ihre Verantwortung tragen?

Wenn Chuzpe die Norm in der Armee ist – welche Chance gibt es dann für ihre Ehrenrettung?

Ich weiß, es gibt viele Argumente, diese Meister der Chuzpe im Amt zu behalten. Es gibt keine guten Alternativen. Der Schlechte könnte durch einen Schlechteren ersetzt werden. Olmerts Rücktritt könnte zu Neuwahlen führen, bei denen die extremere Rechte gewinnen könnte. Sein Rücktritt könnte auch zu der Einbeziehung von Avigdor Liberman in die Regierung führen, im Vergleich mit ihm sind der französische Le Pen und der österreichische Haider mitfühlende Liberale. Wer weiß, wer oder was nach Halutz kommen könnte?

Dies sind alles triftige Argumente, aber sie müssen einer einfachen Forderung weichen: Chuzpe darf nicht gestattet werden, zu herrschen. Die Akzeptanz der persönlichen Verantwortung durch Regierungs- und Armeechefs ist ein wesentlicher Wesenszug einer gesunden Gesellschaft. Es ist ein einfacher moralischer Imperativ, wie Kants kategorischer Imperativ, ein Imperativ, der keinen Kompromiß erlaubt.

Der Talmud warnt vor der “Chuzpe gegenüber dem Himmel” (Gott). Wir müssen vor der Chuzpe gegenüber der zivilen Gesellschaft, der Herrschaft auf Erden warnen.

Noch keine Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

%d Bloggern gefällt das: